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Zweieinhalb
und zweieinhalb
Tiefgekühlt ins neue Jahr
Eiskalter Kindergarten
Die Welt von Prinz LilliVeh
Intermezzo: Vereine ohne
Plan erwünscht
Ein Elfer aus dem Drehbuch
Nachbereitung: peinlich,
plump, pathologisch
Ausblick
Willkommen im neuen Jahr! Eigentlich habe ich ja
die Goldene Regel, immer erst Zusammenfassungen
nach vier Spielen zu schreiben. Ausnahmen gibt
es ab und zu, und dies hier ist eine. Es gab
zwar erst zwei Spiele, aber allein über das eine
könnte man ganze Romane schreiben. Bevor dies
passiert, mache ich hier lieber die „kurze“
Version (also verglichen mit einem Roman!). Und
wer weiß, was in dieser Angelegenheit noch alles
nachberichtet werden. Also auf in die
Rest-Rückrunde mit Spieltag 20 und 21 – Letzterr
gewiss ein Spieltag der Herzen…
Auch in diesem
Jahr wurde die Winterpause natürlich dahin
gehend aufgewertet, dass bis 31. Januar 2012 die
Transferliste geöffnet war. Anderenfalls wäre es
im Winter auch zu langweilig. Und da sich
traditionell jeder Verein, der etwas auf sich
hält, an dem munteren Ringelreihen beteiligt,
durften auch wir nicht fehlen.
Den Anfang machte
unser Tunesier Karim Aouadhi, der seinen Vertrag
auflöste und in die Heimat zurückkehrte. Es
hatte dann doch nicht gepasst, er war nicht über
den Status als Bankdrücker hinaus gekommen,
hatte noch dazu unmittelbar nach seiner einzigen
Einwechslung in der Hinrunde direkt einen
Elfmeter verursacht, insgesamt ein eher
unglücklicher Auftritt. Aber sehr schön, dass
beide Seiten keine Zicken machten, sich schnell
einigten und den Vertrag auflösten, sodass
Aouadhi auch zügig einen neuen Verein finden
konnte. Alles Gute.
Dann waren wir
dran. Fortuna holte den finnischen Stürmer Timo
Furuholm. Der 24-jährige Nationalspieler kam
auch tatsächlich aus Finnland, von Inter Turku.
Für die hatte er in der abgelaufenen Saison – in
Finnland wird eine Saison im Kalenderjahr
gespielt, nicht wie bei uns von August bis Mai
des folgenden Jahres – in 33 Spielen 22-mal ins
Schwarze getroffen. Nicht schlecht. Nun musste
er zeigen, was solch eine Quote aus der
finnischen Liga in Deutschlands Unterhaus wert
ist. Furuholm kam ablösefrei und erhielt einen
Vertrag bis Sommer 2013.
Weil man für diese
Personalie ganz weit in den Norden geschaut
hatte, sah man sich anschließend nur mal kurz in
der Nachbarschaft um. Ergebnis war eine Leihe
von Adam Matuschyk, der seine Brötchen
normalerweise in der Stadt mit der lustigen
Bahnhofskapelle verdient. Bis zum Saisonende
würde der offensive Mittelfeldspieler jetzt bei
uns im Kader sein, da er beim 1. FC Köln zuletzt
nicht mehr so zum Zuge gekommen war wie erhofft.
Und so sagte Matuschyk denn auch bei der Frage,
warum er mitten in der Saison die Rheinseite
wechseln würde, erfrischend offen, es gehe ihm
lediglich darum, sich über Spielpraxis noch für
die polnische Nationalmannschaft und somit die
anstehende Europameisterschaft zu empfehlen. Und
da sei Düsseldorf doch sehr bequem, denn für
diese Leihe müsse er nicht extra umziehen. Hut
ab. Nix von wegen „Große Herausforderung“,
„Super-Umfeld“ oder „Da entwickelt sich was“,
sondern zur Abwechslung mal die Wahrheit. Sowas
mag ich. Nun musste er selbst durch
entsprechende Trainingsleistungen dafür sorgen,
dass er auch die gewünschte Spielpraxis erhalten
würde. Und gerade im Mittelfeld sind wir ja
nicht gerade unterzahlig oder qualitativ
minderwertig besetzt. Immerhin, nun hatten wir
mit den beiden Polen Bodzek und Matuschyk gleich
zwei Adams im Kader – das konnte dereinst noch
nicht einmal der liebe Gott von sich behaupten.
Und nachdem wir
für Sturm und Mittelfeld jemanden geholt hatten,
sollte es noch ein Abwehrspieler sein. Auch für
diesen Mannschaftsteil hatte Manager Wolf Werner
jemanden im Handy-Speicher: Tomislav Barbaric,
22-jähriger Kroate von Dinamo Zagreb. Auch der
sollte bis zum Saisonende ausgeliehen werden,
allerdings – im Gegensatz zu Matuschyk, der
danach wieder zu den Geißböcken zurück geht –
mit einer Kaufoption für eine mögliche
Verpflichtung über das Saisonende hinaus, wenn
er die sportliche Leitung von sich würde
überzeugen können.
Barbaric flog ins
Trainingslager nach Marbella und wurde von der
Fortuna offiziell als Neuzugang gemeldet –
allerdings vorbehaltlich der medizinischen
Untersuchung, die im Trainingslager durchgeführt
werden würde. Er war also schon da, aber noch
nicht ganz. Und während wir uns schon auf die
Boulevardzeitungen freuten, die sicherlich
bereits vorgearbeitet hatten, um ihn nach seiner
ersten Gelben Karte stilecht würdigen zu können,
vielleicht in der Art wie „Tommy der Barbar
schlägt zu“ oder „Barbapapa macht jeden Gegner
platt“, absolvierte Barbaric im Trainingslager
den Medizincheck. Und anschließend gehörte er
nicht mehr dazu. Die Ärzte stellten bei ihm eine
Viruserkrankung fest, die Leistungssport in
nächster Zeit eher unwahrscheinlich machen
würde. Das heißt, Barbaric wäre wochenlang
ausgefallen und hätte sich dann erst ans Team
heran arbeiten können. Dies macht aber die
vorgesehene Leihe für ein halbes Jahr sinnlos.
Ergo reiste Barbaric wieder ab, und es blieb
nichts weiter als sein Bild in der Zeitung, auf
dem er schon mit Manager und Fortuna-Trikot
posiert hatte. Halb hatten wir ihn, aber dann
hüpfte er doch noch aus der Schlinge. Schade.
Somit waren die
Kaderplanungen für diese Transferperiode
abgeschlossen. Da wir aber mittlerweile eine
unübersehbare Anzahl Offensivspieler im Kader
hatten, wurde auch diesbezüglich noch etwas
ausgedünnt. Am letzten Tag der Wechselfrist
verließ Marco Königs den Verein, Adriano
Grimaldi wurde ausgeliehen. Königs wechselte zu
Preußen Münster in die 3. Liga, das sich immer
mehr als Spielstätte ehemaliger Fortunen
entpuppt, nach Heise und Schulze Niehues (beide
von Fortuna II) sowie Halet und Hergesell ist
Königs bereits der fünfte Ex-Fortune im Kader
der Westfalen. Auch schade um den jungen
Spieler, der im letzten Jahr aus der A-Jugend
hochkam, aber den Sprung in die Erste Mannschaft
nicht schaffte. Immerhin, neun Treffer und sechs
Vorlagen in bisherigen 17 Partien für Fortuna II
in der Regionalliga West deuten an, dass der
Marco durchaus zu Höherem berufen sein könnte.
Sein Wechsel in die 3. Liga ist daher nur
konsequent. Ich hoffe, er packt’s.
Ganz zum Schluss
gaben wir auch Adriano Grimaldi her, aber nur
ein bisschen. Der Stürmer, vor der aktuellen
Saison vom FSV Mainz 05 zu uns gewechselt, wurde
verliehen, ebenfalls in die 3. Liga, zum
dortigen aktuellen Tabellenführer SV Sandhausen
(für Geographie-Banausen: nahe Heidelberg). Dort
erhofft sich Grimaldi die Spielpraxis, die er
zuletzt bei uns nicht mehr bekam. Wir erhoffen
es uns auch. Soll der doch in Sandhausen knipsen
wie blöd und dann im Sommer gestärkt zu uns
zurückkehren und wieder richtig angreifen.
Schließlich hat er noch Vertrag bei uns bis
30.06.2013. Alles Gute für Winter und Frühling,
möchte man sagen.
Somit zweieinhalb
Neuzugänge, wobei wir uns für das „halb“
allerdings nichts kaufen können, und zweieinhalb
Abgänge, bei denen wir uns für das „halb“
eventuell noch etwas werden kaufen können, je
nachdem wie Grimaldi sich in Sandhausen schlägt.
Im Vergleich zu manch anderen Clubs also wieder
einmal eine gähnend langweilige Transferperiode
bei der Fortuna.
Nachdem die
Mannschaft in der Vorbereitung unter anderem den
hauseigenen „Winter-Cup“ gewonnen hatte, indem
man zunächst Borussia Dortmund nach einem 1:1 im
Elfmeterschießen (!) bezwang und anschließend
Borussia Mönchengladbach mit 1:0 besiegte, wobei
der erst vier Tage zuvor verpflichtete Furuholm
gleich als Torschütze glänzte, verbrachte man
noch eine Woche im Trainingslager in Spanien.
Dort holte man ein 1:1 gegen Grasshoppers Zürich
(übrigens mit Ciriaco Sforza an der Seitenlinie)
und kickte anschließend gegen den einheimischen
Drittligisten UD Marbella, der mit einigen
Kickern von Dynamo Kiew verstärkt worden war.
Ursprünglich hatte das Spiel auch gegen das
komplette Team der Ukrainer ausgetragen werden
sollen, die hatten ihr Trainingslager allerdings
terminlich derart ausgelastet, dass sie das
Spiel eigentlich absagten, aber noch ein paar
Spieler zur Verfügung stellten, die in diesem
Spiel für Marbella die Stiefel schnürten. Gegen
diese doch etwas kuriose Auswahl gewann Fortuna
mit 5:2 und kehrte anschließend wohlbehalten
nach Deutschland zurück. Hier vergeigte man den
letzten Test, natürlich gegen den SC Paderborn,
dem man nun auch im kleinen Stadion, dem Flinger
Broich, mit 0:1 unterlag. Scheint wirklich
langsam zu solch einem Gegner zu mutieren, wie
es jahrelang Werder Bremen II für uns war.
Hoffnungsvoll stimmte allerdings, dass das
Ergebnis ein Witz war, da die Fortuna
Großchancen im halben Dutzend ungenutzt liegen
ließ. Spielerisch war das schon durchaus gut
anzusehen.
Und dann war
endlich diese gefühlt längste Winterpause seit
langem vorbei, und es konnte in die
entscheidenden 15 Spiele gehen. Den Anfang
machte die Auswärtspartie beim FC Ingolstadt am
04.02.2012. Und ausgerechnet zu diesem Ausflug
in bayerische Gefilde bekamen wir etwas zu
spüren, womit wir eigentlich schon nicht mehr
gerechnet hatten: Der Winter kam nach
Deutschland. Wie üblich pünktlich zur Beendigung
der Winterpause.
Als sich die
Fortunen auf den Weg nach Süden machten, verriet
der Trainer Norbert Meier bei der Abreise sein
Rezept gegen die zu erwartende Kälte: „Wir
werden Ochsenblut trinken und uns mit Mauerstein
einreiben.“ Selbstverständlich nur ein Scherz,
wir werden allerdings noch sehen, dass
mindestens einer das Ernst genommen haben
könnte.
Es war wirklich
saukalt an jenem Samstag. Wir brachen gegen 6.30
Uhr aus Bonn auf, das Thermometer zeigte minus
14 Grad, ein kleiner Temperaturcheck via
Smartphone bescherte uns minus 20 Grad in
Ingolstadt. Naja, es war noch dunkel, wenn erst
einmal die Sonne raus käme, würde es doch wohl
wärmer werden. Hofften wir. Wir hofften relativ
vergeblich. Zwar gab es keinen Schnee, die
Autobahn war frei, wenig Verkehr, man kam gut
voran, aber es wurde und wurde nicht wärmer. Nun
geschahen Dinge, die man in unserem Teil der
Welt eher selten zu Gesicht bekommt. Das
Kondenswasser, welches sich an den
Seitenscheiben niederschlug, gefror – im
Wagen. Endlich konnte ich mal Eis kratzen, ohne
das Fahrzeug verlassen zu müssen. Als die
Frontscheibe aufgrund der gelegentlich umher
wirbelnden Schneegriesel langsam etwas schwer
durchschaubar wurde, stellten wir fest, dass
auch das beste Frostschutzmittel in der
Scheibenwaschanlage nichts nutzt, wenn die dazu
gehörigen Düsen eingefroren sind. Zweimal
mussten wir eine Tankstelle anfahren, um die
Scheibe wieder einigermaßen zu säubern. Beim
ersten Mal klappte dies auch, beim zweiten Halt,
wir waren mittlerweile bis zur Raststätte
Nürnberg/Feucht vorgestoßen, war das Wasser im
bereit gestellten Eimer gefroren und der dazu
gehörige Schwamm wies bizarre Eiszapfen auf und
hätte unter Umständen ob seiner Konsistenz auch
als Waffe eingesetzt werden können.
Außerdem hatten
wir dort ausgiebig Zeit, dieses Wunder der Natur
zu betrachten, denn an jener Tankstelle waren
circa 500 weitere Autofahrer nahezu gleichzeitig
mit uns auf die Idee gekommen, vorsichtshalber
ihren Tank aufzufüllen, auch wenn er noch halb
voll war. Dabei machte ich die erstaunliche
Entdeckung, dass in den Autoschlangen an den
Zapfanlagen nahezu ausschließlich Niederländer
mit Ski-Ausrüstung zu sehen waren. Da ich
normalerweise nicht in Ski-Urlaub fahre, war mir
dieser Anblick völlig unbekannt. Ich dachte, die
fahren immer nur so ein bisschen mit ihren
Wohnwagen auf unseren Straßen hin und her, um
uns zu ärgern und ihre Überlegenheit zu
demonstrieren, wenn sie sich im
30-Kilometer-Sommer-Stau lässig aus der
Bordküche ein gekühltes Getränk holen, während
unsereins bei gefühlten 60 Grad im Kleinwagen
dahinter langsam aber sicher verdörrt. Aber ich
hätte im Leben nicht damit gerechnet, dass die
sich auch die Skier aufs Dach schnallen und in
die Berge fahren. Für mich ist das Neuland. Da
sie allerdings auch mit Skiern auf dem Dach
genauso fahren wie ohne, hatte ich mich schnell
daran gewöhnt.
Wir kamen früh in
Ingolstadt an, obwohl ausgerechnet vor der
zielführenden Ausfahrt Ingolstadt-Süd ein sechs
Kilometer langer Stau nach Unfall zum
vorzeitigen Abdrehen zwang. Egal, fuhren wir
halt in Ingolstadt-Nord runter und dann einmal
quer durch die Stadt. Seitdem weiß ich
wenigstens, wo sich das Ingolstadt Village
Outlet befindet, wir kamen dran vorbei. Kann ja
mal sein, dass man sich mit anderer Begleitung
und unter anderen Umständen in der Nähe
aufhält.
Dann auch
hoffentlich bei anderem Wetter. Als ich auf dem
Parkplatz vor dem Stadion schlussendlich aus dem
Wagen schritt, machte ich vorsichtshalber gleich
zwei schnelle Schritte nach vorn, um nicht
festzufrieren. Man mag mir gerne eine gewisse
Weichei-Mentalität vorwerfen, ich spreche mich
davon sicherlich nicht frei, aber das war
wirklich knüppeldick: Fußball bei minus 16,2
Grad, wie es das „offizielle“ Thermometer am
Spielfeldrand auswies. Eigentlich beneide ich ja
an jedem Wochenende die Spieler, vornehmlich
aufgrund der Tatsache, dass sie überhaupt noch
spielen können, während ich zum alten Eisen
gehöre. Diesmal war das Neidgefühl ungleich
größer – die würden sich im Gegensatz zu mir
sogar 90 Minuten lang bewegen dürfen!
Die Hausherren
machten aus der Not übrigens eine Tugend.
Ruckzuck wurde der Glühwein aus der
Vorweihnachtszeit ausgekramt – Qualität
Nebensache, Hauptsache schön heiß. Geradezu
unglaublich wirkt in heutigen Zeiten die
Erlaubnis, Thermoskannen mit heißen Getränken
ins Stadion mitnehmen zu dürfen. Aber es war
tatsächlich so, es wurde an den Eingängen
lediglich überprüft, ob sich auch Trinkbares in
den Kannen befand und anschließend durchgewinkt.
Ein prima Service, der – wie gesagt – so selten
vorkommt, dass es ruhig mal erwähnt werden
sollte.
Der
Stadionsprecher der Audis hatte denn auch alle
Kalauer parat, die man bei solch einem Wetter
bringen muss, beispielsweise „Es ist heute so
kalt, dass die Mannschaften zum Aufwärmen in den
Kühlschrank gehen!“, haha. Wobei er in der Sache
sicherlich nicht Unrecht hatte. Nun, da
Ingolstadt über eine Rasenheizung verfügt, und
es ja „nur“ kalt war, kein Schnee, kein Eis, war
die Austragung der Partie eigentlich nicht
gefährdet. Die DFB-Regeln besagen zwar, bei
Temperaturen ab minus 15 Grad solle nicht mehr
gespielt werden, aber dies wird ausdrücklich in
das Ermessen des Schiedsrichters gestellt. Und
Schiri Tobias Christ ließ auch völlig zu Recht
anpfeifen. Sehr gewöhnungsbedürftig, aber
problemlos möglich. Immerhin zogen 6.600
Zuschauer, darunter mindestens 1.500 Fortunen,
die Eiseskälte der gemütlichen Sitzblockade vor
heimischem Kamin und Fernseher vor.
Trainer Norbert
Meier ließ dann auch wieder seine
Standard-Formation auflaufen, die in der
Hinrunde nur ein einziges Spiel verloren hatte.
Neuzugang Adam Matuschyk setzte sich auf die
Bank, Neuzugang Timo Furuholm war aufgrund von
Trainingsrückstand noch gar nicht dabei. Alles
beim Alten im neuen Jahr halt. Im Gegensatz zu
Ingolstadt, das sich in der Winterpause fünf
Neuzugänge gegönnt hatte, von denen Trainer Oral
mit Gunesch (St. Pauli), Heller (Mainz) und
Nemec (Kaiserslautern) auch gleich drei Akteure
brachte, denen man durchaus Erstliga-Erfahrung
attestieren darf.
Schön ist bei
solchen Wechselspielen aber, wenn dann doch
zunächst Altbewährtes greift, das erleichtert
naturgemäß den Übergang. Das Spiel war noch
keine 20 Sekunden alt, da senste Grobmotoriker
Biliskov im Mittelfeld bereits Sascha Rösler um.
Rösler, immer mal gern als Schauspieler
bezeichnet (wir werden noch darauf zurück
kommen), gefiel es so gut, dass er die Nummer
eisern durchzog und gleich volle zwei Minuten
liegen blieb und behandelt werden musste. Was so
ein echter Mime ist, der spult sein Programm ab
und der lässt sich auch nicht davon abschrecken,
auf minus 16 Grad kaltem Boden liegen zu
bleiben. Der wird doch innerlich durch seine
Schauspielkünste erwärmt, denkt man ja.
Schiri Christ
beließ es bei einer Ermahnung, und Ingolstadts
Trainer Oral notierte befriedigt, dass seine
Taktik gezogen hatte: „Wir wollten von Anfang an
aggressiv spielen, das haben wir auch gemacht.“
Und bei dieser Ansage mutet es auch nicht mehr
merkwürdig an, dass Sensenmeister Biliskov, der
sich seit Jahren mangels spielerischem
Feingefühl durch die Ligen tritt, als
Innenverteidiger unmittelbar nach Spielbeginn
plötzlich im Mittelfeld auftaucht und Rösler
sofort rasiert. Er wollte sich halt nur mal
bekannt machen. Und er wusste natürlich, dass
kaum ein Schiri nach 20 Sekunden schon Gelb
zieht. Obwohl das in diesem Fall mehr als
angebracht gewesen wäre. Aber so war der Boden
bereitet für ein ziemlich nickliges Spiel, wie
es vom Trainer des Gastgebers ja auch
ausdrücklich gewünscht worden war.
Schön wäre es
gewesen, wenn die Strafe auf dem Fuß gefolgt
wäre. Aber beim anschließenden Freistoß
verpasste Assani Lukimya, der sich am langen
Pfosten frei geschlichen hatte, nur knapp den
Führungstreffer, als er mutterseelenallein vor
Ingolstadts Keeper Özcan auftauchte. Leider
fehlten eben die berühmten paar Zentimeter, um
an den Ball zu kommen. Wer weiß, wie sich das
Spiel dann entwickelt hätte. Aber die Fortunen
spielten zunächst tatsächlich recht ordentlich
nach vorne und hatten auch die ersten Chancen.
Besonders dick war die von Bröker, der nach
Flanke von van den Bergh am langen Pfosten
völlig frei und unbedrängt zum Kopfball kam. Er
konnte den Ball allerdings nicht mehr mit Wucht
drücken und köpfte Richtung nahe stehender
Pfosten, anstatt den Ball gegen die Laufrichtung
des Keepers zu nicken. Der konnte den Ball
abfangen, wobei er gleichzeitig noch den Pfosten
touchierte. Voller Einsatz mit gewünschtem
Ergebnis, kein Tor. Ein ganz dickes Ding.
Selbiges versiebte
einer der Erstliga-Neuzugänge auf der anderen
Seite, Florian Heller, als er nach einer
Viertelstunde wunderbar im Strafraum frei
gespielt wurde. Heller war wohl ebenso verblüfft
wie ein Großteil der Fortunen, dass er nicht im
Abseits stand, und wartete mit dem Schuss zu
lange, sodass Langeneke ihn noch blocken konnte.
Ein erster Warnschuss. Der zweite war dann auch
gleich drin: in der 24. Minute Freistoß für
Ingolstadt von rechts, nach überflüssigem Foul
von van den Bergh. Kapitän Stefan Leitl bringt
den Ball in den Strafraum, Bodzek und Levels
beschatten sich anscheinend gegenseitig, Ikeng
hinter ihnen sagt danke und nickt den Ball
Richtung Tor. Anschließend darf er sich gleich
nochmal bedanken, denn Torwart Ratajczak fällt
zu spät, kommt zwar noch an den Ball, aber lenkt
ihn sich selbst ins Netz, 1:0 für Ingolstadt.
Absolut haltbar, aber auch zuvor schon absolut
vermeidbar. Mindestens vier Fortunen kann man
den Treffer ankreiden, aber natürlich bleibt es
beim letzten Glied in der Kette hängen, bei
Ratajczak, der ja noch die Möglichkeit gehabt
hätte, die Fehler seiner Vorderleute
auszubügeln. Wieder mal ein sehr vermeidbares
Gegentor.
Das zum Glück
recht zügig abgearbeitet werden konnte. Nur fünf
Minuten später der Ausgleich. Sahne-Vorarbeit
von Tobias Levels – der warf einfach nur ein,
und schon gab es Elfmeter. Und ein bisschen
Gerechtigkeit. Denn der weite Einwurf von Levels
landete ausgerechnet vor den Füßen von Biliskov,
und als der sich dann bequemen wollte, den Ball
mittels Befreiungsschlag aus dem Stadion zu
wuchten, traf er plötzlich das linke Bein von
Oliver Fink. Der hatte sich nämlich um Biliskov
herum geschlichen und seine Extremität zwischen
Spieler und Ball gestellt. Ein Foul, ein Pfiff,
Elfmeter. Natürlich muss man den nicht geben, da
Fink doch ziemlich auf den Kontakt spekulierte,
aber andererseits hätte sich Biliskov ja nicht
aus dem Rückraum überraschen lassen müssen. Nur
weil der Ball auf ihn zu springt, hat er ja noch
lange nicht die Aktionshoheit. Wäre er dem Ball
zwei Schritte entgegen gekommen, hätte Fink
keine Chance gehabt, ans Leder zu gelangen. So
blieb er stehen, während Fink fiel, und es gab
den Elfmeter, den man auch durchaus geben kann.
Auch wenn Biliskov das nicht verstehen konnte.
Was man aber auch durchaus nachvollziehen kann –
er hätte tatsächlich argumentieren können, dass
diese Berührung nix war im Vergleich zu seiner
Sense gegen Rösler nach 20 Sekunden. Vielleicht
hat er es ja sogar getan, würde mich nicht
wundern.
Langeneke machte
den Elfer zum Ausgleich rein, es war sein achtes
Saisontor, der achte verwandelte Strafstoß. Neu
war, dass Ingolstadts Keeper Özcan wohl mal ab
und zu hier mitliest – er blieb nämlich eisern
stehen und bewegte sich nicht, wohl in der
Hoffnung, dass Langeneke seine Spezialität
zeigen würde, den unkontrollierten Haudrauf in
die Tormitte. Unser Innenverteidiger guckte den
Keeper jedoch rechtzeitig aus und schlenzte den
Ball in die rechte Ecke. Der musste im Laufe der
letzten drei Jahre so viele Elfmeter verwandeln,
dass er mittlerweile alle Varianten drauf hat.
Mit dem 1:1 ging
es in die Pause. In der zweiten Hälfte hätte
Fortuna den relativ harmlosen Gegner zu Beginn
direkt ausknipsen müssen. Nach noch nicht einmal
zwei Minuten kam Bröker im Strafraum relativ
frei zum Schuss, trat aber etwas kläglich in den
Boden, sodass der Ball quer durch den Sechzehner
flog, was fast noch zu einem Eigentor geführt
hätte. Und kurz darauf gab es die
Gelegenheit des Spiels schlechthin. Nach
wunderbarer Kombination über van den Bergh,
Lambertz und Rösler legte Letzterer toll auf für
Maxi Beister, und der stand nun wirklich ganz
alleine vor dem Tor. Er hätte den Ball sogar
noch annehmen und sich auf seinen starken linken
Fuß legen können, so frei war er. Aber hinterher
ist man ja immer schlauer. Beister wählte den
direkten Abschluss und semmelte die Kugel aus
acht Metern mit rechts über das Tor. Daraus
hätte man mehr machen müssen.
Anschließend gaben
die Fortunen das Spiel aus der Hand, und es
wurde die bewusste nicklige Angelegenheit.
Anstatt weiter schnell und direkt nach vorne zu
spielen, wie es in diesen beiden Szenen
hervorragend funktioniert und die Ingolstädter
sehr verwirrt hatte, rieb man sich im
Klein-klein-Spiel im Mittelfeld auf, und
schwenkte anschließend auf Kindergarten um. Den
Anfang machten Rösler und Leitl, die sich im
Mittelfeld beharkten und anschließend nette
Worte zuflüsterten. In der nächsten Szene hatte
der Ball die Ingolstädter Torauslinie
überschritten, Abstoß. Rösler trabte zusammen
mit seinem Gegenspieler in dieser Szene,
Görlitz, zurück ins Feld. Leitl stand am
Sechzehnerraum und wartete extra auf Rösler, um
dem verbal noch etwas klar zu machen. Aber der
Rösler ist ein Provokateur, ja klar. Im
anschließenden Geschubse setzte Rösler sich kurz
auf den Hosenboden, einfach überflüssig. Aber
Leitl stand der Schauspiel-Einlage in nichts
nach, als er anschließend beide Hände zum Himmel
hob und den verzweifelten Unschuldigen mimte,
nachdem der Schiri beide verwarnt hatte.
Schließlich hatte er ja extra gewartet, um sich
sein Kärtchen abholen zu können. Immer diese
Unschuldslämmer, denen der böse Rösler so arg
zusetzt.
Anschließend ging
es zwischen den beiden munter weiter, bei einer
Szene im Mittelfeld hakelte Rösler gegen Leitl,
dem aber das Abspiel noch gelang. Beim
anschließenden Fall beider Konkurrenten hakelte
wiederum Leitl noch nach, aber eben abseits des
Balles, der Schiri sah es nicht. Schließlich
begegnete man sich im fortunistischen Strafraum
nochmals, diesmal mimte Rösler das Opfer, das
von Leitl noch einen mitbekommen haben wollte,
was auch durchaus der Fall gewesen sein mag,
aber den beiden Kleinkindern glaubte man eh nix
mehr. Und der Schiri hatte schon längst
aufgegeben, ihnen noch Benimm beibringen zu
wollen, ansonsten hätte er sie nämlich beide
allein mit der Begründung „absichtliche
Albernheit“ vom Geläuf entfernen können.
Stattdessen griff
er auf einem anderen Kinderspielplatz durch. In
der 67. Minute gab es Freistoß für Fortuna in
der generischen Hälfte, halbrechte Position.
Torschütze Ikeng hatte zufällig den Ball in der
Hand, Fortuna-Kapitän Lambertz wollte ihn haben,
Ikeng wollte ihn nicht rausrücken, Lambert
schubste ein wenig, Ikeng fiel um wie vom Blitz
getroffen. Killer-Kante Lambertz (1,75 m, 69 kg)
hatte den schwächlichen Ikeng (1,87 m, 86 kg)
einfach ausgeknockt. Fehlte nur noch, dass beide
angefangen hätten zu plärren. Lächerliche
Provokation von Ikeng, völlig übertriebener
Einsatz von Lambertz, der vielleicht in der
Pause noch vom Ochsenblut genascht hatte? Schiri
Christ befand, dass bei diesen beiden, im
Gegensatz zu Rösler und Leitl, noch nicht Hopfen
und Malz für pädagogische Maßnahmen verloren
sei, und zückte beiderseitig Gelb wegen
Kinderkram. Kann man machen. Da Lambertz
allerdings drei Minuten zuvor schon verwarnt
worden war, bedeutete dies Gelb/Rot für ihn und
über zwanzig Minuten Unterzahl für Fortuna. Ein
selten dämlicher Platzverweis für unseren
Kapitän. Der kann das aber anscheinend auch nur
selten dämlich, denn ich musste sofort an seine
Gelb/Rote Karte in Aachen denken, zwei Jahre
zuvor, die er wegen einer ähnlichen Kinderei
erhalten hatte, als er einfach mal, um zehn
Sekunden Zeit zu schinden, einen zweiten Ball
ins Spiel gebracht und den Unschuldigen gemimt
hatte, was ihm auch damals nicht gelungen war.
Ein Bärendienst, den er damit wieder einmal der
Mannschaft erwiesen hatte. Lernfähig sieht
irgendwie anders aus.
In den restlichen
zwanzig Minuten beschränkte sich Fortuna darauf,
das Remis in Unterzahl über die Zeit zu bringen.
Bis auf gelegentliche Konterversuche des
eingewechselten Jovanovic gegen den Rest der
Welt tat sich nichts mehr. Tatsächlich hatte
Jova dann sogar noch den Siegtreffer auf dem
Schlappen, als er bei einem seiner
Stand-Alone-Auftritte gegen vier Ingolstädter
aufgrund deren mangelnder Kenntnis von Raum und
Zeit tatsächlich aus knapp achtzehn Metern gut
zum Abschluss kam. Ebenso gut allerdings das
Stellungsspiel von Özcan, der genau richtig
postiert war, um den Ball abfangen zu können.
Auf der anderen Seite nutzte Ingolstadt die
23-minütige Überzahl nicht das Geringste – erst
in der 24. Minute hätten sie es beinahe in
klingende Münze umgewandelt. In der
Nachspielzeit bekamen die Fortunen einmal den
Ball nicht aus dem Strafraum, und die Kugel fiel
schließlich Gunesch vor die Füße, der sie aus
sechs Metern rechts am Tor vorbei drosch. Zum
Glück kein Killerinstinkt. Anschließend war das
Spiel aus, und die Förmchen konnten wieder
eingesammelt werden.
Fortuna holte
einen Punkt beim FC Ingolstadt. Aufgrund der 25
Minuten in Unterzahl und der Chance für Gunesch
ganz zum Schluss musste man damit zufrieden
sein. Aufgrund der verteilten ersten Hälfte ging
das Remis ebenfalls in Ordnung. Die Mannschaft
musste sich aber ganz klar fragen lassen, warum
man in der zweiten Hälfte, als die Gastgeber
mehrfach schwindlig gespielt worden waren und
deren Abwehr sich alles andere als sattelfest
gezeigt hatte, das Spiel einfach wieder hergab
und sich in Kinderkram verstrickte. Mit der
Krönung eines der überflüssigsten Platzverweise
aller Zeiten, mit dem dann auch die
Offensivbemühungen für jenen Tag beendet waren.
Aber immerhin
konnte ich eine halbe Stunde nach Spielschluss
Finger und Zehen wieder bewegen, und auch mit
der Heimfahrt klappte alles tadellos. So gesehen
ein gelungener Ausflug ins winter wonderland.
Und wer weiß, wozu dieser Punkt nochmal gut sein
kann.
Einen Tag nach
unserem Tiefkühlspiel in Ingolstadt würgte sich
Eintracht Frankfurt zu einem 2:1-Erfolg gegen
Aufsteiger Eintracht Braunschweig. Es war in
Hessen nicht ganz so kalt wie in Bayern, deshalb
gibt es für Eintracht-Coach Armin Veh noch nicht
einmal die Entschuldigung, sich während der
voraus gegangenen 90 Minuten das Hirn erfroren
zu haben. Somit ist er voll verantwortlich für
das, was er unmittelbar nach Schlusspfiff in die
Mikrofone der natürlich begeisterten Reporter
von sky und sport1 blies. Nach dem kommenden
Spitzenspiel bei der Fortuna befragt, haute er
nämlich mal sofort raus, er wünsche sich für das
Spiel einen guten Schiedsrichter. Wohl wissend,
dass dies eine sofortige Nachfrage zur Folge
haben würde. Und dann zog er mal richtig vom
Leder. Was bei Fortuna an Schauspielerei und
Theatralik geboten werde, ginge auf keine
Kuhhaut mehr. Die ganze Liga wisse das.
Besonders Sascha Rösler hatte er auf dem Kieker,
sagte jedoch ausdrücklich, dass die Anderen in
der Mannschaft es ihm mittlerweile gleichtun
würden. Er haute also das gesamte Team in die
Pfanne, im Umkehrschluss den Trainer natürlich
auch, der seine Truppe so spielen lässt. Und den
DFB mit dem Hinweis auf seine „schwachen
Schiedsrichter“ gleich mit, allerdings natürlich
nicht wörtlich. Krönung war die bis heute
selbstverständlich unsanktionierte Äußerung: „Sowas
hat im deutschen Fußball nichts zu suchen.“
Ja, der Armin
leidet sicher nicht unter mangelndem
Selbstbewusstsein. Ein solch erfolgreicher
Trainer wie er, in den letzten Jahren
bekanntlich immer ganz oben auf der
Erfolgswelle, mutet sich selbst schon mal zu,
den Finger in die Wunde zu legen und den
Lonesome Rider zu geben. Einer muss es ja tun.
Sympathischerweise hält er dann auch mit seiner
eigenen, von ihm empfundenen Wichtigkeit nicht
hinter dem Berg und analysiert gleich mal für
den gesamten deutschen Fußball mit. Das kam mir
irgendwie bekannt vor. Jawohl,
Ex-Bielefeld-Trainer Thomas Gerstner hatte im
Jahr 2009, nach dem Spiel bei Fortuna, auch
schon mal den Blick über den langweiligen
Vereins-Tellerrand hinaus erkennen lassen, als
er ultimativ festgestellt hatte: „Dieses
Schiedsrichtergespann hätte es verdient, auf
deutschem Boden kein Spiel mehr pfeifen zu
dürfen.“ Es scheint in der Tat so zu sein, dass
der eine oder andere Zweitliga-Trainer eher zum
völkischen Betrachter berufen zu sein scheint,
als zum Analysten der Leistung des eigenen
Teams, für das er die Verantwortung trägt.
Den Gerstner
kostet das damals übrigens noch ein bisschen
Kohle, Geldstrafe vom DFB. Der hatte ja auch die
Schiedsrichter gemeint, da versteht der DFB
keinen Spaß. Gegnerische Vereine aus dem
deutschen Fußball entfernen zu wollen, ist
dagegen okay. Wobei ich natürlich nicht weiß, ob
das so gewesen wäre, wenn Veh mit seinen
Schmähungen einen gewissen Milliardär und sein
Spielzeug gemeint hätte. Aber bei einer
Gurkentruppe wie Fortuna – kein Problem, da kann
man ja schon mal einen raushauen. Besonders wenn
man aus Frankfurt kommt. Schließlich brillieren
die schon in der gesamten Saison durch eine
gewisse, sagen wir, abwertende Haltung der
Konkurrenz gegenüber. Man versteht offenkundig
überhaupt nicht, was man in dieser Liga zu
suchen hat. So kommentierte Sportdirektor Bruno
Hübner den potentiellen Gegner Erzgebirge Aue zu
Beginn der Saison schon mal so: „Nehmen wir Aue:
Wenn da Schnee fällt, dann räumen die den erst
eine Stunde vor dem Anpfiff, weil sie wissen,
sie sind technisch eh die schlechtere
Mannschaft. Und dann fährt da vielleicht noch
ein Traktor übers Feld.” Armin Veh selbst
entschuldigte in der Hinrunde nach einem Spiel
die schwache Leistung seiner Elf mit dem Hinweis
darauf, dass einige seiner Spieler zuvor unter
der Woche auf Länderspielreise gewesen seien und
daraufhin Schwierigkeiten gehabt hätten, sich
dem niedrigen Niveau der 2. Liga wieder
anzupassen. Der meinte das durchaus Ernst! Und
über den lustigen Tipp, den
Aufsichtsratsmitglied Axel Hellmann vor unserem
Hinspiel in Frankfurt parat hatte, 5:1, habe ich
auch schon geschrieben. Und wer einfach nur zu
gut für diese Liga ist, der darf dann auch
gegnerische Vereine in die Pfanne hauen und mal
staatsmännische Gedanken zum deutschen Fußball
entwickeln. Dass seitens der Vereinigung, unter
deren Dach eigentlich alle deutsche Vereine
wirken, in solchen Fällen etwas kommt, kann ja
eigentlich ausgeschlossen werden. Schließlich
sitzt der DFB bei der Eintracht nicht umsonst
direkt nebenan. Und wer will es sich schon gerne
mit dem Nachbarn am Gartenzaun verderben? Da
schweift man lieber ab in die norddeutsche
Tiefebene und kassiert Kohle von Holstein Kiel,
weil deren Spieler nach der Pokal-Auslosung von
einer Kamera mitten in Schmähgesängen über den
Gegner Borussia Dortmund überrascht worden
waren. Bei Holstein hatte übrigens niemand
gefordert, irgendjemanden aus dem deutschen
Fußball auszuschließen, deshalb gab es nur eine
Geldstrafe. Hatten die ein Glück.
Also, der Veh
redet von Schauspielerei und Theatralik. Dann
untermauert er diese Unverschämtheit mit einem
süffisanten „Düsseldorf hat in dieser Saison
schon zehn Elfmeter bekommen, das sagt doch
alles.“ Immerhin sagt das, dass er prima rechnen
kann, die Aussage stimmt. Er ist natürlich nicht
so blöd zu sagen, dass er diese Elfer zum
Großteil für geschenkt hält, denn das wiederum
wäre Kritik an den Schiedsrichtern, und dafür –
das wissen wir ja –, müsste er sofort zahlen.
Aber wie er das meint, bekommt man auch so mit.
Leider liegt er damit völlig falsch, denn von
den zehn Elfmetern, die die Fortuna bekommen
hat, kann man eventuell über zwei diskutieren,
die aber auch geben (gegen Rostock und in
Ingolstadt). Der Rest steht ohne jede
Diskussion. Das sage nicht ich, das sagt nun
wirklich jeder Fachmann, der sich die Szenen in
der Woche vor dem Spiel natürlich alle nochmal
angesehen hat. Veh vergisst dabei auch
routiniert zu erwähnen, dass Fortuna mindestens
fünf klare Elfmeter in dieser Saison nicht
bekommen hat – durchaus eventuell auch, weil die
entsprechenden Pirouetten zu schwungvoll gedreht
wurden. Was allerdings nichts an der jeweils
falschen Entscheidung, keinen Elfer zu geben,
ändert.
Ganz besonders
weiß Veh dies aus dem Hinspiel, als uns gleich
zwei klare Elfmeter verweigert wurden. Dieses
Hinspiel spricht er natürlich nicht an. Es ist
auch nicht überliefert, dass er nach dem
Hinspiel einen „guten Schiedsrichter“ gefordert
hätte. Es macht viel mehr den Eindruck, als sei
es ein völlig normaler Vorgang, wenn ein Schiri
bei Eintracht Frankfurt eben nicht so genau
hinschaut. Das scheint der Truppe zuzustehen,
weil dort ja sowieso niemand weiß, warum man in
dieser Bauern-Liga spielen muss. Das hat wohl
was mit Respekt zu tun.
Armin Veh mag
insbesondere Sascha Rösler nicht. Da steht er
nicht alleine. Ich habe auch schon mehrfach
geschrieben, dass der Mann mich zur Weißglut
bringen würde, wenn er in einem gegnerischen
Team spielen würde. Wenn er zu Boden geht, ist
schon mal Theatralik im Spiel, dem stimme ich
voll zu. Veh spricht kein einziges Mal von
„Schwalben“, das wird ihm hinterher so
ausgelegt, und das ist auch genau der Eindruck,
den er erwecken möchte, aber gesagt hat er es
nicht. Was er wiederum routiniert „vergisst“ zu
erwähnen: klar haben sowohl Rösler als auch
Beister gerne mal den Theater-Hut auf. Dies
ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie in
diesen Fällen meistens tatsächlich gefoult
werden. Fernseh-Beweise dafür gibt es noch und
nöcher, das weiß auch der Herr Veh, deshalb
vermeidet er das Wort „Schwalbe“ ja auch. Man
kann nun geteilter Meinung sein, ob Spieler bei
der kleinsten Berührung manchmal zur großen Show
ansetzen. Ich finde es auch nicht toll. Deshalb
käme ich aber nie auf den Gedanken, solche Leute
vom deutschen Fußball ausschließen zu wollen.
Wenn es um die Entfernung von Übertreibung und
Arroganz ginge, wären der aktuelle Trainer und
der aktuelle Sportmanager von Eintracht
Frankfurt ja auch schon längst Geschichte. Und
das fordert schließlich auch niemand.
Bei Rösler kommt
hinzu, dass er auch noch sehr gerne sein
Mundwerk zum aktiven Spielaufbau einsetzt. Finde
ich auch nicht gut, kann man den Leuten aber
nicht abgewöhnen. Gerade das Meckern, Motzen und
Pöbeln hat der nun wirklich nicht exklusiv, das
gibt es haufenweise in jeder Mannschaft.
Nein, nein, weder
Rösler als Einzelspieler noch Fortuna als
Kollektiv sind eine so große Ausnahme, wie der
nette Armin es der Bevölkerung kundtun möchte.
Das Ganze ist einfach nur der Tatsache
geschuldet, dass sich Armin Veh voller
Selbstvertrauen wohl schon lange auf einer Stufe
mit einstigen Pöbel-Königen wie Uli Hoeneß oder
Christoph Daum wähnt. Weil er und sein Verein
doch verdammt nochmal nichts in dieser
Drecks-Liga zu suchen haben, das muss man doch
anerkennen! Und weil es bei den Frankfurtern
derzeit mit dieser Attitüde nicht so klappt wie
im letzten Jahr bei der Hertha, setzt er halt
einfach mal einen Reizpunkt vor einem Spiel, das
für ihn von enormer Wichtigkeit ist, denn er
steht in Frankfurt enorm unter Druck.
Schließlich geht er mit einem Mörder-Etat an den
Start, hat eine Truppe, die nahezu
ausschließlich aus Erstliga-Spielern besteht –
und muss sich zu Beginn der Rückrunde mit
solchem Gesocks wie Fortuna oder Paderborn
rumschlagen, hat sich noch nicht entscheidend
abgesetzt wie die Hertha vor einem Jahr. Da dies
nicht angehen kann, bezieht er den Gegner nun
gerne in seine Spielvorbereitung mit ein. Wie er
dies allerdings macht, hat mit sportlichen Fair
Play – und nichts Anderes ist es ja, was er für
sich einfordert – nun auch nicht das Geringste
zu tun. Das ist noch nicht einmal mehr
unterhaltsam. Das ist erbärmlich.
Denn im Grunde
kümmert ihn das gar nicht. Er findet Sascha
Rösler und seine Art, Fußball zu spielen,
eigentlich gar nicht so schlimm. Wie ich darauf
komme? Betrachten wir Vehs letzte Station im
Trainergeschäft bis zu seiner dortigen Demission
am 13.03.2011. Beim Hamburger SV hatte er exakt
denselben Spielertyp im Kader. David Jarolim ist
für seine Auftritte womöglich noch „berühmter“
und noch schlechter beim Publikum gelitten als
Sascha Rösler. Und was tat Veh mit diesem
Spieler, der dermaßen voll in seine Definition
dessen passt, was seiner Meinung nach „im
deutschen Fußball nichts zu suchen“ hat? Genau,
er setzte ihn in den 26 Meisterschafts-Partien,
in denen er die Verantwortung beim HSV trug,
18-mal ein. Aber wahrscheinlich würde der Veh
das damit erklären, dass er den Spieler auch
absolut nicht leiden konnte, aber er habe
erkennen müssen, wie wertvoll dieser für die
Mannschaft sei. Eben, Herr Veh.
Armin Veh ist ein
wandelndes Zeichen purer Arroganz, der ganz
schnell auskeilt, wenn er nicht das bekommt, was
ihm seiner Meinung nach zusteht. Mehr nicht. Und
er weiß, dass er sich so etwas leisten kann,
weil der Anwohner am Gartenzaun keinen Stress in
der Nachbarschaft haben will. Dazu gehört
allerdings nicht viel. Armer Prinz LilliVeh..
Vier Tage, nachdem
Veh mal seine völkische Sicht auf den Fußball
und den Fair Play-Gedanken erläutert hatte, gab
es vom Nachbar am Gartenzaun allerdings noch
richtig was zu lachen. Es betrifft zwar die 1.
Bundesliga, aber ich möchte es kurz einfügen,
weil man meiner Meinung nach auch an diesem
Beispiel sehr schön sehen kann, wie der Hase
läuft im deutschen Qualitätsfußball. Hier also
die Pressemitteilung des DFB vom 09.02.2012 in
punkto Hoffenheimer „Schallaffäre“:
„09.02.2012 16:05
DFB-Sportgerichtsbarkeit
DFB stellt Verfahren gegen
Hoffenheim-Mitarbeiter ein
Der Kontrollausschuss des Deutschen
Fußball-Bundes (DFB) hat mit Zustimmung des
DFB-Sportgerichts das Ermittlungsverfahren
eingestellt, das gegen einen Angestellten des
Vereins 1899 Hoffenheim nach dem
Bundesliga-Heimspiel gegen Borussia Dortmund am
13. August 2011 eingeleitet worden war. Der
Mitarbeiter hatte im Sinsheimer Stadion eine
Beschallungsanlage installiert und betrieben, um
Schmähgesänge in Richtung des Hoffenheimer
Präsidenten Dietmar Hopp zu unterbinden.
Dr. Anton Nachreiner, Vorsitzender des
DFB-Kontrollausschusses, begründet die
Einstellung des Verfahrens wie folgt: „Das
Vorgehen des Mitarbeiters stellt zwar ein
unsportliches Verhalten dar, ist allerdings als
geringfügig einzustufen. Nach den Ermittlungen
der Staatsanwaltschaft Heidelberg, die ihr
Verfahren ebenfalls eingestellt hat, wurde
mittels eines Sachverständigengutachtens
nachgewiesen, dass die Stadionbesucher durch die
Beschallungsanlage nicht gesundheitlich
beeinträchtigt worden sind. Dazu war die Anlage
von vorn herein nicht geeignet.“
Wie Nachreiner weiterhin ausführt, hätten die
Ermittlungen des Kontrollausschusses und der
Staatsanwaltschaft keinerlei Hinweise darauf
ergeben, dass Hoffenheimer Verantwortliche von
der Beschallungsaktion wussten beziehungsweise
in irgendeiner Weise an ihr beteiligt gewesen
seien.“
Eine schöne
Entscheidung, in der dankenswerterweise auch
nochmal ausdrücklich klar gestellt wird, dass
der Verein TSG Hoffenheim als Ausrichter der
Heimspiele absolut keinen Plan hat, wer sich bei
ihnen während des laufenden Spielbetriebs im
Innenraum herumtreibt, drei Meter vom kickenden
Personal entfernt, und somit auch keinen Plan
hat, was derjenige denn da so aufbaut und
„abfeuert“. Und der Verein muss diesen Plan
anscheinend auch nicht haben, denn er geht ja
straffrei aus. Ist unter heutigen
Sicherheitsaspekten eine prima Einladung für all
diejenigen, die ein bisschen mehr als nur
beschallen wollen. Macht dem Verein alles nix,
wird ausgesessen und dann abgebügelt. Hoffenheim
braucht bekanntlich auch keine festgelegten
Spieler nach dem Spiel zur Dopingprobe zu
schicken, wenn deren Trainer (damals: Ralf
Rangnick) der Ansicht ist, eine spontane
„Mannschaftssitzung“ wäre wichtiger. Also ich
weiß ja nicht, aber anstelle der TSG „1899“
hätte ich auf Bestrafung bestanden, denn nun
werden die ja wieder als Volltrottel-Verein
dargestellt, der überhaupt keinen Plan von gar
nix hat. Aber damit kann man anscheinend prima
leben, wenn es nur dem großen Boss recht ist.
Übrigens, ihr habt
richtig gelesen: im Original-Wortlaut der
Pressemitteilung wird Dietmar Hopp ausdrücklich
als „Hoffenheimer Präsident“ bezeichnet.
Ein kleiner Fauxpas der DFB-Zentrale, der sehr
schön aufzeigt, um wen es hier mal wieder ging.
Denn Hopp ist nicht nur nicht Präsident, der hat
überhaupt keine offizielle Funktion bei der TSG
Hoffenheim. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt…
Natürlich
korrigierte der DFB diesen Lapsus nahezu
umgehend binnen weniger Stunden und passte die
Mitteilung der Realität an. Mittlerweile steht
dort ein gepflegtes „des Hoffenheimer Mäzens“,
wie es sich gehört. Lustigerweise stellt nun
diese Korrektur ausgerechnet Hopp nicht davon
frei, von der Angelegenheit nichts gewusst zu
haben. Denn die Mitteilung entlastet ja
ausdrücklich nur die „Hoffenheimer
Verantwortlichen“. Und zu denen gehört er als
Mäzen absolut nicht. Also „offiziell“, meine
ich. Wie man es macht, macht man es verkehrt.
Aber ein bisschen Kopfschütteln über diese
Entscheidung ist immer drin. Lex Hopp die
wievielte?
„Wenn ich am
Montag Armin Veh begrüße, mache ich vielleicht
’ne Schwalbe“, kündigte Finanzvorstand Paul
Jäger im Scherz an.
Mal ganz ehrlich,
im Nachhinein muss man sagen, er hätte Veh beim
Aussteigen aus dem Bus direkt weggrätschen
sollen. Hätte uns wohl einiges erspart. Aber
andererseits: dieser 13.02.2012 war ein Abend,
den man im Endeffekt nicht missen möchte. Weil
es spannend bis zum Schluss war, und dann,
tatsächlich ganz am Schluss, dergestalt
eskalierte, dass man wirklich der Meinung sein
muss, der Fußballgott habe am Drehbuch
mitgeschrieben.
Zunächst mal eine
schöne Kulisse, 41.200 Zuschauer. Da sich
tagsüber im Umland Schnee und Regen abwechselnd
die Ehre gaben, beschloss man, das Dach der
Arena zum Spiel zu schließen. Dies nutzte das
zahlreich angereiste Frankfurter Personal im
Gästeblock schon vor dem Spiel dazu, mal einen
ersten Akzent zu setzen und den spontanen
Erstickungstod für alle zu proben. Und so
brannten diejenigen, in deren eigenen Hirnen
wohl nie mehr das entsprechende Licht aufgehen
wird, bereits beim Warmlaufen einige Bengalen
ab, was nun nicht weiter schlimm gewesen wäre,
hätte man sie nicht szeneüblich allesamt
brennend in den Innenraum entsorgt, dazwischen
vermehrt Böller und Kanonenschläge gezündet und
sogar echten Silvesterfeuerwerk in Form von
Sternhaufen abgeschossen. Dass mindestens zwei
Böller im Innenraum in der Nähe der Seitenlinie
landeten, an der sich grad die eigene Mannschaft
war machte, wurde von diesen widerspruchslos
hingenommen, scheint also nicht wirklich neu zu
sein. Und außerdem hab ich noch nie gehört, dass
in Frankfurt einer gegen die Fan-Szene
aufgemuckt hätte.
Bei geschlossenem
Dach brauchte es ein wenig länger, bis der Rauch
abgezogen war, sodass der Schiedsrichter die
Partie bereits mit fünf Minuten Verspätung
anpfiff. Apropos Schiedsrichter: da hatte der
Herr Veh ja bekanntlich bereits eine Woche vor
der Partie gefordert, es solle „ein Guter“ sein,
was in seinen Augen beim DFB nicht
selbstverständlich ist, ansonsten hätte er es ja
nicht gefordert. Wir bekamen Dr. Felix Brych.
Das ist schon ein Guter, leider war er etwas
vorbelastet, da er nur fünf Tage zuvor im
DFB-Pokal-Viertelfinale beim Stande von 0:0 in
der Verlängerung eine Schwalbe des Gladbachers
Igor de Camargo als Tätlichkeit seines
Gegenspielers Roman Hubnik gewertet hatte. Somit
Rot für Hubnik und, weil sich die Szene im
Hertha-Strafraum zugetragen hatte, Elfmeter für
Gladbach, das mit diesem Geschenk ins Halbfinale
und zum Gegner FC Bayern München einzog. Da kann
mir niemand erzählen, dass der Brych nach so
kurzer Zeit völlig unbelastet in diese Partie
gehen würde, bei der Frankfurts Trainer schon
eine Woche zuvor dafür gesorgt hatte, dass es
richtig Zoff geben würde. Eine schöne
Risiko-Ansetzung des DFB, die in den 90 Minuten
allerdings aufging. Blöd nur, wenn ein Spiel
dann noch etwas länger dauert…
In den 90 Minuten
jedenfalls war an der Leistung des Dr. Brych und
seiner Assistenten nichts auszusetzen. An der
Leistung beider Teams in der ersten Hälfte
hingegen sehr wohl, zumindest, was die
Offensivbemühungen anging. Beide Abwehrreihen
standen gut, beide Mittelfeldreihen erwiesen
sich als mäßig kreativ, bei Fortuna auch dadurch
bedingt, dass Kapitän Lambertz nach seinem
Platzverweis in Ingolstadt gesperrt war und
durch Adam Matuschyk ersetzt wurde. Der
Neuzugang vom FC Bahnhofskapellendorf machte
sein erstes Spiel für die Fortuna von Beginn an
und war mehr schlecht als recht einzuordnen.
Viele Impulse setzte er jedenfalls nicht, dafür
müsste man aber auch ab und zu mal einen
Zweikampf gewinnen. Es war klar, dass der Pole
sich nicht so mir nichts, dir nichts in das
Spiel der Mannschaft würde integrieren können,
aber ein bisschen mehr hätte es dann doch schon
sein dürfen. Schade.
Deshalb gab es aus
der ersten Hälfte auch nicht viel. Die beste
Chance hatte Frankfurt, als Alex Meier nur ganz
knapp und völlig frei an einer Flanke von
Lehmann vorbei segelte. Auf der Gegenseite
parierte Nikolov einen Fernschuss von Rösler,
aus dem anschließenden Abpraller resultierte
noch eine gute Chance für Beister, die Nikolov
aber erneut abwehren konnte. Das war es dann
auch schon, ein ausgeglichenes Spiel zweier
vorsichtiger Mannschaften.
Dies änderte sich
nach dem Wechsel grundlegend. Zunächst begannen
die Frankfurter sehr schwungvoll. Nachdem
Benjamin Köhler eine scharfe Flanke von links
mit viel Wucht vors Tor gezogen hatte, kam die
gesamte Fortuna-Abwehr nicht an den Ball, und
Karim Matmour hatte die große Chance. Er tauchte
am langen Pfosten auf, drei Meter (!) vor
Ratajczak und schaffte es nicht, den Ball im
Netz unterzubringen, unser Keeper konnte mit
einem prima Reflex abwehren. Nach diesem
Muntermacher in der 49. Minute spielte dann auch
die Fortuna endlich druckvoller nach vorne und
erarbeitete sich Möglichkeiten, allerdings alles
noch zu unpräzise. Dann gab es allerdings zwei
Großchancen binnen drei Minuten: zunächst ein
Böller aus 20 Metern von Matuschyk nach einem
abgewehrten Eckball. Nikolov musste auch hier
nachfassen, konnte aber parieren. Und in der 67.
Minute musste es eigentlich 1:0 für die
Hausherren stehen, als Beister, schön von Bröker
und Fink angespielt, sich im Strafraum gegen
zwei Gegenspieler durchsetzen konnte, dabei
allerdings ein wenig die Kontrolle über den Ball
verlor. Er kam noch zum Abschluss, und aus nur
fünf Metern darf auch bei solch wegen
schwieriger Ballkontrolle etwas überhasteten
Aktionen mehr heraus kommen, als den guten
Nikolov anzuschießen, der genau richtig stand.
Immerhin, es ging was, die Fortuna nun mit mehr
Spielanteilen.
Etwas unglücklich
daher der Zeitpunkt, als man zwei Minuten später
plötzlich zurück lag. Alex Meier narrte mit
einer Körpertäuschung halbrechts kurz vor dem
Strafraum gleich drei Gegenspieler und spielte
dann einen Traumpass in die Mitte auf Köhler,
perfekt getimed, zentimetergenau serviert.
Köhler ließ den Ball nur kurz abtropfen und
haute ihn dann aus der Drehung und circa zehn
Metern flach ins rechte Eck, 0:1. Wie gesagt,
sahnemäßig herausgespielt, wenn auch zu diesem
Zeitpunkt etwas glücklich.
Und hier verlassen
wir die Frankfurter Offensivbemühungen für
diesen Spieltag, denn der Treffer von Köhler war
der letzte Torschuss, den die Eintracht in
diesem Spiel abgab. Man beschränkte sich darauf,
die Führung über die Zeit zu bringen.
Gelegentliche Konter wurden eher halbherzig zu
Ende gebracht. Dass ausgerechnet Alex Meier für
die schönste Schwalbe des Spiels zuständig war,
fiel seinem Trainer selbstverständlich nicht
auf, dafür spielt der ja auch beim richtigen
Verein, da sieht der Bewahrer der Reinheit des
deutschen Fußballs die Sache nicht so eng.
Ansonsten hinterließ der Frankfurter Angriff bis
Spielschluss nichts Erwähnenswertes für die
Nachwelt.
Fortuna-Trainer
Meier reagierte und brachte Ken Ilsø als
zusätzlichen Angreifer. Fast sofort ging die
Post nach vorne ab, Fortuna jetzt viel
aggressiver, drückte Frankfurt in die eigene
Hälfte und suchte den Abschluss. Das eh
verdiente Unentschieden – denn besser als die
Gastgeber war Frankfurt auch zuvor wirklich
nicht – wäre eigentlich in der 78. Minute fällig
gewesen. Aber zunächst traf Bröker nur den
Pfosten, als er mit Rechtsschuss
Innenverteidiger Gordon Schildenfeld tunnelte,
der Ball wurde zur Ecke geklärt. Die segelte
anschließend von rechts in den Strafraum,
Kopfball Fink, und wieder war Nikolov
geschlagen, aber Sebastian Rode rettete,
ebenfalls per Kopf, am langen Pfosten auf der
Linie. Es war zum Haareraufen. Anschließend
setzte Meier alles auf eine Karte und brachte
mit Neu-Stürmer Timo Furuholm und Ranisav
Jovanovic zwei weitere Angreifer, echte
„Harakiri-Wechsel“, wie er nach dem Spiel sagte.
Mehr Offensive ging wirklich nicht. Furuholm
hatte in der 86. Minute auch die Chance zum
Ausgleich, aber auch er scheiterte an Nikolov.
Fortuna warf alles nach vorne, die Eintracht
pöhlte die Bälle hinten raus, und man musste
sich langsam mit dem Gedanken anfreunden, nach
dem letzten Heimspiel im alten auch das erste
Heimspiel des neuen Jahres zu verlieren.
Und dann brach die
91. Minute an…
Angriff der
Fortuna über rechts, Ilsø schlägt eine schöne
Flanke in den Strafraum, der Ball wird gut lang.
Am Fünfmeterraum gehen Ex-Fortune Bamba Anderson
und Neu-Fortune Furuholm zum Ball, vor ihnen nur
noch Nikolov. Und dann fallen alle drei um, der
Ball springt ins Aus. Furuholm deutet an, er sei
am Trikot festgehalten worden, das sah von der
Tribüne auch so aus, aber genau zu erkennen war
es nicht.
Schiri Dr. Brych
steht bewegungslos an der Strafraumgrenze und
guckt. Er weiß offenkundig nicht, was er machen
soll, also macht er lieber mal gar nichts. Dies
würde Abstoß vom Tor der Frankfurter bedeuten.
Plötzlich erregtes Gemurmel auf den Rängen, als
man sieht, wie sich jemand ganz langsam von
seinem Platz wegschleichen will. Es ist der
Schiedsrichter-Assistent auf der
Haupttribünenseite, Jan-Hendrik Salver. Und von
wo will er sich wegschleichen? Jawohl, der Mann
hatte in der Zwischenzeit seinen angestammten
Platz an der Seitenlinie verlassen und war auf
die Grundlinie eingeschwenkt, zu der Stelle, an
der diese die Strafraumlinie schneidet. Dort
muss ein Assistent nämlich stehen – wenn
Elfmeter gegeben wird…
Also, der Schiri
macht nichts, der Assi hat sich schon auf
Elfmeter-Position begeben. Als Salver bemerkt,
dass Brych nichts macht, geht er langsam wieder
zurück. Mittlerweile hat ihn aber das halbe
Stadion bemerkt, inklusive Fortuna-Spieler, die
Brych darauf hinweisen. Unzweifelhaft muss der
Assi in dieser Situation Foulspiel angezeigt
haben, ansonsten macht es wenig Sinn, sich
direkt auf diese Position zu begeben. Der ist ja
schließlich nicht im Stadion, um spazieren zu
gehen, und mir ist auch kein Fall bekannt, in
dem der Assi einfach mal die „Elfmeter-Position“
eingenommen hätte, nur um seinen Kollegen an der
Pfeife zu ärgern.
Und jetzt kommt
das, was Respekt verdient, auch wenn ich mich
als Frankfurter natürlich genauso darüber ärgern
würde. Aber Respekt sollte man trotzdem haben.
Schiri Brych geht nämlich zu Salver und
bespricht die Angelegenheit. Der Assi sagt wohl,
dass er ein Foulspiel erkannt hat. Und er guckt
von der Seite genau auf die Szene drauf, hat
somit gute Sicht, im Gegensatz zu Brych, der
sich ja hinter den Spielern befand. Brych hört
zu, glaubt ihm - und entscheidet anschließend
auf Elfmeter. Gleichzeitig erfüllt er sich den
bestimmt großen Wunsch der Schiedsrichter-Gilde,
wirklich mal alle Spieler auf dem Feld im Laufe
eines Spiels kennen zu lernen, denn nachdem ihn
zuvor fast alle Fortunen auf die Laufwege seines
Assis aufmerksam gemacht haben, wird er nun
eingehüllt in eine Wolke Frankfurter Spieler.
Aber er bleibt bei seiner Entscheidung.
Strafstoß für Fortuna in der 91. Minute. Mit
Verzögerung.
Die
Riesen-Fußball-Macher von sky können die Szene
mit ihren Kameras natürlich mal wieder nicht
aufklären, das kennt man ja schon. Die Bilder
aus verschiedenen Blickwinkeln, die mittlerweile
zahlreich einzusehen sind, zeigen eindeutig,
dass Anderson Furuholm am Trikot festhält, und
zwar nicht, wie es ein Herr Veh gerne hätte, für
den Bruchteil einer Sekunde, woraufhin unser
Finne wie vom Blitz getroffen umfällt, sondern
eigentlich über den gesamten Zeitraum der Szene.
Und besonders, als Furuholm seinen Fuß zum Ball
ausstreckt und durch das Ziehen am Trikot
behindert wird. Die Frage ist, ob man das
pfeifen muss. Bei einem beliebigen Trikotzupfer
im Gewühl nach einem Eckball wird es sicherlich
mehrheitlich nicht geahndet. Hier liegt der Fall
nun aber so, dass Furuholm ohne das Trikotzerren
durchaus an den Ball hätte kommen können – und
vor ihm befanden sich nur noch Nikolov und das
Tor, kein Mitspieler, kein gegnerischer Spieler,
auch nicht auf der Torlinie oder in der Nähe. So
etwas nennt man gerne mal „Verhindern einer
klaren Torchance“. Und zwar durch regelwidriges
Festhalten am Trikot des Gegenspielers. Ich
nehme an, dies hat für den Assi den Ausschlag
gegeben, das Foulspiel anzuzeigen. Anderson
zieht an Furuholms Trikot und verhindert damit
eine klare Torchance. Und damit kann man den
Elfmeter durchaus geben. Würde ich als
Frankfurter bei der Ansicht der Bilder auch
irgendwie im Hinterkopf haben, wäre aber immer
noch sauer, natürlich. Allerdings hat sich
mittlerweile allgemein doch eher die Erkenntnis
durchgesetzt, dass man den Elfer geben kann.
Eine große Rolle,
dass es derart chaotisch wird, spielt natürlich
Schiedsrichter Brych. Die Szene kommt, sein
Assistent signalisiert ihm ein Foulspiel. Er
kann jetzt genau zwei Dinge machen: entweder
entscheidet er sofort auf Elfmeter. Oder aber er
zeigt seinem Assistenten durch klare Gestik
eindeutig für jedermann sichtbar an, dass er ihn
überstimmt und weiterspielen lässt, somit Abstoß
für Frankfurt. Dr. Brych tut nichts von beiden.
Wie gelähmt steht er an der Strafraumgrenze,
guckt und macht nichts. Wahrscheinlich fragt er
sich in diesem Moment verzweifelt, warum ihm
ausgerechnet jetzt so etwas noch passieren muss.
90 Minuten ist alles gut gegangen, er hat nahezu
fehlerfrei geleitet, beide Mannschaften haben
sich auch benommen. Und ausgerechnet in der
Schlussminute dies. Er guckt, er überlegt und
verliert den Überblick. Er hat allerdings dann
auch das Rückgrat, seine Entscheidung zu
revidieren, weil der Assistent anscheinend
genauso viel Rückgrat hat, seine vorherige
Erkenntnis entsprechend zu untermauern.
Jens Langeneke
macht den Elfmeter rein, mit viel Glück, Oka
Nikolov ist dran, kann den Ball aber nicht mehr
parieren, nur noch ins Netz lenken. 1:1 –
Fortuna holt glücklich einen nichtsdestotrotz
verdienten Punkt. So weit zum Sportlichen, denn
da kommt jetzt nix mehr. Dafür wird es umso
munterer abseits des Balles.
Sascha Rösler
gönnt sich im Jubel eine kleine Extra-Einlage,
indem er auf dem Rasen vor der Eintracht-Bank
auf die Knie sinkt und Trainer Veh, der vor
seiner Bank tobt, aufs Herzlichste einlädt, mit
ihm zu feiern. Veh, immer für eine gute Party zu
haben, Sekunden vorher hat er noch den vierten
Offiziellen angebrüllt (davon gibt’s ein
wirklich schönes Bild, das den friedfertigen
Herrn Veh zeigt), lässt sich nicht lumpen und
antwortet dem Sascha postwendend. Daraufhin gibt
es ein kleines Wortgefecht zwischen den beiden,
und anschließend geht’s ab: die gesamte (!)
Frankfurter Ersatzbank springt auf, um ihren
kostbaren Trainer gegen den furchtbaren Rösler
zu schützen. Auf dem Spielfeld eilen sechs (!)
Frankfurter Spieler zur Hilfe, die dabei Schiri
Brych permanent zuwinken und auf Rösler deuten,
damit der Schiri auch ja mitbekommt, was der
böse Mann denn da schon wieder macht. Veh
brüllt, dass man anerkennend sagen muss, der wär
ein prima Spieß beim Bund gewesen.
Zusammengefasst: die Frankfurter benehmen sich
in diesem Fall exakt so, wie Veh es Rösler eine
Woche lang vorgeworfen hat, zuletzt im Interview
15 Minuten vor Spielbeginn! Bei denen macht das
aber offenkundig nichts, weil es ja Frankfurter
sind.
Zwischen beiden
Ersatzbänken kommt es zu kleineren Schubsereien,
Sportdirektor Bruno Hübner, der es wohl immer
noch nicht verwinden kann, in diesem Leben
hinter Labbadia nur als zweitschönster Brüno
durchs Ziel zu gehen, leider in die falsche Zeit
geboren, also, der schöne Brüno II geht
Fortuna-Manager Wolf Werner an die Gurgel. Gegen
einen schönen Manager-Infight ist ja nichts
einzuwenden, aber der Unsere ist flotte 71 Jahre
alt, eine etwas unfaire Angelegenheit. Es dauert
minutenlang, bis besonnene Köpfe wieder halbwegs
Ruhe in die Reihen bekommen haben.
Schiri Brych
handelt so, wie er nur handeln kann, weil er den
Überblick verloren hat, wie es in dieser
Situation jedem Anderen auch gegangen wäre. Er
bestraft diejenigen, die die Rudelbildung
ausgelöst haben, Gelb/Rot für Rösler, Veh muss
auf die Tribüne. Das schenkt der sich allerdings
vorsichtshalber, das wäre bei der Stimmung
nämlich jetzt akut gesundheitsgefährdend, auch
er verschwindet in der Kabine. Ein wahres
Wunder, dass die beiden sich dort nicht auch
noch über den Weg gelaufen sind.
Rösler hat die
Rudelbildung provoziert, keine Frage, der
Platzverweis ist völlig gerechtfertigt, und auch
über Rot hätte er sich nicht beschweren dürfen.
Hinzu kommt eine ordentliche Geldstrafe des
Vereins, denn auch Trainer und Manager sind not
amused und sagen dies auch nach dem Spiel. Ein
ähnlicher Bärendienst wie der Platzverweis von
Lambertz in der Woche zuvor nach Ringelpiez mit
Ikeng. Rösler ist klar Schuld an dieser
Situation, aber ich kann ihn verstehen. Da steht
der Typ, der ihn eine Woche lang als
„Schauspieler“ und „Provokateur“ bezeichnet hat,
der getönt hat, so etwas habe im deutschen
Fußball nichts zu suchen (Ausnahme: derjenige
spielt in Vehs Mannschaft, siehe oben), der sich
darüber aufregt, der unterbewusst Schiebung
unterstellt, dass Fortuna so viele Elfer
bekommt, obwohl er genau weiß, dass fast alle
berechtigt waren. Der hat die ganze Woche
gepiesackt, selbst provoziert, angeprangert. Und
da glaube ich schon, dass der Rösler sich das
ganze Spiel über darauf gefreut hat, bei einem
Treffer vor diesem Mann in die Knie zu gehen.
Dass es nun bis zur 91. Minute dauert und
ausgerechnet ein Elfmeter ist, hätte man sich
zwar in den kühnsten Träumen nicht ausmalen
können, ist aber eigentlich noch schöner. Und so
genießt der Rösler die letzte Provokation des
Spiels, da bin ich sicher. Und wie gesagt: wenn
einer so bewusst an den Pranger gestellt wird
von Leuten, die genau wissen, dass das, was sie
da erzählen nur dazu dienen soll, Unruhe zu
verbreiten, dann darf man sich nicht wundern,
wenn der ganz zum Schluss auch noch mal
austeilt. Veh kann ja mal nen Kampfhund in eine
Ecke treiben, selbst der friedlichste Köter
beißt irgendwann zu, wenn man ihm gar keinen
Ausweg mehr lässt.
Also: Rösler hätte
sich diese letzte Aktion schenken können, ja
müssen, dann wäre er noch größer gewesen. So hat
er sich und die Mannschaft zum Schluss doch noch
bestraft. Aber ich kann ihn verstehen. Und
nebenbei sorgte er dafür, dass das ganze, von
Veh sorgsam aufgebaute Gebilde seiner Truppe,
die sich ja niemals so aufführen würde wie
Sascha Rösler, mit einem Schlag zerbrach. Ja,
wer im Glashaus sitzt, der sollte was zu
Anziehen haben. Oder so ähnlich.
Als Schiri Brych
kurz nach dem Wiederanstoß abpfeift und sich
mindestens drei Minuten Nachspielzeit schenkt,
weil es eh keinen Sinn mehr macht, kommt noch
eine kleine Extra-Einlage von Ex-Fortune Bamba
Anderson. Der ist so fertig, dass er sich vor
Brych aufbaut, ihn anbrüllt, immer wieder
höhnisch Beifall klatscht. Als er sich ein Stück
entfernt und Brych auf ihn deutet, um ihn zu
sich zu rufen, wird der tobende Brasilianer von
mehreren Mitspielern weggezerrt und kommt auch
nicht wieder. Brych wiederum ist so fertig, dass
er sich wohl nicht mehr traut, hinter ihm her zu
laufen und auch mal einen Karton zu ziehen.
Sollte er also nicht zufällig Anderson in einem
Sonderbericht erwähnen, so würde dieser mit
derselben Verhaltensweise davon kommen, für die
Sascha Rösler völlig zu Recht vom Platz flog.
Wundern würde es mich nicht, denn auch über dem
Verhalten von Anderson schwebt diese
geheimnisvolle Aura, ein Frankfurter zu sein,
und daher mit Überstreifen des entsprechenden
Trikots automatisch unschuldig zu sein.
Jedenfalls vergisst die peinliche Troika aus
Bembel-Town, die nunmehr das Kommando übernehmen
wird, natürlich routiniert, auch mal auf diesen
Provokateur einzugehen. Sie haben doch alle
nichts gesehen, und außerdem gibt es ja auch
ganz andere Themen.
Der schöne Brüno
II erklärt: „Veh wollte exakt auf solche
Situationen hinweisen, wie wir sie jetzt wieder
gesehen haben!“ Ich bin mir nicht ganz darüber
im Klaren, was er meint: Veh wollte also im
Vorfeld darauf hinweisen, dass seine
Abwehrspieler gerne mal so schlau sind, in der
91. Minute im eigenen Fünfmeterraum den
Gegenspieler allein vor dem eigenen Torwart
festzuhalten? Hab ich so nicht in Erinnerung.
Dass der schöne Brüno II noch ganz andere
Wahrnehmungsdefizite hat, beweist seine zweite
Aussage: „Das ist Wahnsinn, dass der
Linienrichter so eingreift.“ Ja, stimmt, dös is
a Wahnsinn. Wahnsinn ist vor allem, wie schnell
ein angeblicher Sportdirektor die Regeln
seines Sports nicht mehr kennen will, wenn es um
Eintracht Frankfurt geht. In Frankfurt hat man
die Winkemännchen an der Linie also bislang
lediglich als Erfüllungsgehilfen wahrgenommen,
die nach der Pfeife des Schiris tanzen. Ist
schon Wahnsinn, wie schnell sich solche
Gestalten um Kopf und Kragen reden.
Oder auch nicht,
ebenfalls um Kopf und Kragen. Denn anschließend
kommt etwas, das habe ich so auch noch nicht
erlebt: Armin Veh, der eine Woche lang die
gesamte Fortuna-Mannschaft generell und Sascha
Rösler speziell provoziert und in die Pfanne
gehauen hat, zuletzt noch eine Viertelstunde vor
Spielschluss – dieser Prinz LilliVeh hat nun
keine Lust, zur offiziellen Pressekonferenz zu
kommen, weil er sich dort das Maul verbrennen
könnte. Okay, dass ein Trainer nicht zur PK
kommt, das gibt es schon mal dann und wann. Dass
der gesamte Verein daraufhin die PK
boykottiert, das ist mir zumindest noch nicht
untergekommen. Absolut niemand aus Frankfurt
lässt sich blicken, was nun wiederum die
Journaille auf die Palme bringt, und zwar
mehrheitlich die aus Frankfurt, die enttäuscht
ist, dass der Trainer kneift. „Angsthase“ ist da
noch das freundlichste Wort, das man hören kann.
Die ganze Woche über die Klappe aufreißen, und
wenn man dann mal Rede und Antwort stehen
müsste, sich verpissen. Armin Veh, eines unseren
großen Vorbilder im Sport.
Nein, das kann man
weder ihm noch Vorstandschef Heribert Bruchhagen
zumuten. So etwas erledigt man entweder beim
Haussender oder gleich zuhause, also wieder
schön hintenrum. Und so gibt Bruchhagen, der ja
auch zur PK hätte kommen können, lieber
zeitgleich, na klar, dem Hessischen Rundfunk ein
Interview, welches in der Sendung „heimspiel!“
gezeigt wird. Ich empfehle youtube, da ist es
bestimmt zu finden. Unglaublich, wie dieser Mann
sich echauffiert, alles Fair Play, das sein
Trainer doch in der Woche nur einfordern wollte,
über Bord werfend. „Die Methode der Fortuna
hatte wieder Erfolg!“ Ja klar, Schwalben können
wir ja wie die Großen. Seitdem erwarte ich, dass
der Bruchhagen uns für den großen
Integrationspreis vorschlägt. Da holen wir einen
Spieler aus den tiefsten Wäldern Finnlands,
impfen dem vier Wochen lang die fortunistische
Methode ein, und dann lassen wir ihn zehn
Minuten auf sein allererstes Bundesliga-Spiel in
Deutschland los – zack, schon die erste
Düsseldorfer Schwalbe! Das nenn ich mal
Integration!
Aber mit der
„Methode Fortuna“ meint der sympathische –
Achtung: kein Witz! – gebürtige
Düsseldorfer noch etwas Anderes. Er regt sich
noch schnell über die Fortuna-Bank und den
Trainer auf die „nach jeder Aktion die Arme
hochgerissen“ und so die Unparteiischen
beeinflusst hätten. Ja isset denn! Ich brauche
selbstverständlich nicht zu erwähnen, dass er
den kollektiven Ausraster seiner Ersatzbank
nicht kommentiert. Nebst dem reichlich
vorhandenen Bildmaterial von dem, was sein
Trainer während des Spiels so zelebriert hat.
Hat er nicht gesehen, ist außerdem Eintracht
Frankfurt, also wieder etwas völlig Anderes. Es
klingt alles nicht gesund, was der Heribert im
Laufe dieses Interviews von sich gibt. Es klingt
im Gegenteil leicht paranoid, und außerdem macht
man sich Sorgen um seinen Blutdruck. Was das
Ganze allerdings für mich persönlich so richtig
peinlich macht: er weiß genau, dass er sich das
leisten kann. Wer vom DFB will ihm denn was –
schließlich sitzt er ja selbst im Vorstand des
DFB, eine Tätigkeit, die er mühelos mit seinem
Vorstandsdasein bei Eintracht Frankfurt in
Einklang bringen kann, damit hat der Mann kein
Problem. Und deshalb weiß er auch, dass er
richtig abledern kann, es wird nichts folgen.
Wer beim DFB will sich denn wohl mit ihm
schlecht stellen?
Der Abend endet
dann doch eher in broken comedy. Als weiteren
Fürsprecher für die Eintracht hat man nämlich
noch schnell Ansgar Brinkmann geholt, ich möchte
gar nicht wissen, woher. Und der sagt dann
tatsächlich, der Rösler würde zu weit gehen und
da höre der Spaß auf. Zu weit gehen! Da hört der
Spaß auf! Noch einmal, liebe Liebenden: es ist
Ansgar Brinkmann, der das sagt! Also
darüber komme ich wirklich nicht hinweg. Aber
okay, es war halt Ansgar Brinkmann, während
seiner Karriere bekennender Pazifist auf dem
Platz und Inhaber sämtlicher
Friedens-Nobelpreise von 1990 bis 2005. Wie
billig ist das denn, solch einen Heiligen auf
den bösen, bösen Sascha Rösler zu hetzen? Echt
unfair.
Und als am Tag
danach, knapp 20 Stunden nach der entscheidenden
Szenen, sogar auf sky zögerlich zugegeben wird,
dass man nach dem 386. Betrachten der Bilder
eine Berührung zu erkennen glaubt, da haben sie
schon wieder nachgelegt. Denn wenn der Heribert
hintenrum weiter zündeln darf, dann kann dies
dem Armin nur billig sein. Nach Platzverweis im
Spiel und feigem Schwänzen der Pressekonferenz
haut der wieder einen raus und gibt seine eigene
PK, einen Tag nach dem Spiel. Merke: Eintracht
Frankfurt kommt nicht zu irgendwelchen Losern
auf eine Pressekonferenz – Eintracht Frankfurt
lädt zur Pressekonferenz ein, und
zwar, wenn ihnen Zeit und Ort am besten passen.
Veh ist auch in 30 Sekunden wieder problemlos in
Top-Form, und natürlich faltet er wieder Sascha
Rösler zusammen. „Er ist kein Leader, er ist ein
Schauspieler.“ Ein „Rotzlöffel“ übrigens auch.
Auch Manager Wolf Werner ist fällig, ebenfalls
mit einer Super-Begründung: „Er war früher mal
mein Co-Trainer. Aber vor ihm habe ich den
Respekt verloren, weil jemand wie Rösler bei
Fortuna so spielen darf.“. Glaubt man`s noch?
Man muss, ist ja alles archiviert für alle
Zeiten. Langsam wird es auch den anwesenden
Journalisten peinlich, man sehe sich die PK auf
youtube an, mit den Pausen zwischen Vehs
Ausführungen, als man offenkundig auf
Zwischenfragen wartet, aber es kommt absolut
nix, woraufhin der edle Sportsmann sich immer
weiter in Rage redet. Das mit dem „Schauspieler“
wird jetzt allerdings auch peinlich – hat denn
niemand dem Veh gesagt, dass der Rösler mit dem
Elfmeter nicht das Geringste zu tun hatte? Oder
doch? Rösler war übrigens auch im Hinspiel an
keiner einzigen umstrittenen Szene beteiligt.
Aber das hält einen Veh natürlich nicht davon
ab, sich wieder zum Retter von ganz
Fußball-Deutschland aufzuschwingen, das er vor
diesem Scharlatan bewahren möchte. Und damit das
auch jeder merkt, darf natürlich auch der
nächste Satz nicht fehlen: „Eine Schande für den
deutschen Fußball.“ Lebenslanges Spielverbot
inklusive, da kann er den schönen Brüno II noch
toppen, der hatte am Abend zuvor „nur“ eine
Sperre bis Saisonende für Rösler gefordert. Eine
Rufschädigung jagt die nächste, der Spieler kann
sich nicht dagegen wehren, und der Verein,
dessen Angestellter Rösler ist, kann ihn auch
nicht in Schutz nehmen, denn extra dafür hat Veh
ja die offizielle PK geschwänzt und seine eigene
angesetzt.
Heribert
Bruchhagen lässt sich auch nicht lumpen, ist in
Hochform. Das ist übrigens der Heribert, der
einst mal den schönen Satz sagte: „Seine
Aggressivität hat uns weitergeholfen.“ Gemeint
war der damalige Frankfurter Maik Franz. Wenn
der mal wieder einen Gegenspieler umgenietet
oder provoziert hatte, wurde er von Frankfurts
Offiziellen, inklusive Bruchhagen, sofort
geschützt. Aber wie gesagt: Rösler spielt beim
falschen Verein, deshalb ist alles erlaubt:
Bruchhagen hat eine Kassette zusammengestellt,
seine 90 Minuten Highlights mit seinem
Lieblings(schau)spieler Sascha Rösler. Die
bietet er den Journalisten an und fordert sie
auf, sie mögen sich ihr eigenes Urteil dazu
bilden. Und es dann natürlich in die Welt hinaus
posaunen, das ist die unausgesprochene
Aufforderung, die dahinter steht. Dies macht ein
DFB- und DFL-Funktionär!!! Das ist eindeutig
nicht mehr gesund. Es ist nur noch widerlich,
was da aus Frankfurt kommt. Und alle Fans
anderer Vereine, die der Meinung sind, ein Veh
oder ein Bruchhagen könnten eventuell mit ihrer
Rufmord-Orgie im Recht sein, dürfen hoffen, dass
nicht einer ihrer Lieblingsspieler den beiden
plötzlich nicht mehr gefällt. Man weiß ja jetzt,
was dann passiert.
Fortuna hat auf
diese Pressekonferenz bislang nur durch ein
Statement von Wolf Werner reagiert, das treffend
zusammenfasst: „Meinen Respekt hat er schon
verloren, als er mit diesen Scharmützeln
angefangen hat! Das nimmt ja groteske Formen an.
Nach dem Spiel hatte er ein großes Forum und
sagt nichts. Einen Tag später tritt er nach.“
(Anmerkung: mit dem „großen Forum“ war die
offizielle Pressekonferenz nach dem Spiel
gemeint). Rösler selbst erhielt Interviewverbot,
sagte aber doch noch einen Satz. Keine Ahnung,
warum, aber für mich setzt es irgendwie einen
solch friedlichen Kontrapunkt auf die geifernde
Funktionärherde aus Frankfurt, ich finde es
wunderbar: „Ich muss nach Hause, gleich kommt
der Elektriker.“
Die Frankfurter
Mannschaft tut mir ein bisschen Leid. Zum
Aufstieg verdammt, es ist auch für die 2. Liga
eine wirklich tolle Truppe, sie spielten auch
phasenweise sehr gut, sind uns natürlich
überlegen, haben dann zum Schluss Pech und gehen
schließlich ziemlich geknickt vom Platz. Und in
den Katakomben bekam man nach dem Spiel schon
mit, dass es dem einen oder anderen Spieler
ziemlich peinlich war, was ein Armin Veh, ein
Bruno Hübner und ein Heribert Bruchhagen so mit
ihrem Ruf anrichten. Streichholz und
Benzinkanister und dabei noch ordentlich Schaum
vor dem Mund. Heiko Butscher, der sich nach dem
Spiel als Einziger vor die Kamera begab, sagte
denn auch: „Zuallererst bin ich enttäuscht, dass
wir nach dem 1:0 nicht weitergemacht und
nachgelegt haben.“ Irgendwie kann ich mir in
diesen Tagen nicht vorstellen, dass ein
Bruchhagen ihm das durchgehen lassen wird.
Natürlich sagt man
im Eifer des Gefechts schon mal Dinge, die einem
Leid tun. Aber wenn man dies als kühler,
berechnender Vorstandschef oder als Trainer
einen Tag nach dem Spiel tut, oder eben eine
Woche vorher, dann kann vom „Eifer des Gefechts“
nicht mehr die Rede sein. Hier wurde und wird
bewusst auf eine Mannschaft und einen Spieler
eingeprügelt und bundes- bzw. weltweit
(Internet) ein Rufmord nach dem anderen
hingelegt, weil es ein Konkurrent ist, der
gefährlich werden könnte. Mehr steckt nicht
dahinter. Schließlich haben Bruchhagen und Veh
zur Genüge bewiesen, dass sie nichts gegen
solche Spieler haben, solange diese in ihren
Kadern standen. Dieses Verhalten ist eigentlich
auch nicht mehr entschuldbar. Aber dass allen
diesen Herren aus vorgenannten Gründen
höchstwahrscheinlich nicht das Geringste vom
Verband droht, missfällt mir am meisten. Sie
wissen, was sie sich alles leisten können. Das
ist erschreckend. Wobei mich der DFB gerne eines
Besseren belehren darf, allein, mir fehlt der
Glaube.
Apropos
erschreckend: Armin Veh gab auf Nachfrage
selbstverständlich an, er wisse nicht, warum der
Schiedsrichter ihn auf die Tribüne geschickt
habe. Und dass es selbstverständlich niemals ein
Elfmeter war. Mein Gott. Aber ein besseres
Schlusswort als dieses erschütternde
Eingeständnis von Arroganz und Verbohrtheit kann
ich nun wirklich auch nicht mehr liefern.
Und auch deshalb
war es ein Elfmeter, den sich Armin Veh absolut
verdient hatte. Im Nachhinein ist es sogar fast
schade, dass er berechtigt war.
Niemand kann
sagen, wie das jetzt weitergehen wird. Veh und
Bruchhagen haben sich dermaßen auf die unterste
Stufe fußballerischen Fair Plays katapultiert,
das selbst Sascha Rösler, der gewiss kein großer
Freund von Fair Play auf dem Platz ist, sie dort
unten nur noch mit dem Fernglas erkennen kann.
Er motzt und provoziert in 90 Minuten auf dem
Platz – die nutzen die Nachspielzeit und alle
ihnen zur Verfügung stehenden Medien sowie die
Allmächtigkeit eines DFB-Bosses, um ihn zu
entsorgen. Wie gesagt, das ist eigentlich nicht
mehr entschuldbar. Und weil sie das
wahrscheinlich selbst wissen, kann es eigentlich
nur schlimmer werden. Denn entschuldigen können
und werden sie sich niemals. Mal sehen, ob
irgendwo bei Eintracht Frankfurt noch ein
halbwegs nüchtern denkender Geist existiert, der
diese Kettenhunde im Zaum halten kann. Denn ich
denke, wenn zum Beispiel der Bruchhagen all
seine Macht ausspielt, die ihm im deutschen
Fußball zur Verfügung steht, dann könnte es noch
richtig übel werden. Wollen wir es nicht
hoffen.
Die Mannschaft hat
beide Spiele nach der Winterpause 1:1 gespielt,
beide Tore durch Elfmeter erzielt. Von der
Leichtigkeit der Hinrunde ist derzeit nichts zu
spüren. Es bleibt abzuwarten, ob die letzten
Tumulte das Team noch weiter verunsichern.
Natürlich hätte ein Veh damit sein Ziel
erreicht, aber natürlich sind auch die Unsrigen
nur Menschen, an denen so etwas nicht spurlos
vorüber gehen kann. Und während sich die
Eintracht im kommenden Stadtderby gegen den FSV
Frankfurt wahrscheinlich ein wenig entspannen
kann (was würde ich dem FSV eine Überraschung
gönnen, am besten noch mit Marcel Gaus als
Torschützen), muss die Fortuna am
Karnevalssonntag beim starken TSV 1860 München
antreten, der auch noch mit einem Auge nach oben
schielt, da alle fünf Teams an der
Tabellenspitze sich im neuen Jahr bislang nicht
übermäßig mit Ruhm bekleckert haben. Keins der
Teams hat beide Spiele nach der Winterpause
gewonnen. Es wird immer enger, zwischen
Spitzenreiter Fortuna und dem Tabellenfünften SC
Paderborn liegen gerade mal zwei Punkte. Für
Spannung ist weiter gesorgt. Mal sehen, ob
Fortuna bereits im nächsten Spiel wieder an die
Leistungen aus der Hinrunde anknüpfen kann. Oder
ob es weiter Hängen und Würgen wird. Ach Mann,
schlechte Metapher: ich muss schon wieder an Veh
und Bruchhagen denken. Wäre auch nett, wenn die
beiden Herren demnächst zu meinem persönlichen
Wohlbefinden beitragen würden. Indem sie einfach
nur die Klappe halten.
Ich weiß, dies
wird nicht möglich sein. Aber ein bisschen
hoffen darf man ja immer. In diesem Sinne, auf
nach München.
Will kein
Video mit den besten Auftritten von Heribert
Bruchhagen haben, vielen Dank: janus |