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Die Bahn, der BVB und andere Amateure...(ein kleines bisschen Hopping)

 

Liebe Leser,

am nächsten Freitag, 22.08.03, geht es wieder los – erstes Meisterschaftsspiel in der Oberliga Nordrhein zwischen Fortuna und Union Solingen. Da dachte ich mir: bevor wir wieder dicht gedrängt in den diversen Oberliga-Hexenkesseln sitzen oder stehen und mit der besten Mannschaft der Welt fiebern, bevor wir wieder vor jedem Spiel ebenso gespannt nach vorne blicken wie uns hinterher meist die Kinnlade runterfällt, bevor wir wieder wenige Stunden vor dem nächsten Auswärtsspiel verzweifelt sämtliche Routenplaner im Internet auswerten, die natürlich von Freialdenhoven oder der Bezirkssportanlage Chorweiler noch nie was gehört haben – kurz gesagt, bevor es wieder Ernst wird, gönn Dir doch mal ein bisschen Spaß. Geh mal dahin, wo eine Handvoll Piepels verzweifelt versucht, ordentlich Party zu machen. Wo sie bestaunt und bewundert werden von einer Masse anderer Leute, die zwar bei derselben Veranstaltung sind, jedoch eindrucksvoll demonstrieren, dass so eine Schweigeminute sich auch mal über einen längeren Zeitraum ziehen kann. Und wo man es noch von den Lebenden nimmt. Mit einem Wort – fahr doch mal wieder zu einem Bundesliga-Spiel ins Westfalenstadion.

 

Samstag, 16.08.03 Borussia Dortmund – TSV 1860 München 3:1

 

Allein schon aus Tradition. Unvergessen, der letzte Auftritt unserer Fortuna dort. Ähm, wann war das noch mal? Ach ja, irgendwann 2000, Meisterschaftsspiel in der Regionalliga gegen die BVB-Amateure. Ca. 1300 Zuschauer in dieser Riesen-Schüssel, ein würdiger Rahmen. Ein bedeutender 3:1-Sieg, bedeutend, weil es der erste der damaligen Saison war, und, was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnen konnte, diesem nur noch wenige folgen sollten. Und die Frage, die seitdem aufgeworfen wurde: wie sieht das Ding eigentlich mit Zuschauern aus?

 

Dem muss abgeholfen werden. Ergo organisiere ich zwei Eintrittskarten für das Heimspiel der Borussia gegen die „Löwen“ aus München. Hat den Vorteil: mich interessieren beide nicht, das Endergebnis ist mir völlig egal, ich will nur ein paar Tore sehen, für wen, das ist mir schnurz. Ich gewinne Kantine als Begleiter und Fahrer. Das hat nur den Haken, dass ich zunächst mit der Bahn nach Rommerskirchen fahren muss; von dort holt er mich ab, es geht weiter nach Düsseldorf, um eine Ladung Grillgut beim Fan-Turnier der Ultras Düsseldorf abzuliefern, das am selben Tage stattfindet. Dann ab nach Dortmund.

 

Ach ja, endlich mal wieder Bahnfahren. Aber ich muss schon um halb neun von Bonn abfahren, um gegen kurz vor zehn in Rommerskirchen einzutreffen. Und das auch noch an einem Samstag. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Bahn um diese Uhrzeit nichts Besonderes zu bieten hat. Ich täusche mich.

 

Gerade auf dem Bahnsteig in Bonn angekommen, spüre ich, es liegt was in der Luft. Große Leistungen werfen ihre Schatten voraus, und die Bahn ist da keine Ausnahme. Denn als ich den Bahnsteig entere, um auf die Regionalbahn nach Köln zu warten, sehe ich auf der Anzeigetafel die Ankündigung des Nachtzuges aus Wien. Sage und schreibe 70 Minuten Verspätung – an einem Samstag Morgen ohne Gewitter, ohne Schnee, ohne Hochwasser, oder was sonst so dem gemeinen deutschen Gleisbau schaden könnte. 70 Minuten! Ich bin begeistert. Das ist keine Verspätung, das ist eine Hinrichtung. Das ist Rekord. Ich wundere mich, dass keine Roten Teppiche ausliegen, dass keine Blaskapelle bereit steht. Das wär doch das Mindeste, das die bedauernswerten Passagiere verdient hätten. Und dazu vielleicht als Entschädigung einen Gutschein. Für eine weitere Bahnfahrt. Ich glaube, dann wäre der Bonner Bahnhof akut einsturzgefährdet.

Es befinden sich auch einige sehr zufriedene Abholer auf dem Gleis bzw. im Café am Bahnsteig. Und endlich hat hier jemand die Zeichen der Zeit erkannt. Neu am Bahnhof ist nämlich, dass jemand am Gleis 1 wirklich und wahrhaftig einen Frisörsalon eröffnet hat! Und zwar nicht einen mit den guten deutschen Öffnungszeiten, sondern der Laden hat auch samstags und sonntags nahezu ganztägig geöffnet! Na gut, ein Rätsel gelöst, hatte mich nämlich schon schwer gewundert, woher diese fürchterliche Disco-Mucke auf dem Bahnsteig herkommt. Hatte es schon fast für psychologische Kriegsführung der Bahn gehalten, aber es liegt halt an der offenen Tür des Frisörsalons.

 

Aber diese Idee! Diese Kreativität! Potentielle Kunden laufen schließlich genug auf dem Bahnsteig rum. Die hätten aber normalerweise keine Zeit, denn eigentlich kommt man auf den Bahnsteig, steigt in seinen Zug ein und fährt ab. Nicht so bei der Deutschen Bahn, die dem gewöhnlichen Reisenden aufgrund teilweise abstrusester Verspätungen oder Umsteigemöglichkeiten (wir werden noch darauf zurück kommen) gerne mal einen etwas längerfristigen Aufenthalt auf dem ein oder anderen Bahnhof beschert, so auch in Bonn, wo schon seit Ewigkeiten kein Fernzug mehr pünktlich gewesen ist. Zwanzig Minuten kriegen sie alle hin. Und das Frisörteam sieht jung und dynamisch genug aus, um in zwanzig Minuten einen ganz neuen Typ aus einem zu machen. Was schaffen die dann wohl in den 70 Minuten, in denen die Angehörigen auf den Zug aus Wien warten? Ich wage es mir kaum vorzustellen. Da steigt manch ein Kegelbruder trotz dieser Verspätung vorsichtshalber gar nicht erst aus dem Zug, wenn er feststellt, dass Mutti sich ne neue Dauerwelle hat legen lassen. Das nenne ich mal erfolgreich in eine Marktlücke stoßen! Würde mich nicht wundern, wenn die Bahn als stiller Teilhaber an dem Laden beteiligt wäre.

 

Es bleibt jedoch keine Zeit, weiter auf die Unglückseligen zu starren, die erschöpft der nächsten Durchsage entgegen dämmern, in der aus den siebzig vielleicht noch locker neunzig Minuten gemacht werden wegen dieser winzigen Baustelle linksrheinisch bei Koblenz. Nein, mein Zug ist pünktlich. Klar, fällt ja auch unter Nahverkehr, da geht’s meistens. Allerdings eben nur meistens.

 

Um neun Uhr bin ich in Köln und werde auf dem Gleis, auf dem der Zug in fünfundzwanzig Minuten nach Rommerskirchen abfahren soll, mit zweierlei beglückt: zum einen mit der Anzeige, dass der Zug 15 Minuten Verspätung haben wird, zum anderen mit zwei Schwaben im VfB-Stuttgart-Trikot, die auf dem Bahnsteig vor sich hinlümmeln. Die wollen natürlich auch in meinen Zug, um nach Mönchengladbach auf den Bökelberg zu gelangen. Beide sind allerhöchstens achtzehn, der eine, ein abgebrochener Meter, trägt die Marschverpflegung in einer Plastiktüte mit sich herum, in der es verdächtig klappert. Das Frühstück wird in flüssiger Form eingenommen, einarmiges Reißen, Halbliterklasse, undefinierbares Pils. Aber noch haben sie alles im Griff, die Unterhaltung ist etwas lautstark, aber der Dialekt klingt immer noch fürchterlich. Blöd sind sie auch noch, zünden ihre Zigaretten an, obwohl sie genau unter einem Rauchverbotsschild stehen, der eine wird nachher im Raucherwaggon lauthals verkünden, er wolle nicht im Nichtraucher sitzen bleiben, da er auch dieses Piktogramm nicht zu deuten versteht. Schwaben halt.

 

Aber die Bahn zieht mich wieder in ihren Bann. Ich stehe auf Gleis 8/9, habe einen guten Überblick über die Nachbar-Bahnsteige rechts und links, man kann auch die dortigen Lautsprecher-Durchsagen gut verstehen. Ich habe also sechs Bahnsteige im Blick und Ohr.

 

Und es ist mächtig was los. Nicht auf den Bahnsteigen, die Leute, die dort rumstehen, kann man jeweils an zwei Händen abzählen, auf meinem Bahnsteig zum Beispiel sind es ein knappes Dutzend Menschen und die beiden Schwaben. Was halt an einem Samstag Morgen auf einem Bahnhof so rumsteht.

Dafür geben die Lautsprecher alles. Nach einigen hektischen Durchsagen geht’s auch an den Gleisen rund. Auf meinem Gleis (mein Zug hat ja Verspätung) läuft nun ein Zug ein, der eigentlich drei Gleise weiter vorn Einfahrt erhalten sollte, aber umgelenkt wurde. Das macht aber nix, er endet nämlich in Köln, man darf sowieso nicht einsteigen. Dafür kommt dann aber die Voreifelbahn, die vor meinem Zug eigentlich dran gewesen wäre, zehn Minuten zu spät, weil sie den anderen vorlassen musste (der eh schon zu spät dran war und in Köln Endstation hatte...). Auf dem Nachbargleis steht der berühmte Thalys, der Zug nach Paris. Und steht. Und steht. Er will einfach nicht abfahren, so dass zwei andere Züge von diesem Gleis umgeleitet werden müssen. Dafür imponiert er mit einem so lauten Getöse seiner Lok (die natürlich nicht abgeschaltet wird, selbst wenn man dreißig Minuten stehen würde), dass die Lautsprecher-Durchsagen nicht mehr zu verstehen sind. Schade, da war aber, wie man fünf Minuten später feststellt, wieder eine Gleisverlegung dabei. Tja, wenn du mit der Bahn fährst, solltest du außer Geduld noch ein gutes Gehör mitbringen. Ist doch nicht deren Schuld, wenn du den Zug verpasst, weil du die Durchsage nicht hören kannst! Und so weiter...

 

Fazit: ich verbringe 30 Minuten auf diesem Bahnsteig. In diesen dreißig Minuten ist nicht ein Zug auf diesen sechs Gleisen pünktlich. Samstags morgens um 9 Uhr. Und da beschwer sich noch einer über die Verspätungen zu Stoßzeiten. Da die genauso lang, aber eben auch die Menschenmassen erklärbar sind, fallen sie eigentlich gar nicht ins Gewicht. Aber samstags morgens um 9 binnen dreißig Minuten elf verspätete Züge – das ist schon fast Kult.

 

Die anschließende Zugfahrt selbst verläuft ohne große Probleme, pünktlich mit einer Viertelstunde Verspätung steige ich in Rommerskirchen aus. Das merkt hier sowieso niemand, denn dieser Bahnhof ist so was von tot, das glaubt einem kein Mensch – „Return of the Living Dead“ könnte hier gedreht worden sein. Jedoch: als ich neulich schon einmal von hier Richtung Heimat abfuhr, saß ich am Bahnsteig, als es von der Hochspannungsleitung her plötzlich zweimal zischte und ich aus den Augenwinkeln sah, wie zwei gefiederte Körper zu Boden plumpsten und regungslos liegen blieben. Kein Witz! Da war ich dann doch erschüttert. Okay, RoKi (Fachjargon!) ist schon ordentlich tot – aber deswegen gleich Selbstmord? Es gab mir zu denken.

Jedoch hat RoKi einen gewissen Vorzug, derjenige, der sich schon mal meinen Artikel zum Thema „Wie langweile ich mich in Mönchengladbach“ gelesen hat, weiß es natürlich, es ist der letzte Bahnhof in Richtung Niederrhein, der noch zum Verkehrsverbund Rhein-Sieg gehört und somit kostenmäßig durch mein Job-Ticket bereits abgedeckt ist. Das rechtfertigt allerdings keinen längeren Aufenthalt. Also nix wie raus aus dem Zug und weg. Kantine holt mich ab, und wir düsen nach Düsseldorf zum Polizeipräsidium, nicht um dort anzukündigen, dass sich zwei der gefürchteten „Ich bin über dreißig, aber ich habe die Kraft der zwei Herzen“-Hooligan-Bewegung nach Dortmund aufmachen werden, sondern um das Grillgut abzuholen, das dort in den Katakomben lagert, denn schließlich ist Kantine hier der Pächter des Betriebsrestaurants. Und vielleicht kann er diese Katakomben ja unter der Hand mal an die anderen Bewohner des Hauses vermieten, die ab und zu mal ein, zwei ruhige Räume zur Durchführung einer genauen Befragung eines Verdächtigen benötigen. Eine Hand wäscht schließlich die andere.

 

Die Leckereien werden pünktlich am Flinger Broich abgeliefert, es wird noch pflichtbewusst das erste Spiel des DiFo-Teams geguckt, das dieses 1:2 verliert, weil sie ihre stärkste Waffe, Red Sonja, die Frau mit dem guten Auge und dem tödlichen Pass, nur drei Minuten spielen lassen. Selbst Schuld! Dann geht’s auf nach Dortmund.

 

Die Fahrt ist von keinerlei irgendwie gearteten Problemen gekennzeichnet, so dass wir bereits um 12.30 Uhr auf der Straße vor dem Westfalenpark eintrudeln. Auf den offiziellen Parkplätzen wollen wir nicht parken, kostet ja Geld. Kantine kennt da einen Geheimtipp, quasi um die Ecke. Andere leider auch. Wir fahren hin, wir fahren her, wir wenden, drehen, biegen ab, müssen zwangsweise wieder ein Stück auf der Bundesstraße zurück fahren bis zur nächsten Abfahrt, weil einfach keine Querstraße kommen will, wir kämpfen uns zurück, wir biegen in schmalste Wohnviertel ein – nix. Drei Stunden vor dem Spiel sind schon die Parkplätze ausgegangen. Und überall schwarz-gelb, Aufkleber an allen Autos, Schals auf der Hutablage, schwarz-gelb gekleidete Gestalten, die aus den Autos aussteigen – die spinnen, die Dortmunder! Drei Stunden vor dem Spiel hat im Rheinstadion doch noch der Hundezüchterverein trainiert und niemandem ist es aufgefallen. Und hier – Parkplatznot. Ham die alle kein Zuhause?

 

Schließlich werden wir doch noch fündig. In einer Seitenstraße entdecke ich die Zufahrt zur Sozialakademie, was immer das auch sein mag, dort sind noch genügend Parkplätze frei. Ja, man muss sich auskennen, denn von dort sind es nur knapp 10 Minuten bis zum Stadion. Wir sind zwar nicht ganz sicher, ob wir dort parken dürfen, allerdings sind dort so viele Parkplätze, dass eine eventuelle Abschleppaktion nur mit einer ganzen Division Abschleppwagen durchgeführt werden könnte.

 

Aber jetzt stehen wir ja vor dem Stadion, es ist ein Uhr, zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn. Allerdings, was hier schon an Fans rumläuft – wenn man nur die einsammeln und in den Flinger Broich verschicken würde, unser Management würde feuchte Augen bekommen – ausverkauft zwei Stunden vor Spielbeginn! Es ist alles ein wenig anders hier...

 

Die Stadiontore selbst sind noch verschlossen, aber das macht nix, draußen stehen noch genug Buden rum. Erstmal etwas essen. Hierbei sehe ich etwas, das mir vollkommen neu ist: die Würstchen bekommt man von so einem Mini-Grill, den der Verkäufer wie ein Bauchladen vor sich her tragen und dadurch geschickt blitzschnell seinen Standort zu ertragreicheren Zuschaueransammlungen verlagern kann. Genial!

Weniger genial ist das Würstchen, das Kantine dann im Selbstversuch testet. Immerhin, für  2,10 € kriegt er auch ein Würstchen in Vereinsfarben geboten: es ist schwarz, der kostenlose Senf gibt den erhofften gelben Farbtupfer. Das Ding ist noch nicht mal den gleichen Preis in DM wert. Durchgefallen!

 

Mich hingegen lockt ein fliegender Händler, der Teigwaren offeriert. Eine Käse-Schinken-Stange, auch einigermaßen groß, soll es sein. Für schlappe 2,60 €. Mich trifft fast der Schlag. Es schmeckt zwar, aber der Preis ist für mich modernes Raubrittertum. Durchgefallen!

 

Trotzdem wird natürlich beides verzehrt, wer weiß, wie es erst drinnen schmecken mag. Der Abfall landet in den allgegenwärtigen Mülleimern, die tatsächlich jeweils schwarz und gelb bemalt sind. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

 

Nun möchte ich mich mal kurz erleichtern. Neben dem Gebäude, das den Fan-Shop und die Geschäftsstelle beinhaltet, geht’s in so einen kleinen Biergarten, von dort kann das Innere des Gebäudes betreten werden. Schon sehe ich eine ziemlich lange Schlange, in der irgendwie nur Frauen stehen. Aha, da muss die Toilette sein. Nun, bei den Herren war die Wartezeit nicht ganz so lang, aber viel besser war es auch nicht: Borussia Dortmund, Deutscher Meister, Champions-League-Sieger, Weltpokal-Gewinner, verfügt vor dem Stadion über genau zwei Herren-Toiletten...gigantisch. Da sollte man sich mal etwas einfallen lassen, wenn schon die Tore erst um viertel vor zwei geöffnet werden.

 

Als wir dann endlich im Stadion sind, müssen wir zunächst mal ein paar Treppen hoch, denn unsere Karten sind für die Osttribüne, natürlich ganz oben unter dem Dach, vorletzte Reihe. Hingesetzt, geguckt, und schnell den Blick angewandt – ist doch sehr hoch von hier aus, muss man sich erst mal dran gewöhnen. Das Stadion an sich ist gigantisch groß, man hat auf den schon vorhandenen Tribünen einfach aufgestockt und die vier ehemals freien Ecken ebenfalls mit Zuschauerrängen dicht gemacht, so dass das Fassungsvermögen nunmehr 83.000 Zuschauer beträgt. Bzw. betragen wird, denn die Ecke Südost ist noch nicht für die Zuschauer frei gegeben, da wird noch gewerkelt. Aber 77.000 passen schon rein.

 

Die Sicht aufs Spielfeld ist ausgezeichnet, die auf die anderen Tribünen leider weniger, da sich das Dach über unseren Köpfen leider in seiner Verlängerung immer mehr nach unten neigt, und daher den Anblick oberen Blöcke der Süd- und Osttribüne einfach abschneidet, wenn man so hoch sitzt wie wir. Absicht oder hat sich der Architekt beim Entwurf ordentlich mit DAB zugedübelt, um kreativer wirken zu können? Wir wissen es nicht. Um den Blick zur Südtribüne ist es schade, denn die ist zugegebenermaßen ein Augenfang, Deutschlands (Europas?) größte Stehtribüne mit 27.000 Plätzen, die sich auch jetzt schon, anderthalb Stunden vor dem Spiel, zu füllen beginnt, fast alle Fans dort sind in schwarz-gelb gekleidet, sieht von weitem aus wie eine einzige schwarz-gelbe Wand, ein imponierender Eindruck, immerhin. Leider sehen wir jetzt nur die Hälfte davon.

 

Wir steigen erst mal eine Ebene tiefer, um uns etwas zu trinken zu besorgen. Zum Bier kann ich leider nix sagen, zur Cola eigentlich einiges. Ich werde es mir verkneifen, und nur kurz zusammen fassen: sie ist lauwarm, absolut schal und kostet unfassbare 3,10 € plus ein Euro Pfand. Die mangelnde Qualität rührt daher, dass der Knabe hinter dem Tresen schon mal zwanzig Becher auf Vorrat gezapft und beiseite gestellt hat, ich möchte nicht wissen, wann, vielleicht beim Abschlusstraining am Freitag Abend? Das ist vielleicht für die Halbzeitpause gerechtfertigt, wenn riesiger Andrang herrscht, aber anderthalb Stunden vor dem Spiel? Durchgefallen!

 

Immerhin, eine nette Einrichtung, ein Extra-Tresen, an dem nur die Becher gegen das Pfand zurück gegeben werden können, da braucht man wenigstens nicht lange zu warten. Gute Idee.

 

Wir entern wieder auf unsere Plätze, leicht außer Atem, denn diese Kraxelei könnte eine gute Aufwärmübung für Reinhold Messner sein, wenn er mal wieder seinen Yeti besuchen will, es geht ziemlich steil nach oben. Bis zum Spiel tut sich herzlich wenig, es gibt Werbung, auf der Anzeigetafel flimmern noch mal die Tore des letzten Spieltags, und eine Borussia-Dortmund-Fan-CD or whatever wird rauf und runter gespielt. Klingt verdammt nach der Fortuna-Fan-CD. Oder der HSV-Fan-CD. Oder...

 

Kurz vor Spielbeginn, als es zum Verlesen der Mannschaftsaufstellung kommt, hat er endlich seinen großen Auftritt: Norbert Dickel, Ex-Profi des BVB, der eindeutig zu viele Kopfbälle während seiner aktiven Karriere gespielt hat, fungiert ja schon seit Jahren als Terrorist mit Mikrofon, vulgo: Stadionsprecher. Der Mann lässt mich fast sehnsüchtig an Heribert Fassbender denken. Unfair ist er auch noch. Ich habe mitgestoppt: für die gesamte „Löwen“-Aufstellung braucht er genau 18 Sekunden und outet sich damit als massiver Dieter Thomas Heck-Fan. Die Namen sind kaum zu verstehen, so schnell geht es, auf der Anzeigetafel verschwinden sie so fix, dass man sie auch für eine Fata Morgana halten könnte. Als die eigenen Sportskameraden dann aber verlesen werden, flippt er völlig aus, das ist schon keine Ansage mehr, das ist ne Performance. Mittlerweile beginne ich zu hoffen, dass doch nicht ganz so viele Tore fallen, denn die sagt er ja auch noch an...

 

Das Spiel beginnt nach einer Gedenkminute für Lothar Emmerich mit wirklich schöner Choreo und plätschert in der ersten Halbzeit so vor sich hin. Die Fans auch. Die Hütte ist rappelvoll, zwei Reihen unter uns sitzen zwei einsame „Löwen“-Fans inmitten des Dortmunder Pulks, die haben die Karten wohl bei eBay gekauft, wirken völlig verloren in dieser schwarz-gelben Masse. Wo man hinblickt, nur Leute, Leute, Leute. Wo man hinhört – nichts. Nur die Südtribüne versucht verzweifelt, ein wenig Stimmung zu machen, aber auch das vergeht ihnen angesichts der Tatsache, dass die „Löwen“ gegen Ende der ersten Halbzeit immer besser werden und mehrmals den Führungstreffer auf den Schlappen haben. Von den anderen 50.000 kommt nichts, rien, niente, die paar „Löwen“-Fans in ihrem engen Gästekäfig schräg rechts unter uns sind sehr gut zu verstehen, „Und schon wieder keine Stimmung, BVB!“ und keiner widerspricht. Wie auch, links den Snack, rechts das Getränk in der Hand, vor sich noch die Stadionzeitung, wie soll man da auch konzentriert Fußball gucken? Ausnahme ist die Pause, in die die Fans die Mannschaft mit einem gellenden Pfeifkonzert verabschieden, dass es nur so rauscht. Immerhin, prima Akustik oben unter dem Dach.

 

Zur Halbzeit resümiere ich, dass den Worten, die Kantine vor dem Spiel über die Stimmung im Stadion äußerte, nichts hinzuzufügen ist: „They’re only singing when they’re winning“ Dafür dass hier sage und schreibe 76.500 Zuschauer versammelt sind, hört man wirklich erschreckend wenig. Bei einem Blick ins weite Rund hat man irgendwie nie den Eindruck, dass das so viele Menschen sind, denn die meisten sitzen nur passiv da und verfolgen das Geschehen mehr oder weniger regungslos. Und ich sitze noch nicht mal auf der Haupttribüne...

 

Es ist gut, dass ich das Resumée in der Halbzeit ziehe. Denn nur wenige Sekunden nach Wiederanpfiff fällt das 1:0 für Dortmund, Torschütze ist Amoroso, ist also wieder mal reiner Zufall, der stolziert die ganze Zeit wie ein aufgeplusterter Gockel durch die Gegend, bemüht, sich so wenig wie möglich schmutzig zu machen, dann springt ihm ein Ball vor die Füße, er schießt einfach mal, drin das Ding. Bei aller Abneigung wird man da doch ein wenig neidisch. Der kann auch neunzig Minuten dumm in den Gegend rumstehen und einer Eckfahne ähneln, nur lange nicht so beweglich sein wie diese, irgendwann steht er trotzdem richtig und macht die Bude. Instinkt hat er ja...

 

Nun aber ist im Stadion die Hölle los. Und zwar in der Südkurve. Der Rest blickt mal kurz von den tiefsinnigen Gesprächen auf, die man grad so führt, oha, da ist ein Tor gefallen, also mal kurz aufstehen und klatschen, dann wieder hinsetzen. Von oben unterm Dach auf Nordost kommt noch ein bisschen was, das war’s dann auch schon. Erschütternd.

 

Im Gegenzug wird dann der Ausgleich verhindert und zwar von Dr. Markus Merk, dem Schiri. Als ein „Löwe“ den Ball halbhoch in den Strafraum spielt, wird er beim Abspiel gefoult und Merk pfeift Freistoß. Dabei übersieht er leider, wie Wörns so, wie wir ihn alle kennen, die Kugel unterläuft und Benny Lauth völlig frei vor Weidenfeller an den Ball kommt, wobei der Dortmunder Keeper zu allem Überfluss auch noch völlig unmotiviert am 5-m-Raum herumturnt. Kleiner Lupfer, erledigt das Ding. Aber wie gesagt, Herr Merk hat es nicht gesehen. Das wiederum haut die „Löwen“ jetzt anscheinend dermaßen um, dass sie bis zur 88. Minute nichts mehr auf die Reihe kriegen.

 

Binnen 15 Minuten macht Dortmund die drei Hütten, das Spiel ist in der 61. Minute entschieden, als 2,02-Meter-Riese Koller, sich um sich selbst dreht, sich bei dieser Pirouette unfassbarerweise nicht die so ungelenk wirkenden Beine bricht und die Kugel zum 3:0 im Netz versenkt. Der ist auch der einzige beim BVB, der mir gefällt. Andererseits ist das BVB-Spiel sehr auf ihn zugeschnitten, immer nur hohe Bälle in die Mitte auf Koller, der lässt sie prallen und irgend jemand wird sie dann schon reinmachen. Bisschen einfallslos für eine europäische Spitzenmannschaft, wie ich finde.

 

Da es wirklich langweilig wird und wir mit dem Abmarsch solcher Menschenmassen nicht vertraut sind, tun wir etwas, was wir normalerweise nicht tun, wir gehen fünf Minuten vor Schluss, schließlich müssen wir uns ja auch erst mal vom Gipfel abseilen. Prompt bestraft uns der Fußballgott, denn als wir unten angekommen sind und hinter dem „Löwen“-Fan-Block gen Ausgang streben, erzielt Kioyo den Ehrentreffer für die „Löwen“, eher zufällig, wie ich hinterher bei den Fernsehbildern feststelle, denn er verwertet einen Abpraller von Weidenfeller in erster Linie deswegen, weil er nicht mehr schnell genug aus dem Weg springen kann. Dicker Patzer des BVB-Torwarts beim einzigen Schuss in der ganzen zweiten Halbzeit, der auf sein Tor kommt. Die „Löwen“-Fans zeigen noch Humor und skandieren fröhlich „Auswärtssieg, Auswärtssieg!“ und das ist der letzte Eindruck, den ich aus dem Westfalenstadion mitnehme. Mit uns verlassen übrigens ca. 10.000 Leute bereits das Stadion, fast alle in schwarz-gelb gehüllt, die mal wieder einen für sie normalen Sieg ihrer Mannschaft gesehen haben, so normal, dass sie nicht mal mehr bis zum Schluss bleiben. Verquere Welt, die Sieger gehen vorzeitig und die Verlierer singen bis zum Schluss. Naja, ist halt Bundesliga...

 

Die Heimfahrt verläuft völlig problemlos, unser Parkplatz war spitze, in noch nicht mal 10 Minuten sind wir weg, während sich in die anderen Richtungen jetzt schon ordentliche Autokorso bilden. Wir fahren nach Düsseldorf zurück, holen beim Fan-Turnier das übrig geblieben Grillgut ab, Kantine wirft mich am Düsseldorfer Hauptbahnhof raus und ich erwische sogar noch den Zug nach Bonn um 18.59 Uhr, weil er erst um 19.20 Uhr eintrifft und bin somit glatt um kurz nach acht zuhause.

 

Was bleibt von diesem Tag? Ich will es in Stichworten zusammen fassen: Die Fans (Masse): unglaublich. Die Fans (Stimmung): jämmerlich. Die Verpflegung in der Relation Preis/Qualität: unbeschreiblich. Das Stadion selbst: gewaltich. Mehr nich.

 

Aber ein Besuch lohnt sich. Spiele in Dortmund enden selten 0:0, was für den neutralen Zuschauer recht angenehm ist. Außerdem regt sich ja noch nicht mal jemand auf, wenn man für den Gegner jubelt. Und der Ausblick vom Gipfel ist doch schon beeindruckend. Nur, liebe BVB-Fans: eine Südtribüne macht noch lange kein Stadion. Da müssen schon andere Kaliber her, um mich zu beeindrucken. Wie zum Beispiel das Spiel des nächsten Tages:

 

 Sonntag, 17.08.2003 SC Kapellen-Erft 1911 – Fortuna Düsseldorf 0:1 (Niederrhein-Pokal, 1. Runde)

 

Was ist nicht alles über diesen Knüller geschrieben worden! Schon Wochen vorher, als die Auslosung feststand, konnte man in den Zeitungen nachlesen, dass hier der Bär steppen würde. Kapellen ist eine 3500-Seelen-Gemeinde, die zu Grevenbroich gehört, der SC spielt in der Landesliga. Für die war das von Anfang an das Spiel des Jahres. Unterschätzen durfte man den SC aber beileibe nicht, das ist eine ganz solide Landesliga-Truppe, die seit Jahren immer im oberen Drittel der Liga mitspielt, aber wohl nicht aufsteigen darf, aus finanziellen Gründen. Es bestehen wohl gute Kontakte zu Borussia Mönchengladbach, es finden immer mal wieder Spieler den Weg zu den Ostholländer Amateuren in die Oberliga und umgekehrt kommt so manch ein Gladbacher noch für ein, zwei Jährchen nach Kapellen, um die Karriere ausklingen zu lassen. Diesmal ist es der Trainer Horst Steffen, ehemaliger Galdbacher und Duisburger Profi, der das bekannteste Gesicht im Kader ist.

 

Wie gesagt: im Erftkreis gab es zuvor mächtig Rummel um dieses Spiel. Denn die Vorkommnisse beim letzten Spiel, das Fortuna im Niederrhein-Pokal abgeliefert hat, nämlich das Endspiel in Velbert, sind auch bis hierher gedrungen und sorgen teilweise für nackte Panik. Dabei wird gerne übersehen, dass Kapellen nicht Velbert ist. Dass eine 1. Runde nicht das Endspiel ist. Und dass irgendwelche Hooligans sich bestimmt nicht an einem Sonntag Nachmittag aufmachen, um ein Dorf zu verwüsten, das sie vorher noch nicht mal auf der Landkarte gefunden hätten. Egal, die Kapellener hatten Angst um ihren Sportplatz aufgrund des großen Zuschauerandrangs, den sie erwarteten. Daher wurde kräftig Polizei geordert, die schon Tage vor dem Spiel verkündete, wie sehr sie gewappnet sein würde. Es sollten Bauzäune geliefert werden, um die Fans vom Spielfeld und unter einander zu trennen. Da die Deutsche Bahn natürlich mitspielte und auf der Strecke zwischen Neuss und Kapellen Gleisarbeiten durchführte, so dass Bahnreisende von Düsseldorf aus nur bis Neuss und nicht weiter gelangen können, wurden Shuttle-Busse vom Neusser Bahnhof zum Stadion bereit gestellt, die von der Polizei eskortiert wurden. Es wurden auch wieder mal Ordner von Fortuna angefordert. Es war viel Rauch um Nichts.

 

Zunächst gilt es, von Bonn wieder bis RoKi zu gelangen, das gar nicht weit von Kapellen entfernt liegt (und übrigens auch zu Grevenbroich gehört). Diesmal also an einem Sonntag Mittag. Ich will es kurz machen, bevor allgemeine Müdigkeit aufgrund des immer gleichen Themas um sich greift: ich fahre in Köln pünktlich los, die Fahrtdauer nach RoKi beträgt lediglich 20 Minuten, trotzdem hat der Zug, als ich dort ankomme, 10 Minuten Verspätung. Noch Fragen?

 

Um kurz vor zwei Uhr brechen wir von Kantines Wohnung aus auf, denn wenn die Fans, die mit dem Zug kommen, wirklich alle auf einen Schlag dort anlangen, wird es etwas eng an den ca. 2 Kassenhäuschen, die wir erwarten, denn es braucht jeder eine Karte, einen Vorverkauf gab es nicht. Wir fahren einen kleinen Umweg, da die Hauptverkehrsstraße, die zum Stadion führt, ordentlich blockiert sein dürfte und kommen schnell an. Das Stadion liegt hinter einer Wohngegend. Eine hübsche Anlage mit Rasenplatz, Aschenplatz und Hartgummiplatz nebst Klubhaus, von Bäumen umgeben. Nett hier.

 

Was die Kassenhäuschen angeht, haben wir uns getäuscht: es gibt gar keine, dafür zwei Tische, an denen die Karten verteilt werden. 6 € Eintritt, natürlich nur Stehplatz, eine Sitztribüne gibt es nicht. Nana, was ist das denn für ein Preis? Denn werden sie wohl kaum nächste Woche beim ersten Saisonspiel gegen den 1. FC Viersen nehmen, das riecht nach „Top-Zuschlag“.

 

Wir landen auf der Gegengerade im Fortuna-Fan-Block, das weiß ich deshalb, weil es auf einem sorgfältig gemalten Hinweisschild am Eingang steht. Wir wechseln allerdings die Gerade, um auf die Kapellener Seite zu gelangen, da wir den Live-Ticker füttern müssen und daher etwas mehr Ruhe brauchen. Zunächst wollen die Ordner in der Kurve uns nicht durchlassen, weil ich ein „Mythos Fortuna“-T-Shirt anhabe und daher anscheinend für einen potentiellen Unruhestifter im gegnerischen „Fan-Block“ gehalten werde, aber schließlich dürfen wir doch durch. Ob nun die mehrminütige Quängelei oder meine schönen blauen Augen den Ausschlag geben, lasse ich mal dahin gestellt.

 

Alles hier ist auf Deeskalation ausgelegt. Ein Radiomoderator des Lokalsender NE-WS 98,4 (oder 94,8?) fungiert als Stadionsprecher, es gibt Interviews vor dem Spiel, unter anderem mit Fortuna-Trainer Morales, es gibt ca. 50 Appelle, das Spiel ordentlich über die Bühne zu bringen, es wird auch gerne mal bedauernd unsere Einpferchung im Gäste-Blöckchen von Velbert erwähnt, man hat auf die Bauzäune verzichtet, die Busse, die die Fans aus Neuss abgeholt haben, fahren nach dem Spiel kostenlos bis Düsseldorf durch, für die Kinder im Stadion gibt es ein Tippspiel, bei dem sie etwas gewinnen können – sie haben sich alle Mühe gegeben, eine entspannte Atmosphäre zu zaubern und es gelingt. Ich jedenfalls fühle mich wohl. Kantine entdeckt auch sofort einen alten Bekannten im Fortuna-Fan-Block – der Klowagen, der dort steht, ist derselbe wie beim letzten Schützenfest, man hat wirklich keine Kosten und Mühen gescheut. Sogar die Bratwurst (2 €) schmeckt irgendwie deeskalierend. Alles im grünen Bereich.

 

Interessant ist das Interview mit dem Organisator des SC Kapellen, der, auf frühere Pokal-„Highlights“ angesprochen, ein Spiel vor Jahren bei RW Essen erwähnt. Er bezeichnet es als „fürchterlich“, sie sind mit einigen Fans dort hingefahren und mussten in einem Trainingskäfig spielen, weil man nicht im eigentlichen Stadion an der Hafenstraße kicken durfte, das Team war natürlich chancenlos. Mich amüsiert die Schilderung ein klein wenig. Als wir das letzte Mal dort spielten, durften wir zwar ins große Stadion, dafür mussten die Bahnfahrer aber auch nach dem Spiel auf dem Weg zum Hauptbahnhof um ihr Leben laufen. Ist halt alles relativ.

 

 Und als das Spiel beginnt, kann der Stadionsprecher kurze Zeit später stolz verkünden, dass sich 2.100 Zuschauer eingefunden haben. Rekord. Die machen aber teilweise mehr Krach als das, was ich einen Tag zuvor im Ruhrpott miterlebt habe. Insbesondere das beliebte Trommeln auf die Werbebanden vor einem Freistoß oder Eckball sorgt auf beiden Seiten immer wieder für ordentliche Akustik.

 

Das Spiel selbst sollte eigentlich weniger Beachtung finden, es ist nämlich nicht besonders. Kapellen steht hinten drin und fightet um jeden Ball, Fortuna zunächst noch abwartend, nur einige Freistöße sorgen für Gefahr. Erstaunlich, dass Kapellen die erste Torchance aus dem Spiel heraus hat: Fregene unterläuft eine Flanke und die Kugel landet auf dem Kopf von Torjäger Toni Fernandez, ein Kerl, der anatomisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Jan Koller aufweist. Der Toni ist hier auf dem Land bekannt wie ein bunter Hund, seinen Torjägerinstinkt umschreibt Kantine locker mit einem Satz: „Der ist schon morgens um fünf hier aus dem Schützenzelt rausgewankt und hat sechs Stunden später im Spiel drei Buden gemacht.“ Klar, so wird man hier zur Legende.

In dieser speziellen Situation jetzt ist er aber ein wenig überrascht ob der Chance, die sich ihm unverhofft bietet, er hätte Zeit, den Ball mit der Brust zu stoppen, aber er köpft  ihn dann doch, trifft nicht richtig und die Chance ist dahin. Möchte nicht wissen, was passiert wäre, wenn der Ball drin gewesen wäre, denn hinten stehen sie sehr gut drin, unsere Stürmer sind fast völlig abgemeldet.

 

Zwischendurch blicke ich mich mal um und sehe hinterm die Zaun tatsächlich einige Leute, die kostenlos gucken. Erinnert alles ein bisschen an Freialdenhoven. Nicht allerdings der Typ, den ich jetzt hinterm Zaun erblicke, ein Jugendlicher mit Glatze und einem Sweater, auf dem mit großen altdeutschen Lettern geschrieben steht: Odin statt Jesus.

Der steht da hinterm Zaun schon ganz richtig. Fehlt nur noch das „Bitte nicht füttern“-Schild.

 

Zur Halbzeit steht es 0:0. Wir begeben uns ins Clubhaus, leider gibt es im Erdgeschoss nur eine einzige Toilette. Ein freundlicher Ordner weist uns den Weg in den ersten Stock, dort befindet sich noch eine. Macht insgesamt zwei und damit genauso viele wie vor dem Westfalenstadion. Da kann der SC Kapellen also durchaus mit Borussia Dortmund mithalten.

 

Im ersten Stock befindet sich übrigens auch das Vereinsheim, in dem – ich glaubs kaum – Kaffee und Kuchen serviert werden. Jetzt noch ne Bockwurst, und ich glaube, ich bin wieder beim 1. FC Wülfrath gelandet. Leider gibt es keine. Schade. Nostalgie kann so schön sein.

 

In der Pause wird dann auch das Schicksal des SC Kapellen besiegelt. Es gibt nämlich ein weiteres Interview mit jemandem, bei dem ich nicht ganz verstehe, um wen es sich handelt, entweder ein ehemaliger oder ein derzeit verletzter Spieler. Der Sprecher fragt ihn, wer von den Fortunen ihn am meisten beeindruckt und nennt als Beispiel unseren Torjäger Frank Mayer. Der Spieler legt sich jedoch auf Michael Zeyer fest, unseren Ex-Bundesliga-Profi, weil der schließlich schon alles in diesem Geschäft gesehen und mitgemacht hat. Ende des Interviews.

 

Witzigerweise sind es genau diese beiden namentlich genannten Spieler, die in der 75. Minute für die Entscheidung sorgen, Flanke Zeyer von rechts, Kopfball Mayer – 1:0, das reicht. Ansonsten hat Fortuna noch einen Latten-Kopfball von Schön zu bieten, 12 Ecken, von denen 9 vom Torwart abgefangen werden, der darf sich jetzt „Ecken-Spezialist“ in seinen Spielerpass schreiben lassen, völlig einfallslos das alles, und dann noch die „Sind wir nicht alle ein bisschen Takahara?“-Einlage des Tages: Als der SC in den letzten Minuten noch eine Art Powerplay aufzieht, ohne allerdings wirklich gefährlich zu werden, und sogar deren Torwart nach vorne stürmt, weil es keine Eckbälle mehr abzufangen gibt, fangen sie sich einen Konter ein, und Fortunas Einwechselspieler Kizilaslan bringt das Kunststück fertig, das leere Tor zu verfehlen wie Hamburgs japanischer Stürmer vor einigen Monaten im Spiel gegen Bielefeld. Danach habe ich genug gesehen und bin froh, dass der Schiri abpfeift, bevor noch irgend so ein Fernschuss der Kapellener dreimal abgefälscht wird und im Netz landet, es ist ja Pokal, der hat bekanntlich seine eigenen Gesetze.

 

Schluss, aus, fini, eine Runde weiter, der Rest interessiert nicht, obwohl die Leistung nachdenklich machen muss für das Auftaktspiel am Freitag gegen Solingen, da fehlte wirklich einiges, fragt sich nur, wo und wann man das noch finden will. Aber natürlich bin ich Optimist, muss man bei Fortuna ja auch sein, sonst wäre Fortuna längst als Krankheitserreger bezüglich Depressionen oder ähnlichem von der Gesundheitsbehörde anerkannt.

 

Ein unterhaltsames, wenn auch nicht gutes Spielchen in einer schönen Anlage, mit netten Gastgebern, halbwegs gutem Wetter (es tröpfelte zwischendurch ein wenig, aber es blieb dann doch trocken) und null Zwischenfällen. Alle Aufregung umsonst, und vielleicht haben wir in dieser Ecke von NRW ein paar zusätzliche Sympathisanten gewonnen. Wäre doch nicht schlecht.

 

Ein Wort noch zur Rückfahrt: wenn man – egal an welchem Tag – die Bahn um 18.11 in RoKi nimmt, dann ist diese laut Fahrplan um 18.35 Uhr in Köln auf Gleis 4. Die Regionalbahn nach Bonn fährt vom Gleis 8 los – ebenfalls um 18.35 Uhr. Die nächste Regionalbahn nach Bonn startet von Gleis 9 – um 18.38 Uhr. Kann mir jemand mal sagen, wer sich so etwas ausdenkt?

 

Aber wie das so ist, bei der Bahn: den Anschluss bekomme ich. Es gibt sie also noch, die kleinen Wunder in Gestalt pünktlicher Züge. Es sei denn, man fährt samstags morgens...

 

Das wars also für dieses Wochenende. Zwei schöne Ausflüge, zwei nette Spielchen. Aber die Wahrheit liegt immer noch auf’m Platz. Und zwar auf dem von Fortuna. Am Freitag, 19.30 Uhr. Ob mit oder ohne Bahn.

 

See you,

 

janus

 

 

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