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Denk
ich ans Rheinstadion in der Nacht...
...hab
ich schon mal mehr gelacht.
Dies
ist mein spontaner Einfall zum letzten Spiel der
Fortuna in der „Schüssel“, frei nach den
Worten eines großen Dichters, der ob seiner
Heimatverbundenheit mit Sicherheit Fortuna-Fan
gewesen wäre, hätte man zu seiner Zeit auch
schon probiert, das Runde ins Eckige zu bringen.
Ein persönlicher Rückblick meiner Wenigkeit
auf das Rheinstadion muss aufgrund meines Alters
und der mir im Laufe meines bisherigen Lebens
gegebenen oder eben nicht gegebenen Möglichkeiten,
der „Schüssel“ einen Besuch abzustatten,
natürlich recht kurz ausfallen und sich auf
wenige Jahre beschränken. Bei der kaum überschaubaren
Menge des Erinnerungs- bzw. Diskussionsstoffes
(man denke zum Beispiel nur an diverse Spiele
gegen Bayern München) musste eine Auswahl
gezwungenermaßen subjektiv bleiben, kann so ein
kleines Artikelchen wie dieses nur Stückwerk
bleiben, im Positiven wie im Negativen. Und mehr
sollen meine Ausführungen auch nicht sein,
nicht mehr als ein amuse gueule (ja, auch ich
war mal auf der Kö), ein Gaumenkitzler, ein
Aperitif, der auf das Gesamtwerk guter und
schlechter Spiele und Begebenheiten in diesem
Stadion aufmerksam machen soll.
Mein
erstes Spiel im Rheinstadion sah ich am
18.11.1978: begünstigt von Mutters Vorliebe für
einen gewissen Klaus Allofs und der
geographischen Nähe meines damaligen Wohnortes,
erlebte ich im zarten Alter von 9 Jahren den
4:2-Sieg der Fortuna über Eintracht Frankfurt.
Bei diesem Spiel brauche ich nur die Namen der
Torschützen zu nennen, um klarzumachen, warum
ich ab diesem Moment mein fußballerisches
Interesse für immer mit diesem Verein verknüpfte:
Wolfgang Seel, Rudi Bommer, Klaus Allofs und
Gerd Zimmermann schossen die Eintracht-Adler
nach Hessen zurück, bescherten mir Knirps einen
wunderschönen Fußballnachmittag und die
Erkenntnis: das ist mein Verein!
Mit
den Jahren schwand nicht nur Mutters Interesse
an Klaus Allofs (sie versteht bis heute nicht,
dass er sich lieber eine große Kirche angucken
statt auf der Kö flanieren wollte), sondern
damit auch meine Möglichkeit, mir jedes Spiel
im Stadion ansehen zu können, war ich doch
somit auf Bus und Bahn angewiesen, um an den
Rhein kommen zu können, eine Transportmöglichkeit,
die sich schon damals auszeichnete durch
mehrmaliges Umsteigen und damit verbundenen
Zeitverlust sowie durch die kostenpflichtige Beförderung,
die ich von meinem Taschengeld bestreiten
musste. So blieb es meist bei sporadischen
Besuchen zu Beginn eines jeden Monats (da wurden
nämlich meine finanziellen Möglichkeiten für
den Rest des Monats neu geregelt), die sich im
Laufe der Jahre allerdings beträchtlich
aufsummierten. Deswegen kann ich zurückblickend
sagen, dass ich wohl fast jeden aktuellen und
ehemaligen Erstligisten mindestens einmal im
Rheinstadion gesehen habe.
Ende
der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre
verschlug es mich für einige Zeit nach
Norddeutschland und auch ein wenig in die weite
Welt. Stadionbesuche waren somit erst mal passé.
Als ich 1993 wieder zurückkehrte, war die
Fortuna gerade in die Oberliga Nordrhein
abgestiegen. Aber das konnte mich nicht
schocken: egal, ob Bayern, Köln, Mönchengladbach
oder Teveren, Viktoria Goch und Hamborn 07 –
mich zog es trotzdem wieder ins Stadion, ich war
von Stimmung angetan, die die Zuschauer dort
verbreiteten, auch wenn’s mal nur 4.000 oder
5.000 waren. Ein besonderes Highlight war
sicherlich das 1:0 in der Hinrunde gegen
Alemannia Aachen, die zweite Top-Mannschaft der
Liga, als kurz vor der Halbzeitpause zwei
Fortunen vom Platz gestellt wurden, aber 9
Spieler in der 2. Halbzeit mit dem Mute der
Verzweifelung den Vorsprung verteidigten und
Fortuna das Spiel tatsächlich gewann. Die
Stimmung, die nach diesem Spiel herrschte, ist für
mich nur zu damit zu vergleichen, was nach Ende
der Saison bei den Aufstiegsspielen im Stadion
los war. Auch schön war das Duell gegen den
neben Aachen einzigen ernsthaften Verfolger zu
Beginn der Rückrunde: der SC Brück (heute SCB
Preussen Köln) kam mit seinem ca. 60jährigen
Torwart Hubert Makel zu uns im Stadion, der in
der ersten Halbzeit mit prima Haltungsnoten
unter zwei Flanken durchsegelte und uns somit
den vorentscheidenden 2:0-Sieg sicherte. Das
soll aber die Gesamtleistung dieses Urgesteins
nicht schmälern – andere hätten in seinem
Alter bei einem solchen Spitzenspiel höchstens
noch die Bälle aufgepumpt.
Wir
schlossen die Serie als Meister mit zehn Punkten
Vorsprung ab, holten in der Rückrunde
30:0-Punkte und dann kamen die Aufstiegsspiele:
zum ersten Match gegen Paderborn waren 24.000
Zuschauer im Stadion, die den (Noch-)Drittligisten
Fortuna Düsseldorf nicht nur zum 1:0-Sieg
schrieen, sondern auch für einen Eintrag in den
Sportnachrichten des SAT.1-Videotextes sorgten,
in dem ja sonst doch eher von Erstligaklubs und
internationalem Fußball die Rede ist. Fortuna
marschierte souverän durch die Aufstiegsrunde,
am vorletzten Spieltag, beim letzten Heimspiel
gegen den Nordzweiten Eintracht Braunschweig,
reichte bereits ein Unentschieden, um die
sofortige Rückkehr in die 2. Liga perfekt zu
machen. Prompt lag das Team schnell mit 0:1 zurück,
doch wir ließen uns nicht entmutigen, feuerten
die Mannschaft weiter an und als Richard Cyron
kurz vor der Pause den 1:1-Ausgleich erzielte,
war die Sache eigentlich schon klar. Während
der gesamten zweiten Halbzeit rollte die La Ola
durchs Stadion und ich bewundere noch heute den
strategischen Schachzug des Vereins, die
Zuschauerzahl mit 19.000 anzugeben. Wenn das
19.000 Fußballbegeisterte waren, dann hatten
wir niemals mehr als 25.000 Zuschauer in einem
Spiel.
Als
Rainer Aigner kurz vor Schluss den
2:1-Siegtreffer schoss (Flachschuss mit links,
ich weiß es heute noch), brachen alle Dämme
und ich erinnere mich nur noch, wie an diesem
strahlenden Frühlingstag im Mai 1994 der Rasen
gestürmt wurde und Georg Koch auf den Schultern
von irgendjemandem vor unserem Block jubelte und
die ganze Zeit „Wir sind wieder da!“ brüllte.
Ein schöner Tag mit kilometerlangem Hupkonzert
und aus dem Fenster wehenden Fortuna-Schals bei
der Rückfahrt.
Die
kommende Saison, in der Fortuna tatsächlich den
Durchmarsch schaffte, war für mich eine der
spannendsten – aus ganz persönlichen Gründen.
Beruflich hatte es mich nämlich zeitweilig nach
Süden verschlagen, ausgerechnet nach Mannheim,
einem der schärfsten Konkurrenten um den
begehrten dritten Aufstiegsplatz. Privat
wiederum zog es mich (bis heute) ausgerechnet
ins Emsland nach Meppen, wo ein anderer
Aufstiegsaspirant spielte. So besuchte ich
aufgrund der gegebenen Möglichkeiten immer die
Spiele der anderen und drückte dem Gegner der
Emsländer und Mannheimer die Daumen (obwohl mir
die Meppener bis heute sympathisch geblieben
sind). Natürlich war ich auch dabei, als die
Fortuna Anfang 1995 im Spitzenspiel vor 16.000
Zuschauern im Emslandstadion 4:2 siegte. Allein
über dieses Spiel könnte ich ganze Seiten
schreiben, war es doch für mich eines der
besten und spannendsten Spiele, die ich von der
Fortuna bis heute gesehen habe. Leider nicht im
Rheinstadion, weshalb es hier auch nur am Rande
erwähnt werden kann.
Die
selben beruflichen und privaten Begebenheiten
verhinderten weitestgehend einen
kontinuierlichen Besuch in unserer nun folgenden
Erstligazeit. Aber immerhin: in der Saison 95/96
konnte ich in der Rückrunde einige Heimspiele
besuchen, darunter auch das 2:0 gegen St. Pauli
am 01. Mai 1996, mit dem der Klassenerhalt, wenn
auch noch nicht rechnerisch, aber doch so gut
wie geschafft war. Somit kann auch ich sagen,
dass ich „live“ dabei war, als unsere
„Rentner-Band“ für alle, außer uns natürlich,
überraschend den Abstieg vermeiden konnte.
Als
es ein Jahr später dann doch vorbei und ich
gerade wieder in Düsseldorf wohnhaft war, ging
ich natürlich direkt zum ersten Heimspiel gegen
Uerdingen. Es war ein Freitagabend, was mir sehr
Recht war, da ich Flutlichtspiele besonders
gerne mag. Diesen Freitagabend werde ich auch
nicht so schnell vergessen, es war ein
begeisterndes Match einer schwungvollen,
offensiven Fortuna, die den Gegner an die Wand
spielte – mit nur einem Nachteil: es ging 1:1
aus. Ich erinnere mich noch, dass ich
verzweifelt ab der 70. Minute meine Bemühungen
einstellte, die ganzen Großchancen zu zählen,
die die Fortuna versiebte – bis dahin war das
Chancenverhältnis 10:1 gewesen. Und trotz des
etwas unbefriedigenden Ergebnisses bleibt mir im
Gedächtnis, dass dies eines der letzten Spiele
war, in der ich meinen Club über 90 Minuten so
offensiv gesehen habe.
In
Saison 98/99 war es dann auch mit Liga 2 vorbei,
es ging in die Regionalliga West/Südwest. Ein
unvergessenes Highlight negativster Art war die
0:3-Arbeitsverweigerung gegen den FSV Mainz, das
Spiel, mit dem der Abstieg dann auch rechnerisch
perfekt gemacht wurde. Wochenlang habe ich nach
diesem Spiel einen Rechtsanwalt gesucht, der
mich bei meiner Klage auf Schmerzensgeld
vertreten sollte. Aber es hieß nur
achselzuckend: „Ist halt Fortuna!“ Und ich
wusste, sie haben Recht. „Ist halt Fortuna“
bedeutet, dass man bei diesem Verein immer auf
alles gefasst sein muss, meistens kommt es dann
noch schlimmer als befürchtet, und man geht
trotzdem wieder hin.
In
der darauf folgenden Saison kann ich mich
immerhin an zwei Highlights erinnern, eins
positiv, eins negativ: das 8:0 gegen die
bedauernswerten Spieler des FSV Salmrohr und das
0:0 gegen die Amateure von Bayer Leverkusen, ein
Spiel, bei dem ich zum ersten Mal in meinem
Leben fast im Stadion eingeschlafen wäre
aufgrund der Leistungen beider Mannschaften.
Wenn der damals 36jährige Hans-Peter Lehnhoff
agilster Mann auf dem Platz war, dann sagt das
wohl alles über die restlichen 21 Spieler...
In
der letzten Saison bebte die „Schüssel“
einmal richtig: beim 1:0 gegen Sachsen Leipzig
im „Abstiegsknüller“, als, auch aufgrund
einer, wie ich finde, ziemlich einzigartigen
Fan-Initiative über 14.000 Zuschauer im Stadion
waren und eine tolle Atmosphäre herrschte. Die
Mannschaft gewann in Unterzahl mit 1:0 und zum
letzten Mal wehte wirklich ein Hauch Bundesliga
durch die Arena. Diese Begeisterung konnte auch
zwei Wochen später nicht getoppt werden, als
gegen Fortuna Köln zwar 17.000 Zuschauer den
Weg ins weite Rund fanden, das Spiel jedoch 1:2
verloren ging und der Abstieg damit praktisch
feststand. Bei Niederlagen feiert es sich halt
nicht so entspannt. Halt, bei dem letzten Satz fällt
mir spontan das 0:4 gegen den SC Verl ein, als
die Mannschaft sich ein Chancenverhältnis von
16:4 erarbeitete und trotzdem die höchste
Heimniederlage der Saison kassierte. Nach diesem
Spiel gab es standing ovations für eine der
besten Saisonleistungen. Das kann einem schon
mal die Tränen in die Augen treiben.
Das
sind so die Begebenheiten im sportlichen
Bereich, die mir auf Anhieb eingefallen sind.
Wie gesagt, dies können nur einzelne
Ausschnitte aus der langen Geschichte des
Rheinstadions sein, es gab gewiss bessere,
aufregendere und legendärere Spiele als die
oben beschriebenen. Aber schließlich war dies
auch meine Geschichte, und da muss ich mich ja
an das halten, was ich selbst erlebt habe. Im
Nachhinein wünschte ich mir, es wäre mehr
gewesen, z.B. die schon erwähnten
Bayern-Spiele. Aber glücklicherweise wird es da
ja noch genug andere Leute geben, die davon noch
berichten können.
Was
ist nun kurz zu den äußerlichen Reizen des
Stadions zu sagen? Ganz wichtig in einem Fußballspiel:
die Halbzeitpause. Hier verpflegt sich das
Publikum, um dann in der 2. Halbzeit
sinnlich-hirnlich betäubt endlich in der Lage
zu sein, das teuer bezahlte Spektakel auch zu
genießen. Es gab Spiele, deren Erfolg allein
darin begründet war, dass die erste Halbzeit in
ihrer ganzen Finsternis und Trübseligkeit
derart zur Alkoholaufnahme aufforderte, dass
dann die zweite Halbzeit in solcher
Besinnungslosigkeit wahrgenommen wurde, dass
eine kritische Bestandsaufnahme völlig
unterbunden und der Erfolg unausweichlich wurde.
Wer denkt da nicht spontan an das 5:1 gegen neun
Pirmasenser in der Saison 99/00 oder das 2:0
gegen Verl aus der gleichen Spielzeit? Und die
Verpflegung war ja auch größtenteils in
Ordnung. Über die Getränke braucht man nicht
zu philosophieren, bei Bier vom Fass und Cola
aus der Flasche kann man relativ wenig falsch
machen. Zu unseren berüchtigten Würstchen kann
ich heute nur noch sagen: dank ihnen kann ich
mittlerweile fast alles essen, mein Magen ist
abgehärtet. Und in den letzten Monaten habe ich
immer den Menschen bewundert, der die Spießbraten
geschnitten hat. Wenn der so flink mit den Füßen
wäre wie mit dem Tranchiermesser, würde er
schon längst in unserer Abwehr spielen. Und
auch das, was der Engländer treffend als „rest
room“, also „Ruheort“ umschreibt, ist im
Rheinstadion relativ legendär: die Toiletten
mit dem Begriff „funktional“ zu umschreiben,
ist der verzweifelte Versuch, in einer
verlorenen Sache etwas Positives zu sehen. Aber
im Angesicht des nahenden „Todes“: wer wirft
da den ersten Stein?
Ich
finde den Abschied vom Rheinstadion schade. Für
mich steht das Rheinstadion immer noch für
einen Hauch Bundesliga und natürlich für meine
eigenen Erinnerungen an Fortuna. Am Flinger
Broich bin (noch) nie gewesen. Von außen
besehen, verkörpert der Umzug natürlich eine Rückschritt
in die Provinzialität. Aber trotzdem: auch wenn
ich mittlerweile in Bonn wohne, werde ich natürlich
zum FB fahren, denn eins ist klar: bei diesem
kleinen Stadion und bei diesen Fans kannst du
auch in der Kreisliga C spielen – Stimmung
wird immer aufkommen. Und ein bisschen von den
Großen träumen, ist ja immer erlaubt.
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