WM 2010
Wieder einmal ist eine WM ins Land gegangen. Und
da nach Ende der Weltmeisterschaft in Südafrika
noch so viel Sommerpause bis zum Saisonstart
übrig ist, dachte ich mir, ich könnte mal wieder
eine Zusammenfassung des Turniers hinlegen, mit
allen Aspekten, die mich bewegt haben, was
natürlich auch den Nachteil hat, dass ich das
ein oder andere Meinungsbild exklusiv haben
könnte. Aber so etwas hat mich bekanntlich noch
nie abgehalten. Und da auch dieser Beitrag
natürlich wieder „bestimmte Länge“ hat, halte
ich mich auch nicht mit Vorreden auf. Los geht
es mit der WM 2010 – wie es sich gehört,
natürlich ganz am Anfang.
Vorrunde
In der Gruppe A war es definitiv am lustigsten.
Wenn Südafrika spielte, tröteten 80.000
Zuschauer im Stadion auf ihren Vuvuzelas, der
erste Torschütze hörte auf den herrlichen Namen
Tsabalala – er eröffnete die WM gleich mal mit
einem Tor des Monats –, und die Franzosen waren
eh mit Abstand die fidelste Truppe des Turniers.
Was bei denen nicht alles los war! Zunächst ein
Grottenkick des Monats beim ersten Auftritt
gegen Uruguay, immerhin noch ein 0:0. Dies war
in der zweiten Partie gegen Mexiko
steigerungsfähig, diesmal wurde sogar verloren.
In der Pause dieses Spiels war Stürmer Anelka
anscheinend nicht ausgelastet, was nicht sehr
verwunderte, wenn man seinen vorherigen
Arbeitsnachweis auf dem Platz in Betracht zog.
Dergestalt unzufrieden mit dem eigenen
Bewegungsablauf, schlug er dem Trainer Raymond
Domenech vor, er könne...wie soll man
sagen...doch gerne sich selbst befriedigen und
zwar dort, wo die Sonne niemals scheint. Des
weiteren leistete er sich eine bedenkliche
Schmähung gegen Domenechs direkte Vorfahrin,
frei nach dem Motto: „Ohne Mutti wäre dies alles
nicht möglich gewesen.“ Das Ganze dann schön
lautstark in der Kabine und von dort aus direkt
auf die Titelseiten der Tageszeitungen. Anelka
flog aufgrund seiner Beleidigungen aus dem Kader
und war damit nur unwesentlich schneller als der
Rest des Kaders wiederum aus dem Turnier. Aber
wenn schon Scheiße, dann auch richtig. So legte
sich am Tag nach dem Spiel bei einem offiziellen
Training der „Equipe tricolore“ deren
Mannschaftskapitän Evra mit dem
Konditionstrainer an, in dem die Mannschaft
offenkundig den „Maulwurf“ vermutete, der die
Äußerungen Anelkas aus dem Kabinentrakt in die
französische Presse getragen hatte. Letztere
konnten anschließend live vor Ort bewundernd
zusehen, wie der Trainer die beiden Streithähne
nur mühsam auseinander brachte, wie der
Konditionstrainer zornentbrannt den
Trainingsplatz verließ, dabei noch seine
Stoppuhr mit Schwung von sich schleuderte (hätte
auch als Anschlag ausgelegt werden können), wie
der Mannschaftskapitän anschließend einen
Trainingsboykott der Spieler anzettelte und den
hilflosen Trainer eine Erklärung der Mannschaft
verlesen ließ, und wie es daraufhin dem
Delegationsleiter der Franzosen reichte, der auf
dem Weg vom Parkplatz zum Auto zurücktrat, weil
das ja wesentlich zügiger geht als extra eine
zusätzliche Pressekonferenz einberufen zu
müssen. Und das alles vor laufenden Kameras und
ohne, dass jemand hätte Eintritt zahlen müssen!
Solche Bilder und Töne war man in der
Vergangenheit doch eher von unterklassigen Teams
gewohnt. Zuletzt bei der WM in Deutschland war
diese Paraderolle des quengeligen Störenfrieds,
den eh keiner Ernst nimmt, an Togo gegangen.
Diesmal also ausgerechnet die Franzosen. Wie
solch ein sportlicher Absturz vor sich geht,
wissen sie ja ganz gut, schließlich schieden sie
schon bei der WM 2002 als damals amtierender
Welt- und Europameister in der Vorrunde mit nur
einem
Punkt und ohne selbst erzieltes Tor aus. Also dachte man sich wohl,
man könne diesmal auch noch abseits des Platzes für
ein Armutszeugnis sorgen. Was für
Jammergestalten, angefangen beim Trainer mit
seiner, diplomatisch formuliert, kruden Taktik
und Aufstellungspolitik. So setzte er Ribéry
konsequent falsch ein und ließ Altstar Thierry
Henry beim Spiel gegen Mexiko eine halbe Stunde
warm laufen, eine Aktion, die nur durch den
Schlusspfiff des Schiedsrichters unterbrochen
würde, sonst würde der gute Henry wahrscheinlich
immer noch um den Platz joggen, denn bringen
wollte Domenech ihn offenkundig nicht. Aber die
Mannschaft war auch kein Stück besser,
angefangen von Gossen-Anelka, der von seiner
eigenen Nullleistung ablenken wollte und sich
dafür jemand anderen suchte, über große Teile
der Mannschaft, die dermaßen charakterlos war,
dass sie dem Trainer sogar ein Konzept zur
Mannschaftsaufstellung vorlegten, um den bei
ihnen unbeliebten Spieler Gourcuff auszubooten,
bis hin zum stoppuhren-schleudernden
Konditionstrainer, der wohl wirklich der
„Maulwurf“ war und sich ein gewisses Zubrot für
seine Zuträgerdienste bei der französischen
Presse verdient haben dürfte. Wie gesagt, es war
nicht Togo 2006 (Trainerentlassung und –
wiedereinstellung noch vor dem ersten WM-Spiel,
angedachter Spielerstreik wegen nicht
ausgezahlter Prämien), es war nicht Kuwait 1982
(Verbandspräsident wollte Spieler vom Platz
holen, weil ein Treffer des Gegners seiner
Meinung nach zu Unrecht anerkannt werden –
nebenbei, der Gegner war Frankreich, vielleicht
hat man sich ja was abgeguckt), es war nicht
Haiti 1974 (Verbannung und Bestrafung einzelner
Spieler aus dem WM-Hotel heraus), es war noch
nicht einmal Nordkorea 2010, denen man solche
Possen noch am ehesten zugetraut hätte – nein,
es war die altehrwürdige, ehemals große
Fußballnation Frankreich, deren Vertreter bei
diesem Turnier mal demonstrieren wollten, warum
ihre Nation den Begriff „laissez-faire“ erfunden
hat. Für einen neutralen Beobachter natürlich
köstlich anzusehen, wenn solch hochbezahlte
Stars kein einziges Fettnäpfchen auslassen. Der
Höhepunkt wäre tatsächlich gewesen, wenn sie das
letzte Vorrundenspiel gegen den Gastgeber noch
bestreikt hätten, wie zunächst durchaus im Raume
stand. Sie traten allerdings doch an, man ist
fast versucht, „leider“ zu sagen. Dann
blamierten sie sich wieder mal eine Halbzeit
lang, spielten in der zweiten halbwegs
ordentlich, was für diese Hochkaräter allerdings
auch schon eine halbe Arbeitsverweigerung
darstellt und verabschiedeten sich als erster
„Favorit“ vom Turnier, mit nur einem Punkt,
einem Törchen und vielen neuen Freunden in aller
Welt. Die kämen allerdings derzeit höchstens auf
die Idee, diese Truppe zur Belustigung an
Karneval zu mieten. Weltfußballmacht Frankreich
adé – mal sehen, wie lange es dauert, bis sie
endlich wieder merken, dass im Fußball der
Fußball das wichtigste ist.
Da die Gastgeber zwar wirklich wohl klingende
Namen im Kader hatten, und ab und zu auch ganz
brauchbar Fußball spielten, aber eben nur ab und
zu, verabschiedete sich auch die „Bafana Bafana“
nach der Vorrunde aus dem Turnier, der erste
Gastgeber in der WM-Geschichte, dem dies gelang.
Es wurde aber auch noch keine WM bei einem
Gastgeber ausgetragen, bei dem man dies von
Anfang an befürchten musste, insoweit wirklich
nicht überraschend. Das 0:3 gegen Uruguay brach
ihnen das Genick, dies war im letzten Spiel
gegen die lustigen Franzosen nicht mehr
aufzuholen. Andererseits, ein Team, welches eh
nur Außenseiter ist und dann lediglich ein Spiel
verliert, kann sich durchaus erhobenen Hauptes
von der WM verabschieden. Leider nahmen sie
nicht sämtliche Vuvuzelas mit, ein paar blieben
auch für die anderen Stadien übrig. Uruguay und
Mexiko kamen ins Achtelfinale.
Dagegen war in Gruppe B ja fast gar nichts los.
Argentinien marschierte locker und leicht durch
die Vorrunde, drei Spiele, drei Siege, dazu ca.
150 Bekreuzigungen von Maradona vor, während und
nach einem Spiel, zu Spielbeginn, bei Toren der
eigenen Mannschaft, zum Sieg nach Abpfiff und
wahrscheinlich auch bei jeder Abseitsstellung.
Der scheint eine Menge klerikalen Nachholbedarf
zu haben. Griechenland und Nigeria schieden aus,
das Spiel der beiden gegeneinander war
allerdings die spannendste Partie in dieser
Gruppe, weil sich beide Teams in fröhlichem
Dilettantismus beim Vergeben von Torchancen
überboten. Statt eines möglichen 8:8 gab es nur
ein 2:1 für Griechenland, unter anderem, weil
der Nigerianer Chinedu Obasi, im Zivilberuf
eines jener unentdeckten Talente aus dem
Kraichgau, mit denen bekanntlich Dietmar Hopp
und seine TSG „1899“ Hoffenheim ausschließlich
arbeiten, das Kunststück fertig brachte, aus
acht Metern das leere Tor nicht zu treffen, und
zwar nicht einmal ansatzweise. Als Obafemi
Martins vom VfL Wolfsburg dasselbe Gimmick im
letzten Gruppenspiel gegen Südkorea gelang, nur
dass dabei die Entfernung zum Tor noch geringer
war, konnte man ahnen, dass bei mittelmäßigen
Bundesligaclubs im Training wohl eher nicht
Torschüsse geübt werden. Ein etwas unentspanntes
Turnier für Nigeria. Hinzu kam, dass der
Rotsünder aus dem Spiel gegen Griechenland
anschließend wohl haufenweise Morddrohungen
erzürnter Fans per Mail bekam. Da leistete
allerdings ein Offizieller der nigerianischen
Delegation kulturelle Hilfestellung, indem er
uns mal aufklärte: „Wenn in Deutschland einer
gesagt bekommt, ‚Ich bring dich um!’, dann heißt
das, dass es innerhalb der nächsten drei Tage
auch passieren kann. In Nigeria bedeutet das
nur: ‚Ich kann dich nicht leiden’.“ Andere
Länder, andere Sitten. Ebenso wie die Maßnahme
des nigerianischen Staatschefs, den
einheimischen Fußballverband nach Rückkehr der
Mannschaft kurzerhand für zwei Jahre aufzulösen,
um den Fußball in Nigeria komplett neu
aufzustellen. Klingt lustig, wenn man es so
liest, ist aber Realität.
Gruppe C. Ah, die Gruppe mit der
meistüberschätzten Truppe der letzten
Jahrzehnte. Kann mir irgendjemand mal
verständlich erklären, warum vor jedem Turnier,
sei es EM oder WM, die Engländer stets als
Mitfavoriten genannt werden? Woraus erschließt
sich das? Oder ist das einfach nur eine
Reminiszenz an das „Mutterland des Fußballs“, so
nach dem Motto: wir wissen ja, die können nix,
aber die sind so stolz darauf, als Erste in
Europa Fußball gespielt zu haben, da gönnen wir
denen das? Entschuldigung, aber bei England als
„Mitfavorit“ muss ich immer lachen. Die haben
die WM im eigenen Land gewonnen, okay. Ist auch
erst 44 Jahre her, also quasi gestern. Und bei
diesem Finale ging es ja auch nicht ganz astrein
zu, Stichwort: Wembley-Tor. Ansonsten standen
die nienienie auch nur in irgendeinem WM- oder
EM-Finale. Die Premier League gilt als eine der
stärksten Ligen in Europa, das stimmt. Deren
Top- Clubs dominieren die Champions League seit
Jahren, stimmt auch. Ab und zu darf bei diesen
Mannschaften sogar mal ein Engländer mitspielen.
Aber Titelfavoriten? Also bitte. Allerdings
ernennen sie sich meist höchstselbst dazu,
ansonsten hätte die Empire-Presse ja auch gar
nichts Spektakuläres mehr zu melden. Mein
Verdacht geht mittlerweile dahin, dass die
Trainer der anderen Nationalmannschaften nur
darauf warten, bis die Engländer sich wieder zu
Top-Favoriten erklären, um dem dann fix
zuzustimmen, weil es so schön von der eigenen
Mannschaft ablenkt. Und die Tommies spielen
immer brav mit und merken gar nicht, dass sie
sich alle zwei Jahre lächerlich machen.
So auch diesmal. Nach der Gruppenauslosung mit
Algerien, Slowenien und den USA schrieb die
„Sun“ (oder war es die „Daily Mail“? – diese
Schmieranten kann ich leider schon seit Jahren
nicht mehr auseinander halten, sorry) frohgemut
auf ihrer Titelseite die Gruppenteilnehmer
untereinander, ließ sich für die USA noch das
lustige Schlagwort „Yanks“ einfallen, sodass die
schreiend rot gefärbten Anfangsbuchstaben der
Teilnehmer England, Algeria, Slovenia und eben
Yanks gut sichtbar das Wort „EASY“ („leicht“)
ergaben. Und unter dieser Schlagzeile titelte
man noch grandios: „Die beste Gruppe seit den
Beatles!“
Und was war das für ein leichtes Grüppchen für
den Top-Favoriten! Im ersten Spiel ein
überragendes 1:1 gegen die USA, mit Torwart
Green als Bewerber für eine Green Card, als er
den US-Amerikanern den Ausgleichstreffer
schenkte. Im zweiten Spiel ein prima 0:0 gegen
die Fußball-Weltmacht Algerien. Im dritten Spiel
würgte man sich zu einem 1:0 gegen Slowenien und
zeigte dabei das, was man in den letzten
Jahrzehnten bei solchen Turnieren sehr häufig
zeigte: eine einzige gute Halbzeit. Aber es
reicht halt immer, um ein „Top-Favorit“ zu sein.
Gruppensieger wurde allerdings die USA.
Unentschieden gegen England, dann ein 2:2 gegen
Slowenien nach 0:2-Rückstand, ein sehenswertes
Spiel. Kurz vor Schluss erzielten sie sogar den
Siegtreffer, das war aber zuviel für den Schiri
aus Mali, der annullierte den Treffer einfach.
Ich weiß bis heute nicht, ob er mal erklärt hat,
warum. Das dürfte ihm auch reichlich schwer
gefallen sein. Es war kein Abseits, und wenn er
ein Foul pfeift, dann doch wohl eher in
Verbindung mit einem Strafstoß für die
Amerikaner, denn man konnte in der Zeitlupe
recht gut sehen, dass während der Flanke, die
dann zum Tor führte, gleich vier Slowenen im
Strafraum ihre Gegenspieler griechisch-römisch
bearbeiteten. Eine der unfassbarsten
Fehlentscheidungen dieser WM. Zum Glück ließen
sich die Amis davon nicht schrecken, auch nicht
davon, dass ihnen im letzten Gruppenspiel gegen
Algerien wieder ein reguläres Tor aberkannt
wurde. Sie schafften mit dem Siegtreffer in der
92. Minute doch noch den Gruppensieg, ansonsten
wären die pomadigen Slowenen weitergekommen. Was
die Amis allerdings allein im Spiel gegen
Algerien an Chancen vergaben, trieb dem
neutralen Beobachter die Tränen in die Augen. Es
war wirklich unfassbar, was die teilweise drei,
vier oder fünf Meter vor dem Tor veranstalteten.
Als Trainer hätte ich den kompletten Sturm nach
Hause segeln lassen, um Weihnachten rum wären
sie vielleicht schon eingetroffen. Aber zu
deren Glück gab es ja ein hollywood-gerechtes
Happy End in der Nachspielzeit, und die Amis
kamen ins Achtelfinale.
In der Gruppe E war Langeweile angesagt. Die
Niederlande setzten sich durch, drei Siege in
drei Spielen, allerdings kein Gramm Anstrengung
zuviel. Und meist unter gütiger Mithilfe des
Gegners. Gegen Dänemark brachte sie ein kurioses
Eigentor auf die Siegerstraße, als ein Däne
einen anderen anköpfte, und der Ball von diesem
dann gegen den Innenpfosten und ins Netz
hoppelte. Maßarbeit. Fast schon langweilig
hingegen, wie sich im zweiten Spiel der
japanische Torwart den Schuss von Sneijder ins
eigene Netz faustete. Dänemark schickte
anschließend Kamerun nach Hause und wurde im
letzten Spiel von den Japanern rauskegelt, weil
die an jenem Tag ganz ordentlich Freistöße
schießen konnten. Ansonsten war es nicht
weltbewegend, was in dieser Gruppe geboten
wurde. Es sei denn, man nimmt es als
weltbewegend, dass dort eines der schlechtesten
Spiele der WM geboten wurde, nämlich der Kick
zwischen Japan und Kamerun, ein Spiel, das
eigentlich durch die griffige Formulierung
„Misshandlung des Balles“ ausreichend
beschrieben ist. Die „unbezähmbaren Löwen“ aus
Kamerun traten deutlich gezähmt mit null Punkten
die Heimreise an. Unter anderem dafür
verantwortlich: Trainer Paul Le Guen, ein
Franzose, dessen lustige Spieltaktiken und
Aufstellungen denen seines anscheinend großen
Vorbilds Raymond Domenech in nichts nachstanden.
Zur Strafe für die Null-Punkte-Tour soll jetzt
Lothar Matthäus als Trainer nach Kamerun kommen.
Denen geben wir es aber wirklich knüppeldick,
dort wirkte ja auch schon Winnie Schäfer...
Gruppe F wäre in dieselbe Kategorie einzuordnen
gewesen, hätte es da nicht eine Partie gegeben,
die mit zum Besten gehörte, was die Vorrunde der
WM zu bieten hatte. Weltmeister Italien hatte
sich in den ersten beiden Spielen pflichtgemäß
blamiert, jeweils ein 1:1 gegen Paraguay und die
Fußballgroßmacht Neuseeland. Diese peinlichen
Vorstellungen wurden allerdings mit dem Hinweis
gekontert, man habe schon bei der WM 1982 mit
drei Unentschieden die Vorrunde überstanden und
sei anschließend Weltmeister geworden. Und da
Gutes bewahrt bleibt, wäre es in der Tat so
gewesen – hätten sie im letzten Spiel gegen die
Slowakei das 3:3 erzielt, es hätte wieder
gereicht. Dummerweise taten sie es nicht,
verloren mit 2:3 und schieden aus. Anschließend
erklärte Häuptling Weißhaar, vulgo: Marcello
Lippi, hauptberuflich Coach des (noch)
amtierenden Weltmeisters, er nehme die volle
Verantwortung für den letzten Gruppenplatz auf
sich. An seiner Stelle wäre ich stinksauer auf
die Mannschaft gewesen. Allerdings nicht nur
aufgrund der zweidreiviertel Spiele
Leistungsverweigerung, die die Schönlinge vom
Brenner zuvor abgeliefert hatten, sondern vor
allem aufgrund der letzten Viertelstunde gegen
die Slowakei. Als die nämlich das 2:0 erzielten
und jeder dachte, okay, der Fisch ist gegessen –
dann, und erst dann, drehten die Italiener auf
und zeigten plötzlich, wie man sich alle zwei
Minuten richtig gute Torchancen herausspielen
kann. Plötzlich wurde ebenso flott kombiniert
wie aus allen Lagen geschossen.
Traumkombinationen mit der Hacke wurden
erfolgreich abgeschlossen, Traumtore durch
wunderbare Schlenzer aus 20 Metern Torentfernung
erzielt, wie es selbst die Brasilianer nicht
hübscher können. Der beste Beweis dafür, dass
der amtierende Weltmeister zuvor schlicht seinen
Trainer verarscht hatte. Und diesmal half ihnen
nicht ihr sprichwörtliches Glück. Ein korrektes
Tor wegen Abseits nicht gegeben, einmal von den
Slowaken auf der Linie gerettet, zwischendrin
noch das dritte Gegentor kassiert, und dann in
der 96. (!) Minute noch die große Chance zum
Ausgleich vergeben – weg waren sie. Und ich
glaube, ich war nicht der Einzige, der
anschließend ziemlich grinsen musste. Die
gerechte Quittung. Es wird auch kein so großer
Zufall gewesen sein, dass Italien zuvor im
gesamten Kalenderjahr 2010 nicht ein Spiel
gewonnen hatte. Arrividerci. Und auch Good bye
für die tapferen Kiwis aus Neuseeland, denn die
Drei-Unentschieden-Regel funktioniert natürlich
nur bei Italien, ihnen selbst nutzte das 0:0
gegen Paraguay im letzten Spiel nichts mehr.
Aber immerhin, die Mannschaft, die vor dem
Turnier nicht ganz zu Unrecht als spielerisch
schwächste aller WM-Teilnehmer angesehen wurde,
kehrte unbesiegt nach Hause zurück! Dort sind
sie jetzt Helden, und ich gönne es ihnen, auch
wenn man fairerweise sagen muss, dass ihr
Treffer gegen Italien ein Abseitstor war. Aber
trotzdem kriege ich irgendwie dieses Grinsen
nicht aus dem Gesicht...
In der Gruppe G setzte sich Brasilien genauso
durch wie die Niederländer in ihrer Gruppe.
Wobei man zunächst tatsächlich Schwierigkeiten
gegen Nordkorea hatte. Stalins Erben hielten
erstaunlich gut mit und erzielten völlig
verdient sogar den Ehrentreffer zum 1:2. Dann
verzockte sich deren Trainer allerdings beim
Spiel gegen Portugal, und bei seinem Heimatland
muss man wirklich Angst bekommen und hoffen,
dass das für ihn keine negativen körperlichen
Folgen haben wird. Der ließ gegen Portugal
munter offensiv spielen, leider auch noch, als
man schon 0:4 zurück lag. Portugal bedankte sich
und schoss mit dem 7:0 den höchsten Turniersieg
heraus, sogar Blindschleiche Cristiano Ronaldo
durfte ein Tor schießen. Zur Pause hätte es
eigentlich 3:1 für Nordkorea stehen müssen, das
die Portugiesen bis zum dritten Gegentreffer ein
ums andere Mal in Verlegenheit brachte. In der
nordkoreanischen Heimat wurde erstmals in deren
Geschichte ein Fußballspiel live übertragen,
nachdem sich die Mannschaft gegen Brasilien so
toll geschlagen hatte. Und dann das! Der
Kommentator schwieg ab dem 0:4 eisern bis zum
Schluss, wahrscheinlich um seiner eigenen
Gesundheit willen, und direkt nach dem Spiel
wurde die Übertragung abgebrochen. Man stelle
sich vor, die hätten dieses Spiel gewonnen, was
zumindest bis zur Pause nicht unrealistisch
erschien. Andere Diktatoren sind schon aus
nichtigeren Anlässen gestürzt worden. Schade
drum.
Schade auch um die Elfenbeinküste, die wieder,
wie schon 2006 in Deutschland, zwischen zwei
mächtigeren Gegnern zerrieben wurde (damals
Niederlande und Argentinien). Die haben einfach
kein Losglück. Und schade auch für die 60.000
Zuschauer, die für die Partie Brasilien gegen
Portugal Eintritt bezahlt hatten, denn was dabei
herauskommen würde, war von vorne herein klar,
ein 0:0-Gewürge, das beide Teams zufrieden
stellte. Furchtbar.
In der Gruppe H schließlich schien es zunächst
so, als ob neben dem Weltmeister und dem
Vize-Weltmeister auch noch der amtierende
Europameister in der Vorrunde straucheln würde,
schließlich verlor Spanien seine erste Partie
gegen die Schweiz mit 0:1. Wobei „straucheln“
eine schöne Beschreibung des Schweizer Siegtors
ist, hätten wir das also auch abgehakt.
Anschließend gewannen die Spanier glanzlos mit
2:0 gegen Honduras, wobei der
FIFA-Kontrollausschuss nach dem Spiel allen
Ernstes behauptete, man könne in der Ohrfeige
von Doppeltorschütze David Villa gegen seinen
Gegenspieler beim besten Willen keine
Tätlichkeit erkennen und ihn daher leider nicht
nachträglich sperren. Die waren wahrscheinlich
der Meinung, eine Ohrfeige gehöre in ein
Mädchenpensionat und schickten den Villa
anschließend zur Strafe ohne Abendessen ins
Bett, anders ist das nicht zu erklären.
Die Schweizer selbst verloren gegen Chile mit
0:1, einerseits zurecht, weil Chile klar besser
war, andererseits unglücklich, denn es war
wieder mal ein Abseitstor.
Aber dann! Die Schweiz hätte nur gegen Honduras
gewinnen müssen und wäre sicher weiter gekommen.
Gegen Honduras, nachdem man Spanien besiegt
hatte! Nach dem Spanien-Spiel schrieb ich in
einem Fan-Forum: „Wenn man bedenkt, dass die
Schweiz unter Ottmar Hitzfeld vor zwei Jahren
zuhause 1:2 gegen Luxemburg verloren haben, ist
für Honduras eigentlich noch alles drin.“ Es
sollte ein Scherz sein, aber die humorlosen
Toblerone-Kicker setzten es genau so um. In
einem unterirdischen Spiel holte man nur ein 0:0
gegen Honduras, die für mich schwächste
spielerische Mannschaft des Turniers, trotz der
verheerenden Bilanz Nordkoreas. Die waren so
schlecht, dass selbst unser Klinsi einmal leicht
aus der Rolle fiel. Da er nämlich als
Co-Kommentator bei RTL dieses Spiel in voller
Länge ertragen musste, platzte ihm dann doch der
Kragen, als Honduras in der Nachspielzeit eine
Kontersituation mit fünf Angreifern gegen drei
Abwehrspieler durch routinierten Fehlpass ins
Nichts versemmelte. Er konnte sich gerade noch
diplomatisch zügeln und stieß mit erstickter
Stimme nur noch ein „Das ist der Höhepunkt!“
hervor, und das gleich zweimal. Da konnte man
gut merken, wie es in ihm brodelte. Und gegen
diese Hobbykicker aus Mittelamerika verzockte
die Schweiz mit einer absolut lustlosen
Vorstellung das Weiterkommen. Damit machten sie
Platz für Chile, völlig zurecht, auch wenn die
ihr letztes Spiel gegen Spanien mit 1:2
verloren, dabei aber eine bärenstarke Leistung
zeigten.
Und Deutschland? Wir schlugen uns in der
Vorrunde doch eigentlich ganz gut. Gemessen
daran, dass wir vor Beginn des Turniers eh keine
Chance hatten. Das sage nicht ich, das
versuchten die Medien uns einzureden, und
Millionen selbsternannter Sommermärchen
Reloaded-Teilnehmer glaubten es zunächst auch.
Ich sag nur: der Müscha, der Ballack, der Kopf,
das Herz und gleich auch noch das Hirn der
deutschen Mannschaft. Alle drei
Körperteil-Attribute habe ich vor der WM über
ihn gelesen. Der Müscha hatte mal wieder Aua,
wie vor oder während jedes großen Turniers.
Allerdings muss man hier Gerechtigkeit walten
lassen. Schließlich hatte er sich diesmal nicht
irgendetwas an der Wade gezerrt, womit die
deutsche Presse drei Tage lang hausieren gehen
konnte, ehe feststand, dass er natürlich doch
wieder dabei wäre. Nein, diesmal war es eine
ernste Verletzung, die ihn schon Wochen vor dem
Turnier zwang, Selbiges abzusagen. Kein Wunder,
diesmal hatte er es sich ja auch nicht selbst
geholt, sondern war umgetreten worden. Im
letzten Pflichtspiel der Saison für seinen Club
Chelsea London, dem Pokalfinale gegen den FC
Portsmouth, wurde er übel abgegrätscht. Der
Sonnenschein, der ihn wegsenste, hörte
ausgerechnet auf den Namen Kevin-Prince Boateng,
ehemaliger Bundesliga-Spieler bei Hertha BSC,
der sich relativ kurzfristig vor der WM
entschlossen hatte, für Ghana anzutreten, im
Gegensatz zu seinem Halbbruder Jerome Boateng,
der im deutschen Kader stand. Und da Ghana ein
Gruppengegner der Deutschen war, war natürlich
die Verschwörungstheorie wieder mal perfekt: das
habe der mit Absicht getan, um uns zu schwächen.
Denn ohne unseren Ballack sind wir doch nix.
Siehe oben, wenn Kopf, Herz und Hirn fehlen,
können das Magen, Leber und Milz auch nicht mehr
ausgleichen. Der ghanaisch-deutsche Rüpel wurde
quasi über Nacht zum meistgehassten Spieler in
Deutschland.
Natürlich geschah das Foul absichtlich, könnte
ich bis heute drauf wetten. Allerdings nicht, um
den Gruppengegner absichtlich zu schwächen,
sondern als Revanche für eine Szene, die sich
kurz zuvor abgespielt hatte. Je öfter das Foul
von Boateng an Ballack im Fernsehen gezeigt
wurde, desto schneller vergaß man, dass Ballack
einige Minuten zuvor Boateng geohrfeigt hatte.
Er ist ja bekannt dafür, dass er gerne mal
Zeichen setzt. In Deutschland ließen ihm die
Schiris zumeist auch die niederträchtigste
Blutgrätsche kommentarlos durchgehen, in England
darf er anscheinend auch Backpfeifen ungestraft
verteilen. Es gibt nicht wenige Leute, die dies
bedauern. Hätte das Mimöschen Ballack nicht
Mädchenpensionat gespielt, sondern dem Boateng
richtig eine geschmiert, dann hätte dies der
Schiri gar nicht übersehen können und ihn mit
Rot vom Platz schicken müssen. Damit wäre er
allerdings fit für die WM geblieben. So durfte
er sich zehn Minuten über seinen gelungenen Coup
freuen und hatte dann Turnierende schon drei
Wochen vor Beginn.
Tja, und dann war er weg, der Ballack, und die
halbe Nation heulte ihm hinterher, weil jammern
halt so viel Spaß macht. Ich wiederhole gerne
das, was ich vor vier Jahren schon gesagt habe,
und vor zwei Jahren noch mal, immer wenn
Kopfherzhirn Ballack was an der Wade hatte: wenn
wir dieses ewige Gejammer in der Öffentlichkeit
wirklich Ernst meinen, dann sollten wir gleich
die gesamte Mannschaft vom Turnier abmelden. Das
müssen ja Krampen sein, wenn einem Einzigen so
hinterher geschluchzt wird. Oder aber, man macht
es so, wie Mannschaft und Trainerstab
reagierten: natürlich ist Ballack ein wichtiger
Spieler, aber zur Not geht es auch ohne ihn. Und
zwar locker. Und dass es dann tatsächlich
hingehauen hat, macht das vorherige Gejammer nur
noch peinlicher. Wobei es ja zumeist von Leuten
kommt, die wirklich keine Ahnung vom Fußball
haben. Die dem medialen Superstar-Kult erlegen
sind, der um Gestalten wie Ballack, Messi oder
Cristiano Ronaldo aufgebaut wird. Und die sich
wahrscheinlich dann vorab um ihre lustigen
Fan-Partys betrogen sahen.
Außer Kopfherzhirn Ballack sagten übrigens noch
ein paar Nebendarsteller in der Mannschaft
verletzt ab, so wurden sie jedenfalls in der
Presse dargestellt bzw. ignoriert. Adler und
Rolfes aus Leverkusen sogar noch vor dem Müscha,
Träsch aus Stuttgart und Westermann aus Schalke.
Man hätte glatt meinen können, die hätten vor
der WM heimlich einen Nutella-Werbespot gedreht,
was ja von jeher das Ende der
Nationalmannschaftskarriere aller Beteiligten
einläutet. Dass den Jogi so etwas überhaupt
nicht juckt, weil er aus dem Stand einen
Alternativplan in der Tasche hat – das ist das
Hochprofessionelle an diesem Mann. Auch dass er
sich nicht reinreden lässt, wenn er einmal einen
Entschluss gefasst hat. Ich persönlich wäre nie
auf die Idee gekommen, einen Klose oder einen
Podolski mitzunehmen, ganz einfach, weil ich
finde, man sollte es sich doch schon mit
halbwegs konstant guten Leistungen in der
Bundesliga verdienen, in einen solchen Kader
aufgenommen zu werden. Diese altmodische Ansicht
juckt den Jogi wenig, der verteilt schon Monate
vorher Stammplatzgarantien für die beiden, die
in ihren Vereinen absolut nichts auf die Reihe
kriegen. Dafür nimmt er den besten deutschen
Torschützen der abgelaufenen Saison als
Bankdrücker mit, und den zweitbesten bootet er
mit der ziemlich lächerlichen Begründung aus,
dieser passe nicht in sein taktisches Konzept,
was zum Einen ziemlich schwach ist, um nicht
zugeben zu müssen, dass er ihn aufgrund
persönlicher Animosität nicht mehr haben will,
zum Anderen sogar glatt gelogen, denn der
Kuranyi war in der abgelaufenen Saison einer der
wenigen Spieler, in deren Mannschaften
tatsächlich das Löw’sche System mit nur einer
echten Spitze gespielt wurde. Aber der Erfolg
gibt dem Jogi Recht, auch wenn er sich mit
solchen Dingen natürlich angreifbar macht, denn
die Merkwürdigkeiten dieser Personalpolitik
springen einem ja sofort ins Gesicht. Aber da er
dies auch weiß, ist er auch bei Ausfällen wie
dem von Ballack völlig tiefenentspannt und hat
schon vor der ersten Pressekonferenz zum Thema
mehrere Alternativen im Kopf durchgespielt.
Im Auftaktspiel gegen Australien wurde die
deutsche Mannschaft gleich gefordert. Und zwar
in den ersten drei Minuten des Spiels. Dies
gipfelte darin, dass die Australier die erste
Chance des Spiels hatten, welche zugleich auch
ihre letzte war. Anschließend nahmen wir die „Socceroos“
mal gepflegt auseinander, natürlich waren es
Podolski und Klose, die die ersten WM-Tore für
Deutschland erzielten. Und während die
Löw-Kritiker noch ganz verschämt hinterm Sofa
hervorschauten, setzte der eins drauf und
präsentierte uns mit Cacau noch einen dritten
Spieler, von dem drei Monate vor der WM auch
niemand gewusst hätte, wozu der hätte mitfahren
sollen, höchstens als Tourist. Kaum
eingewechselt, machte er das Tor zum
4:0-Endstand. Wirklich unheimlich, der Jogi.
Leider fehlte seine magische Eingebung im
zweiten Spiel fünf Tage später, gegen Serbien.
Ansonsten hätte beim Handelfmeter für
Deutschland wohl allein des Jogis Aura Lukas
Podolski davon abhalten können, sich den Ball zu
nehmen und gekonnt zu verschießen. Und wenn ich
dann natürlich am nächsten Tag seitenweise lesen
muss, der Poldi habe ja Verantwortung
übernommen...das war schlichter Egoismus, weil
er in diesem Spiel aus allen Lagen geschossen
und nichts getroffen, aber mindestens drei
Hochkaräter vor dem Elfer vergeben hatte. Man
konnte schon ahnen, der Podolski kann an diesem
Tag noch stundenlang aufs Tor schießen, der Ball
würde nicht reingehen. Es gibt halt solche Tage.
Verantwortungsvoll wäre es gewesen, die Kugel
jemandem zu überlassen, der an jenem Tag nicht
so sehr vom Schusspech verfolgt war. Das hätte
in jenem Fall wirklich jeder sein können, sogar
der Platzwart.
Man verlor das Spiel gegen Serbien mit 0:1, weil
der launige spanische Schiri in den ersten 20
Minuten fünf Gelbe Karten zeigte, wovon eine
einzige, die für den linken serbischen
Außenverteidiger, Name verdrängt, berechtigt
gewesen wäre. Dann stellte Klose das Denken ein
und trat an der Mittellinie nach etwas über
einer halben Stunde einen Serben um, sicherlich
nicht absichtlich, aber er muss sich fragen
lassen, ob das nötig war, schließlich hatte er
selbst zuvor am eigenen Leib zu spüren bekommen,
wie der Schiri sich schon früh unter Zugzwang
gebracht hatte. Klose musste mit Gelb/Rot
runter, eine Minute später machte Serbien den
Siegtreffer, und die zweite Halbzeit bestand
eigentlich fast ausschließlich aus dem
Wettbewerb: die Prinzenrolle gegen den Rest der
Welt, inklusive die eigenen Nerven. Leider
verlor er diesen etwas ungleichen Kampf, und
Deutschland somit auch das Spiel. Plötzlich
drohte ein Ausscheiden des Teams bei der
Vorrunde, das hatte noch keine deutsche
Mannschaft bei einer WM fertig gebracht. Wäre
insoweit vielleicht ganz spaßig geworden,
endlich mal was Neues. Aber man riss sich
zusammen und sprang dem Schreckgespenst im
letzten Gruppenspiel gegen Ghana von der
Schippe. Ziemlich durchwachsene Partie, ein
lichter Moment des Bremers Mesut Özil entschied
die Partie, und da das Ergebnis Ghana ebenfalls
zum Weiterkommen reichte und Australien und
Serbien nach Hause schickte, gab es in den
letzten Minuten auch nichts Aufregendes mehr.
Auch das Halbbruder-Duell Boateng gegen Boateng,
eine einmalige Angelegenheit in der
WM-Geschichte, war nicht von irgendwelchen
Zwischenfällen betroffen. Deutschland durch den
Sieg knapp dem Ausscheiden entronnen und daher
plötzlich Gruppensieger. So schnell kann das
gehen! Dies bedeutete, dass wir im Achtelfinale
auf England trafen, und allein das reichte ja
schon wieder aus, um einige zittern zu lassen,
schließlich kam da der große Turnierfavorit, der
immerhin noch kein Spiel verloren hatte! Ich
hingegen hatte was zu lachen und war heilfroh,
dass nicht die US-Amerikaner der Gegner waren.
Gegen England kannst du eigentlich nur gewinnen,
so oder so. Dafür sorgen sie schon selbst.
Achtelfinale
Nach zwei, diplomatisch formuliert, mäßigen
Achtelfinalspielen, in denen sich Uruguay und
Ghana jeweils mit 2:1 gegen Südkorea und die USA
durchsetzten, ohne dass es nennenswerte
Vorkommnisse gegeben hätte (mal abgesehen davon,
dass die WM mit der Partie Ghana gegen USA ihre
erste Verlängerung erlebte), war es dann auch
soweit: das Spiel Deutschland gegen England, der
„Klassiker“ (TV-Werbung), stand an. „Kein Spiel
wie jedes andere!“ befand ARD-Plaudertasche
Steffen Simon beim Anpfiff, gleichwohl ging auch
diese Partie zunächst nur über 90 Minuten und
musste spätestens im Elfmeterschießen einen
Sieger finden, wie alle anderen
Achtelfinalspiele auch. Da hatte die FIFA so gar
nicht auf Herrn Simon gehört. Und auch sonst war
es eine Partie wie viele andere bei der WM, die
eine Mannschaft richtig gut, die andere
hoffnungslos unterlegen. Sogar die
obligatorische Fehlentscheidung des Schiris war
dabei, also wirklich business as usual.
Deutschland zerlegte England in seine
Bestandteile, weil die eben kein „großes“ Team
haben und weil man sich vom Ruhm, das
„Mutterland des Fußballs“ zu sein, 150 Jahre
später eben nichts kaufen kann. Allein schon das
1:0 durch Klose...mal Hand aufs Herz, liebe
Leser: welcher Kreisliga-Trainer unter euch
würde nicht einen verbalen Herzkasper an der
Seitenlinie erleiden und seinem Team sofort jede
Bezirksliga-Tauglichkeit absprechen, wenn seine
Mannschaft einen Treffer nach einem
104-m-Abschlag des gegnerischen Torwarts
bekommen würde? Das war doch wirklich unfassbar.
Und beim 2:0 durch Podolski wurde so schnell
durch die Abwehr der Engländer kombiniert, dass
die Jungs von der Insel nun wirklich so wirkten,
wie man es ihnen im Scherz gerne unterstellt,
nämlich frisch vom Tresen des nächstgelegenen
Pubs eingeflogen. Das war ein einziger
Trümmerhaufen, und wenn man einer englischen
Nationalmannschaft attestieren muss, dass
ausgerechnet deren Torwart einer der besten
Spieler war, dann sagt dies doch schon einiges
aus. Bis England zum ersten Mal gefährlich vor
das Tor der Deutschen kam, hätte die Partie
schon längst durch sein müssen, zwei, drei
weitere hochkarätige Chancen waren zuvor
vergeben worden. Dann verschätzte sich Keeper
Manuel Neuer bei einer Flanke, und auch Boateng
dachte wohl, sein Gegenspieler käme eh nicht vom
Boden hoch, da müsse er dies ebenfalls nicht
tun. Prompt köpfte Upson zum Anschlusstreffer
der Engländer ein und läutete damit die
Drangphase der Engländer ein, die ungefähr 60
Sekunden dauerte und ihren Höhepunkt im
Kunstschuss von Frank Lampard fand. Dessen
Lupfer aus 16 Metern Entfernung war zwar drin,
er sprang von der Unterkante der Latte deutlich
hinter die Torlinie, dann wieder zurück unter
die Latte, dann vor die Linie, bevor Neuer ihn
aufnehmen konnte, aber der Schiri aus Uruguay
hatte nix gesehen. Okay, konnte der auch nicht,
zwischen ihm und dem Ball befand sich ein
fliegender Neuer in seinem Blickfeld. Der
Linienrichter, der nicht frontal von vorn,
sondern eher schräg auf die Szene schaute, hätte
es eigentlich sehen können, dachte aber wohl
grad an seine Schöne in Montevideo und konnte
daher auch nichts zur Aufklärung der Situation
beitragen. Somit ließ der Schiri weiterspielen.
Riesenglück natürlich für die deutsche
Mannschaft, dass sie sich nicht binnen einer
Minute Anschlusstreffer und Ausgleich einfing,
aber es wäre auch nicht verdient gewesen.
Jedoch scheinen die Deutschen zwei schwarze
Minuten in diesem Turnier zu haben: gegen
Serbien flog Klose in der 37. Minute vom Platz,
in der 38. Minute machte Jovanovic das Siegtor
für die Balkan-Kicker. Gegen England fiel das
Gegentor in der 37. Minute, in der 38. Minute
eigentlich der Ausgleich. Das sollte Aiman
Abdallah doch eine Folge „Galileo Mystery“ wert
sein, nur als Anregung...
Anfang der zweiten Halbzeit machten die
Engländer dann zaghaft etwas Druck nach vorne,
und wiederum Frank Lampard, der einzige
Engländer, dem man Normalform attestieren
konnte, traf mit einem Freistoß erneut die
Latte. Danach reichte es den Deutschen, und sie
knipsten den Gegner binnen drei Minuten aus,
durch zwei blitzsaubere Konter, jeweils
abgeschlossen von Thomas Müller, der nach dem
Spiel sogar noch seine beiden Omas grüßen
konnte, wahrscheinlich war er durch die
englische Spielweise an sie erinnert worden.
England natürlich im Pech wegen der falschen
Schiedsrichter-Entscheidung, aber ansonsten
hoffnungslos unterlegen, was erstaunlicherweise
am nächsten Tag auch der britische Boulevard und
Experten wie Gary Lineker oder Alan Shearer
anerkannten. Nur der Trainer nicht, aber der ist
ja auch Italiener. England wie immer vorzeitig
ausgeschieden.
Von den weiteren Achtelfinalspielen muss man
auch nicht allzu viel wissen, höchstens dass
Argentinien gegen Mexiko durch ein blitzsauberes
Abseitstor in Führung ging, dies zu übersehen,
war wirklich schon eine Kunst und kostete den
Schiedsrichter Roberto Rosetti (immerhin Leiter
des EM-Finales 2008) eine mögliche
Finalteilnahme. Danach hatte Argentinien ebenso
wenig Mühe, sich mit 3:1 durchzusetzen wie die
Niederlande beim 2:1 gegen die ausgepowerte
Slowakei und Brasilien beim 3:0 gegen das
tapfere Chile. Wobei die Niederlande und
Brasilien wieder diesen unterkühlten Fußball der
Vorrunde ablieferten, mit dem man zwar gewinnt,
aber nicht glänzt. Dieses geruhsame Abwarten,
bis der Gegner aufgrund seiner mangelnden
spielerischen Klasse einen Fehler macht, ist
nicht wirklich etwas für Fußball-Ästheten, aber
beide Teams sind in der Vergangenheit schon oft
genug in Schönheit gestorben, vielleicht hat da
ein Umdenken stattgefunden.
Dann gab es noch Paraguay gegen Japan, ein
Spiel, bei dem man einen Satz des Kommentators
als Wertung im Original übernehmen kann: „Hier
war schon nach 10 Minuten klar, dass es
Elfmeterschießen geben würde.“ Und da beide
Torhüter sich den „Leistungen“ der Feldspieler
anschlossen und nicht einen Elfmeter parieren
konnten, musste erst ein Kicker die Kugel gegen
die Latte wemmsen, damit es einen Sieger geben
konnte. Da dies ein japanischer Spieler war,
gewann Paraguay und zog erstmals in der
Fußball-Geschichte in ein WM-Viertelfinale ein,
obwohl sich jeder angesichts der dargebotenen
Leistung fragte, warum.
Im letzten Achtelfinalspiel gab es dann auch mal
wieder was Besonderes, Spanien gegen Portugal,
natürlich sofort zum „Bruderkampf“
hochstilisiert, wobei ich keine zwei Brüder
kenne, die völlig unterschiedliche Sprachen
sprechen, noch nicht einmal die Boatengs.
Spanien siegte mit 1:0, natürlich durch ein
Abseitstor, wie es bei dieser WM guter Brauch
geworden ist, dazu noch durch David Villa, der
ja eigentlich noch seine zwei Spiele Sperre
aufgrund seiner Tätlichkeit gegen Honduras hätte
absitzen müssen, wenn man bei der FIFA nicht
plötzlich mit unerklärlicher Blindheit behaftet
gewesen wäre. Portugal enttäuschte auf der
ganzen Linie, der schöngefönte Cristiano Ronaldo
übertrieb es mit seinem Schwalbendrang derart,
dass er noch nicht mal mehr berechtigte
Freistöße bekam. Nach Ribery und Rooney der
nächste „Superstar“, der völlig enttäuschte. Ich
hoffe, er hat nach dem Spiel nicht geweint.
Viertelfinale
In den Viertelfinalspielen kam es anschließend
endlich auch zu dem, was unsereins unter
„Spannung“ versteht, mit einer Ausnahme, die wir
uns allerdings gerne gefallen ließen. Zunächst
jedoch Niederlande gegen Brasilien. In diesem
Spiel zeigten die Brasilianer in der ersten
Hälfte endlich einmal, wozu sie fähig wären,
wenn sie denn Lust hätten, während die
Niederlande dies in der zweiten Hälfte taten.
Folgerichtig erzielten beide auch je einen
Treffer. Da die Brasilianer zum guten Gelingen
des Tages allerdings noch ein Eigentor zum
zwischenzeitlichen Ausgleich für die
Tulpenknicker beisteuerten, gewannen die
Niederlande mit 2:1 und schickten den großen
Titelfavoriten nicht unverdient nach Hause. Zum
zweiten Mal nach 2006 kam das Aus für Brasilien
bereits im Viertelfinale, mit Kaká nahm ein
weiterer der vor dem Turnier so hochgejazzten
„Superstars“ seinen Hut. Die WM-Werbung, die zum
Teil schon Monate vor dem Eröffnungsspiel in
aller Herren Länder bis zum Erbrechen
ausgestrahlt worden war, entpuppte sich diesmal
als Nutella-Spot des internationalen Fußballs.
Zweites Viertelfinale, Uruguay gegen Ghana. Ein
Spiel mit pädagogischem Nährwert, lernten doch
auch die kleinsten Fußball-Fans an jenem Abend,
dass sich Verbrechen lohnt. Naja, so hart war es
natürlich nicht. Aber dass eine Rote Karte dann
und wann ganz nützlich sein kann, dies wurde in
diesem Spiel überdeutlich: 120. Minute, letzte
Minute der Verlängerung, mit der eigentlich
letzten Aktion des Spiels, machte Ghana das 2:1.
Beziehungsweise so hätte es sein können, wenn
Uruguays Stürmer Suarez nicht mit einer
Verzweiflungstat den Treffer verhindert hätte,
indem er auf der Torlinie mit der Hand klärte.
Natürlich glatt Rot für den Spieler und als
letzte Amtshandlung des Spiel Handelfmeter für
Ghana. Nichts Neues also für den letzten
afrikanischen Vertreter im Wettbewerb,
schließlich hatten sie in der Vorrunde bereits
zwei Strafstöße erhalten, die Asamoah Gyan auch
souverän verwandelt hatte. Und das hätte er auch
diesmal getan, der Keeper war mal wieder
chancenlos, leider zielte Gyan zehn Zentimeter
zu hoch, und dort stand dann die Torlatte
zwischen ihm und seinem lebenslangen Heldentum
im Heimatland. Da dies die letzte Aktion des
Spiels war, hatte Suarez seine Mannschaft mit
seinem Handspiel somit ins Elfmeterschießen
gerettet. Wie gesagt, manchmal lohnt es sich.
Denn Uruguay gewann das eigentlich schon
verlorene Spiel noch im Elfmeterschießen und
stand zum ersten Mal seit 40 Jahren wieder in
einem WM-Halbfinale. Nun kann man sagen, schade
für Afrika, so dicht ist noch nie eine
afrikanische Mannschaft am Einzug ins Halbfinale
gescheitert. Den zwischenzeitlichen Ausgleich
für Uruguay hatte deren „Stürmerstar“ Forlán
(endlich mal einer, bei dem auch drin war, was
drauf stand, fünf Turniertreffer) übrigens mit
einem Freistoß erzielt, der auch nur dann als
unhaltbar angesehen werden kann, wenn man weiß,
dass zwischen den Pfosten ein WM-Torhüter steht.
Abseitstore und Torwartfehler – wenn man die WM
mit zwei griffigen Schlagworten umschreiben
sollte, wären dies die ersten beiden, die mir
einfallen würden.
Dann dämmerte der 03.07.2010 herauf, ein
denkwürdiger Tag, in allen Belangen. Zuerst 37
Grad im Schatten in Deutschland, dann kurz vor
dem Spiel ein heftiges Gewitter mit
Hagelschauer, Sturmböen, vollgelaufenen Kellern
und überfluteten Straßen. Selbst die größten
Fußballmuffel, die während der Partie gegen
Argentinien vielleicht lieber spazieren gehen
wollten, sollten so wohl vor den Fernseher
gezwungen werden. Und das zurecht, denn was die
deutsche Mannschaft an jenem Nachmittag auf dem
Rasen in Kapstadt zelebrierte, konnte einem
Tränen der Rührung in die Augen treiben. Und
zugleich auch stutzig machen, denn solch
begeisternden Fußball spielen meist nur die
„Sieger der Herzen“, die dann noch kurz vor
Schluss eines Turniers von irgendeiner
kühl-analytisch spielenden Truppe einmal
geschlagen werden. So war es für uns 2006, so
war es für Tschechen 2004 und die Niederländer
2008. Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu
sein, dass diejenigen, die bei einem Turnier
Zauberfußball spielen, in der Endabrechnung zwar
immer oben, aber eben nie ganz oben stehen. Aber
zunächst einmal war es die reine Freude, mit
anzusehen, wie die hoch gehandelte Truppe um
„Superstar“ Messi (der Nächste bitte...) von der
deutschen Mannschaft besonders in der
Anfangsphase des Spiels und ab der 60. Minute in
ihre Bestandteile zerlegt wurde.
Bekreuzigungsmaschine Maradona hätte dies auch
nicht kompensieren können, wenn seine Arme ohne
Pause rotiert wären. Gegen Jogis Jungs war
einfach kein Kraut gewachsen. Vor allem die drei
Treffer in der zweiten Halbzeit waren so gut
heraus gespielt, man konnte nur noch
applaudieren. Die Argentinier waren dermaßen
geplättet, dass sie sogar vergaßen, wild um sich
zu treten. Eine Sternstunde des deutschen
Fußballs, dieses 4:0, ohne Wenn und Aber.
Der Sternstunde folgten dann zunächst ein paar
verbale Peinlichkeiten. Das ist in jedem Land
der Erde so, wenn man halt Sieger ist, dann
macht das Hirn schon mal Pause. Völlig sinnfrei
zum Beispiel Kloppo Klopp, der nach dem Spiel
bei RTL auf seiner Freilichtbühne in Dresden
darüber räsonierte, dass die Gelbe Karte wegen
Handspiels und die damit verbundene Sperre für
Thomas Müller ja wohl ein „Witz“ seien und er
sich diesbezüglich auf einer
„Kirmesveranstaltung“ wähne. Es sei denn, man
findet es noch lustig, wenn ein angeblich
erwachsener Mensch lauthals behauptet, dass sei
nie und nimmer ein Handspiel gewesen – und zwar
in just dem Moment, in dem die Zeitlupe gezeigt
wird, in der man sehr schön sehen kann, wie die
Hand zum Ball geht und nicht umgekehrt. Okay,
dass er dafür Applaus vom umstehenden Publikum
bekam, war klar, die standen schließlich schon
seit Mittag dort und hatten zuvor ein tolles
Deutschland-Spiel gesehen, von denen war eh
keiner mehr nüchtern. Ganz wichtig – kein Sieg
ohne Verschwörungstheorie gegen die tapferen
Deutschen. Aber clever, wie der Klopp dem
Podolski eine „Überragende Defensivleistung“
bescheinigte – dass der eigentlich Stürmer ist
und als solcher, mit Ausnahme der schönen
Vorarbeit zum 2:0, doch eher durchwachsen
gespielt hatte, fiel somit natürlich galant
unter den Tisch. Wenn Sieger sprechen, dann war
halt alles toll, und wenn nicht, dann war es
unter Garantie jemand anderer Schuld.
Aber ich will mich nicht beklagen. Schließlich
blieb mir im Vorfeld der Partie gegen
Argentinien, in dem natürlich ausführlich das
Nachspiel der Viertelfinal-Partie von 2006
angesprochen wurde, ein weiterer jammervoller
Auftritt von Unschuldsfrings erspart. Dafür bin
ich dankbar. Dem Ollitan blieb es vorbehalten,
nach dem Spiel darüber zu räsonieren, wie man
damals mit Notwehr-Torsten ganz bestimmt und
unter allen Umständen und völlig zwingend auch
das Finale erreicht hätte. Aber okay, das ist
halt Olli, bei dem schalte ich kognitiv eh
meistens ab, sobald er Sätze mit „Jaaaaaaaaaa...“
beginnt.
Am Abend wurde dann das Opfer für die deutsche
Halbfinal-Begegnung ermittelt, und das konnte ja
nur Spanien sein. Dachte jeder, so kam es auch,
aber es war ein unerwartet hartes Stück Arbeit
für den amtierenden Europameister. Paraguay
rührte natürlich hinten Beton an, spielte aber
zwischendurch immer mal frech nach vorne, damit
hatte wohl niemand gerechnet. War der nicht
gegebene Treffer von Dortmunds Nelson Valdez in
der ersten Hälfte noch eine etwas zwittrige
Angelegenheit – Cardozo vor ihm stand bei der
Flanke im Abseits, ging auch zum Ball, berührte
ihn vielleicht sogar noch mit dem Kopf, also da
hätte ich auch nicht unbedingt passives Abseits
gesehen –, so drehte der Schiri aus Guatemala im
zweiten Abschnitt richtig auf. Erst Elfmeter für
Paraguay, ganz klar berechtigt, als Cardozo nach
einem Eckball von seinem Gegenspieler
niedergerungen wurde. Der Gefoulte trat selbst
und scheiterte an Keeper Casillas. Sollte es
anschließend hämische Kommentare der Spanier in
Richtung des Schützen gegeben haben, so wird
dies ungefähr eine Sekunde nach der Ausführung
geschehen sein, denn zum Zeitpunkt des Schusses
standen vier (!) Spanier nur noch etwa einen
Meter von Cardozo entfernt. Der Elfer hätte
somit durchaus wiederholt werden können. Dass
dem Schiri diese Regel bekannt ist, zeigte er
dann zwei Minuten später: im Gegenzug nach dem
gehaltenen Elfer wurde David Villa von seinem
Gegenspieler im Strafraum umgestoßen, und auch
diesen Strafstoß kann man geben. Xabi Alonso
verwandelte, aber diesmal hatte der Schiri
aufgepasst und ließ den Elfmeter wiederholen.
Dadurch wurde es dann richtig dramatisch:
Paraguays Keeper Villar parierte den Strafstoß,
holte anschließend aber den Nachschützen von den
Beinen, sodass es direkt wieder Elfmeter hätte
geben müssen. Das traute sich der Schiri
allerdings offenkundig nicht. So würgte sich
Spanien weiter bis zur 83. Minute, in der David
Villa dann ein echtes Billardtor erzielte, nach
Pfostenschuss seines Kollegen Pedro setzte er
den Abpraller ebenfalls zunächst gegen den
rechten Pfosten, anschließend trudelte der Ball
(auf der Torlinie, nicht dahinter!) gegen das
linke Innengebälk und rollte erst dann endlich
hinter die Linie zum erlösenden Siegtreffer. Der
um ein Haar keiner gewesen wäre, denn zwei alte
Bekannte hätten Paraguay fast noch in die
Verlängerung gebracht: in der letzten Minute ein
knackiger Schuss des eingewechselten Barios von
Borussia Dortmund, Torwart Casillas kann die
Kugel nur abklatschen und „Ich rocke“ Santa Cruz
hat Abpraller nebst Verlängerung auf dem
Schlappen. In seiner Zeit bei Bayern München
hätte er den sicherlich reingemacht, auch wenn
er sich damals wahrscheinlich beim Torschuss
wieder mal verletzt hätte. Da er aber
mittlerweile für Manchester City spielt, und
auch die Gastspieler von der Insel bei diesem
Turnier nicht gerade vom Glück verfolgt waren
(man nehme nur Ballack, Drogba oder Essien als
Beispiel), scheitert er im Nachsetzen an
Casillas, der seiner Mannschaft damit Sieg und
Halbfinale rettet.
Halbfinale
Im ersten Halbfinale trafen die Niederlande und
Uruguay aufeinander. Seit jenem Abend fordere
ich einen lückenlosen Stammbaumnachweis des
Papstes. Ich wette nämlich, dass irgendwo in
einer Nebenlinie ein wenig niederländisches Blut
auftauchen wird. Da gewinnen die das Spiel mit
3:2 – und alle drei Tore fallen dergestalt, dass
ein Fernschuss, ein Schuss innerhalb des
Strafraums sowie ein Kopfball jeweils vom
Innenpfosten ins Tor abprallen! Wenn das nicht
ein schönes Beispiel für das Sprichwort „Den
Papst in der Tasche haben“ ist, dann weiß ich’s
auch nicht mehr. Drei schöne Tore, eins davon
natürlich wieder Abseits, wie es Usus ist bei
diesem Turnier (aber diesmal wirklich knapp,
hätte ich auch nicht entscheiden wollen).
Uruguay konnte durch ihren Stürmer Diego Forlán
einmal zurückschlagen und zwischenzeitlich
ausgleichen, was deren Trainer anscheinend
dermaßen verblüffte, dass er Forlán kurz vor
Ende des Spiels bei einem 1:3-Rückstand
auswechselte, nicht dass dem noch solch ein
Geniestreich gelänge. Es reichte dann auch nur
noch zu einem Anschlusstreffer in der
Nachspielzeit, die der Schiri anschließend
völlig zurecht zur Nachnachspielzeit
verlängerte, was noch einmal zu zwei lustigen
Minuten mit plötzlich vogelwilden Niederländern
führte. Oder wie ausgerechnet Mark van Bommel,
der zur Not auch einen Tiger-Panzer weggrätschen
würde, wenn der Trainer es wollte, nach dem
Spiel formulierte: „Soviel Angst wie in den
letzten zwei Minuten hab ich noch nie gehabt!“
Das Wort „Angst“ aus dem Munde dieses
Knochenbrechers, man möchte es kaum glauben.
Aber es ging alles gut, und die Niederlande
standen zum dritten Mal in ihrer Geschichte im
Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft. Völlig
verdient, schließlich hatte man im Verlauf des
Turniers bis dato alle sechs Spiele gewonnen,
sich auch von gegnerischem Ausgleich (Kamerun,
Uruguay) oder gar Rückstand (Brasilien) nicht
aus der Ruhe bringen lassen. Aber eben diese
„Ruhe“ war wohl das, was beim Betrachten ihrer
Spiele ein wenig störte. Ihren begeisternden „Voetball
total“ spielen sie schon lange nicht mehr, es
sieht alles nach nüchterner, konzentrierter
Arbeit aus. Eigentlich schade, aber der Erfolg
gibt ihnen Recht: inklusive des Halbfinals waren
die Niederlande in Länderspielen seit 21 Monaten
unbesiegt! Natürlich ist es traurig, wenn es
nicht so schön anzusehen ist, aber mit genau
einem solchen Spiel, gnadenlos auf Effektivität
und nicht auf Schönheit ausgelegt, heimst
normalerweise Bayern München einen Meistertitel
nach dem anderen ein, da sagt ja auch niemand
was. Außerdem eine klassische Kopie unserer
Spielweise in früheren Jahren, besonders in den
1980ern. Aber bei uns heißt das ja dann
„Turniermannschaft“. Ah ja.
Und als es endlich soweit war, dass auch die
deutsche Mannschaft wieder ran durfte, da war
der Käse schon im Vorfeld gegessen.
Wahrscheinlich passiert genau so etwas, wenn man
zuviel Zeit zwischen den Spielen hat. In Presse
und Event-Fan-Kreisen wurde die Mannschaft nach
dem Argentinien-Spiel hochgejubelt, völlig
zurecht. Anschließend wurde allerdings der
nächste Gegner, wie bereits geschrieben, eher
zum „Opfer“ als zum ernsthaften sportlichen
Rivalen herabgewürdigt. Grundlage dafür waren
die mäßigen Leistungen, die Spanien bis dato
abgeliefert hatte. Wie sollten die gegen unsere
Überflieger überhaupt eine Chance haben? Das
Spiel war gewonnen, bevor es überhaupt gespielt
worden war. Ein sehr schöner
öffentlich-rechtlicher Zweizeiler als Beispiel
zu genau dieser Arroganz folgt weiter unten.
Auch die Mannschaft hatte anscheinend zuviel
Freizeit. Und während es in den Wochen zuvor so
wunderbar ruhig und harmonisch geblieben war,
gab es diesmal einige Dissonanzen. Ausgelöst
durch die verfrühte Abreise des schönsten
Ex-Kapitäns aller Zeiten, Michael Ballack. Der
war mal kurz zum Team geflogen, um auch schön in
den Medien präsent zu sein, hatte eigentlich
angekündigt, bis zum Turnierende bleiben zu
wollen und war dann doch vorzeitig Richtung
Heimat gedüst. Dies reichte den Medien, um über
ein Zerwürfnis zwischen Ballack und der
Mannschaft zu spekulieren. Kindergartenkram,
frisch auf den Schlagzeilen-Tisch. Anschließend
noch schnell die Aussage von Philipp Lahm
genommen, wonach der Bundestrainer nach WM und
Genesung Ballacks über die Vergabe der
Kapitänsbinde neu zu entscheiden habe, Selbiges
schön hochgejazzt zum „Machtkampf“ und dazu,
dass Lahm die Binde nicht mehr freiwillig würde
hergeben wollen – und schon war die Unruhe da,
die die Medien brauchten, denn Ruhe und Harmonie
sind Gift für Schlagzeilen und Quoten. Da wollte
der zweite Schöngeföhnte des Teams, Olli
Bierhoff, auch nicht zu kurz kommen. Nicht dass
man ihn wegen all dieser Jungspunde, die
plötzlich Fußball spielen konnten, nicht mehr
beachten würde! Und so stand er seinem
l’Oréal-Bruder im Geiste bei, indem er Lahm
rüffelte, für eine öffentliche Diskussion um das
Kapitänsamt sei der Zeitpunkt herzlich
ungeeignet. Das Verblüffende daran: er hatte
Recht. Warum allerdings der Zeitpunkt für einen
öffentlichen Rüffel des Kapitän gerade so
geeignet war, also warum dies nicht im stillen
Kämmerlein erfolgen konnte, das ist mir
eigentlich bis heute nicht so richtig klar.
Wahrscheinlich sollte es wirklich nur der
Arbeitsnachweis des Managers für die staunende
Öffentlichkeit sein. Völlig daneben.
Und dann brach uns Paul das Genick. Zwei Tage
vor dem Spiel verkündete er nämlich bereits die
deutsche Niederlage. Nein, nicht Paul Breitner,
der zwar schon vor Monaten gesagt hatte, seiner
Einschätzung nach werde Spanien Weltmeister, was
nunmehr natürlich unausweichlich bedeutete, dass
er auf eine deutsche Niederlage tippte; nein,
bei Paul handelt es sich um einen Kraken aus dem
Sommerloch bzw. aus dem SeaLife in Oberhausen.
Schon bei der EM 2008 ließ man ihn mediengerecht
die deutschen Spiele tippen, indem ihm zwei
identische Boxen mit Muschelfleisch ins Becken
gestellt wurden, nur zu unterscheiden durch die
deutsche Flagge auf der einen sowie die Flagge
des jeweiligen Gegners auf der anderen Box. Und
dann schaute man, über welche Box sich der
sympathische Wirbellose zuerst her machte. Bei
der EM war ihm das Kunststück gelungen, alle
Spiele der deutschen Mannschaft auf diese Weise
richtig zu tippen, inklusive der damaligen
Vorrunden-Niederlage gegen Kroatien. Einzige
Ausnahme: für das Finale hatte er einen Sieg der
Löw-Elf vorausgesagt („vorausgegessen“ passt
vielleicht besser), bekanntlich verloren wir 0:1
gegen Spanien. Auch bei der WM war Paul groß in
Form. Seine Voraussagen waren stets genau, auch
die Niederlage gegen Serbien hatte er auf seinem
(Speise-)Zettel. Und dann machte das Vieh doch
tatsächlich nicht das, was es sollte: vor den
Augen der Weltpresse öffnete er die Box der
Iberer, um sich das spanische Muschelfleisch
einzuverleiben! Klar, die verstehen eh mehr von
Paella. Damit war die Sache eigentlich schon
entschieden. Man tröstete sich, dass dieser
rückgratlose Wahrsager ja auch schon vor zwei
Jahren die letzte Partie gegen Spanien falsch
getippt hatte und stellte eine baldige
Weiterverwendung des maritimen Sehers in Form
von calamari fritti in Aussicht. Armer Paul. Was
man Paul Breitner in Aussicht stellte, ist mir
leider nicht bekannt.
Und nun wollen wir es kurz machen, denn ich
denke, das Spiel hat wirklich jeder gesehen, ob
er nun etwas von Fußball versteht oder nicht.
Deutschland verlor 0:1. Wie im Finale 2008. Man
war, grob gesagt, chancenlos, und hätte sich
über eine höhere Niederlage nicht beschweren
dürfen. Wie im Finale 2008. Es bleibt daher ein
großes Rätsel, warum die Partie überhaupt
angepfiffen wurde, wir wussten doch alles schon
vorher. Die Spanier mit überragendem Pass- und
Laufspiel, ließen die Deutschen gar nicht erst
an den Ball kommen. Siehste, Maradona, so wird
das gemacht. Eigentlich unglaublich, dass es 73
Minuten bis zum Tor des Tages dauerte, und dass
es aus einer Standard-Situation heraus entstand,
als Wolfgang Petry – anscheinend lang genug
durch die Bars auf Mallorca getingelt, sodass es
endlich für den spanischen Pass gereicht hatte –
einen Eckball per Kopf zu Sieg und Finale in die
Maschen wuchtete. Naja, vielleicht war es auch
Puyol, der „Königspudel aus Barcelona“ (Bela
Rethy), wer kann das bei solchen Frisuren schon
so genau sagen. Deutschland hatte im gesamten
Spiel eigentlich nur zwei gute Chancen, einen
Fernschuss von Trochowski, der den gesperrten
Müller ersetzte, sowie einen Abschluss nach
feiner Kombination durch Toni Kroos, der für
Trochowski eingewechselt worden war. Das
„etablierte“ Personal bekam somit fast nichts
auf die Reihe, Podolski, Khedira, Özil, alles
Ausfälle, Klose bekam vorne über 90 Minuten
gefühlt drei Bälle zugespielt. Wenn sie mal eine
Idee hatten, waren direkt drei Spanier am Mann,
um die Situation zu klären. Ich habe mehrfach
nachgezählt, die hatten wirklich nur zehn
Feldspieler und einen Torwart auf dem Platz,
auch wenn dies zwischenzeitlich kaum zu glauben
war. Und dann leistete sich Jogi Low neun
Minuten vor Schluss noch den bitteren Scherz,
Mario Gomez einzuwechseln. Der brillierte mit
seinem ersten Auftritt, indem er eine Flanke von
Jansen in den Strafraum beinahe zu Selbigem
zurück geköpft hätte, die Richtung stimmte auf
jeden Fall. Auch sein letzter Auftritt in der
Nachspielzeit war sehenswert, anstatt dem drei
Meter entfernten Klose den Ball am Strafraum in
den Lauf zu spielen, wähnte er ihn wohl zehn
Meter weiter vor und spielte daher den langen
Ball in die Arme von Keeper Casillas. Unfassbar.
Und ein schöner Beweis dafür, dass auch ein Jogi
Löw nicht unbegrenzt an seinen Lieblingen
festhalten kann. Bei Klose hatte es
funktioniert, bei Podolski in großen Teilen
auch, aber bei Gomez muss sich Löw fragen
lassen, was er sich bei dieser Einwechslung wohl
gedacht hat, zumal mit Cacau und Kießling noch
zwei weitere Stürmer auf der Bank saßen.
Vielleicht hat der Jogi mit dieser Einwechslung
ja innerlich gekündigt. Die nächsten Wochen
werden es zeigen.
Kleines und Großes Finale
Und so trat die deutsche Mannschaft erneut in
dem Spiel an, für das sich niemand interessiert,
was dann allerdings meistens dazu führt, dass es
sehr unterhaltsam wird. Das diesjährige Spiel um
Platz 3 war keine Ausnahme, nach einem munteren
Hin und Her gewann Deutschland gegen Uruguay mit
3:2 und holte erneut die Bronzemedaille? Und ist
das etwas nichts? Natürlich das nichts für
unsere erfolgs-gestylten Medien, und für einen
Großteil der Hunderttausenden
Partymeilen-Besucher ist das auch nichts.
Drittbester der Welt, Zweitbester in Europa,
pah! Da sind wir aber anderes gewohnt!
Allerdings nur, wenn man etwas länger zurück
denken kann. Bis zu den Europameistern von 1972,
die dann 1974 auch Weltmeister wurden nämlich.
War ja quasi grad gestern. Ich persönlich finde
zwei dritte Plätze bei WMs und einen zweiten
Platz bei einer EM, das alles binnen vier
Jahren, gar nicht so übel, hoffe aber auch, dass
da in den folgenden Jahren noch Luft nach oben
ist, ohne gleichzeitig jetzt enttäuscht zu sein.
Und es war wieder schön zu sehen, wie sich die
deutschen Kicker im Kleinen Finale nach
1:2-Rückstand aufrafften und noch den 3:2-Sieg
herausköpften. Erst Marcell Jansen nach –
endlich mal wieder – krassem Torwartfehler, dann
Sami Khedira mit Kopf und Übersicht nach
Kuddelmuddel im Strafraum. Es freut mich, weil
es zeigt, dass die Mannschaft das Spiel genauso
Ernst nahm wie wir diesen Sieg Ernst nehmen
sollten. Das hat sich die Mannschaft auch
redlich verdient.
Apropos verdient: das WM-Finale mit den meisten
Platzverweisen, welches mir jetzt ad hoc
einfällt, war jenes unsere Mannschaft im Jahr
1990 gegen Argentinien, als in den
Schlussminuten noch zwei Gauchos des Feldes
verwiesen wurden. Das Finale 2010 hätte es
verdient gehabt, in dieser Beziehung auch an die
Spitze zu kommen. Aber Schiri Webb traute sich
offenkundig nicht, den rustikalen Einsatz,
überwiegend der Holländer, aber auch die Spanier
langten hier und da tüchtig zu, entsprechend zu
würdigen. So durfte zum Beispiel Nigel de Jong
bis zu seiner Auswechslung unbeschadet weiter
spielen, nur mit Gelb versehen, obwohl er Mitte
der ersten Halbzeit schon demonstriert hatte,
dass er auf Ärgste die Sportarten verwechselte,
als er seinen Gegenspieler mit einem
Kung-Fu-Tritt niederstreckte. Bei van Bommel bin
ich ja nicht nur in der Bundesliga der Ansicht,
der sollte eigentlich schon beim Auflaufen
prophylaktisch Gelb bekommen, ansonsten lernt
der das Fußballspielen nie mehr, aber auch Puyol
und Sergio Ramos putzten, sägten und klammerten,
dass es eine helle Freude war, allerdings nur,
wenn man auf ständige Unterbrechungen steht,
weil einem das Spiel eh viel zu schnell ist.
Ansonsten gab es in diesem Finale nicht viel zu
sehen, zwei Riesenchancen für Robben, bei Bayern
unter Louis van Gaal hätte er Strafrunden bis
zum Erbrechen drehen müssen, wenn er die dort
versiebt hätte, da bin ich sicher. Auf der
Gegenseite zwei ebenfalls dicke Dinge, als
Sergio Ramos per Kopf und David Villa per Fuß
freistehend vergaben. Ansonsten gab es fast nur
Fouls und Freistöße sowie immerhin einen neuen
Final-Rekord für das Ziehen Gelber Karten,
nämlich deren zwölf bzw. wenn man Gelb/Rot in
der Verlängerung für Heitinga noch mitzählt,
dann sogar dreizehn. Ich bin sicher, wenn der
Schiri des Deutschland-Spiels gegen Serbien
gepfiffen hätte, dann hätten die restlichen acht
Spieler (also insgesamt, nicht pro Mannschaft!)
in der Pause auch gleich in der Kabine bleiben
können. So aber war bei diesem Spielverlauf
ziemlich klar, dass es in die Verlängerung ging.
Dort erlöste das Iniesta die Spanier in der 117.
Minute mit dem Siegtreffer. Es war ein
reguläres, schön herausgespieltes Tor, nicht die
Spur von Abseits, keine Chance auch für den
Torwart, und the Godfather of Soccer, Bela Rethy,
hatte auch völlig Recht mit seiner Behauptung,
dass der beste Spieler auf dem Platz den Treffer
erzielte. Dennoch war das Tor auf eine Art
irregulär: der beste Spieler auf dem Platz hätte
zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr auf Selbigem
stehen dürfen. Genau wie de Jong zuvor hätte
nämlich auch Iniesta während der regulären
Spielzeit Rot sehen musste, als er sich in der
79. Minute mit einer Tätlichkeit an van Bommel
versuchte, während der Ball 30 Meter weit
entfernt war. Dass dies von den
Schiedsrichter-Assistenten unbemerkt blieb, ist
schon ein starkes Stück. Umso stärker ist es,
wenn ausgerechnet derjenige dann noch das alles
entscheidende Tor macht. Ich zumindest hätte mir
gewünscht, dass es jemand anderes gewesen wäre.
Aber natürlich wird dies nicht weiter
thematisiert werden. Schließlich bin ich ja in
Deutschland. Und hier ist nun mal die
vorherrschende Meinung, dass im Fußball gegen
Holland und Italien alles erlaubt ist, weil die
so bäh sind. Ist dasselbe wie damals bei Zidane.
Ich wette, der bekommt heute noch
Beileidsbriefe, in denen vom großen Verständnis
für seinen damaligen Ausraster geschrieben wird.
Weil der böse Italiener ihn ja ganz pfuipfuipfui
beleidigt hatte. Wie gesagt, wenn es gegen
Holland oder Italien geht, ist das alles kein
Problem, weshalb auch niemand ein Problem mit
dem entscheidenden Tor haben wird. Viel
wichtiger ist ja schließlich, dass sich die
Käsköppe jetzt nicht vier Jahre lang über uns
lustig machen können.
Und außerdem muss man natürlich sagen, egal, wer
das Tor schießt, der Sieg und der WM-Titel für
Spanien sind verdient, daran gibt es nichts zu
rütteln. Aber wenn man sich den Weg der Spanier
durch das Turnier beguckt und sich dann noch die
letzten drei Treffer dieser WM vor Augen führt,
also die Tore von Jansen, Khedira und
schließlich Iniesta, dann sieht man den großen
Zusammenhang: die drei Treffer standen
symbolisch hervorragend für diese WM: ein
Torwartfehler, ein Kuddelmuddel und (in weitem
Sinne natürlich) ein irreguläres Tor. Dazu wird
die Mannschaft Weltmeister, die in den
K.O.-Spielen viermal 1:0 gewinnt.
Jede WM bekommt die Highlights, die sie
verdient.
Fernsehen macht Spaß!
Die Berichterstattung zur Fußball-WM war
natürlich wieder vom Allerfeinsten. Wochenlang
konnte ich mich nicht entscheiden, wen ich
gruseliger und überflüssiger fand – Beckmann und
Simon von der ARD, Katrin Müller-Hohenstein vom
ZDF oder Günther Jauch bei RTL, der noch nicht
mal einen Telefonjoker ausspielen wollte.
Steffen Simon, die Fußball-Ikone im Ersten,
gefiel mir besonders beim Spiel
Deutschland-England richtig gut, als er zunächst
Klose beim 1:0 im Abseits wähnte (nach einem
Abstoß!), um sich dann von einem Hiwi, der ihm
wahrscheinlich einen Zettel reinreichte („Nach
Abstößen gibt es kein Abseits, Du Doof!“),
korrigieren zu lassen. Anschließend kreischte
Simon beim nicht gegebenen Tor der Engländer
zunächst hysterisch „Kein Tor, kein Tor, keine
Wiederholung von Wembley!“, um sich dann von
einem Hiwi, der ihm wahrscheinlich den zweiten
Zettel reinreichte („Stimmt, war kein Wembley –
so weit wie der Ball hinter der Linie war!“),
korrigieren zu lassen. Dazu noch seine
überdrehte, ziemlich laute Art der Kommentierung
– also bei dem kann man in allen Belangen nur
froh sein, dass er nicht Schiedsrichter geworden
ist. Kommentator hätte es allerdings auch nicht
unbedingt sein müssen.
Muss das schön sein, wenn man ARD-Sportchef ist
und deshalb sich selbst trotz erwiesener
Nichtahnung für die Rosinenspiele nominieren
kann. Das ist das Erbe des Großen Heribert, der
ja ähnlich mit sich und den gebeutelten
Fernsehzuschauern verfuhr.
Zu einem wie Beckmann fällt mir eh schon lange
nichts mehr ein. Schön anzusehen war allerdings,
wie ihn sein Co-Moderator Mehmet Scholl
offenkundig in einigen Dingen ebenfalls nicht
Ernst nahm. Der Scholli hingegen konnte als
Experte durchaus gefallen, zumal er sich auch
trotz der penetranten Moderation eines Beckmann
nicht zu den reißerischen Sprüchen verleiten
ließ, die dieser wohl gerne gehört hätte. Netzer
und Delling waren mal wieder ganz unterhaltsam,
für mich jetzt schon legendär, wie oft Netzer
seinen Kompagnon rund machte, weil dieser es in
der Nachschau der Spiele nie schaffte, eine
Szene zum von Netzer bestimmten Zeitpunkt auch
anzuhalten. Technik, die begeistert, besonders,
wenn man nicht damit umgehen kann.
Bei RTL war natürlich wieder Kasperle-Theater
angesagt. Die könnten ja noch nicht mal
Wettangeln vernünftig übertragen. Also stellte
man Günther Jauch und Kloppo Klopp auf eine
Bühne in irgendeiner deutschen Stadt, packte ein
paar Hundert Freiwillige davor, die
wahrscheinlich mit Freibier abgefüllt wurden,
damit sie wahlweise jubelten, tröteten oder
klatschten, und zelebrierte die ganz große
Möchtegern-Show. Und das zu Spielen wie Schweiz
gegen Honduras, meine Herren. Deren
Kommentatoren bewiesen anschließend
eindrucksvoll, dass sie vom Fußball nur sehr
wenig verstanden. Als Co-Kommentator hatte man
Jürgen Klinsmann am Start. Normalerweise hätte
ich da nur „O Gott!“ gesagt, aber ich muss doch
eine kleine Lanze für den Klinsi brechen. Dem
verschlug es angesichts der Äußerungen seiner
Mitstreiter („Mal sehen, ob der eingewechselte
Spieler auch kampfesmutig ist.“) anscheinend
dermaßen die Sprache, dass er wohltuend oft die
Klappe hielt und meist nur sprach, wenn er
namentlich dazu aufgefordert wurde. Na also, so
geht’s doch auch.
Was gar nicht ging, war das ZDF-Gespann Katrin
Müller-Hohenstein und Olli Kahn. Wie schon
geschrieben, vom Olli erwarte ich weder
rhetorische noch analytische Glanzleistungen.
Dass der allerdings von Frau Müller-Gedöhns noch
unterboten wurde, war eine der eher bitteren
Erkenntnisse dieser WM. Und damit meine ich
nicht den „inneren Reichsparteitag“, den sie
Miroslav Klose nach dem ersten WM-Spiel
zugestand, das ist halt so eine Floskel, die
kann schon mal rausrutschen, ohne dass es den
entsprechenden Hintergrund hat. Zumal bei dieser
Dame von irgendeinem Hintergrund nun wirklich
keine Rede sein kann. Völlig sinnfrei plauderte
die über Sachen, von denen sie erkennbar keine
Ahnung hatte, musste bei diversen Anmoderationen
vom Blatt ablesen, weil sie wieder mal nicht
wusste, worum es ging, und war hauptberuflich
eigentlich damit beschäftigt, diverse andere
Mannschaften in die Pfanne zu hauen, besonders
die Niederländer hatten es ihr in diesem Punkt
angetan. Ausgestattet mit der Arroganz des
Unwissenden ging sie auch bei Uruguay in die
Vollen. Da entblödete sich das ZDF nicht, vor
dem Halbfinale gegen die Niederlande einen
kurzen Beitrag zu zeigen, in dem tatsächlich die
Unmoral des Handspiels von Torjäger Suarez auf
der Torlinie in der Partie gegen Ghana
thematisiert wurde. Mein Gott, Deutsche und Fair
play, das geht doch immer in die Hose. Wäre das
nicht Suarez gewesen, sondern Friedrich oder
Mertesacker, mit demselben Ergebnis, wir hätten
den Mann doch geadelt, und Frau Müller-Gedöhns
hätte anschließend etwas vom „Kampf mit allen
Mitteln bis zur letzten Sekunde“ gefaselt. Da es
sich allerdings doch nur um solches Kroppzeuch
wie Uruguay handelte, ließ ihr dies natürlich
keine Ruhe, sodass sie nach dem Beitrag beim
Ollitan nachhaken musste: „Ist nur ein Spiel
Sperre für diese Rote Karte gerecht?“ Dass das
genau so in den Regeln steht, übrigens auch für
die Bundesliga, egal, wen interessiert das
schon, wenn diese Vögel ein möglicher
Finalgegner von uns sein könnten? Jawohl,
Finalgegner, denn zum Halbfinale traten wir ja
eigentlich nur an, damit uns die Zeit bis zum
Finale nicht so lang vorkam, nicht wahr, Frau
Müller-Hohenstein? „In weniger als 24 Stunden
steht auch die deutsche Mannschaft im Finale.
Vorher muss natürlich noch die Partie gegen
Spanien gespielt werden.“ Brilliante Analyse,
und kein Stück arrogant. Zumindest im Fall
Suarez hatte aber selbst Olli Kahn, der in den
vier Wochen zugegebenermaßen schwer zu
erschüttern war, die Faxen dicke und würgte die
Diskussion mit Verweis auf das Regelwerk ab.
Ansonsten fiel mir der Olli nicht weiter auf,
zumindest nicht überraschend. Außer dass ich ihn
zunächst dafür bewunderte, dass er diesen
„Fan-Reporter“ nicht ansatzlos umhaute, der sich
alle Nase lang neben ihm platzierte, ihn frech
duzte und dann völlig belanglose Meinungsbilder
deutscher Fans zum Besten gab, die über ein so
genanntes „Fanorakel“ online dargestellt wurden.
Mittlerweile weiß ich natürlich, warum der Olli
ruhig blieb, der angebliche Fan-Reporter war
eben nicht, wie vom ZDF vor dem Turnier
suggeriert, ein normaler, zufällig ausgewählter
Fan, sondern Sportmoderator beim Radiosender rs2
(Berlin-Brandenburg) von Beruf. Da muss der Olli
natürlich freundlich sein, damit noch ein wenig
Werbung für ihn dabei rausspringt. Schließlich
wird diese „Fanorakel“-Seite von Kahn und seinem
Management betrieben. Das war mir dann auch nur
noch einen kleinen Schmunzler wert. Ebenso wie
das doch leicht debile mehrfache Kichern der
Frau Müller-Hassenichgesehen während der
Finalsendung sowie die Tatsache, dass sie uns im
Vorfeld des Spiels die Niederlande und nicht
Spanien als amtierenden Europameister verkaufen
wollte. So was ist halt Routine bei ihr.
Aber sie waren schon ein tolles Trio – Kahn,
Frau Müller-Gedöhns, und derjenige, den sie
unzweifelhaft neben sich stehen hatte.
Und nicht, dass einer meint, ich wäre sexistisch
veranlagt: so ziemlich dieselbe Litanei hätte
ich ebenfalls über Rudi Cerne erzählen können,
bei dem auch niemand so genau weiß, wie der bei
erkennbarer Unlust und/oder Nichtinformation
seit 15 Jahren das Sport-Studio moderieren darf,
und der diese Auftritte bei der WM ebenfalls
locker unterbieten konnte. In seiner Moderation
sind regelmäßig so viele Fehler, Stolperer und
Versprecher dabei, wenn man da nicht mit einem
Klemmbrett daneben sitzt, hat man keine Chance.
Als kleines Schmankerl nur sein letzte
Schelmenstück, als er im Vorbericht zum Finale
bei der Anmoderation eines Beitrags über die
französische Nationalmannschaft deren neuen
Trainer Laurent Blanc locker zu Herrn „Le Blanc“
mutieren ließ. Das Unterhaltsame an solchen
Kleinigkeiten: der korrigiert sich auch nie,
weil er selbst solche Sachen gar nicht bemerkt.
Weil er sie auch nicht weiß. Zu seinem Glück
wissen es wahrscheinlich Dreiviertel der
Fußball-Fernsehzuschauer ebenfalls nicht, und
schon ergibt sich eine gesicherte Karriere beim
ZDF, die dann wirklich nur noch aus dem Ablesen
von Kärtchen besteht, was noch nicht einmal
unfallfrei geschehen muss, wie er immer wieder
auf Neue beweist.
Abschließend aber noch ein dickes Dankeschön von
mir: vielen Dank für deine gerade noch
rechtzeitige Demission zu SAT.1, Johannes B.
Kerner! Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die
das Leben ein wenig erträglicher machen können.
Apropos erträglich: na, auch froh, keine
Vuvuzelas mehr hören zu müssen? Was gingen mir
die auf den Nerv, sowohl am Fernseher als auch
bei mir zuhause auf den Straßen. Viel mehr auf
den Zeiger gingen mir allerdings diejenigen
Kolonialkrieger im Geiste, die ernsthaft
forderten, die Teile sollten in den Stadien
verboten werden, weil ansonsten keine Emotionen
übers Fernsehen rüberkommen würden. Da sitzt der
Europäer schön fett vor seinem Fernsehgerät und
lässt mal eben den Afrikaner springen, um die
Stimmung so zu gestalten, wie er es gerne hätte,
10.000 km vom Ort des Geschehens entfernt. Dass
er einfach den Ton abdrehte oder gleich ganz
wegschaltete, wenn ihm das Getröte dermaßen auf
den Sender ging, das kam natürlich nicht in
Betracht. Man hat ja schließlich dafür bezahlt!
Hm, nein, hat man auch nicht, also zumindest nix
extra (auch wenn dagegen wiederum die GEZ
bestimmt nichts hätte)...egal, der Europäer, der
weiß, was für eine gute Stimmung zu tun ist, und
dazu gehören eben keine Vuvuzelas. Der Buschmann
vor Ort hatte da wohl weniger Ahnung. Was für
Leute sich darüber in den letzten Wochen
echauffierten, ist unfassbar. Da waren genug von
der Sorte dabei, die sich ansonsten gerne „Gegen
den modernen Fußball“ engagieren, aber hier
patzig wurden, weil im Fernsehen nicht der ihnen
genehme Ton zu hören war. Niedlich. Auch schön
zum Beispiel die Forderung der Zeitung mit den
vier großen Buchstaben, endlich mal das Getröte
einzustellen; dasselbe Verlagshaus hatte noch
unmittelbar vor Turnierbeginn Hunderttausende
dieser Tröten mit der Sport-Zeitschrift der vier
großen Buchstaben verteilt. Mein persönliches
Highlight beleidigten deutschen Spießertums war
allerdings das Verbot der Vuvuzelas in einzelnen
Städten beim Public Viewing. Ganz vorn dabei,
noch vor Turnierbeginn: Köln. Also diejenige
Stadt, die seit Jahren für ihre
Weltöffentlichkeit und Toleranz wirbt, dafür
dass man sich dort treffen und eigentlich
ganzjährig Karneval feiern könne, ungeachtet der
Herkunft und Kultur des Einzelnen – ausgerechnet
die entlarvten sich als deutsche Spießbürger par
excellence, indem sie der Meinung waren, man
müsse die Mitbürger vor Vuvuzelas schützen (und
nicht beispielsweise vor fehlerhaften
U-Bahn-Bauten, nebenbei gesagt...). Aber ich bin
sicher: hätte sich eine Abordnung begeisterter
Vuvuzela-Bläser mal zum Rathaus begeben, und
fehlerfrei die ersten Takte von „Viva Colonia“
getrötet, dann wäre es erlaubt worden. Was für
eine Posse!
Die Vuvuzelas haben mich richtig genervt, und
ich hoffe, dass der erste als Fan getarnte
Tourist, der mit solch einem Ding in der
Esprit-Arena herumfuchtelt, mitsamt seines
Blasinstruments binnen fünf Minuten nur noch
eine verschwommene Erinnerung ist. Aber zu
sehen, wie auch Ultras plötzlich zu motzenden
Fernsehzuschauern werden, die sagen, sie würden
vor lauter Getröte die fantastische Stimmung der
übrigen Zuschauer im Stadion nicht verstehen,
die zum großen Teil eh nur aus WM-Touristen
bestanden...also dafür hat es sich schon
gelohnt. Darauf ein kräftiges „Reclaim the Game!“
– Törööö!
Abgesang
Was bleibt von der WM? Die deutsche Mannschaft
hat überzeugt, auch wenn es wieder nicht für den
ganz großen Wurf langte. Was ansonsten
qualitativ auf dem grünen Rasen geboten wurde,
war schon teilweise erschreckend und unterschied
sich somit nicht sonderlich von der WM 2006.
Aber darüber dürfen wir uns natürlich nicht
beschweren. Schließlich wollen wir es ja so.
Denn nur weil wir immer so fleißig Fernsehen
gucken, kommt die FIFA ja überhaupt auf die
Idee, die WM mit 32 Teilnehmer austragen zu
lassen. Wenn’s kein gutes Geschäft wäre, würden
sie auch nicht machen. Also, wenn man sich schon
über diverse Ballmisshandlungen aufregt,
besonders in der Vorrunde, dann sollte man dies
möglichst mit der Fernbedienung tun.
Anderenfalls nutzt es nämlich nichts. Und im
Grunde unseres Herzens wollen wir das doch auch,
und dann kann man sich auch nicht beschweren,
dass da die ein oder andere Krampentruppe am
Start ist. Das hat ja schließlich mittlerweile
auch die UEFA erkannt, weshalb es nach der EM
2012 auch endlich 24 Teilnehmer bei
Europameisterschaften geben wird, nur 16 wären
uns auf Dauer sicherlich zu langweilig. Dann hat
auch endlich mal Zypern eine Chance auf die EM,
wenn man in eine Gruppe mit Kasachstan,
Armenien, Aserbaidschan, Malta, die Färöer und
England kommt.
Die Fan-Meilen waren wieder voll, und es gab
überall Party mit Fußball nebenbei. Wobei, wenn
jemand in den vier Wochen nur die Spiele im ZDF
geguckt hat, dann weiß derjenige, dass es nur
eine Fan-Meile in ganz Deutschland gab, nämlich
die in Berlin. Von einer anderen wurde partout
nicht berichtet, für das ZDF gab es nur die
supidupigrößte-Fanmeile-aller-Zeiten-in-der-wichtigsten-Stadt
aller-Zeiten, und der Rest, das waren wohl eher
diverse Stammtisch-Zusammenkünfte. Aber Berlin
reichte ja auch schon, um zu demonstrieren,
welches Personal auch diesmal wieder am Start
war. Unvergessen für mich, wie ein Besucher nach
dem ersten Spiel gegen Australien nach seinen
Eindrücken befragt wurde und begeistert ausrief:
„Tolle Spiel der Mannschaft, alles super! Alle
Chancen, die sie hatten, auch reingemacht, und
völlig verdient gewonnen!“ Da wusste ich, dass
der das Spiel nur nebenbei gesehen haben konnte.
Denn wenn man der deutschen Mannschaft nach dem
4:0 gegen Australien auch nur einen kleinen
Vorwurf machen konnte, dann war es der,
zahlreiche weitere Chancen ausgelassen zu haben.
Aber wen interessiert das schon im Siegesrausch?
Auch nett, wie diverse Leute im kompletten
Deutschland-Outfit nach dem Spiel gegen Spanien
in die Kamera zu Protokoll gaben, für sie sei
die WM jetzt gelaufen, schließlich zähle nur der
WM-Titel. Ich hab ja gar nix dagegen, dass die
auf den Fan-Meilen ihre Riesen-Partys abziehen.
Das war auch diese Mal der Fall, Stimmung und
Wetter waren überwiegend gut, also alles so wie
es sein soll, eine schöne Sache. „Fußball-Fans“
würde ich die meisten dieser Leute allerdings
trotzdem nicht nennen. Dafür bin ich zu spießig.
Immerhin wurde mir die diesjährige
Fahnenschwenkerei nicht wieder als „positiver
Patriotismus“ verkauft. Da ist man offenkundig
sowohl in der Politik als auch in der Soziologie
schlauer geworden.
Nur eines dürfte unbestritten sein. Wenn es mit
der Vertragsverlängerung von Löw jetzt doch das
ein oder andere Problemchen geben sollte und
sich doch noch alles in blauen Dunst auflöst,
dann kann die Devise nur lauten: Paul for
Bundestrainer! Der Typ hat neun Gehirne und weiß
fast immer vorher, wie es ausgeht – soviel Fach-
und Sachverstand darf sich der DFB nicht
entgehen lassen!
Außerdem hatten wir den anderen Paul ja auch
schon mal einen halben Tag lang als
Bundestrainer. Und schlimmer als Paul Breitner
wäre auch das wendige Tentakel-Männchen
sicherlich nicht.
Ganz so unernst ist dieser Vorschlag gar nicht
gemeint. Denn das fußballkundige Weichtier kommt
nun mal aus dem Sommerloch. Und was sind WM und
EM anderes als eine manchmal unterhaltsame Art,
ein Sommerloch bis zur nächsten Saison zu
stopfen?
In diesem Sinne wünsche ich noch eine schöne
Sommerpause. Am 15.08.2010 ab 14.30 Uhr spielt
Fortuna im DFB-Pokal bei der TuS Koblenz, eine
Woche später geht es in der 2. Liga bei Pelé
Wollitz-Lausitz in Cottbus los. Eine WM ist ja
ein ganz netter Zeitvertreib – aber ab jetzt
werden wieder die Tage bis zum Anpfiff gezählt.
Zum Anpfiff der wirklich wichtigen Dinge im
Leben.
So long, sagt: janus. |