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Arena-Wochenende!
Wenn Fortuna
spielfrei hat, kann man ja mal gucken, was die
Anderen so machen. Und ab und zu darf es dann
auch etwas Neues sein. Das letzte Wochenende im
September bot solch eine Möglichkeit, sich die
Konkurrenz anzuschauen. Allerdings nicht die in
der eigenen Liga, die sieht man ja ohnehin oft
genug. Nein, wie wäre es mal mit zwei Ligen, die
nächste Saison für Fortuna interessant werden
könnten? Zum einen die Regionalliga Süd, die ab
dem Sommer 2008 mit unserer Regionalliga Nord
zur eingleisigen 3. Liga zusammengefasst wird;
zum anderen die 2. Bundesliga, denn gegen einen
Aufstieg hätte man ja auch nichts. Somit konnten
quasi vier potentielle Gegner der nächsten
Saison beobachtet werden. Okay, war mal etwas
weiter zu fahren, was die Erholungsmöglichkeit
eines normalen Wochenendes doch ein wenig
begrenzte, aber die Chance war einfach zu gut.
Die konnte man nicht ungestraft verstreichen
lassen. Also: Arena-Wochenende!
Aber wie? Nun, da
ich seit ca. einem Jahr stolzer Autobesitzer
bin, ist das ja eigentlich eine rhetorische
Frage. Besonders, wenn man zuvor über Jahrzehnte
die „Leistungen“ der Deutschen Bahn ausgekostet
hat. Aber nach reiflicher Überlegung siegte doch
die Vernunft. Ca. 1.300 km in ca. 36 Stunden
alleine mit dem Wagen, dazu in Gegenden, in
denen ich zuvor noch nie oder nur selten (und
schon gar nicht mit dem Auto) gewesen war – da
fahr ich dann doch lieber mit der Bahn. Zugleich
eine gute Gelegenheit, mal den Servicestand
dieses Unternehmens einer erneuten Prüfung zu
unterziehen und interessante Menschen kennen zu
lernen!
Samstag,
29.09.2007: SC Pfullendorf – KSV Hessen Kassel
5:2
Wie man auf so
etwas kommt? Ganz einfach: beruflich besteht
seit einigen Jahren ein reger Kontakt zu einem
Angestellten, der seinen Dienst in einer
Einrichtung ca. 300 m entfernt vom Pfullendorfer
Stadion verrichtet. Hierbei kam es auch immer
zum Austausch von Spielberichten in gewissen
Foren des Intranets unseres gemeinsamen
Arbeitgebers. Das war aber auch schon alles,
persönlich kennen gelernt hatten wir uns nie.
Höchste Zeit, hier Abhilfe zu schaffen. Und da
ausgerechnet an Fortunas spielfreiem Wochenende
noch ein Gegner kam, der mir auch nicht
unbekannt war, und der vielleicht auch noch ein
bisschen was an Gästefans mitbringen würde,
beschlossen wir, die Chance zu nutzen.
Um eine optimale
Chancenauswertung zu erzielen, muss das Ding
natürlich gut vorbereitet werden. In meinem Fall
hieß das: Pfullendorf, ein
10.000-Seelen-Städtchen, liegt zwar in der
Ferienregion Nördlicher Bodensee, 20 km nördlich
von Überlingen im Linzgau, zwischen Bodensee und
Donau, verfügt aber nicht über einen eigenen
Bahnhof. Da ist guter Rat teuer, aber wofür hat
man denn den Kenner vor Ort? Er empfahl mir, den
Bahnhof Aulendorf anzusteuern, nochmals 35 km
von Pfullendorf entfernt, dort könne er mich
einsammeln. Somit ergab sich als erste
Zugstrecke folgende Kombination:
Bonn Hbf ab 07.14
Uhr
Mannheim Hbf an
09:21 Uhr ab 09:33
Ulm Hbf an 11:06
Uhr ab 11:12 Uhr (jawohl, volle sechs Minuten
zum Umsteigen!)
Aulendorf an 11:53
Uhr
Spielbeginn 14.00
Uhr, das sollte also kein Problem sein.
Innerlich gefasst
betrete ich somit am Samstag Morgen um kurz nach
7 den Bonner Hauptbahnhof. Begrüßt wird man, wie
in Bonn eigentlich üblich, mit einem imaginären
„Are you ready to ruuuumble?“, welches die Bahn
einem dergestalt entgegen schleudert, dass mal
sofort ein Zug mit 15 Minuten Verspätung
gemeldet wird, aber es ist tatsächlich nicht
meiner. Der kommt pünktlich, und die Fahrt kann
losgehen. Es ist nicht viel los, was allerdings
nicht bedeutet, dass man unterwegs mitten auf
freier Strecke nicht einfach mal stehen bleiben
kann, ohne dass einem der Grund hierfür
mitgeteilt wird. Aber die Bahn schafft es, die
Verspätung im Drei-Minuten-Bereich zu halten,
sodass ich in Mannheim planmäßig meinen Umstieg
erreiche. Es bleibt sogar noch genug Zeit, um
festzustellen, dass am Mannheimer Hauptbahnhof
die Durchsagen anscheinend gesungen werden. Ist
wahrscheinlich die einzige Möglichkeit der
ausführenden Dame, einigermaßen Hochdeutsch zu
sprechen, denn das Idiom verändert sich hier
schon ins Schauderhafte. Ich habe in Mannheim
studiert und weiß daher, wie Kurpfälzisch
klingt. Also nix wie weg!
Im ICE von
Mannheim nach Ulm wird es dann interessant. Ich
habe reserviert und erhalte ein Platz im
Großraumabteil an einem Tisch, was ich
normalerweise nicht mag. Ich darf Platz nehmen
und der Unterhaltung der beiden Gestalten
lauschen, die mit am Tisch sitzen. Es handelt
sich um zwei Personen jüngeren Datums, ein
Männlein, ein Weiblein, die einigermaßen zu
verstehen sind. Bei ihm trifft mich dann aber
nach zwei Minuten doch der Schlag: da die beiden
sich merklich erst hier an diesem Tisch kennen
gelernt haben, werde ich jetzt natürlich mit
einem Abriss ihrer Lebensgeschichten beglückt,
was bei ihm bedeutet, dass er in ziemlich
breitem Schwäbisch erklärt, Germanistik zu
studieren. Ja verdammt noch mal, dann wende es
doch auch an! denke ich. So ein Studium kann ja
durchaus auch einen praktischen Nutzen im Leben
haben! Aber dann höre ich, dass er im Oktober
eingeplant ist für ein Praktikum beim DSF,
weshalb er jetzt auch nach München fährt. Das
erklärt natürlich einiges. Da muss man ja eh nur
die „Super-Bayern“ hochleben lassen, und mit
einem kleinen Dialekt klingt das natürlich
authentischer. Und sollte er irgendetwas mit den
anderen Sportarten zu tun haben, die das DSF so
ausstrahlt – ja nu, die guckt eh kaum jemand, da
ist es auch egal, in welchem Kauderwelsch man
seinen Senf dazu gibt. Insoweit ist die
Sprechweise gerechtfertigt.
Sie ist so ein
Blondchen der Marke Schnuckelchen, auch nett
eingepackt in ein Jäckchen mit Pelzkrägchen, und
natürlich nur komplett mit diesem Handtäschchen,
das man sich so schick unter die Achsel klemmen
kann. Da krieg ich schon beim Hinsehen Karies,
so süß ist die. Sie studiert auch irgendwas, ich
verstehe nicht genau, was, aber natürlich endet
es auf
„–management“, was
wohl bedeutet, dass sie nach ihren Studium
überhaupt nichts mehr zu tun gedenkt. Außerdem
jobbt sie gerade – natürlich – als Bedienung in
irgendeiner Bar. Blondie räsoniert über das
erweiterte Rauchverbot, welches wohl zum 01.09.
auch in ihrer Kneipe eingeführt wurde. Findet
sie natürlich supertoll, obwohl sie gleich
zugibt, dass der Umsatz ja ein wenig in die Knie
gegangen ist. Aber was juckt sie schon, dass sie
als Aushilfe wohl die Erste sein wird, die dann
dran glauben muss! An der Uni arbeitet sie
gerade an einem „Projekt“ und hat daher alles
„im Scope“, natürlich. Sie erwähnt noch, dass
die Klamotten endlich nicht mehr nach Rauch
stinken, wenn sie von der Arbeit nach Hause
kommt, sodass man sie gleich in die Wäsche
schmeißen muss. Minuten später erwähnt sie dann,
dass sie eigentlich täglich die Klamotten
wechselt, egal, ob sie nun in der Kneipe ist
oder nicht. Unterhaltung der feingeistigeren Art
halt.
Am nächsten
Bahnhof steigen dann die Zwillings- und die
Drillingsschwester von Miss Zuckersüß zu und
erhalten die beiden Plätze direkt hinter dem
Tisch. Die sehen wirklich alle gleich aus. Das
Geschwätz der beiden ist eigentlich noch besser,
aber sie toppen es dann noch, indem beide
gleichzeitig ungelogen damit beginnen, sich die
Fingernägel zu lackieren. Großartig! Ulm
Hauptbahnhof, 11.06 Uhr – die Frisur sitzt, der
Nagellack glänzt, oder was? Es fängt auch sofort
an, ziemlich fies nach Chemikalien zu stinken.
Aber Hauptsache, es ist kein Rauch!
Auf der anderen
Gangseite hat sich nun eine Mutter mit ihren
zwei Kindern am Tisch niedergelassen.
Vernünftigerweise hat die direkt ein komplettes
Picknick mitgebracht, anstatt der Bahn auch noch
Geld in den Rachen zu werfen, um die hungrige
Brut während der Fahrt zu versorgen.
Unvernünftigerweise ist eins meiner Hassgerichte
dabei – Kartoffelsalat! Jetzt wird’s langsam
kritisch, von vorne atme ich die Dämpfe der
beiden Avon-Beraterinnen ein, von der Seite
umwabert mich der Muff von in Mayonnaise
ertränkten kalten Kartoffeln, die unter
irgendwelchen Gewürzen bestattet wurden, bei
denen ich mir nicht sicher bin, ob sie nicht
doch unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
Kann man nicht auch Gesetze gegen so etwas
erwirken? Wahrscheinlich nicht, dafür sind
geklonte Blondinen und besorgte Muttis in diesem
Land wohl in der Überzahl. Da muss schon mal
gelitten werden!
Aber ich schaffe
es. Als der Zug in Ulm einläuft, wünsche ich
Blondchen noch sporadisch viel Erfolg beim
Wechseln ihrer Klamotten und stelle nicht ohne
Schadenfreude fest, dass sie in einen
bereitstehenden Zug wechselt, der nach Italien
fährt (sie will nach Südtirol), denn ich habe
schon die Durchsage gehört, wonach in Italien
mal wieder gestreikt wird, und die Züge daher
nur bis Innsbruck fahren. Und wenn’s dann ein
wenig länger dauert, braucht sie ja nur mal an
ihren Klamotten riechen, dann ist sie entweder
high oder satt, je nachdem, welche Duftrichtung
sie erwischt. Man muss sich alles nur zu Nutze
machen!
Ich habe Zeit,
diese Überlegungen anzustellen, denn ich habe
meinen Anschlusszug nach Aulendorf bekommen.
Allerdings nicht, weil der Zug keine sechs
Minuten Verspätung hat, sondern weil der
Anschlusszug deren zehn aufzuweisen hat. Schön,
wenn ein Rädchen ins andere greift! Etwas
stutzig macht mich zwar, dass bei dem
Regionalexpress noch an der Lok geschraubt wird,
aber dem Mutigen gehört die Welt, also wird
eingestiegen, und tatsächlich, einige Minuten
später ruckelt der Zug hinaus.
Mit Verlassen des
Ulmer Bahnhofs haben wir anscheinend auch gleich
die Welt gewechselt. Von dem, was meine
Mitreisenden so erzählen, verstehe ich kein
Wort, und schon der erste Bahnhof, Laupheim
West, demonstriert, dass hier Schluss mit lustig
ist, hier steigen die Passagiere noch zünftig
aus und gelangen über andere Geleise in die
Sicherheit des kleinen Bahnhofsgebäudes, denn es
gibt anscheinend nicht für jedes Gleis einen
eigenen Bahnsteig. Sehr schön allerdings, dass
die vier Piepels, die dort den Zug verlassen,
allesamt einem Kleintransporter zustreben, der
anscheinend das hiesige öffentliche
Verkehrsmittel darstellt. Das hat was!
Es folgen noch
Biberach an der Riss, Bad Schussenried und ein
Bahnhof, den ich verdrängt habe, dann bin ich in
Aulendorf. Der Kollege begrüßt mich herzlich und
schenkt mir ein Lilliput-Wörterbuch Deutsch –
Schwäbisch zur Begrüßung. Ich habe mich nicht
lumpen lassen und überreiche ein handsigniertes
Poster von Sebastian Heidinger, den wir vor der
Saison aus Pfullendorf geholt haben, worüber er
(also der Kollege) sich sehr geärgert hat. Und
schon geht’s ab nach Pfullendorf.
Zunächst fahren
wir durch das sicherlich bedeutungsvolle
Ebersbach, dann passieren wir Ostrach. Die haben
anscheinend etwas Besonderes zu bieten, nämlich
ein ziemlich bekanntes A-Jugend-Turnier, das
jährlich am Pfingstwochenende stattfindet. Hier
ist schon Lukas Podolski zum besten
Jugendspieler des Turniers gewählt worden, ohne
dafür ein Interview geben zu müssen, und auch –
Gott bewahre – Thomas Berthold war vor vielen,
vielen Monden der Auserwählte, anscheinend ohne
gleich einen Job beim Fernsehen für seine
damalige Freundin zu fordern! Dort treten also
wirklich hochkarätige Jugend-Mannschaften an.
Danach sehe ich
Schilder, die auf so bedeutsame Ortschaften wie
Hahnennest und Ochsenbach hinweisen. Und so
sieht jetzt auch die Gegend aus. Es ist sehr
viel Gegend, immer mal unterbrochen durch Dörfer
mit einigen hundert Einwohnern, sonst nichts.
Sehr idyllisch, aber auch sehr tot. Besonders im
Winter, schätze ich.
Nun geht es weiter
nach Pfullendorf, direkt zum Stadion. Das heißt
auch nicht mehr Stadion, sondern „Alno-Arena“.
Küchenhersteller Alno ist der größte Arbeitgeber
am Ort und gleichzeitig Hauptsponsor des
Vereins. „Alno“ ist ein Kürzel des
Firmengründers, wie bei Haribo (Hans Riegel,
Bonn), der gute Mann heißt bürgerlich Alfons
Nothdurft. Da finde ich es doch schade, dass die
Abkürzung auch für den Stadionnamen übernommen
wurde. Wer hätte nicht gerne eine
Eintrittskarte, auf der „Alfons-Nothdurft-Arena“
aufgedruckt wäre? Also ich schon!
Wenn man nicht
gerade auf den letzten Drücker vorfährt, kann
man problemlos direkt vor dem Stadioneingang
parken und kriegt vom Ordner, der einen am Auto
empfängt, erst einmal einen Flyer in die Hand
gedrückt, auf dem auf den Tag der Offenen Tür
der Freiwilligen Feuerwehr hingewiesen wird,
anscheinend ein epochales Ereignis in
Pfullendorf.
Diese „Arena“
besteht aus einer überdachten Haupttribüne,
rechts und links daneben ein paar gemütliche
Holzbänke, alles zusammen ca. 500 Sitzplätze,
hinter diesen jeweils leichte Anhöhen, sodass
der Stehplatzbesucher von einem
„Feldherrenhügel“ den optimalen Überblick hat.
Rund um das Spielfeld läuft eine Tartanbahn.
Insgesamt hätten 10.000 Zuschauer Platz, aber so
viele dürfen nicht rein: auf der Gegengeraden
können ein paar Steinstufen gesichtet werden,
eine Hintertorkurve bleibt den Gästen
vorbehalten, aber die andere Kurve ist das
skurrile Ergebnis der neuen DFB-Auflagen für
Regionalliga-Vereine: in dieser Kurve darf nicht
gestanden werden, weil sie gegen das Spielfeld
hin nicht abgezäunt ist. Da steht während des
Spiels genau ein Männlein, nämlich ein Ordner,
der die Zuschauer, die von oder zur Gegengeraden
lustwandeln, davon abhalten muss, hinter dem Tor
plötzlich und unerwartet stehen zu bleiben:
„Bitte weitergehen, es gibt hier nichts zu
sehen!“ Kein Witz, sondern Auflage des DFB.
Ebenso wie die Einzäunung eines kleinen Bereichs
vor dem Stadioneingang. Als ich den Kollegen
frage, wozu das denn gut sein soll, verdreht er
nur die Augen. In diesem kleinen Käfig muss der
Reisebus der Gäste während des Aufenthalts
stehen. Ansonsten winkt wieder der DFB und sagt:
zahlen und strahlen! Was für ein Unfug, hier
darauf zu pochen.
Es gibt so einige
Skurrilitäten rund um das Stadion, die den
Einheimischen aber wohl völlig normal vorkommen
werden. So steht auf der Gegengeraden ein
kleines Klohäuschen. Das ist durchaus etwas
Weltbewegendes, denn an dieser Stelle stand
ursprünglich mal – nichts. Das Klohäuschen ist
eine Spende des zweiten großen Arbeitgebers am
Ort, der Firma Geberit. Wenn ihr wissen wollt,
was die so herstellen, geht doch einfach mal ins
Badezimmer und lasst den Blick schweifen, die
Chancen stehen gut, dass ihr entweder ein Klo
oder ein Waschbecken oder zumindest einen
Wasserhahn dieser Firma täglich benutzt, die
stellen nämlich diese ganzen sanitären Anlagen
her. Auch sie unterstützen den SCP und haben vor
einiger Zeit das Klohäuschen gespendet. „Spende“
bedeutet aber auch, dass es nach der
Fertigstellung mit allem Pomp eingeweiht wurde.
Eine Einweihungsparty für ein Klohäuschen ist
zumindest mir noch nie über den Weg gelaufen.
Ebenso wenig wie
das, was mir der Kollege dann erzählt: im
Oktober 2006 gab es nach einem Spiel nämlich mal
mächtig Rabatz. Der SCP hatte soeben 0:1 gegen
die TSG Hoffenheim verloren, der Schiri hatte
zwei Elfmeter gegen Pfullendorf verhängt und
wohl auch sonst nicht seinen besten Tag. Da war
ein Zuschauer mit der Leistung des
Schiedsrichters nicht zufrieden. Kurzerhand
erkletterte der Erzürnte das Dach (!) der
Haupttribüne um von dort, mit einem besseren
Überblick ausgestattet, fortzufahren, den Schiri
zu beschimpfen. Das Erklettern der Tribüne ist
relativ problemlos möglich, da sie in den
sanften Hang eingelassen ist, der das Spielfeld
umgibt. Das ist eigentlich schon großes Tennis.
Aber es ging noch größer: der Herr war ein
gewisser Herr Schmid – seines Zeichens
Ex-Bürgermeister von Pfullendorf und zum
damaligen Zeitpunkt gerade frisch ernannter
Landrat in Ravensburg (Landkreis Biberach)! Und
wenn das schon groß ist, dann konnte der Mann
sich nur selbst überbieten, und er schaffte es:
an jenem Tag hätte er zeitgleich nämlich zu
einer offiziellen Veranstaltung, der Einweihung
eines neuen Gebäudes in Winterstettenstadt (wer
kennt es nicht?), antreten müssen. Da muss man
schon mal Prioritäten setzen, also hatte er sich
wegen „eines Termins in Pfullendorf“ durch einen
Kollegen vertreten lassen. Dumm nur, dass seine
Turnnummer am nächsten Tag der Aufmacher in
allen Dorfblättern rund um Pfullendorf war,
sodass seine Kollegen sehen konnten, dass dieser
offizielle Termin anscheinend darin bestand,
vom Dach aus mal richtig Zunder zu machen. Ich
denke, dass dies eines Tages in die Dorfchronik
eingehen wird.
Ja, Pfullendorf
erfüllt praktisch jedes Klischee, das unsereins
über die „Bauernliga“ Regionalliga Süd schnell
zur Hand hat. Aber Vorsicht! Man darf vielleicht
schmunzeln, man darf vielleicht lächeln – nur
unterschätzen sollte man diese kleinen Vereine
wie Pfullendorf, Aalen oder Elversberg nicht.
Gerade erst hat man die angeblich großen
Traditionsclubs Saarbrücken und Darmstadt in die
Oberliga entsorgt. Darmstadt bereits zum zweiten
Mal und Saarbrücken mal gleich im direkten
Durchmarsch aus der 2. Liga. Auch Offenbach
musste schon dran glauben, und die Stuttgarter
Kickers haben sich schon einige Male erst am
Ende der Saison vor dem Abstieg retten können.
Man ist hier klein, aber fein, und das Niveau
ist nicht das Schlechteste. Zum Beispiel
Pfullendorf: von den letzten 31 Jahren hat der
Verein derer 27 in der dritthöchsten Spielklasse
verbracht, egal, wie das Kind gerade hieß, ob
Bayern-, Ober- oder Regionalliga. Und die vier
Jahre, die da fehlen, waren tatsächlich vier
Abstiege, das heißt, es gelang immer der direkte
Wiederaufstieg. Wie würden wir sagen: „Das ist
aber auch ein zähes Pack!“ Und dies gelingt
stets mit einem Etat, der in dieser Saison
erstmals in der Vereinsgeschichte eine Million
übersteigen soll, sowohl früher D-Mark, als auch
heutzutage Euro (für diese Saison wird von 1,5
Mio. Euro gemunkelt). Eine starke Leistung!
Und in dieser
Saison will man es wissen. Das Saisonziel heißt
eindeutig Platz 10 und damit: Qualifikation für
die 3. Liga. In dem dünnen DIN-A4-Blättchen,
welches als Stadionheft dient und kostenlos an
der Kasse erhältlich ist, steht ganz klar das
Motto: „Liga 3 – wir sind dabei!“ Sie wollen das
große Abenteuer wagen.
Im Stadionheft
stehen auch ein paar Begleitworte des Trainers
Michael Feichtenbeiner zum heutigen Spiel. Er
geht auf das Pokalspiel ein, dass die Pfullis am
Dienstag zuvor im Pokalwettbewerb des
Südbadischen Fußballverbandes (SBFV) ausgetragen
und mühsam mit 1:0 beim Oberligisten SC Freiburg
II gewonnen haben. Der Pokal ist hier sehr
wichtig, und das liegt an einem weiteren
Kuriosum, welches mir der Kollege vermittelt:
die Regeln des SBFV besagen nämlich, dass bei
einem Unentschieden nach Verlängerung im Pokal
ein Elfmeterschießen nur erfolgt, wenn es sich
um zwei gleichklassige Mannschaften handelt.
Ansonsten ist der unterklassige Verein durch
dieses Remis nach 120 Minuten eine Runde weiter!
Und da Pfullendorf die einzige drittklassige
Mannschaft in diesem Wettbewerb ist, gilt für
sie diese Regel bei jedem Pokalspiel (Finale
natürlich ausgenommen). Das muss mir mal jemand
hier zeigen, von so etwas hab ich noch nie
gehört. Man möchte dem SBFV glatt vorschlagen,
dies doch mal bei der FIFA einzureichen, da
sitzen sicherlich einige Herrschaften, die das
auch für eine tolle Idee halten. Deshalb war
auch die Freude groß, als der SCP in der
vorletzten Saison den Pokal erstmals nach 14
Jahren wieder gewinnen konnte. Als Sieger somit
für den DFB-Pokal qualifiziert, schossen sie in
der ersten Runde der letzten Saison dann auch
prompt den Bundesligisten Arminia Bielefeld mit
2:1 aus dem Wettbewerb, bevor sie an Kickers
Offenbach scheiterten.
Ich zahle für
meine Eintrittskarte übrigens 7,50 Euro,
Haupttribüne kostet 9 Euro, wenn ich das richtig
gesehen habe. Für die 7,50 Euro habe ich
allerdings auch freie Platzwahl, entweder auf
den Holzbänken neben der Tribüne, oder auf den
Feldherrenhügeln dahinter oder auf der gesamten
Gegengeraden. Nur die beiden Hintertorkurven
sind tabu, wie bereits oben erwähnt.
Wir entscheiden
uns für die schönen altmodischen Holzbänke, denn
das Wetter ist warm und trocken. Zuvor
organisieren wir aber etwas zu essen.
Das ist ziemlich
einfach, denn es wird nur eine Speise offeriert:
eine Bratwurst, die aufgrund ihrer Färbung hier
auch die „Rote“ genannt wird. Kostenpunkt: 2,20
Euro. Schmeckt 1a, ich hole mir gleich noch
eine, was eigentlich eher selten vorkommt. Die
Dame am Grill fragt bei der Bestellung
weltmännisch (und mühsam hochdeutsch) „Was
darf’s denn sein?“, sodass man meinen könnte,
sie hätte eine mehrseitige Speisekarte zur
Auswahl. Wie mein Kollege mir sagt, hat ein
Kumpel von ihm bei dieser Frage vor einigen
Wochen einfach mal gesagt: „Ein Steak, bitte!“,
was allerdings zu einer leichten Verstimmung
ihrerseits führte.
Übrigens verfügt
das Stadion noch über ein kleines Restaurant,
welches in die Rückseite der Tribüne integriert
ist, ich schätze mal, da wird die Auswahl etwas
größer sein, aber mir reicht die Wurst
vollkommen.
Der heutige Gegner
Hessen Kassel kommt mit weniger Fans, als ich
erwartet habe, es sind keine hundert. Dafür
können die aber Transparente aufhängen wie die
Großen, der gesamte Block wird vorne, hinten und
an der Seite eingekleidet. Kassel hat einige
bekannte Namen zu bieten, zuvorderst Trainer
Matthias Hamann, aber auch Mittelfeld-Stratege
Mirko Dickhaut sollte dem ein oder anderen noch
etwas sagen, ebenso Stürmer Sebastian Wojcik,
der letzte Saison noch für Wilhelmshaven gegen
uns traf. Dennoch ist es eine junge Mannschaft,
die die Qualifikation zur 3. Liga anscheinend
mit einem Rekord schaffen will: gleich acht
Spieler aus dem 22er-Kader der Hessen sind
gebürtige Kasselaner. Und die kommen auch gleich
mit dem Skalp des Tabellenführers, in der Woche
zuvor hat man Jahn Regensburg 4:0 weggehauen.
Apropos 3.
Liga: da muss der SCP wohl
langsam mal etwas Fahrt aufnehmen, denn während
Kassel nach dem 9. Spieltag mit Platz 7 und 15
Punkten voll im Soll liegt, hinken die Linzgauer
doch schon ein Stück hinterher und finden sich
mit nur 7 Punkten auf dem vorletzten
Tabellenplatz wieder. In den letzten fünf
Spielen hat man nur ein einziges Tor erzielt,
und das auch noch bei einer Niederlage (1:2 bei
Bayern II). Man war also, mal vorsichtig
ausgedrückt, nur mäßig erfolgreich. Deshalb
fleht das Maskottchen Scipo in einem weiteren
Vorwort im Heft (bei dem Wollknäuel soll es sich
um ein Eichhörnchen handeln): „Wollen wir
hoffen, dass sich Fortuna auch mal wieder auf
unsere Seite schlägt.“ Und damit ist das Spiel
natürlich im Voraus entschieden, denn Fortuna
ist ja da, in Gestalt meiner Wenigkeit. Es kann
also losgehen, liebe Pfullis, ihr gewinnt
sowieso.
Und weil sie das
anscheinend wissen, lassen sie es langsam
angehen, die ersten zwanzig Minuten passiert mal
gar nichts, die 750 Zuschauer dösen derart vor
sich hin, dass ich vermute, der ein oder andere
bekommt gar nicht mit, als die Heimmannschaft
mit der ersten richtigen Torchance direkt das
1:0 macht und vor der Pause noch das 2:0 folgen
lässt. Bei diesem Treffer sieht der Torwart der
Gäste nicht gut aus, auch ein alter Bekannter,
Oliver Adler, Typ sympathischer Ruhrpottproll
und gefühlt 100 Jahre in Diensten von RW
Oberhausen, mittlerweile 40 Jahre alt und kein
bisschen leise, seine Ansprachen an die
Mitspieler sind bis zu uns oben deutlich zu
verstehen. Beim zweiten Gegentreffer will er
gegen SCP-Stürmer Calamita keinen Elfer
riskieren und zieht zurück, als dieser den Ball
ziemlich weit an ihm vorbei legt; Calamita
bringt dann allerdings das Kunststück fertig,
den Ball fast von der Torauslinie doch noch im
Netz unterzubringen, eine reife Leistung, und da
hat dem Torwart all sein „Auge“ nichts genutzt.
In der zweiten
Halbzeit geht es dann Schlag auf Schlag, nach
einer knappen Stunde führen die Pfullis mit 4:0,
ohne sonderlich überlegen zu sein, es ist halt
jeder Schuss ein Treffer. Und während das 3:0
noch hervorragend mit einer Stafette „One-Touch-Football“
herausgespielt ist, gibt sich beim vierten
Treffer wieder Oliver Adler die Ehre, als er und
ein Abwehrspieler nach dem traditionellen
Spruch: „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ beide
vor dem Ball zurückweichen, was der erst
18jährige Johannes Flum nutzt, um ihnen die
Kugel zu klauen und ins leere Tor einzunetzen.
Die Handvoll SCP-Fans, die auf der Gegengerade
ein wenig Stimmung macht (immerhin zwei Trommeln
am Start, wenn man das auf die anwesenden
Supporter umrechnet, müssten in einem
durchschnittlichen Fortuna-Heimspiel mehrere
Dutzend Schlagwerke auf der Südtribüne gesichtet
und gehört werden), singt begeistert „Einer geht
noch, einer geht noch rein!“, was meinen
Kollegen zu der eher entgeisterten Aussage „Das
haben die noch nie gesungen!“ veranlasst. Vor
uns auf den Holzbänken sitzt ein älteres
ausländisches Ehepaar, Türken oder Albaner,
vielleicht sogar Spielereltern. Im Laufe des
Spiels geht Vattern immer mehr aus sich heraus,
so wird er mitgerissen, beim 4:0 springt er gar
auf, schüttelt die Faust und jubelt ungehemmt.
Dies trägt ihm aber einen vorwurfsvollen Knuff
von Muttern ein, die ihm empört bedeutet, sich
wieder zu setzen und allen Ernstes: „Pscht!“
macht. Die war wohl zu lange in der Öffentlichen
Bücherei in Pfullendorf, anders ist das nicht zu
erklären. Folgsam nimmt er wieder Platz. Der
Mann ist das beste Anzeichen dafür, dass der
Linzgau so etwas lange nicht erlebt habt. Klar,
Fortuna ist ja auch da.
Es gibt sogar
noch Zugaben. Zunächst das 1:4 der Hessen, eine
tolle Einzelleistung, abgeschlossen durch satten
Vollspann aus 16 Metern ins rechte Eck, dann gar
das 2:4 durch Torjäger Torsten Bauer, der einen
Elfmeter verwandelt, welcher ein absolutes
Geschenk des Schiris ist, der sich an diesem
schönen Sonnentag auch nicht lumpen lassen will.
Und ganz kurz vor Schluss gibt es noch mal einen
Freistoß für Kassel hart an der Strafraumgrenze,
der SCP-Torwart Hermanutz zu seiner besten
Glanzparade zwingt, ansonsten wäre es wohl
wirklich eng geworden, denn der Schiri lässt
zwei Minuten nachspielen. Aber der Kampfeswillen
der Gäste ist gebrochen, und der beste Mann auf
dem Platz, Regisseur Leandro, erzielt noch das
5:2, woraufhin der Schiri gar nicht mehr
anpfeifen lässt. Ein schönes Spiel, mein Kollege
ist ein wenig aus dem Häuschen und erwägt, mir
flugs eine Dauerkarte zu kaufen, denn so viele
Tore hat er von seinem Team live im Stadion noch
nie gesehen. Zwar gab es auch letzte Saison ein
5:2, damals gegen Darmstadt, aber an jenem Tag
war er nicht im Stadion, und es ist wohl
ziemlich lange her, dass man daheim auch nur
viermal einnetzen konnte. Mit diesem
überzeugenden Sieg haben die Pfullis den Kontakt
zu Platz 10 wieder hergestellt, es sind nur noch
drei Punkte Abstand. Na ja, wenn Fortuna schon
da ist, soll ja auch wenigstens etwas
herausspringen...
Ein schöner Tag
bei sympathischen Gastgebern, die ich zwar fast
alle nicht verstehe, die es aber verblüffend
ruhig angehen lassen. Die Uhren scheinen hier
wirklich etwas langsamer zu ticken. Ich drücke
ihnen die Daumen, dass sie die Qualifikation für
die 3. Liga schaffen. Und dann werden sie die
anderen wieder piesacken und werden so schnell
nicht klein zu kriegen sein, denn mit dem Erhalt
der Drittklassigkeit kennen sie sich ja aus,
egal, wie die Liga heißt. Und egal, wie wenig
Zuschauer auf den Rängen grad sanft vor sich hin
dämmern, das scheint sie auch nicht im mindesten
zu interessieren.
Nach dem Spiel
werden erst einmal Getränke eingeholt, an einer
kleinen Tankstelle mit noch kleinerem Autohaus
nebenan. An der ersten Zapfsäule parkt
unübersehbar ein Traktor, was das Manövrieren
etwas schwierig macht, aber für einen
Einheimischen wie meinen Fahrer sind das
Kleinigkeiten. An dieser Tankstelle gibt es
übrigens auch einen Vorverkauf für den SC
Pfullendorf. Hier kann man sich nicht nur den
Tank füllen, sondern auch gleich Karten für’s
nächste Heimspiel mitnehmen. Praktische Sache,
obwohl ich ja heute gesehen habe, dass man,
außer vielleicht, wenn mal wieder ein
DFB-Pokal-Spiel ansteht, nun wirklich keine
Probleme hat, auch am Stadion noch eine Karte zu
bekommen.
Und nun folgt das
touristische Highlight des Wochenendes: die
Fahrt geht nämlich ins 20 km entfernte
Überlingen am Bodensee. Der Weg dorthin bleibt
gleich, Feld, Wald und Wiesen, ab und zu mal ein
Dorf, keine größere Stadt in der Nähe, auch
nicht ausgeschildert. In Überlingen wird der
Wagen in einem Parkhaus abgestellt und zur ca.
10 Minuten entfernten Uferpromenade geschritten.
Hier ist noch ziemlich Betrieb, kein Wunder, bei
dem schönen Wetter, und endlich sehe ich ein
paar Leute, die hier wohl genauso wenig
verstehen wie ich: japanische Touristen, die die
zahlreichen Segelboote fotografieren, die sich
heute auf dem See tummeln. Wir spazieren noch
ein wenig herum und nehmen etwas Sonne mit, hier
ist es eh immer drei bis vier Grad wärmer als in
Pfullendorf, weil der See der tiefste Punkt der
Umgebung ist. Den letzten Ausflugsdampfer haben
wir leider grad verpasst, sonst hätte ich meinen
bislang gefahrenen Seemeilen noch ein paar auf
dem Bodensee hinzu gefügt. Und als wir nach
einer knappen Stunde wieder ins Parkhaus
zurückkehren, stellen wir überrascht fest, dass
wir bei der Ausfahrt nichts bezahlen müssen.
Unter einer Stunde parkt man in Überlingen
kostenlos. Und das in einer Touristen-Hochburg.
Sehr erstaunlich.
Es geht nunmehr
zum Kollegen nach Hause, er wohnt in Riedhausen,
ca. 600 Einwohner. „Ried“ ist das süddeutsche
Wort für „Torf“, der hier tatsächlich mal
abgebaut wurde. Kurios ist, dass sich auch die
Landschaft anpasst, plötzlich sieht es nämlich
wirklich aus, wie in den Torfgebieten
Norddeutschlands, schwarzer Boden, Gestrüpp und
einige einsame Birken säumen den Straßenrand.
Die Straße selbst ist von etwas zweifelhafter
Qualität, aber das ist normal, es gibt halt nur
Landstraßen hier. Und irgendwann zwischen
Pfullendorf und Riedhausen überschreiten wir
auch eine imaginäre Grenze, denn während
Pfullendorf dem Linzgau bzw. dem Landkreis
Sigmaringen zugehörig und somit badisch ist,
befindet sich Riedhausen im Landkreis Biberach
und somit in Oberschwaben. Was für mich
persönlich keinen Unterschied macht, da das
Genuschel gleich unverständlich bleibt, aber ich
wette, wenn man in der Dorfkneipe die falschen
Leute fragt, ob man hier badensisch oder
schwäbisch veranlagt ist, sollte man ein Paar
Schuhe anhaben, in denen man schnell laufen
kann.
Kurz vor
Riedhausen kommen wir durch das Örtchen
Heiligenberg. Hierbei handelt es sich um einen
Kurort, was die Einwohner auch Fremden wie mir
unmissverständlich bereits am Ortseingang klar
machen: hier haben sie nämlich ein Schild
aufgestellt, auf dem sie nicht nur auf diese
Auszeichnung hinweisen, sondern zugleich mahnen:
„Bitte ruhig und langsam fahren!“ Und wer das
nicht tut, wird wahrscheinlich kurzerhand im
nächsten Moor versenkt.
Nachdem wir in der
Sportschau gesehen haben, dass Werder Bremen an
diesem Tag sogar noch mehr Tore schießen kann
als die Pfullis (8:1 gegen Bielefeld), fahren
wir noch einmal los, um uns bei McD etwas
einzuwerfen, für ein richtiges Restaurant ist
mein Hunger nicht mehr groß genug. Der nächste
Mac befindet sich in Bad Saulgau, wieder einige
Kilometer entfernt. Das „Bad“ in Bad Saulgau ist
übrigens erst einige Jahre alt, als man sich
einige Thermalquellen erschloss. Es ist kurz vor
acht Uhr abends an einem Samstag. Der Weg führt
über die bewährten Landstraßen, allesamt
unbeleuchtet, und es ist bereits stockdunkel.
Sowohl auf der Hin- als auch auf der Rückfahrt
begegnen wir in den Dörfern, die wir
durchqueren, keiner Menschenseele. Es ist
einfach niemand auf den Straßen, die
Bürgersteige sind hochgeklappt. Auch beim
Fast-Food-Anbieter hält sich das Interesse in
Grenzen, für die Dorfjugend, die später in
irgendeine Disco fährt, ist es noch zu früh.
Immerhin, das, was da rumläuft, hat wohl auch
alles einen Fernseher zuhause, deshalb sind
tatsächlich ein paar Möchtegern-Gangstas zu
sehen, was in dieser Umgebung doch eher
erheiternd wirkt. Besonders, wenn sie den Mund
aufmachen...
Am nächsten Morgen
muss ich um 9.02 Uhr von Aulendorf wieder mit
der Bahn los, zunächst zurück nach Ulm, und dort
in den Zug nach München. Der Kollege fährt mich
mit dem Wagen zum Bahnhof, und was am Abend
zuvor auf der Straße nicht mehr gelungen ist,
ist jetzt kein Problem: nach knapp zwei Minuten
sehe ich den ersten Menschen. Der ist auch
relativ schlecht zu übersehen, er kommt uns auf
der Fahrbahn außerhalb Riedhausens entgegen und
schiebt in aller Gemütsruhe eine Schubkarre. Ein
Schubkarren-Geisterfahrer sozusagen. Der hat
auch gar keine Chance, etwas anderes zu tun,
denn sämtliche Landstraßen, auf denen ich dort
unten gefahren bin, verfügen nicht über einen
Fußgänger- oder gar Radweg. Und der Anblick
dieses Mannes ist anscheinend auch so was von
normal, dass der Kollege nicht ein Wort darüber
verliert, sondern in einer lässigen
Ausweichbewegung an ihm vorbei zieht, die
langjährige Erfahrung vermuten lässt. Zum Dank
werden wir höflich gegrüßt, natürlich kennt der
Kollege den eifrigen Schubkarren-Schieber
persönlich. Hätte mich auch gewundert, wenn
nicht.
Mein Zug kommt
pünktlich, und damit ist dieses
Provinz-Abenteuer für mich beendet. Wie gesagt,
es war sehr idyllisch, teilweise
Postkarten-Kitsch-verdächtig, aber auch sehr
nett. Im Sommer ist das bestimmt eine schöne
Gegend, aber fest dort wohnen möchte ich nun
wirklich nicht. Hat ein bisschen was von der
Eifel, und da will ja auch keiner hin. Wenn es
dort unten Winter wird, also ab Oktober, und
dann noch Schnee fällt...nein, danke. Und wenn
dir dann das Auto kaputt geht, bist du erst
einmal von der Außenwelt abgeschnitten. Denn so
bedächtig wie dort alles vonstatten zu gehen
scheint, wäre meine Befürchtung, dass es Tage
dauert, bis dich einer abschleppt.
Abschließend noch
ein großes Dankeschön an den Kollegen, der mich
klaglos umher kutschierte, sich den Mund
fusselig redete, um mir alles zu erklären, und
dies auch mit der gebotenen Langsamkeit tat,
damit ich ihn überhaupt verstehen konnte. Jetzt
ist der Fremde wieder weg – jetzt darf wieder
schwäbisch g’schwätzt werde. Aber ich komm gerne
noch einmal wieder, allein schon, um mal eine
Runde auf dem Bodensee zu drehen. Und wer weiß,
vielleicht sieht man den SC Pfullendorf ja
schneller als erwartet wieder...Auf bald!
Nach diesem
Abstecher in die ruhige Welt des
Bodensee-Anrainer-Volkes darf es jetzt ein
Kontrapunkt sein. Und es ist ja nicht so, dass
man mit ein bisschen Zugfahrt nicht relativ
zügig wieder unter Menschen kommen kann. Sehr
viele Menschen.
Sonntag,
30.09.2007: TSV 1860 München – TuS Koblenz 2:2
Arena-Wochenende!
Nach der Alno-Arena darf es jetzt also die
Allianz-Arena in München sein. Dort war ich
nämlich auch noch nicht, zu den Zeiten, als ich
zuletzt in München war, wurde noch im
Olympiastadion gespielt. Dann wollen wir doch
mal schauen, ob es große Unterschiede zwischen
den Arenen in Pfullendorf und in München gibt...
Das Umsteigen in
Ulm klappt wieder ohne Probleme, allerdings ist
der Zug nach München jetzt rappelvoll. Na klar,
es ist ja auch noch Oktoberfest. Das
interessiert mich nicht die Bohne, ich hatte es
bei der Planung der Reise auch überhaupt nicht
bedacht. Wer soll auch ahnen, dass die ihr
Oktoberfest bereits im September feiern? Bin ich
hier in Russland, wo die Oktoberrevolution auch
im November stattfand, oder was? Ich sollte auf
dem Münchner Hauptbahnhof mal schauen, ob ich in
der Buchhandlung einen einheimischen Kalender in
die Hand bekomme. Vielleicht haben die ja noch
die Julianische Zeitrechnung...
Einerlei, dieses
Volksfest beschert mir jetzt einen brechend
vollen Zug. Erschwerend kommt hinzu, dass in
Stuttgart auch die Cannstatter Wasen begonnen
haben, die nächste Volksbelustigung, die
wirklich nur im Vollrausch zu ertragen ist. Und
da der Zug zuvor auch in Stuttgart gehalten hat,
habe ich beim Anblick einiger Gestalten doch
stark den Eindruck, die haben den Samstag in
Stuttgart verbracht und fahren jetzt weiter aufs
nächste Volksfest. Bloß nicht nüchtern werden,
scheint die Devise zu lauten. Das Ganze ist auch
wieder eine olfaktorische Herausforderung, denn
wer bis morgens um 5 feiert und um 8 schon
wieder im nächsten Zug sitzt, nimmt sich eher
selten Zeit zur Körperreinigung. Wenn man das
dann mit ca. 30 multipliziert, in etwa so viele
Leute sind es nämlich, die in meinem
Großraumabteil von Bierkrug zu Bierkrug reisen,
dann mag man sich in etwa vorstellen, was einem
geruchstechnisch geboten wird. Und meine
Klamotten stinken noch nicht einmal nach Rauch,
wie ärgerlich.
Aber ich überstehe
auch dies heil und unbeschadet, steige in
München aus und stelle fest, dass ich
anscheinend nicht nur die Stadt, sondern auch
gleich den Planeten gewechselt habe. Wenn man
gerade aus der dörflichen Einöde kommt, mag man
den gut besetzten und lauten Waggon ja noch mit
einem dörflichen Schützenfest assoziieren, da
lassen ja auch Landbewohner schon mal kräftig
die Kuh fliegen. Was allerdings am Münchner
Hauptbahnhof geboten wird, sprengt dann doch die
Dimensionen, wenn man grad aus Pfullendorf
kommt: es ist mittags halb 12, und der Bahnhof
ist dermaßen voll, es könnte glatt Fußball-WM
sein. Unfassbar viele Menschen scheinen auf den
Beinen sein. Na ja, mehr oder weniger. Als
erstes torkeln mir fünf Typen über den Weg,
herrlich skurril in ihren Oktoberfest-T-Shirts
mit dem Aufdruck „Oktoberfest 2007 – survived!“
Skurril deshalb, weil die Jungs nicht im
entferntesten danach aussehen, irgendetwas
überlebt zu haben. Eher das Gegenteil. Ich habe
neulich „28 Weeks later“ gesehen und kenne diese
blutunterlaufenen Augen! Ich kann wirklich nur
hoffen, dass es vom Suff kommt, aber auch die
Zombie-Variante scheint nicht ganz
unwahrscheinlich zu sein. Der Eindruck verstärkt
sich, als ich mich weiter umsehe. Nach fünf
Minuten habe ich eine Sehstörung, nicht vom
trinkfesten Volk, sondern eine schwere
Dirndl-und-Trachtenjanker-Allergie. So viele
gleichartige Kostüme hab ich noch nie auf einen
Haufen gesehen. Jetzt wird man(n) ja sagen:
„Och, so ein Dirndl mit entsprechendem Inhalt,
das hat doch was!“ Ja, hat es, Jungs, aber da
seid ihr wie ich, ihr guckt zuviel Fernsehen.
Natürlich ist auch hier der ein oder andere
schöne Anblick zu erhaschen, aber München zur
Oktoberfestzeit zeichnet sich anscheinend
dadurch aus, dass sich wirklich jede zweite
Einwohnerin in so ein Trachtenkleid zwängt. Auch
die, die es lieber lassen sollten. Für die
Herren gilt dasselbe, Lederhosen, die zur Hälfte
von einer ordentlichen Plautze verdeckt werden,
sind ästhetisch auch nicht gerade ein Hingucker,
aber Weggucken kann man bei denen auch nur
schwer, denn die sind ebenfalls überall. Mein
Gott! Unter all diesen Kaspern könnten Mork vom
Ork, E.T. und das Alien itself herumlaufen, die
würden überhaupt nicht auffallen!
Aber genug
gestaunt, hier wartet harte Arbeit! Es gilt
zunächst, den Rucksack loszuwerden, da ich nicht
vorhabe, ihn an der Arena vor einem
wissbegierigen Ordner komplett auszuräumen. Für
diesen Plan hält der Münchner Hauptbahnhof
natürlich Hunderte von Schließfächern bereit,
die aber ebenso natürlich alle belegt sind. Ein
verzweifeltes Umherirren zwischen den einzelnen
Schließfachgängen beginnt, immer auf der Suche
nach dem Grünen Punkt, also der kleinen
Leuchtdiode, die durch grünes Licht anzeigt,
dass das Schließfach frei ist. Keine Chance, und
schließlich geistere ich hier nicht alleine
herum, es sind noch so einige Leutchen mehr, die
auch gern mal ein wenig Gepäck loswerden würden,
wenn es denn nur ginge.
Schließlich rettet
mich ein Zufall, der mir anzeigt, dass alles gut
werden wird: als ich um die nächste Ecke biege,
stolpere ich fast über einen Herren, der am
Boden kniet. Allerdings nicht, um sich
schwungvoll zu übergeben, wie ich in dieser
Umgebung als erstes vermuten würde, nein, der
fummelt da an einem Schließfach herum. Der wird
doch nicht -? Jawohl, er macht es leer und
versteht auch meine diesbezügliche Frage, noch
nicht mal ein Einheimischer! Ich antworte
spontan „Dann mach ich es wieder voll!“ und
bringe den Rucksack in Ausgangsposition, obwohl
er noch seine Klamotten darin hat. Nicht
auszudenken, wenn jetzt einer der anderen
verzweifelten Sucher das mitbekommt! Das ist wie
beim Einparken – wer zuerst blinkt, bekommt den
Parkplatz, basta!
Und es klappt! Ich
erhalte Schließfach Nr. 2501. Was daran so
Besonderes ist? Eigentlich gar nix, aber hier
und heute, an einem Sonntag mit Oktoberfest, bei
diesem Betrieb, um 11.45 Uhr, dürfte es meines
Wissens das einzige freie Schließfach im
gesamten Hauptbahnhof sein. Da darf man schon
mal ein bisschen stolz sein!
Kaum habe ich ein
wenig Verpflegung zu mir genommen, naht schon
das nächste Highlight: per Durchsage wird die
Einfahrt eines Fußball-Sonderzuges aus Koblenz
auf Gleis 20 angekündigt. Sofort zieht eine
ganze Postenkette Polizei auf dem Bahnsteig auf.
Das hätten sie sich auch sparen können, die
Koblenzer sind allesamt friedlich und verdammt
lautstark. Sie haben auch mehrere Trommeln am
Start, was im Bahnhofsgebäude ganz besonders gut
scheppert, aber dafür ist diese unsägliche
Oktoberfest-Mucke nicht mehr zu hören, die von
draußen über irgendwelche Lautsprecher dröhnt.
Man kann sich also eigentlich nicht beschweren.
Nun will ich mich
aber auf den Weg machen, denn die Arena befindet
sich ja jott-we-de, janz weit draußen, in
Fröttmaning. Da kann man noch nicht einmal vom
Bahnhof in einem Rutsch hinfahren. Zunächst
nimmt man vom Münchner Hauptbahnhof eine S-Bahn,
es ist ziemlich egal, welche, Hauptsache von
Gleis 1, und fährt zwei Stationen bis zum
Marienplatz. Dort kämpft man sich durch Tausende
von Leuten, die entweder aufs Oktoberfest oder
ins Stadion wollen, in die U-Bahn-Linie 6, die
als Ziel entweder direkt Fröttmaning oder
Garching hat, und fährt noch eine Viertelstunde.
An der dortigen Haltestelle sieht man die Arena
schon. Und zwar von weitem. Noch einmal
mindestens eine Viertelstunde Fußmarsch, dann
steht man vor dem Eingang. Ich leiste mir einen
Abstecher auf das Klo, das neben den Tageskassen
liegt. Dies hätte ich unterlassen sollen, man
darf zur Pinkelrinne praktisch waten. Entweder
haben hier einige bedauernswerte Leute so einige
Male einiges verfehlt, oder der Starkregen, der
am Wochenende in der Eifel für einige
vollgelaufene Keller gesorgt hat, hat sich noch
bis hierhin gerettet. Leider vermute ich eher
Ersteres, bestärkt in meiner Ansicht durch
meinen Nebenmann, der sich freihändig
Erleichterung verschafft, nicht, weil er ein
neues Kunststückchen demonstrieren will, sondern
weil er beide Hände benötigt, um sich an der
Wand abzustützen. Na Mahlzeit! Nix wie weg hier.
Fünfzig Meter
weiter befinden sich die Drehkreuze, die
elektronisch Einlass gewähren, und nach einer
kurzen Leibesvisitation stehe ich direkt vor den
Eingängen von Deutschlands modernster Arena.
Wirklich ein gigantisches Teil von außen. Durch
die Wölbung der Außenhaut der Anlage sieht sie
wirklich auf den ersten Blick wie ein
überdimensionales Schlauchboot aus. Bei
Abendspielen sicherlich noch eindrucksvoller,
denn dann erstrahlt die Außenhaut in der Farbe
des jeweiligen Gastgebers, also rot für den FC
Bayern und blau für den TSV 1860. Wenn ich mich
direkt in einem der Eingänge stelle und nach
oben schaue, scheint mich das ganze Gebilde
niederzudrücken, so mächtig wirkt es. Irgendwie
einschüchternd. Draußen rauscht der Verkehr auf
den zahlreichen Autobahnen und Zubringerstraßen
vorbei, in der Nähe steht ein ähnlich
futuristisch anmutendes Gebäude mit vier
Pylonen, oder wie man diese Form nennt. Dazu
noch die langen Anmarschrampen von der U-Bahn
weg und zum Stadion hin, an den Wegrändern ist
alles kahl und mit Erde oder Kies aufgestreut –
ich kann mir nicht helfen, ich komm mir vor wie
auf dem Mond. Sehr beeindruckend. Weniger
beeindruckend, dass auf dem Vorplatz, der rund
um die Arena läuft, jetzt auch wieder alles
gesichtet werden kann, was vorher schon
unterwegs war: Dirndl, Trachtenjanker – und
binnen fünf Minuten mindestens ebenso viele
Ausgaben meiner blonden Drillinge von der
Zugfahrt am Tag zuvor, nur zu unterscheiden an
den Sonnenbrillen. Irgendwo muss es diese
Blondchen mit ihren Handtäschchen doch im
Sonderangebot geben, anders ist das wirklich
nicht mehr zu erklären. Aber genug gelacht:
hinein!
Hier ist es
zunächst deutlich kühler als draußen. Und auch
hier wurde nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Ess- und Trinkbuden alle 20 Meter, dazwischen
reichlich Toilettenanlagen. Wer Hunger hat:
Würste, Leberkäse, Pommes, Chicken Wings,
Brezeln, und noch einiges mehr. Aber natürlich
kein Emder Fischbrötchen, man kann nicht alles
haben. Hier nimmt man es allerdings doch noch
von den Lebenden. Ich glaube, die Brezel ist das
Einzige, das unter 3 € kostet. Allerdings wird
man mit Geld hier nicht sofort glücklich, denn
alles wird auf einer elektronischen Arena-Karte
abgebucht, die man sich vorher erst besorgen
muss. Normalerweise weigere ich mich, bei so
etwas mitzumachen, hier werde ich mir aber eine
holen, schon als Souvenir. Man kann die Karten
bei den Leuten erwerben, die ebenfalls in den
Gängen stehen, man muss sich dafür nicht an
einem Schalter anstellen. Es gibt Karten zu 10,
20 oder 50 Euro. Die 10 Euro-Karte ist ein
passendes Souvenir, denn es passen genau eine
Wurst und zwei Cola drauf, dann ist sie leer.
Aufladen kann man die Karten übrigens entweder
an bestimmten Schaltern oder an Automaten, die
neben den Imbissständen angebracht sind und die
wie kleine Fahrkartenautomaten aussehen.
Praktische Sache. An den Automaten ist
zusätzlich noch ein Hinweis angebracht, dass man
sich bei Problemen mit der Karte an den „Troublecounter“
wenden solle. Den hab ich zwar nicht gefunden,
aber ich könnte wetten, dass dort ein „Manager“
seinen Dienst versieht. Trouble Manager ist
bestimmt auch eine wichtige
Arbeitsbezeichnung...
Dann rauf auf die
Tribüne und rein ins Stadion, natürlich ein
Riesenteil, besonders, wenn man gerade aus
Pfullendorf kommt, 69.000 Zuschauer passen rein.
Zwei schöne große Anzeigetafeln, Werbung,
Live-Interviews, Gewinnspiele. Eine besondere
Erwähnung verdient die Musik, die ist nämlich
richtig schlecht, es ist halt Oktoberfest. Als
Krönung hat irgendein gemischtes Duo dieses
unsägliche „Ein Stern, der deinen Namen trägt“
ein wenig umgedichtet und versucht nun, es den
Fans als „Ein Stern, der deine Farben trägt“ als
neue Vereins-Hymne unterzujubeln. Gesülze pur.
Aber wer’s mag...Die Sitzplätze (Osttribüne,
Mittelrang, in Höhe der Mittellinie, flauschige
31,50 € pro Karte, gut, dass ich das Teil
geschenkt bekommen habe...) sind in Farbe und
Form der Außenhaut nachempfunden, glänzen
silbrig in der Sonne, ergonomisch geformt. Und
doch ist auch hier nicht alles perfekt: ich habe
Sitz Nummer 17, daneben befinden sich natürlich
die Nummern 18, 19, 20...doch halt, die Nummer
19 entpuppt sich bei näherem Hinsehen als 12! Da
hatte wohl jemand innerlich schon Feierabend.
Die „2“ wurde einfach mittels Edding in eine „9“
verändert. Falls ihr also mal in die
Allianz-Arena kommen solltet, Block 230, Reihe
4, dann achtet mal darauf. Ist wirklich nicht zu
übersehen. Ein Hauch von menschlicher Schwäche
in diesem Gesamtkunstwerk, so mutet es an.
Die Gästefans sind
in einem Eckblock in der Südwestkurve
untergebracht, direkt neben den Stehplätzen im
Süden. Ob das eine clevere Idee war? Nun,
zumindest bei Heimspielen der „Löwen“ scheint
dies kein Problem zu sein, die Stehplätze sind
eh nur zur Hälfte gefüllt, die andere Hälfte zum
Gästeblock hin wird einfach mit Trassierband
abgesperrt und von einigen Ordnern besetzt. Das
Gros der „Löwen“-Fans scheint sich eh hinter dem
anderen Tor aufzuhalten, dort ist es rappelvoll
und dort wird auch Stimmung gemacht und
choreographiert.
Beeindruckend die
Werbung eines privaten Radiosenders kurz vor dem
Spiel, Folgendes tönt aus den Lautsprechern:
„Hallo Koblenz-Fans, nicht sauer sein, wenn wir
an euch unseren Mainz-Frust loswerden, dafür
könnt ihr euch auch schön auf unseren Wies’n
vergnügen!“ Ein dezenter Hinweis auf die Pleite
unter der Woche beim Erstliga-Absteiger, aber
auch etwas sehr vollmundig. Schaunmermal.
Kurz vor
Spielbeginn nehmen neben mir zwei Ehepaare
Platz. Zwei ältere Ehepaare. Viel älter. Das
mögen noch 20 echte Zähne sein, die da insgesamt
sitzen. Aber zumindest der Herr neben mir ist
gut dabei und unterstützt die Mannschaft
lautstark. Leider verstehe ich mal wieder kein
Wort. Klar, die „Löwen“ haben ja im Gegensatz
zum FC Bayern viele einheimische Fans, und ich
scheine durchaus in einer solchen „Ur-Bayern“-Reihe
gelandet zu sein.
Beim Verlesen der
Mannschaftsaufstellung scheint der Sprecher
jedoch meinen Eindruck, hier sei überwiegend
älteres Personal am Start, in bezug auf die
Mannschaft korrigieren zu wollen. Da menschelt
es mal so richtig. Torwart Michael Hoffmann ist
„der Michi“, Fabian Johnson ist „der Fabi“, und
die Stürmer Antonio di Salvo und Berkant Göktan
sind natürlich „der Toni“ und, kaum zu glauben,
aber wahr, „der Berki“. Ich erwarte jetzt, dass
der Sprecher nach Verkündung der Aufstellung
vielleicht noch ein Kuscheltier in die tobende
Menge wirft, aber ich werde enttäuscht. Der ist
bestimmt Sozialpädagoge von Beruf...
Das Spiel beginnt, und „der Fabi“
verpasst mal sofort einen neuen Rekord. Vom
Anstoßkreis wird der Ball hoch nach rechts ins
Halbfeld gespielt, Johnson kommt auch ca. 25
Meter vor dem Tor ziemlich unbedrängt an die
Kugel. Dies sieht aber der Koblenzer Torwart
Eilhoff anscheinend nicht, der muss denken, ein
eigener Spieler hat den Ball, denn als ich zu
dem rüberschaue, steht der irgendwo in Höhe des
Elfermeterpunktes im Strafraum, und zwar gut
drei, vier Meter neben seinem Tor! Wenn der
Johnson das sieht, kann er per Lupfer einfach
mal nach 5 Sekunden das 1:0 erzielen, ein Rekord
für die Ewigkeit! Aber er sieht es nicht, und
aus der Großchance wird erst gar keine, da er
den Ball vertändelt.
Des wär a Gaudi g’wes’n!
Es ist eigentlich
ein flottes Spiel für Neutrale wie mich, immer
hin und her, allerdings mit wenig Torchancen.
Bevor es eventuell langweilig werden könnte,
greift Schiri Lupp aus Zossen mal ein und sorgt
dafür, dass die Partie unvergessen bleibt: in
der 19. Minute Zweikampf zwischen dem Koblenzer
Abwehrspieler Bajic und Löwen-Stürmer Göktan.
Der Berki geht zu Boden, Bajic hat geklammert.
Aber der ist letzter Mann, die Szene spielt ca.
25 Meter vor dem Koblenzer Tor. Notbremse? Rote
Karte? Das sind die Fragen, die der Schiri jetzt
klären muss. Der denkt aber gar nicht daran, er
hat die Szene nämlich nicht richtig gesehen.
Also wird der Assistent Nummer 1 befragt. Der
erzählt ihm auch was zur Lage, bestätigt das
Foulspiel, ist allerdings auch unschlüssig. Herr
Lupp denkt weiterhin gar nicht daran, jetzt
klein beizugeben und sprintet einfach quer über
den Platz zum Assistenten Nummer 2. Der war am
weitesten von der Szene entfernt, hat aber auch
noch etwas zur Lage zu sagen. Wahrscheinlich
lässt der Schiri demokratisch abstimmen, wie nun
zu verfahren sei. Nach vollen 5 Minuten
Unterbrechung hat man sich anscheinend 2:1 für
die Notbremse entschieden, entschloss lupft Herr
Lupp den roten Karton aus der Gesäßtasche und
zeigt ihn – Mavric! Der geht auf die Knie und
guckt, als ob er gerade eine Erscheinung hätte.
Und zwar völlig zu Recht, denn er stand bei
dieser Szene mindestens 20 Meter vom Ball
entfernt. Herr Lupp hat den falschen Spieler des
Feldes verwiesen! Besonders rätselhaft bleibt
mir dies, weil ich bis auf die Tribüne erkannt
habe, wer gefoult hatte. Zumindest einer der
Assistenten muss doch die Rückennummer gesehen
haben! Aber sie wissen es alle drei nicht, und
so fällt Herr Lupp eine salomonische
Entscheidung – einer muss gehen, ich weiß nicht,
wer, aber woran erinnere ich mich denn? Ach ja,
der Name auf dem Trikot hörte mit –ic auf.
Vielleicht mag Herr Lupp so gedacht haben und
verweist deshalb den ersten Ex-Jugoslawen, der
ihm über den Weg läuft, des Feldes. Denn wie er
sonst auf den blondgefärbten Mavric mit
Rückennummer 24 anstelle des dunkelhaarigen
Bajic mit Rückennummer 5 kommen will, dürfte
sein Geheimnis bleiben. Ganz großes Kino!
Ach ja, der
anschließende Freistoß, der über fünf Minuten
zuvor gepfiffen wurde, der geht natürlich in die
Mauer. Viel Wind um nichts.
Und dies bestätigt
sich auch während des restlichen Spiels, man hat
nämlich irgendwie nie den Eindruck, dass Koblenz
in Unterzahl spielt. Zweimal schießt Torjäger
Antonio di Salvo („der Toni“) die Hausherren in
Führung und an die Tabellenspitze, zweimal
gleicht Koblenz aus und beschert ihnen Rang 4,
jeweils durch Kopfbälle, begünstigt auch durch
individuelle Fehler in der „Löwen“-Abwehr. Und
wer trotz 70minütiger Unterzahl zwei Tore
schießt, der nimmt auch hochverdient ein 2:2 mit
nach Hause. 27.000 Zuschauer, leere Oberränge,
Fan-Blöcke gut besetzt, die Haupttribüne füllt
sich nach der Halbzeitpause erst allmählich
wieder, dafür sind aber die Logen ordentlich
besucht, dürfen dann noch erleben, wie der
Schiri nicht einmal seine eigene Show ab der 20.
Minute als Spielverzögerung eingesteht, denn er
lässt in erster und zweiter Halbzeit insgesamt
keine zwei Minuten nachspielen, und das fällt
bei mir schon unter „Frechheit“, denn für diese
minutenlange Posse war nur er allein
verantwortlich, das kann er den Spielern doch
nicht einfach von der Spielzeit abziehen! Aber
ich schätze mal, der ist froh, so schnell wie
möglich in die Kabine zu kommen. Ich nicht, denn
in welcher Liga der demnächst pfeift, um sich
nach einer solchen Leistung wieder zu
rehabilitieren, kann ich mir lebhaft vorstellen.
Willkommen in der LTU-Arena, Herr Lupp! sage ich
deshalb schon mal prophylaktisch.
Noch ein Wort zu
Koblenz: der Punkt ist verdient, aber wer mir
mal wieder sehr negativ aufgefallen ist, ist
Fatmir Vata. Wenn der angespielt wird, und ein
Gegenspieler naht, dann macht der schon mal die
Knie weich, um hinterher besser auf dem Rasen
abrollen zu können. Er fällt, meckert und
schimpft in einer Tour, teilt aber selbst auch
kräftig aus. Ein Schmutzbuckel. Natürlich
kassiert er auch Gelb wegen Meckerns, und
natürlich in einer Situation, in der für
Koblenz entschieden wird: der Schiri gibt völlig
zurecht keinen Elfer, nachdem Göktan im
Koblenzer Strafraum zu Fall kommt, sondern
Abstoß, und Herr Vata motzt so lange, bis er den
Gelben Karton sieht. Da hatte er wohl Gelb wegen
Schwalbe gefordert. Einer der unfairsten
Spieler, die ich kenne, aber auch traurig, dass
aus dem so etwas anscheinend nicht
rauszubekommen ist. Dass er ein guter Techniker
ist und ein feines Füßchen hat, kann man nämlich
mehrfach im Spiel beobachten, der hätte so etwas
eigentlich nicht nötig. Wie nennt man so
jemanden? Verzogener Bengel? Einfach schade.
Nach dem Spiel mit
Tausenden anderen wieder in die U-Bahn, für die
genau zwei Gleise zum Abtransport bereitgestellt
werden. Übrigens keine Sonderbahnen, sondern
Halt an jeder Milchkanne. Aber es sind sehr
lange U-Bahnen, zwölf und mehr Waggons, da
passen ordentlich Leute rein, deshalb geht der
Transfer zwar total überfüllt auf die Reise,
braucht aber auch nicht länger als auf der
Hinfahrt.
Am Bahnhof ist
natürlich wieder die Hölle los, aber ich habe
Glück, da München Hbf ja ein Sackbahnhof ist,
fährt mein Zug von dort erst los, man muss nicht
auf ihn warten, nein, er wartet schon auf einen
am Gleis, und man kann vorzeitig einsteigen. Im
Abteil ist man wenigstens vor der unsäglichen
Musik in Sicherheit.
Los geht die Reise
Richtung Mannheim, am Gang gegenüber sitzt eine
japanische Familie am Tisch, Mann, Frau, je ein
Junge und ein Mädchen in der Pubertät. Alle vier
haben sich am Bahnhof direkt mal ein Reisgericht
einpacken lassen, jetzt ziehen sie die
Alu-Schalen raus, es darf diniert werden. Wieder
ein netter Geruch, ich glaube, da wurden einige
unschuldige Algen ermordet und in die Beilagen
gemischt. Anschließend packt der Sohnemann einen
Laptop auf den Tisch und checkt die
Urlaubsfotos, die die Familie gemacht hat. Und
checkt und checkt...Neben mir wird der
Fensterplatz ab Augsburg auch von jemandem mit
Laptop belegt, ich frage höflich, ob es einen
Film zu sehen gibt, aber nein, der Herr muss
arbeiten. Ich habe einfach kein Glück! Drei
Stunden später sind wir in Mannheim. Ich steige
um, während der Sohnemann aus dem Land der
aufgehenden Sonne immer noch Urlaubsfotos
checkt, verdammt, wie viel MB haben die wohl
verbraten? Hunderte von Fotos, und das nur für
ein Urlaubsziel, denn es ist erkennbar immer nur
ein bestimmter See auf den Fotos, entweder im
Vorder- oder im Hintergrund. Mich schaudert bei
dem Gedanken, wie viele Festplatten solche Leute
voll machen, wenn es mal auf Weltreise gehen
sollte...
Auch der Umstieg
in Mannheim gelingt. Und da muss ich der Bahn
mal ein Kompliment machen, die Züge waren alle
ziemlich voll, der ein oder andere Waggon mehr
hätte nicht geschadet, aber die Verbindungen
haben alle hingehauen, Respekt. Hätte ich nicht
unbedingt erwartet. Und damit ich nicht zu
euphorisch werde, lässt die Bahn ihren Zug
zwischen Koblenz und Bonn dann doch noch 10
Minuten einfach mal stehen. Da fährst du
unfallfrei und fast pünktlich durch halb
Deutschland, und unmittelbar vor dem Ziel zeigen
sie dir dann, dass sie immer noch anders können.
Denn: zum Glück jucken mich die 10 Minuten nicht
sonderlich, da ich meinen Wagen in der Nähe des
Bonner Hauptbahnhofs geparkt habe. Wenn ich
allerdings mit dem Bus zu meiner Wohnung hätte
weiterreisen müssen, dann hätten diese 10
Minuten dafür gesorgt, dass ich mindestens 45
Minuten auf den nächsten Bus hätte warten
müssen. Todmüde, am Sonntag Abend um kurz vor 23
Uhr. Dann hätten sie mir wirklich in
allerletzter Minute noch das Wochenende
vermiest.
So aber sage ich:
eine beeindruckende kleine Tour zu den großen
und kleinen Arenen des Landes! Mir haben beide
gut gefallen, wobei das Reizvollste natürlich
der unmittelbare Kontrast war. Eine schöne Tour,
die man gerne mal wiederholen darf. Allerdings
wirklich nur bei gutem Wetter, ich schätze, im
Winter würde ich es schaffen, auch in nur zwei
Tagen im Linzgau Depressionen zu bekommen.
Fortuna Düsseldorf
spielt in der Regionalliga Nord, der SC
Pfullendorf in der Regionalliga Süd, der TSV
1860 München in der 2. Bundesliga. Wenn man die
Umstände dieses Wochenendes nun einmal ganz
objektiv vergleicht – wo würdet ihr Fortuna
spontan einsortieren? Nur mal so als Anreiz. Ist
schon ärgerlich, dass beim Fußball immer noch
„entscheidend aufm Platz is“, stimmt’s? Oder
vielleicht doch nicht?
Immerhin, die 750
Leute in Pfullendorf dürften mehr Spaß am Kick
ihrer Mannschaft gehabt haben als die 27.000 in
München. Wobei dies auch nur eine gewagte
Vermutung meinerseits ist. Verstanden hab ich
sie an diesem Wochenende nämlich alle nicht.
Kann alles außer
bayrisch und schwäbisch: janus |