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Karnevalsimpressionen

 

Altweiber, 11.11 Uhr. Hurra, es geht los. In meiner Dienststelle zum Glück nur mit einem gemeinsamen Frühstück und der Mitteilung, dass um 13 Uhr Dienstschluss ist. Das ist erfreulich.

Auch erfreulich ist, dass ich am Abend ein Konzert in Krefeld besuchen werde. Hat nix mit Karnevalsgedöhns zu tun, der Termin steht seit Monaten, es ist reiner Zufall, dass das Konzert mit Altweiber zusammen fällt. Auch ist der Hauptact eine österreichische Band, und was verstehen die Ösis schon vom Karneval? Eben.

Weniger erfreulich ist, dass ich mit der Bahn nach Grevenbroich muss, von dort aus geht es mit dem Auto weiter, die Rückfahrt nachts muss dann von Düsseldorf angetreten werden, da in Grevenbroich um diese Uhrzeit schon die Bürgersteige hochgeklappt sind und auch keine Züge mehr nach Köln fahren.

Um 13 Uhr also raus aus der Dienststelle und mit dem Bus zum Bahnhof. Der Bus ist knüppelvoll, die Hälfte der Leute ist verkleidet und schon gut angeschickert, es wird gesungen (na ja...es wird versucht), diverse Sektflaschen kreisen, jeder Neuzugang wird fröhlich mit „Alaaf!“ begrüßt (okay, Bonn hat nun mal nix eigenes), eigentlich ist die Stimmung ganz gut.

 

Da ich erst um 16.00 Uhr in Grevenbroich sein sollte, da diejenigen, die ich dort besuche, erst um diese Uhrzeit zuhause sind, hätte ich eigentlich noch ein Stündchen Zeit in Bonn. Das knicke ich mir schnell, als ein Trupp verkleideter Jugendlicher laut grölend über den Bahnsteig zieht und neben mal schnell die nicht so gern gehörte Strophe des Deutschlandliedes intoniert (aber egal, wofür sollen wir uns denn immer noch schämen, ich bin da wirklich zu spießig). Hui, was sind wir lustig. Dann torkeln zwei Bubis an mir vorbei, ca. 16 Jahre alt, auf keinen Fall älter, stockbesoffen (wie gesagt: halb zwei Uhr mittags), wobei der eine sogar noch freihändig laufen muss: in der linken Hand hält er nämlich eine Wodkaflasche, mit der rechten schiebt er seinen Kollegen vorwärts, der so blau ist, dass das mit dem eigenständigen Gehen nicht mehr so hinhaut. Ich vermute, dass sie Richtung Bahnhofsklo wollen, aber leider ist es zu spät, der eine erbricht sich überaus geräuschvoll auf den Bahnsteig. Tja, schade, liebe DB, zwar habt ihr das Rauchen auf dem Bahnsteig verboten, um Reinigungskosten zu sparen, aber leider das Karnevalfeiern nicht. Mir reicht es und ich beschließe, in die erstbeste Bummelbahn nach Köln einzusteigen.

 

Gesagt, getan, die ist natürlich auch knüppelvoll. Es ist eine dieser moderneren Regionalbahnen, ich stehe auf dem Gang vor einem behindertengerechten Klo, das sich dadurch auszeichnet, dass man die Tür per Knopfdruck öffnen kann, woraufhin diese extrabreite Tür dann ganz langsam aufschwingt und sich hinterher ebenso langsam wieder schließt.

Dass sich dort hinein sechs Männeken mit diversen Flaschen in den Händen drängen, weil da tatsächlich mehr Platz ist, als bei uns im Gang, ist noch verständlich. Der siebte der Truppe passte wohl nicht mehr ganz rein und lehnt sich von draußen gegen die geschlossene Tür, schwankt ein wenig hin und her, berührt dabei den Öffnungsknopf. Und obwohl das Ding so flott aufgeht, wie eine neue Eiszeit heranbricht, verliert er den Halt und purzelte kopfüber ins Zechgelage. Das war dann doch wohl ein bisschen viel für seinen Kreislauf, und getreu dem Motto von Jürgen von der Lippe aus „Guten Morgen, liebe Sorgen“: „Wo wir schon mal da sind, da bleiben wir auch hier.“, reihert er erst mal ausgiebig ins Klo, das er tatsächlich noch trifft, da er sich mit beiden Händen an der Schüssel festhält und sein Schwanken immer rechtzeitig ausgleicht, um ins Schwarze zu treffen. Das bringt ihm ein anerkennendes Rückenklopfen seiner Kameraden ein, die sich vor Lachen eh schon nicht mehr einkriegen. Leider bewirkt dieses sanfte Tätscheln des Rückens, dass er mit dem Kopf nach vorne gegen die Kacheln an der Wand hinter dem Klo knallt. Danach schließt sich die Tür und verhüllt gnädigerweise den Blick auf diese Jungs, die alle nur so’n bisschen Spaß haben wollen. Würde mich nicht wundern, wenn er immer noch da liegt.

 

Neben der Tür steht übrigens ein kleiner Indianer, ca. 6 Jahre alt, der eine kleine Britney Spears im selben Alter regelmäßig alle zehn Sekunden nur so aus Spaß mit netten Schimpfwörter à la „Du F....“ belegt. Daneben steht die Mutti und grinst breit, das hat allerdings nichts zu sagen, denn sie grinst breit, seitdem sie in den Zug gestiegen ist und ihren unerschöpflichen Vorrat an Kleinen Feiglingen dezimiert hat. Ja, Mutti ist lustig und der Kleine hat auch Spaß, was will man mehr.

 

 Der Zug kommt um 14.20 Uhr in Köln an, theoretisch hätte ich jetzt hier anderthalb Stunden Aufenthalt, bis es weiter geht. Was hier jedoch abgeht, spottet jeder Beschreibung, solche Menschenmassen habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Zudem müsste ich dringend mal aufs Klo. Dort stauen sich allerdings die Menschenmassen, während die Toilettenbetreiber das Geschäft ihres Lebens machen (heißt in Köln übrigens nicht „WC“, sondern allen Ernstes „McClean“ – sensationell): einmal für kleine Jungs kostet 60 Cents, für große Herren und Damen gar 1,10 €. Das ganze funktioniert auch nur mittels Münzeinwurf, um durch ein Drehkreuz zu gelangen, so dass jeder, der kein 10-Cent-Stück hat (wie ich), im wahrsten Sinne des Wortes der Gearschte ist. Klar, dass da ein bisschen Aggressivität in der Luft liegt (obwohl, das ist bestimmt nur die vielzitierte Mentalität, mit der der Rheinländer offen auf andere zugeht), auch lässt ein Blick über die Drehkreuze hinweg erahnen, was einen dort erwartet, der Name Mc CLEAN jedenfalls ist Geschichte. Also verkneif ichs mir lieber und gehe wieder auf den Bahnsteig.

Hier sitzen etliche Gestalten auf den Bänken, zusammen gesunken, mit diesem leidvollen Blick, ausgepowert, völlig fertig, wie man es von jemandem kennt, der grad Marathon gelaufen ist. Ein gutes Dutzend von ihnen pennt bereits, die Pullen noch im Arm. Na, die tun wenigstens keinem was. Es ist 14.30 Uhr.

 

Plötzlich bricht ein infernalischer Lärm los, irgendeine Tambourtruppe mit geschätzt 30 Trommeln versucht, die Domplatte akustisch zu versenken, so jedenfalls mein Eindruck. Das Lärmgewitter kommt näher und näher, und dann marschieren diese Wahnsinnigen tatsächlich mitten durch den Bahnhof, der ein vorzügliches Echo abgibt, so dass oben auf dem Bahnsteig nur noch eine unglaubliche Kakophonie von schlagenden Trommeln, dröhnenden Posaunen und menschlichem Gebrülle ankommt, das einen wirklich glauben lässt, grad kommt ein Flieger runter.

 

Ein Zug nach Grevenbroich ist für 15 Uhr angekündigt, ich müsste eigentlich erst den nächsten um halb vier nehmen, überlege es mir aber kurz darauf wiederum spontan, als neben mir eine Schlägerei losbricht. Worums da geht, ist nicht rauszukriegen, die beteiligten Herrschaften lallen dermaßen, dass nix zu verstehen ist, manche sind ja auch abenteuerlich kostümiert, was das Lautgeben erschwert und außerdem, gleichzeitig Trinken, Reden und Prügeln ist ja auch nicht jedermanns Sache.

Auf jeden Fall geht die erste Runde an einen Cowboy, der einen Tiger mittels gezieltem Leberhaken vom Bahnsteig runter auf die Gleise schickt – unmittelbar nach der Durchsage, dass hier gleich ein Zug einlaufen wird. Der Tiger klettert etwas mühevoll wieder den Bahnsteig hoch und knockt den Cowboy, der dummerweise stehen geblieben ist, mit drei gezielten Hieben auf die Schläfe aus (sah sehr gesund aus), wird aber seinerseits dann von einem Scheich auf die Bretter geschickt, der, so sieht es aus, Kampfsporterfahrung hat, und deswegen auch die Regeln zur Fairness kennt. Weil die aber grad in seinem alkoholumnebelten Hirn irgendwohin entschwunden sind, tritt er dem am Boden Liegenden mit Schwung noch mal vor den Kopf, auch das klang sehr gesund. Danach ist es erst mal vorbei, von den erregten besoffenen Diskussionen, die man in diesen Fällen kennt, mal abgesehen.

Natürlich steige ich in den dann ankommenden Zug ein, bloß nicht noch ne halbe Stunde hier verbringen, aber an solchen Tagen kommt man ja vom Regen die Traufe, in dem Abteil, in dem ich Platz nehme, sitzen auch vier Herren schon etwas älteren Kalibers (sprich, mein Alter, würde ich sagen), ausgerüstet mit gewaltiger Fahne und zwei Flaschen 80%igem Strohrum. Da wird gesungen und gegrölt und gerne mal „Uhuhuhuh“ gemacht, denn zwei Schwarze besitzen die Frechheit, in unserem Abteil mitzufahren. Vor allem aber wird gnadenlos jeder angemacht, der nicht so lustig ist wie sie, in erster Linie natürlich Frauen, weil die Herren gar nicht begreifen können, dass die ihnen nicht um den Hals fallen, schließlich hatten sie ja mal gelesen, dass es im Karneval jeder mit jedem macht. Aber auch andere werden blöd angelabert (ich zum Glück nicht, seh wohl gut verkleidet aus für Otto Normalsäufer) und, wenn sie ebenso zurücklabern oder nicht darauf eingehen, aggressiv angemacht, denn Spaß muss sein. Und wer die Art von Spaß nicht verträgt, der kriegt eben auf die Fresse, bis er lacht. Und dann weil er lacht.

Es ist auf jeden Fall ein unmittelbarer Zwang gegeben, im Suff immer wieder andere Leute dumm anzumachen, weil es alleine unter sich ja viel zu langweilig ist. Und wehe, die wollen nicht mitfeiern!

Als der Zug in Stommeln anhält, geht dort schon mal prophylaktisch die Feuersirene los, als wüssten die, was hier alles so in diesem Zug sitzt. Kurz darauf muss die Bahn wieder anhalten, weil ein Idiot im Schlumpfkostüm (!) im Waggon neben uns die Notbremse gezogen hat. Er steigt dann mal aus, weil er grad Lust dazu hat, wundert sich irgendwie, dass da kein Bahnsteig ist, und kracht auf die Gleise. Aber Hauptsache lustig. Nach 5 Minuten fährt der Zug wieder.

 

In Grevenbroich angekommen, erwartet mich noch ein besonderes Highlight. Der Bahnhof wird grad umgebaut, man kommt vom Eingang nicht auf die Gleise, man muss diese über ein Hochgerüst verlassen, das dann mit solchen metallischen Laufgittern über die Baustelle hinweg wieder nach unten führt. Ein Trupp richtig Lustiger vor mir bekommt natürlich Spaß, auf diesem ziemlich wackligen Laufgitter herumzuspringen à la „Wir wollen wippen, wippen, wippen...“, was das ganze Gerüst in erstaunliche Schwingungen versetzt, drei Meter über dem Erdboden. Am anderen Ende des Gerüstes stehen ein paar ältere Leute, unfassbarerweise nicht verkleidet und trauen sich daraufhin nicht, das Gerüst zu überqueren. Selbst Schuld, wenn ihr keinen Spaß versteht!

 

Soviel zur Hinfahrt. Das Konzert an sich war große Klasse. Hunderte dieser komischen, schwarz gekleideten Gestalten, die auch bechern was das Zeug hält, teilweise mit merkwürdigsten Frisuren und Schmuckstücken behängt, oder für den BILD-Zeitungsleser kurz: Satanisten und Leichenschänder, feiern hier vier Stunden lang quasi eine interne Karnevalsfeier. Zwischenfälle: keine.

 

Rückfahrt ab Düsseldorf, wo ich um 1.30 Uhr eintreffe. Hier ist noch gut was los, eine Horde Jugendlicher belästigt den Rest der Kundschaft mit einem Ghettoblaster, einer im Nachthemd (ungelogen!) wandert unter der Anzeigetafel die ganze Zeit im Kreis herum und brüllt „Ich hau dich um!“ obwohl niemand auch nur in seiner Nähe steht (oder stehen möchte), ein Knabe im DEG-Trikot schmeißt effektvoll ein paar leere Bierflaschen in den U-Bahn-Schacht, während oben auf dem Bahnsteig drei Leute der Länge nach neben den Sitzen liegen und pennen. Leider war der eine mal kurz wach und hat sich oral etwas erleichtert, das macht aber nix, jetzt schlummern alle drei wieder friedlich und worauf bzw. worin sie liegen, möchte ich nicht noch durch näheres Hinsehen genauer erkennen.

 

Sonderzug um 1.45 Uhr nach Köln, ich steige ein, zwei ziemlich alte Herren steigen aus, der eine mit RWE-Fanschal, der andere mit SWE-Fanschal, haben wohl Brüderschaft getrunken und sind dann versehentlich in die Bahn eingestiegen, denn sie wundern sich stärkstens, dass sie jetzt in Düsseldorf sind.

Dann merkt der eine, dass ihm sein Handy fehlt, das er in Essen aber noch hatte (wann? Morgens um 8 wahrscheinlich), und dann gibt es großes Kino. Ich habe mitgezählt: dreimal steht er schon auf dem Bahnsteig, dreimal macht er die Waggontür wieder auf, um zu gucken, ob er sein Handy im Zug gelassen hat, dreimal legt er sich an der Türschwelle auf die Fresse. Dann nutzt der Zugführer den günstigen Umstand, dass der Herr sich am Bahnsteig niedergelassen hat und lauthals flucht (man könnte auch sagen, schreit) und fährt ab.

 

Der Sonderzug ist um 2.25 Uhr in Köln und dort sieht es aus wie auf dem Schlachtfeld. Es ist auch noch jede Menge los, aber die Unmengen von Abfall sind beeindruckend, ebenso die mindestens fünfzehn Leute, die ich zähle, die dazwischen liegen und pennen. Drei von ihnen immerhin mit Schlafsack, die haben halt für die „tollen Tage“ kein Hotelzimmer mehr bekommen, das lasse ich gelten. Lustig ist allerdings, dass die Müllwerker, die schon im Einsatz sind und den ganzen Mist zusammen kehren, ab und zu auch mal einen der Schläfer mit ihren Besen durch Gesicht wischen. Das kost’ nix und macht Riesenspaß, denn die Typen merken eh nix mehr.

Nachdem mir noch zwei Leute begegnet sind, die Arm in Arm lauthals „Guildo hat euch lieb“ grölen, und zwar immer nur diese Textzeile, den Rest kriegen sie nicht zusammen, und dabei aus Versehen noch einen Herrn rammen, der immerhin noch nicht am Boden liegt, sondern nur hockt, aber trotzdem ziemlich heftig aus Mund oder Nase blutet, nach dem (unbeabsichtigten) Stoß der beiden Nussecken-Liebhaber jedoch den Gesetzen der Schwerkraft unterliegt und auf seine zerdötschte Nase fällt, habe ich die Schnauze voll und investiere € 40 in eine Heimfahrt nach Bonn, da der nächste Zug auch erst in ner knappen Stunde kommen soll. Der Taxifahrer berichtet mir dann noch von einem kleineren Brand am Nachmittag im Hbf, als irgendwelche lustigen Typen, total gut drauf, mal eben an sechs verschiedenen Stellen im Bahnhof sechs verschiedene Mülleimer zur gleichen Zeit angezündet haben.

Ob Letzteres stimmt, kann ich nicht nachvollziehen, im WDR-Videotext stand jedenfalls nichts davon, als ich um 3 Uhr nach Hause kam. Dafür stand da etwas anderes: nämlich dass die Festivitäten friedlicher als letztes Jahr begonnen hätten, und die Polizei in Köln mit dem Verlauf des Tages recht zufrieden war – nur 900 Einsätze und 1 Schwerverletzter in Köln (Messerstich in den Rücken). Na, da bin ich ja beruhigt, war also wohl wirklich alles nur Spaß, wie der Rheinländer eben so ist.

 

Und sicherlich sehe ich das zu eng, ich bin halt ne Spaßbremse und mir mangelt es augenscheinlich an diesem schönen, unverfälschten rheinischen Humor, auch hatte ich keine Gruppe mit dabei, um mal richtig entspannt die Sau rauszulassen an diesen Tagen, an denen ja bekanntlich alles erlaubt ist. Und deshalb ist es zum Glück auch erlaubt, dass ich am Rosenmontag nur vormittags schnell rausgehe, mich mit dem Nötigsten versorge und mich dann in mein Kämmerlein einschließe. Schöne Aussichten...wenn ich nur nicht heute schon wieder bahnfahren müsste...

 

Und wenn das alles Ausnahmen waren, die ich da gestern gesehen habe – wow, dann müssen mir an einem (frühen) Nachmittag und in einer Nacht sämtliche Ausnahmen dieser Karnevalssession über den Weg gelaufen sein. Ihr glaubt gar nicht, wie mich das beruhigt.

 

Neulich stand im Bonner EXPRESS ein Grußwort irgendeines Oberkarnevalisten aus Bonn. Der schrieb unter anderem: „Den rheinischen Karneval ist eine unvergessliche Sache, den macht uns in der Welt keiner nach.“

 

Na, da gratulier ich aber.

 

Helau

 

janus  

 

 

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