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15.02.2003 Bayer 04 Leverkusen – Hansa Rostock 1:2 (1:2)

 

 

Aha. Diese Worte schreien danach, einer gründlichen Überprüfung unterzogen zu werden. Und als gnadenlose Stimmungstester kommen natürlich nur ausgewählte Personen in Betracht. In diesem Fall Sascha, Nemesis, and-one, Kantine und meine Wenigkeit. Oder kurz gesagt: das gesamte pro-Fortuna-Pack inklusive Sponsor macht sich auf den Weg. Nachtigall, ick hör dir trapsen. Wobei mir ja vorschwebt, solche Flyer vielleicht auch an Fortuna-Spieltagen auf elektronischem Wege an die User unseres Livetickers zu verteilen. Das garantiert voll organisierten Support zu jedem Spiel in jedem Winkel der Erde, in dem irgendein Fortunist gerade im Internet-Café seinem Lieblingsverein huldigt. Aber zunächst muss natürlich festgestellt werden, wie derlei Anweisungen auf die breite Volksmasse wirken. Also besorgte der Mann, der in Leverkusen zuhause ist, Sascha nämlich, uns ein paar Freikarten, was anscheinend keine besondere Mühe machte. Naja, Hansa Rostock ist nicht der FC Liverpool und Platz 15 in der Bundesligatabelle ist nun mal nicht Vizemeister. Da ist man froh über jeden, der kommen will.

 

Anreise natürlich mit der Bahn, Regionalexpress bis Eisenbahnknotenpunkt Leverkusen. Ankunft ca. 15 Uhr, saukalt. Hier tobt schon ordentlich der Mob, ich sehe exakt vier Leute mit Bayer-Schals, die sich auf den Weg zum Stadion machen. Es ist nicht allzu weit vom Bahnhof entfernt, also hefte ich mich an ihre Fersen. Es geht kurz durch einen Park, dann an mehreren kleinen Sportplätzen vorbei. Auf einem Aschenplatz findet ein Jugendspiel statt, es gibt sich laut Schild auf den Umkleidekabinen der BV Wiescheid die Ehre. Außer Trainern und Auswechselspielern zähle ich genau 5 anwesende Zuschauer, davon 3 kichernde Mädchen, die auf einer Bank sitzen und augenscheinlich den heimischen Mittelstürmer anhimmeln. Bei den Eltern ist es wohl nicht mehr „in“, ihre Sprösslinge zum Spiel zu begleiten. Aber bevor ich in die alte Litanei verfalle, warum früher sowieso alles besser war, auch auf dem Sportplatz, lasse ich dieses Thema ebenso wie den matschigen Aschenplatz links liegen und schreite voran, über eine Brücke, dann rechts abbiegen und immer an der Dhünn entlang, einem Bächlein, das in der Nachmittagssonne fast idyllisch glitzert und träge vor sich hin fließt. Irgendwann taucht auf der linken Seite mein Ziel auf, nämlich die Kasse für die Abholkarten, direkt neben dem Bayer-Restaurant, das selbstverständlich, wie auch ein Hotel und die „Arabisches-Reiterfleisch“-Bude (so tarnt man Frikadellen) von Henry Maske in das Stadion integriert ist.

 

Vorher muss man noch am Gästeblock vorbei, und dort schwanken mir dann zwei vollkommen in weiß-blau-rot gekleidete Gestalten entgegen. Ihr Ziel ist das Ufer der Dhünn, über einen kleinen Abhang zu erreichen, was beide mit Müh und Not bewältigen, ohne in den reißenden Strom zu stürzen. Sie wollen sich offensichtlich erleichtern.

Was bei dem einen noch unfallfrei gelingt, stellt den anderen vor einige Probleme, ist er doch dermaßen mit Hansa-Devotionalien behängt, dass er ein wenig an Bewegungsfreiheit eingebüßt hat, sprich die zahlreichen um die Handgelenke gewickelten Schals hindern seine Hände daran, das zu tun, was ein Mann in solchen Situationen muss, außerdem trägt er linkshändig zu allem Überfluss auch noch eine große Hansa-Fahne. Nachdem er sich zunächst bemüht, sein Bedürfnis freihändig zu befriedigen, sieht er nach einigen gefährlichen Schwankungen Richtung Weltmeer dann doch ein, dass dies in seinem Zustand zu riskant ist, und er rammt die Fahne in den Boden. Jetzt geht’s, wenn auch mit Schwierigkeiten, aber ich denke, er hat nicht gemerkt, dass einige seiner Handgelenkschals mittlerweile trotz absolut trockenem Wetter den Eindruck vermitteln, er sei kurz zuvor durch einen Platzregen gelaufen. Ich warte noch, ob der Ozean ihn vielleicht doch verschluckt, oder ob er sich an der Fahne festhält und dabei gleichzeitig proklamiert: „Im Namen der Königin nehme ich dieses Land in Besitz.“ Aber ich guck wohl doch zu oft Fernsehen, es passiert keins von beiden und ich wende ich mich enttäuscht dem Stadion zu. Wäre mal eine nette Abwechselung gewesen.

 

Vor dem Stadion ist dann Warten auf die besagten Herren angesagt, da die Karten an der bewussten Kasse für Abholer am Block H (Südkurve) hinterlegt sind. Da sich die Herrschaften erst um kurz vor halb vier die Ehre geben, verpasse ich natürlich das gesamte Vorprogramm. Welch ein Ärgernis! Immerhin hat man im Stadion an solch arme Leute wie mich gedacht und die Boxen der Lautsprecheranlage auf Maximum geschaltet, so dass man auch vor dem Stadion jedes Wort verstehen kann. Lohnt sich aber nicht, da nur Werbung. Aber dann kommt ein Hinweis auf die Bustour der Fanclubs zum nächsten Auswärtsspiel in Hannover. Diesen Hinweis leitet der Sprecher mit folgenden Worten ein: „Liebe Fans, hier mal kurz ein Break in der Werbung für einen wichtigen Hinweis.“ Klingt wie im Radio, wenn eine Reportage für eine Falschfahrermeldung unterbrochen wird. Und wie die Moderatoren im Radio, so hält auch er Wort, ein kurzer Hinweis, und dann geht’s zurück zur Werbung. Sehr löblich, auch hier hat man die Zeichen der Zeit also erkannt.

 

Schließlich gibt’s doch noch was außer Hinweisen, Kaufanreizen und Bestellmöglichkeiten: ein Quiz, bei dem zwei Fans gegen einander antreten und jeweils drei lächerlich einfache Fragen zum Thema Bayer Leverkusen beantworten müssen. Ich nehme an, die beiden standen dazu unten auf dem Rasen, ich konnte es ja nicht sehen. Ist auch völlig wurscht, beeindruckend nur die Preise: der Gewinner bekommt einen Mittelstreckenflug seiner Wahl von der LTU geschenkt, der Verlierer immerhin noch einen 50-€-Gutschein für den Bayer-Fanshop. Das sind Preise! Wenn bei Fortuna einer unfallfrei Einsteins Relativitätstheorie erklären könnte, würde er höchstens ein Alt am Getränkestand gewinnen. Aber auch nur, wenn er das Becherpfand bezahlt. Das sind Relationen!

 

Sekunden vor Spielbeginn trifft dann endlich die restliche pro-Fortuna-Bagage ein, wohlwissend, dass späte Auftritte auch immer die publikumswirksamsten sind. Reicht ja noch zum Spielbeginn!

Dies ist leider ein Trugschluss, denn als wir die Karten in den Händen halten, stellen wir fest, dass sie für den Block D2 gelten, der genau auf der entgegen gesetzten Seite des Stadions liegt, nämlich in der Nordkurve. So lerne ich das Stadion wenigstens von allen Seiten kennen. Fluchend machen wir uns auf den Weg, aber egal, schließlich kosten die Karten nichts. Umsonst ist also nur der Tod und ein Heimspiel von Bayer 04 Leverkusen. Ein Aphorismus, der zu denken gibt.

 

Nachdem wir uns an der „Family Street“ vorbei gekämpft haben, an der Dutzende lärmender Kinder herumtoben, die kurz vor Anpfiff noch dem dort aufgebauten Human-Table-Soccer oder, noch schlimmer, der Hüpfburg gefrönt haben und nun feststellen, dass sie aufgrund der Schlange vor dem Eingangstor zu spät zum Anpfiff kommen werden, finden wir unseren Eingang und gelangen ins Stadion. Überdachte Marktstraße vor den Blockaufgängen, in der einiges an Ess- und Trinkbarem feil geboten wird, aber keine Zeit, so ganz nebenbei sind wir ja zum Fußballgucken hier. Den Block geentert und jawohl, wie könnte es anders sein – oberste Reihe im Block, quasi direkt unter dem Dach. War ja klar.

 

Wir finden unsere Plätze. Auf ihnen liegen kleine Flyer, mit denen an die Fans des „Stimmungsbereichs“ appelliert wird, ihre Mannschaft heute besonders gut zu unterstützen.

 

 

Und da ich keine Doppelhalter mehr sehe, müssen sie wohl nach dem Intro tatsächlich alle brav zum Zaun weiter gereicht worden sein. Was nicht alles geht, wenn die Stimmung perfekt durchorganisiert wird...

 

Lauter Stimmungssteher unter uns, so dass wir auch stimmungsstehen müssen, um das Spielfeld überblicken zu können. Dafür rauben wir den Herrschaften hinter uns den Blick. Dort sitzen nämlich, hinter Glas und in gemütlichen Sesseln, die Gäste des dortigen Hotels, deren Zimmerkategorie den Besuch des Spiels mit einschließt, und snacken und schlürfen, was die Hotelbar hergibt. Sehen tun sie dank uns eigentlich weniger. Das scheint sie aber auch nicht besonders zu stören, sie achten eh nicht allzu sehr aufs Spiel. Scheinen richtige Fans zu sein, denn sie wissen, was kommt.

Bald schauen auch alle anderen entgeistert weg, denn Bayer spielt grottenschlecht, kein Vergleich zu der doch recht unglücklichen Niederlage eine Woche zuvor in Bochum, einfach nur mies. Bezeichnend ist da, dass ein Herr aus Togo das Spiel entscheidet, der von der ganzen Tragweite des Begriffs „Fußball“ nun wirklich keine Ahnung hat: Bachirou Salou schießt mit seinen beiden Toren Bayers Trainer Toppmöller ganz alleine ab, und das, obwohl der Mann nun wirklich nix anderes kann als ganz flink hinter einem Ball herzulaufen. An diesem Nachmittag reicht das für Bayer, daran ändert auch der zwischenzeitliche Ausgleich durch Babic nichts.

 

Inzwischen ist mir ordentlich warm geworden, was nicht am Spiel liegt, sondern vielmehr daran, dass unter dem Dach Elektro-Heizungen installiert sind, die alles geben. Hier fängt man binnen drei Minuten an zu ölen und wirft alle Jacken von sich, in der Halbzeitpause und nach Spielschluss erwischt einen draußen dann sofort der Kälteschock. Ob das so gesund ist?

Wenn schon krank, dann auch ordentlich verteilt, denkt sich da wohl das Event-Management, oder wer solche Spiele ansonsten bei Bayer organisiert. Eine verstopfte Nase allein ist ja nur halb so schön. Sie schaffen Abhilfe und blenden die Zwischenergebnisse der anderen Bundesligaspiele ein. Dies geschieht mit einem derart schmetternden elektronischen Gong über die Lautsprecher, dass jeder, den es unvorbereitet trifft, zunächst mal stocktaub ist. Aber erklär mal Deiner Versicherung, warum Du plötzlich an chronischer Bronchitis und schleichender Schwerhörigkeit leidest! Diese Sachverhaltsschilderung möchte ich mal sehen...

 

Das Spiel in der 2. Halbzeit kann man ganz schnell abhaken, weil Leverkusen nicht kann, und Hansa keine Lust hat: was die leichtfertig an Konterchancen vergeben, hätte mir als deren Trainer die Zornesröte ins Gesicht getrieben, und die komplette Truppe für ein sonntägliches Straftraining qualifiziert. Aber es geht ja alles gut, denn Bayer hat effektiv keine zwingende Torchance in der 2. Halbzeit, und so gewinnt Hansa völlig verdient.

 

A propos Halbzeit: da war auf dem Herrenklo mehr los als in den gesamten 45 Minuten zuvor auf dem Spielfeld. Auslöser ist der Bayer-Kapitän, Nationalspieler und eine Woche zuvor von mir sensationell fotografierte Carsten Ramelow, der sich von Salou vor dem 2:1 ordentlich düpieren lässt. Danach proben alle Stimmungssteher, Doppelhalter-nach-unten-Geber und Den-Schal-exakt-zweimal-pro-Minute-im-noch-exakteren-360-Grad-Winkel-kreisen-Lasser den verbalen Aufstand und pfeifen Ramelow bei jeder Ballberührung vor dem Seitenwechsel aus (danach gibt es bezüglich Herrn Ramelow nix mehr zu pfeifen, er wird zur Halbzeit ausgewechselt). Das wiederum ruft einen Fan auf den Plan, der im Herrenklo neben uns steht. Lautstark erregt er sich über die Tatsache, dass einige Fans es gewagt haben, entgegen der ausgegebenen Order ihrem Unmut über die Leistungen der Heimmannschaft auch akustisch Ausdruck zu verleihen. Das könne ja wohl nicht angehen, das sei eine Sauerei. Der Mann trägt auch volle Fanausrüstung, diverse Schals, Kutte und Bayer-04-Mützken, ein Traum in Aspirin sozusagen. Ich würde ihn gerne fragen, ob das (aufgrund der Ähnlichkeit) vor dem Spiel sein armer Vetter aus dem Osten war, der sich fast freihändig in die Dhünn verabschiedet hätte, lasse es aber lieber. Er wirkt nicht entspannt genug. Volle fünf Minuten steht er da und wettert über diese „Un-Fans“ und vergisst tatsächlich, wozu er diese Örtlichkeit eigentlich betreten hat, blockiert aber einen Platz an der Sonne. Ich gehe hinaus und denke: Endlich mal einen offiziellen Fan-Beauftragten von Bayer Leverkusen kennen gelernt. Voller Einsatz, volle Hingabe...das hat Stil. Nur den Ort seiner Motivationspredigt hätte er vielleicht etwas weiser wählen sollen...

 

Nun ist aber die Bratwurst fällig. Ich erhasche die letzte Bratwurstschnecke vom Grill, die anderen müssen sich Bratwurst bzw. Krakauer begnügen. Schmeckt gut, aber diese Preise...€ 2,50 bzw. € 2,70 für so ein Fleischabfallprodukt (wer auswändig weiß, was alles in so einer Bratwurst enthalten ist, will keine mehr essen, kann sich aber zumindest noch bei Wetten dass...? anmelden), hier nimmt man es noch von den Lebenden. Dazu eine Cola für € 2,50, zack, schon ist man D-Mark-nostalgie-technisch einen Zehner los. Bisschen happig, wie ich finde.

 

Die Stimmung im Stadion lässt dann auch rapide nach. Da nutzen auch kleine Versuche, eine gewisse Grundspannung zu erzeugen, nichts. Sascha singt „Keiner mag uns, scheißegal, wir sind Düsseldorf...“, was von den Kiddies vor uns pflichtschuldigst überhört wird, Kantine lästert über Salou, um gleich darauf zu ergänzen: „Und so einer macht hier zwei Hütten, was ist das für eine Mannschaft?“ und Nemesis verkündet relativ lautstark, das Stadion gefalle ihm, es sei das schönste Zweitliga-Stadion, das er bislang gesehen habe. Ich habe den Eindruck, die anderen Zuschauer stimmen uns insgeheim zu.

Zum Schluss können wir uns sogar setzen, denn die Reihen vor uns lichten sich mit atemberaubender Geschwindigkeit, und das, obwohl es nur 1:2 steht und somit der Ausgleich jederzeit möglich wäre. Aber es interessiert keinen. Sie haben sich an die Anweisungen gehalten, aber die Mannschaft verhält sich unvorschriftsmäßig. Da geht man lieber schnell, bevor die Offiziellen auf die Idee kommen, eine Anhörung vorzunehmen. So denke ich mir das wenigstens. Das ist die durchorganisierteste Stimmung, die ich bisher erlebt habe. Leider ist nichts organisiert für den Fall einer Niederlage, die ist im Programm nicht vorgesehen.

 

Nach Ende des Spiels wandere ich wieder zum Bahnhof, nachdem ich darüber gestaunt habe, dass ca. 500 Leute gleichzeitig auf die Idee gekommen sind, in der Buletten-Bude von Henry Maske müsste es unmittelbar nach Spielschluss doch schön leer sein. Schlangen bis zum Eingang und bestimmt ist der ein oder andere dabei, der jetzt ne halbe Stunde warten muss, nur um dann, wenn er an der Reihe ist, zu sagen: „Einen Kaffee, bitte!“ nachdem er fünf Minuten lang die Speisekarte studiert hat. Solche Typen trifft man immer bei McDonalds!

 

Der Leverkusener Bahnhof ist fest in Rostocker Hand, die einen fahren südwärts nach Köln, um den IC Richtung Heimat zu erwischen, die anderen fahren nordwärts nach Düsseldorf, um den IC Richtung Heimat zu erwischen. Entsprechend ausgelassene Stimmung. In der Regionalbahn nach Köln fahre ich dann mit ein paar Gestalten der Rostocker „Suptras“, anscheinend eine sprachlich geniale Kreuzung zwischen Supportern und Ultras, möchte mal wissen, wie man auf so was kommen kann. Die Jungs sind friedlich und gut drauf. Aber der liebe Gott hat nicht die Deutsche Bahn AG erschaffen, damit ich durch die Lande fahre und Leuten begegne, die friedlich und gut drauf sind. Deshalb hat er in meinen Wagen der Anschluss-Bimmelbahn von Köln nach Bonn noch richtiges Hardcore-Material gepackt: drei oder vier Hamburger, die den Gesprächen nach auch im Stadion waren, dabei einer von der Sorte, die einen über das freie allgemeine Wahlrecht nachdenken lässt. Ca. 25 Jahre, relativ kurze Haare, Piercing im Kinn und sternhagelvoll, was eine höfliche Untertreibung ist. Der Typ scheint auch ein dringendes Hormonproblem zu haben, denn er quatscht wirklich alles an, was an ihm vorbei zieht und irgendwie weiblich aussieht. Leider hängt bei ihm die Gürtellinie haarscharf unter der Unterlippe, immer, wenn er den Mund aufmacht, kommt etwas heraus, das beim besten Willen nicht wiederzugeben ist. Das Tolle daran ist, dass er mit seiner Ausdrucksweise einen mir gegenüber sitzenden Opi animiert, auch noch diesbezügliche Erfahrungswerte lautstark zum besten zu geben. Opi trägt Trenchcoat und auch ein leicht irres Grinsen im Gesicht und sieht ziemlich so aus, als ob er soeben von der Deutschen Meisterschaft der Berufsexhibitionisten käme, wo er seinen Titel erfolgreich verteidigt hat. Das Niveau des sich hieraus entwickelnden Gesprächs ist derart unterirdisch, dass es, befänden wir uns auf hoher See, locker U-Boot-Zulage beantragen könnte.

 

Erschwerend hinzu kommt, dass sich das Bübchen wohl nicht nur an diesem Tag, sondern dauerhaft die Birne zerschossen hat, etwas, was ich eigentlich eher Opi zugetraut hätte. Denn in wirklich jedem zweiten Satz lässt der Dieter-Bohlen-Verschnitt in breitestem hamburgischen Dialekt seine Herkunft und sein Credo einfließen: „Aldä, ich bin der Didi aus Hamburch-Tötensen, was ist das für n Schiet hier?“ Wirklich in jedem zweiten Satz, die Platte hat einen ganz üblen Sprung, und man muss kein Hellseher sein, um vermuten zu dürfen, dass das auch auf große Teile seines Hirns zutrifft. Und wie dem so ist, fährt diese Gestalt selbstverständlich bis zu dem Bahnhof, zu dem ich will, und steigt nicht vorher aus. Angesichts dieses sich immer wieder wiederholenden Szenarios kommen mir schon fast philosophische Gedanken: Warum begegne immer ich solchen Leuten? Bzw. andersrum: wenn ich, egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit ich Nahverkehrsmittel frequentiere, ständig auf mindestens einen dieser Dauerverwirrten treffe – ist es dann nicht einfache mathematische, sprich statistische Wahrscheinlichkeit, dass es so viele dieser Spinner in diesem unserem Lande gibt, dass man sie schon in Prozent- und nicht Promillesätzen an der Gesamtbevölkerung messen könnte? Und welche Folgen erwachsen aus dieser Schlussfolgerung? Gibt es wirklich so viele Idioten in diesem Land? Oder umgekehrt, die viel bedrohlichere Frage: wenn es wirklich so viele „Spinner“ gibt – sind die am Ende vielleicht alle normal, und nur ich nicht?

Ich ziehe es vor, diesen Gedankengang nicht weiter zu verfolgen. Das Ergebnis könnte mir nicht gefallen. Ich weiß, das Schicksal wird mir erneut die Möglichkeit geben, mich und andere kritisch zu hinterfragen. Und in der Tat kommt diese Möglichkeit schon ganze vier Tage später.

 

 

19.02.2003 Borussia Mönchengladbach – VfL Wolfsburg 2:0 (1:0)

 

Borussen-Wurst aus der Industrieschreinerei? Das erklärt einiges...

Die Idee stammt natürlich von meiner Arbeitskollegin aus München, die mich schon dazu überredet hat, das Müngersdorfer Stadion zu betreten. Ihr Ehemann stammt nämlich nicht nur gebürtig aus Mönchengladbach, sondern ist auch großer Fan der dortigen einheimischen Borussia, daher war sie früher oft mit ihm am Bökelberg. Jetzt, da sie vorüber gehend wieder dienstlich im Rheinland wirkt, kam ihr die Idee, die Stätte einstiger bitterer Niederlagen (denn soweit ich weiß, verliert der 1. FC Köln regelmäßig, wenn er in Gladbach antreten muss) doch noch einmal zu besuchen, ohne auf Häme und Spott des Göttergatten eingestellt zu sein. Nun gut, ist ein bisschen kurzfristig das ganze, da die Anstoßzeit merkwürdig früh für 18.15 Uhr bestimmt ist, aber was tut man nicht alles für gepflegtes Betriebsklima? „Ja“-Sagen zum Beispiel.

 

Also um 15 Uhr von der Arbeit weg, 15.12 Uhr Bus zum Bonner Hbf. Um 15.52 Uhr fährt einen Bimmelbahn nach Köln, da wollen wir drin sitzen. Eine Viertelstunde bleibt noch für meinen Fahrkartenkauf, und diese wird hochinteressant.

 

Die Ausgangslage ist folgende: ich besitze ein sogenanntes Job-Ticket, das zur freien Fahrt mit allen Buslinien des Verkehrsverbundes und nicht zuschlagpflichtigen Zügen der Deutschen Bahn AG berechtigt, die im Verkehrsraum des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg (VRS)...ähm, na, eben verkehren. Die letzte Bahnstation, die noch zum VRS gehört, ist nach Ostholland hin Grevenbroich. Das bedeutet: solange wir keinen IC nehmen, kann ich mit dem Ticket bis Grevenbroich fahren. Aber ich will ja nach Mönchengladbach, was wiederum heißt, dass ich einen Zusatzfahrschein für die Strecke Grevenbroich-Mönchengladbach benötige, weil dort der Verkehrsraum des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr, VRR, vorherrscht. Jedoch kann ich nicht im Zug beim Schaffner ab Grevenbroich nachlösen, denn nachlösen ist beim Job-Ticket nicht gestattet, man muss zusätzliche Fahrscheine bei Fahrtantritt mit sich führen, sonst zahlt man den vollen Preis. Ich kann auch nicht in Grevenbroich kurz aussteigen und eine entsprechende Fahrkarte holen, denn der Zug hat dort nur 1 Minute Aufenthalt und der nächste fährt erst eine Stunde später. Ich kann aber auch in Bonn am Fahrkartenautomat keinen entsprechenden Fahrschein organisieren, denn dort gibt es nur Fahrscheine mit Ausgangsbahnhof Bonn. Und das führt zur furchtbarsten aller Konsequenzen: ich muss das Reise-Center betreten.

 

Dort erwartet mich ein schockierender Anblick: der Express-Schalter, an dem keine Informationen erteilt, sondern nur Fahrkarten verkauft werden, ist frei! Bevor mein Hirn diese unglaubliche Information der Augen entsprechend umgesetzt hat, ist er leider nicht mehr frei, ich habe zu spät geschaltet. Allerdings habe ich vor mir tatsächlich jemanden, der es genau so eilig hat wie ich und der nach zwei Minuten fertig ist. Doch nicht so schlecht, die Bahn, oder? Kein Wunder, bei dem neuen Tarifsystem blickt eh keiner mehr durch, und alles fährt lieber mit dem Auto.

Ich demnächst wohl auch, denn der freundliche Mensch hinter dem Schalter verwickelt mich in eine Grundsatzdiskussion. Thema: wo der VRS für Buslinien endet und wo der VRS für Bahnlinien endet. Das ist nämlich leider nicht dasselbe. Belegen kann er es aber nicht, die Broschüre, mit der er es mir demonstrieren will, ist verschwunden. Da ich noch genau fünf Minuten Zeit habe, akzeptiere ich zähneknirschend und lerne folgendes: VRS mit Bus bis Grevenbroich. VRS mit Bahn nur bis Rommerskirchen. Steige ich in Rommerskirchen aus der Bahn und fahre mit dem Bus weiter, bräuchte ich nichts zu bezahlen. Bleibe ich im Zug sitzen, muss ich von Rommerskirchen bis Grevenbroich nachlösen (eine Station!). Alles klar? Nein? Mir auch nicht, aber egal. Ich erwerbe einen Fahrschein für die Strecke Rommerskirchen-Mönchengladbach und muss mich dann fast mit körperlicher Gewalt wehren, weil er mir unbedingt auch einen Rückfahrschein aufschwätzen will. Da brauche ich aber keinen, denn da haben wir ja dann die Eintrittskarten, die zur freien Fahrt im VRR berechtigen, und der geht bahntechnisch bis Rommerskirchen und ab da kann ich ja mit meinem Job-Ticket weiterfahren, denn das gilt ja für den VRS und...Mann, bin ich froh, dass in diesem Moment mein Zug angekündigt wird, sonst würde ich wohl jetzt noch dort stehen und mit ihm diskutieren. Auf jeden Fall kann ich mich jetzt mit dieser Thematik als Spezialgebiet beim „Großen Preis“ anmelden. Was man nicht alles so lernt, obwohl man nur eine kleine Zugfahrt machen möchte! Vielleicht sollte ich dankbarer sein.

 

Unser Zug läuft denn auch pünktlich in Gleis 1 ein, und hat Vorrang vor einem IC, der kurz zuvor auf diesem Gleis ankommen sollte, aber wie üblich zehn Minuten Verspätung hat (gibt es eigentlich noch einen IC oder ICE, der in Bonn nicht Verspätung hat? Ich habe seit Monaten keinen mehr gesehen...). Unsere Regionalbahn fährt zügig los und wir freuen uns, denn wir haben in Köln nur acht Minuten Zeit zum Umsteigen. Klingt nach genügend Zeit, ist bei der Bahn allerdings nur ein ganz kleiner Moment. Aber wir sind ja im Zeitplan.

10 Minuten später hält der Zug in Sechtem (immer noch so tot wie letzte Woche) und wir sind im Zeitplan gewesen. Wir verweilen ein wenig an diesem schönen Ort, da kommt die Durchsage: „Die Weiterfahrt des Zuges verzögert sich um wenige Minuten wegen einer Vorbeifahrt. Ich bitte um Ihr Verständnis.“ Letzteres sollte er wirklich nicht tun, ich habe nämlich keines. Denn eigentlich hätte er mit pädagogischer Kinderbetreuungsstimme fortfahren müssen: „Und was glaubt ihr denn wohl, was da gleich vorbei fährt, hm, ihr lieben Kleinen?“ Das hätte nämlich auch ein Fünfjähriger beantworten können, es ist der IC, der in Bonn zehn Minuten Verspätung hatte, und den wir jetzt vorbei fahren lassen müssen, weil wir selbst pünktlich waren. Jaja, alle sind gleich, aber manche sind gleicher.

Nachdem „Herr Wichtig“ auf dem Nachbargleis an uns vorbei gebrettert ist, haben wir leider rein zeittechnisch in Köln unseren Anschluss nach Mönchengladbach verpasst, denn jetzt haben wir die 10 Minuten Verspätung. So etwas löst die Bahn allerdings salomonisch: lieber ein Häuflein Kunden verärgern, als in Köln von der halben Zugbesetzung gelyncht zu werden, also rauscht die Kiste einfach grußlos an Hürth-Kalscheuren vorbei, obwohl dort ein Halt im Fahrplan angegeben war. Selbst Schuld, wenn man in der Pampa wohnt! Wir hingegen erreichen mit Ach und Krach unsere Bahn nach Mönchengladbach. Bis Grevenbroich kenne ich mich noch aus, danach wird’s dunkel um mein Wissen. Es erscheinen tolle Bahnhöfe, Jüchen, Rheydt-Odenkirchen, Rheydt Hbf (wirklich Hbf! Es ist zu köstlich) und, seit Mittwoch mein Lieblingsbahnhof: Hochneukirch, wo man diese albernen Bahnsteige direkt auf kleine Fußgängerwege reduziert hat. Sehr malerisch das ganze.

 

Aber immerhin: 17.30 Uhr ist die Bimmelbahn in Mönchengladbach, den Rest gedenken wir zu Fuß zu erledigen. Also raus auf den Bahnhofsvorplatz. Dort dann auch gleich gemerkt, dass wir auf dem Land sind: eine Horde Jünglinge hat sich dort zum routinierten Besäufnis versammelt, alle streng nach Vorschrift aussehend: Glatzen, Bomberjacken mit altdeutscher Schrift hintendrauf, Springerstiefel. Nette Gesellschaft. Wenn die in diesem Aufzug zu einer Karnevalsfete in Velbert marschieren, sagt der dortige Türsteher bestimmt: „Heil Hitler, Kameraden, aber hier kommt ihr nur verkleidet rein.“ Naja, wahrscheinlich wieder nur harmlose Jugendliche in ihrem bevorzugten Outfit, die sich nicht dem Modediktat unterwerfen, und die Hälfte von dem Gegröle hab ich eh falsch verstanden. Schon klar.

 

Wir wenden uns nach links, fragen kurz nach dem Weg, und werden mit einem freundlichen „Wollt ihr die nächste Niederlage der Borussia sehen?“ verabschiedet. Wir antworten wahrheitsgemäß, dass uns das scheißegal ist, werden aber wohl missverstanden und ernten nur ein Kopfschütteln. Aber es stimmt doch!

Es geht links weiter, ein kurzes Stück in die Gladbacher Innenstadt, dann wenden wir uns nach rechts, Richtung Kaiser-Friedrich-Halle (der Bahnhof sieht übrigens aus, als ob er aus etwa dieser Zeit stammt, erinnert mich irgendwie an Wuppertal-Vohwinkel), diese lassen wir links liegen und dann immer geradeaus, was in diesem Fall heißt, immer bergauf. Wie gut, dass ich dem Alkohol nicht mehr fröne, mit einigen Fahrbier intus würde ich hier wohl konditionelle Probleme bekommen, es geht eine gute Viertelstunde nur bergauf, dann sind wir da.

Das Stadion liegt mitten in einer Wohngegend, und zwar in einer ganz feinen. Teilweise recht große Villen säumen den Weg, hier ließe es sich aushalten, wenn man nicht alle zwei Wochen seinen Vorgarten aufräumen müsste, ich möchte nicht wissen, was da so alles reinfliegt, besonders nach verlorenen Spielen. Aber wirklich schöne Häuser.

Wir suchen nach so etwas wie einem Haupteingang, da wir noch Karten benötigen und latschen einfach weiter gerade aus, bis wir glauben, am Ziel zu sein, an der Nordostkurve steht neben dem Container vom Fanprojekt auch so ein kleines Rondell, das nicht nur „Dauerkarten“ verspricht, sondern auf einer Seite auch nur schlicht „Tickets“ offeriert. Das müsste dann ja wohl richtig sein.

Ist es aber nicht, wie wir fünf Minuten später, als wir an der Reihe sind, feststellen müssen, hier gibt es nämlich nur Tickets für die nächsten Spiele zu erwerben. Na prima, könnte man das vielleicht irgendwie kenntlich machen? Da wir auf die Westtribüne wollen, müssen wir  auch gefälligst dort die Karten kaufen. Also treten wir den Marsch zurück an, halb ums Stadion rum, und inzwischen ist soviel Zeit vergangen, dass wir zu spät kommen: die billigsten Tribünenkarten für die Vortribüne sind bereits ausverkauft. Dann nehmen wir halt die zweitbilligsten, Block 1 im Unterrang, direkt in Höhe einer Eckfahne, also ganz am Rand. Und der Knabe will tatsächlich € 25,50 von uns haben...für eine Karte wohlgemerkt. Ja spinnen die? Für so einen Platz, in so einer Abbruchbude? Im Oberrang kostet das Kärtchen übrigens € 37,50. Für ein Spiel, nicht als Dauerkarte. Also das sind Preise, da hast du schon Schwierigkeiten, die einem Besucher einer dieser neuen Arenen verständlich zu machen, aber für dieses Uralt-Stadion, das demnächst eh abgerissen werden soll, ist das eine Zumutung, Erste Liga hin oder her.

Aber was solls, mittlerweile ist es zehn nach sechs, und wir kaufen jeder eine. Einmal ist kein Mal, und sollte ich mich demnächst mal wieder hierhin verlaufen, werde ich mit Sicherheit nicht die Westtribüne ansteuern.

 

Nix wie rein, der Eingang zu Block 1 liegt logischerweise ganz am rechten Rand, praktischerweise umgeben von Getränkestand, Würstchenbude und Toiletten, alles keine zehn Meter entfernt. Das besänftigt ein wenig. Schnell noch aufs Klo vor dem Spiel, und genauso schnell wieder raus, denn das ist wirklich unterste Schublade, ich will jetzt nicht sagen, dass man knietief im Modder steht, aber so richtig übertrieben ist das auch nicht.

 

Dann noch ne Wurst, ich wähle die Variante „Curry“ für € 2,40, naja, die Kollege nimmt das Modell „Rost“ für ein paar Cent weniger, ist wohl ganz lecker, sie hat die Senfbeilage allerdings dermaßen üppig gewählt, dass er sich hinterher auch noch auf ihren Klamotten wiederfindet. Tja, wenn’s schon nix kostet, dann darfs ruhig etwas mehr sein.

 

Sensationell dann die Cola, die ich erwerbe. Jetzt nicht vom Geschmack her, nein, auch nicht, dass auf dem Becher Pfand drauf ist, das ist ja normal, aber zusätzlich wird auch eine Pfandmarke ausgegeben, die man zusammen mit dem Becher wieder abgeben muss, will man sein Geld zurück bekommen. Hierbei handelt es sich um so eine Papiermarke, wie man sie aus den Rathäusern und Straßenverkehrsämtern dieser Erde kennt. Find die mal nach Spielschluss in eine deiner zahlreichen Taschen wieder! Ziemlich übertrieben, wie ich finde.

 

Dann runter auf den Sitzplatz. Direkt unter uns schwenkt jemand am Spielfeldrand seine premiere-Fernsehkamera. Aha, deswegen also Anstoßzeit 18.15 Uhr, das Spiel wird also live von premiere übertragen und die übertragen danach ja wohl auch noch Champions League live und bis dahin muss das Spiel beendet sein. Gut, dass es hier also in erster Linie um Sport geht... Jetzt aber entspannt das Spiel geguckt. Lohnt sich leider auch nicht, es ist wirklich schlecht. Bei Wolfsburg läuft Ex-Gladbach-Spieler Effenberg erstmals als Kapitän auf. Er scheint noch viele Freunde hier zu haben, nur vereinzelt sind Pfiffe zu hören, wenn er am Ball ist. Nur ein ganz Bewusstloser hinter uns grölt immer: „Exilant! Exilant!“ sobald der Stinkefinger der Nation die Kugel berührt. Der Rufer sieht auch danach aus, als habe er das Wort irgendwann nachmittags zum ersten Mal in seinem Leben gehört und stundenlang vor sich hin gebrabbelt, um es nicht zu vergessen, bis es Zeit für seinen großen Auftritt ist. Leider bleibt unklar, was er damit sagen will, das spielt aber wohl auch keine Rolle. Hauptsache mal gebrüllt.

 

Der Exilant passt sich im übrigen nahtlos der Leistung seiner Mannschaftskollegen an und begeistert durch eine 1a-Stehgeiger-Performance. Obwohl man eins zugeben muss: er kanns noch. Wenn er denn mal irgendwann am Ball ist, dann gibt’s was für’s Auge: mal ein Zuckerpass über 50m, mal eine Streicheleinheit mit dem Außenrist, das sieht toll aus, ich habe allerdings den Eindruck, dass er seine Mitspieler damit überfordert. Vielleicht stellt er auch deswegen nach 20 Minuten seine Bemühungen ein und glänzt forthin durch – nichts.

Klar, das in einem solchen Spiel erst ein Eigentor die Führung bringen muss, doch auch danach passiert weiterhin nichts. Bis auf den wirklich sensationellen Stadionsprecher, der zwischendurch erst die Nordkurve abwatscht, weil die ein wenig Rauchpulver gezündet hat, „Das ist dumm!“, dann mittendrin eben mal schnell die ersten Takte des Vereinslieds erschallen lässt und schließlich eine Durchsage zum besten gibt, die alles toppt, was ich bisher an Durchsagen erleben durfte: „Der Fahrer des Wagens mit dem amtlichen Kennzeichen ‚K’ für Köln...“, gellendes Pfeifkonzert, es folgt der Rest des Kennzeichens, sodann: „wird sofort zu seinem Wagen gebeten, es erwartet ihn eine Überraschung!“ Dafür gebe ich 100 von 100 möglichen Punkten in der Stadionsprecher-Wertung. Abgeschleppt? Ausgebrannt? Ein wenig mit Graffiti verschönert? Seiner Reifen beraubt? Also wenn ich der Besitzer dieses Wagens wäre, ich würde auf dem Weg nach draußen schon mal vorsichtshalber meinen Anwalt anrufen. „Es erwartet ihn eine Überraschung“...unglaublich.

 

Unglaublich auch, was in der zweiten Halbzeit auf dem Rasen geschieht. Ich weiß nicht, ob es in der Zusammenfassung in der Werbesendung auf SAT.1 zu sehen war, aber einer der Schiedsrichter-Assistenten bringt es fertig, nach einem Einwurf eines Gladbacher Spielers auf Aidoo das Fähnchen zu heben und Abseits anzuzeigen. Nach einem Einwurf! Schiri Albrecht sieht das erworbene Fähnchen und pfeift Aidoo zurück, weil er denkt, es sei ein Foulspiel gewesen. Als er merkt, was sein Assi da anzeigt, kommt die große Belehrungsstunde: er läuft wirklich quer über den Rasen zum Assi und erklärt ihm, warum er das Fähnchen in dieser Situation eben nicht hätte heben dürfen. Das Stadion tobt und der Assi zeigt mit hochgestelltem Daumen, dass er das verstanden hat. Das Spiel wird mit einem Schiedsrichterball fortgesetzt.

 

Leider hat Albrecht vergessen, seinem Partner bei dieser Gelegenheit auch die zweite Ausnahme mitzuteilen, und so geschieht einige Minuten später wiederum Unglaubliches: langer Ball aus der Gladbacher Hälfte gegen die aufgerückten Wolfsburger, wieder auf Aidoo, der läuft aus der eigenen Hälfte los – wieder geht das Fähnchen hoch. Unfassbar. Der Gladbacher Mob will zur Lynchjusitz übergehen, ich jedoch lehne mich entspannt zurück, denn ich kenne solche Fähnchenschwenker von jedem Oberliga-Spieltag. Dass solche Herren anscheinend bis in die Erste Liga gelangen können, zeigt doch, dass es in diesem Lande wirklich Aufstiegsmöglichkeiten für jedermann gibt. Hoffentlich hört also jetzt endlich dieses Gejammer vom maroden Wirtschaftsstandort auf!

 

Das Spiel bleibt weiter schlecht, Aidoo schießt noch das 2:0, diesmal aus stark abseitsverdächtiger Position, aber der Assi traut sich nicht mehr, die Fahne zu heben, die Wolfsburger haben daraufhin keine Lust mehr und stellen die Arbeit ein, die Gladbacher versemmeln noch zwei 100%ige, haben daraufhin keine Lust mehr und stellen die Arbeit ein, alles plätschert so vor sich hin, uns wird immer kälter und kälter, und schließlich ist das Spiel aus, hurra, wer hat noch mal gewonnen? Achso, Gladbach, ja, aber ansonsten wars ein netter Abend. Selten so viel Eintritt für so wenig Fußball gezahlt.

 

Auf dem Rückweg zum Bahnhof verlaufen wir uns, weil es mittlerweile gehässigerweise dunkel geworden ist, und wir in eine falsche der zahlreichen Nebenstraßen einbiegen, aber der Irrtum ist recht schnell bemerkt, wir schaffen es rechtzeitig zum Bahnhof, der Zug nach Köln fährt um 20.40 Uhr ab. Mit uns im Abteil eine Schar Gladbach-Fans, die die ganze Zeit Bier trinkt, die leeren Flaschen durch den Waggon rollt, sie aber kurz vor unserer Ankunft unfassbarerweise wieder einsammelt und im Mülleimer verstaut. Die Jungs müssen echt von einem anderen Planeten sein! Aber kurz darauf ist alles wieder normal, es wird noch kurz vor dem Aussteigen mit gezieltem Hieb die Decke des Waggons demoliert, weil es heutzutage ja nur noch lustig ist, wenn irgendwas kaputt geht, es entsteht ein Riss, den ich im letzten Jahr in einem Bus auf der Rückfahrt eines Spiels der Fortuna bei den Werder-Amateuren schon mal gesehen habe und daher weiß, was er kostet. Vor dem Aussteigen in Köln wird noch mal kurz „Cologne, Cologne, die Scheiße vom Dom!“ gebrüllt, um sich hinterher auf dem Bahnsteig zu verabschieden, wobei dann so nette Sätze fallen wie „Gut, dass ich in fünf Minuten zuhause bin“ und ähnliches. Muss das bitter sein...

 

In Köln verpassen wir selbstverständlich unseren Anschlusszug, wir hätten auch nur drei Minuten Zeit zum Umsteigen gehabt, und das ist exakt die Verspätung, die unser Bummelzug herausgefahren hat, immerhin sehen wir noch die Rücklichter der Anschlussbahn, warum sollten die auch auf einen Regionalexpress warten? Aber zum Glück müssen wir nicht lange warten, denn es kommt noch ein Zug Richtung Bonn, den wir aber nur bekommen, weil er 35 Minuten Verspätung hat. Wohl dem, der das Bahnsystem zu nutzen weiß! Um halb elf bin ich wieder zuhause.

 

So, und jetzt darf es endlich mal Frühling werden: ich habe in letzter Zeit genug in diversen Stadien gefroren. Auch war insbesondere das Gladbach-Spiel nicht dazu angetan, einen irgendwie innerlich zu wärmen, und die Bahn trägt auch nur bedingt zu einer Fröhlichkeit bei, die einen die eisigen Temperaturen etwas gelassener ertragen lässt.

 

Aber immerhin waren diese Touren ja vielleicht schon mal ein gutes Training für die zwei besonderen Stadien, die es in diesem Jahr (hoffentlich) noch zu erobern gilt: wer Leverkusen und Mönchengladbach überstanden hat, den kann so leicht nix mehr schocken.

Torshavn und Reykjavik – ich bin bereit.

 

Mittlerweile wieder aufgetaut: janus

 

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