|
Tagestour ins Moselland
Von einem
Zweitliga-Spiel, einem Zapfsäulenwald und – nach langer Zeit endlich wieder –
Deutschlands beliebtestem Service-Unternehmen
02.04.2004:
Eintracht Trier – Alemannia Aachen 3:3

Dieser
kleine Schal im Büro meines Kollegen hatte mich auf die Idee gebracht: warum
nicht mal wieder eine nette Fahrt übers Land? Und warum nicht mal wieder ein
Spiel aus der Liga gucken, in die Fortuna Düsseldorf irgendwann in nächster Zeit
zurück kehren möchte? Mein letztes Zweitliga-Spiel ist schon etwas länger her.
Letztes Jahr im Februar sah ich ein höchst unterhaltsames 3:3 zwischen dem 1.FC
Köln und Alemannia Aachen in der damaligen Großbaustelle Müngersdorfer Stadion
(ein ketzerischer Name heutzutage, ich weiß, aber ich bin da etwas konservativ
und hab so meine Schwierigkeiten mit neuen Namen). Da könnte man doch mal wieder
einen Blick riskieren, wie es derzeit um die Spielkultur in Deutschland
zweithöchster Liga bestellt ist. Der Kollege, der mit Inbrunst an Eintracht
Trier hängt, stammt aus der Stadt, wohnt aber mittlerweile in der Eifel. Somit
sieht der Plan vor, mit der Bahn von Bonn in die nordrhein-westfälische Einöde
zu gelangen, von dort mit dem Auto nach Trier weiter zu fahren und nebenbei
einen kleinen Abstecher nach Luxemburg zu machen. Rückfahrt dito, nur ohne
Luxemburg.
Es wurde
ein schöner Tag mit interessanten Eindrücken. Hier der Reise-Bericht:
Hinfahrt
Um 14.46
Uhr fährt ein Zug von Bonn Richtung Bad Münstereifel, da sollte ich drin sitzen.
Hat der Kollege gesagt. Die unbestechliche, service-orientierte Deutsche Bahn
sagt etwas anderes. In ihrer Internet-Fahrplan-Auskunft behauptet sie nämlich
hartnäckig, dass es an diesem Tag diesen Zug nicht gibt, sondern dass erst um
15.17 Uhr einer fährt, was das ganze zeitlich etwas eng werden lässt,
insbesondere, was den Abstecher nach Luxemburg anbetrifft. Aber zum Glück kenne
ich ja meine Bahn. Ich weiß, die meinen das nicht immer so Ernst.
Vorsichtshalber bin ich dann auch um 14.40 Uhr schon am Bahnhof. Gucken wir doch
mal, was da so geht. Und zwar die Eifel-Bahn um 14.46 Uhr nach Bad Münstereifel.
Schön, wenn man sich so auf die Bahn verlassen kann. Sie ist noch immer wie ein
bockiges Kind. Da kann so eine private Regionalbahn tausendmal auf dem
Schienennetz der unbestechlichen, service-orientierten Bahn unterwegs sein, das
heißt noch lange nicht, dass sie dann auch im Internet-Fahrplan auftauchen
müsste. Immerhin fördert die Bahn dadurch natürlich die Mobilität und
Eigeninitiative des verehrten Fahrgastes. Nicht faul zuhause auf dem Arsch
hocken und sich seine Reise übers Internet zusammen stellen – selbst zum Bahnhof
kommen und dann gucken, ob vielleicht der Zug fährt, der auf den dort hängenden
Fahrplänen natürlich ordnungsgemäß angekündigt ist! Da hat man doch schon Spaß,
bevor die Reise überhaupt begonnen hat.
Aber
vorerst genug geschwärmt, es geht los. Bonn Hauptbahnhof wird verlassen und
damit anscheinend auch die zivilisierte Welt. Wenn man derartige Touren ins
Hinterland nicht gewöhnt ist, staunt man von Minute zu Minute mehr, wo man
eigentlich gelandet ist. Es folgen Bonn-Duisdorf, Alfter-Witterschlick,
Meckenheim Industriepark, Meckenheim (Bz Köln), Rheinbach, Odendorf, Kuchenheim
und Euskirchen. Zu staunen gibt es genug. Zum Beispiel, dass ein kleines
Vorort-Kaff wie Meckenheim zwei Bahnhöfe besitzt, einen mehr als zum Beispiel
Kiel. Oder das schöne alte Bahnhofsgebäude in Rheinbach, so alt, dass der
Ortsname dort noch in Altdeutsch auf die Fassade gepinselt ist. Oder Odendorf,
das sich schlagartig in die kleine exquisite Liga meiner Lieblings-Bahnhöfe
einreiht. Folgende Konstellation kann dort beim Einlaufen meines Zuges gesichtet
werden: das Gleis, auf dem der Zug hält; links daneben das Gleis in die
Gegenrichtung; wiederum links daneben: der Bahnsteig. Zweiter Bahnsteig:
Fehlanzeige. Die Passagiere müssen zwischen den beiden Gleisen aussteigen.
Immerhin hat die Bahn sich nicht lumpen lassen, auf das dortige Schotterbankett
alle zehn Meter Staubmatten gelegt. Peinlich nur, dass auf dem anderen Gleis
bereits der Zug in Gegenrichtung steht. Da müssen die Leute dann halt wahlweise
ganz nach vorne oder ganz nach hinten, um um diesen Zug herum auf den Bahnsteig
klettern zu können. Ja, Sicherheit wird groß geschrieben!
Im
Bahnhof von Euskirchen, für diese Gegend nahezu unfassbar groß, muss ich
umsteigen. Zum Glück. Denn kurz vor Erreichen dieses Bahnhofs verkündet die
Lautsprecherstimme im Zug, dass dieser in Euskirchen auseinander gerupft wird.
Der vordere Triebwagen wird abgekoppelt, nur der hintere fährt weiter nach Bad
Münstereifel. Aber warum sollte man so etwas auch im Fahrplan angeben! Ist doch
viel lustiger, sich die Szenerie anzusehen, wie die Passagiere aus dem vorderen
Teil des Zuges versuchen, sich nach hinten durchzukämpfen, durch die Reihen
derjenigen, die hier umsteigen müssen und nicht viel Zeit dafür haben, denn der
Zug nach Kall wartet bereits abfahrbereit auf einem anderen Gleis. Besonders am
Freitag Nachmittag kriegt der Bahnbedienstete in Euskirchen so einen guten
Einblick in die menschliche Natur. Das ist doch mal eine kleine Unterdrückung im
Service-Bereich wert.
Immerhin
schaffe ich es, den Zug nach Kall noch zu erreichen, der auch sofort los fährt.
Kaum sitze ich, bemerke ich, dass ich mitten in eine Horde junger Terroristen
geraten bin, ca. 15-16jährige Schüler, die von einer Klassenfahrt zurück kehren,
bei der sie augenscheinlich mit letztem Einsatz die Klassenkasse in den Erwerb
diverser Alkoholika umgesetzt haben, so benehmen sie sich auf jeden Fall. Auch
blockieren ihre zahlreichen Gepäckstücke den Gang und die Sitze. Zum Glück
fahren sie nicht weit.
Bei der
nächsten Haltestelle („Bahnhof“ wäre jetzt wirklich übertrieben) hüpft mein
Herz: die kenn ich sogar! Satzvey beherbergt nämlich neben diesem unglaublich
tristen Bahnhalt auch die gleichnamige Burg. Wer sich für Ritterspiele oder
mittelalterliche Weihnachtsmärkte interessiert, sollte sich den Namen mal
merken, sind immer sehr schöne und gelungene Veranstaltungen. Aber nicht hier
und heute. Mich freut an Satzvey nur, dass als nächster Bahnhof Mechernich
kommen wird, an dem die Horde Teenager den Zug verlassen wird. Aus der
Klassenfahrt direkt rein in die Osterferien. Schließlich muss die Pisa-Studie
mit Leben gefüllt werden. Ein paar sehr schöne diesbezügliche Beispiele finden
noch den Weg in mein Ohr, dann steigen sie alle aus und es ist endlich Ruhe.
Nachdem
die Bahn noch das Örtchen Scheven mitgenommen hat, das wiederum einen ziemlich
alpinen Eindruck macht, da das Dorf in einem Tal unterhalb des Bahnsteigs liegt,
wird endlich Kall erreicht. Der Kollege holt mich mit dem Wagen ab und es geht
weiter. Durch diverse Dörfer, dann über die B59, die ich jedem nur empfehlen
kann, der sich beim Autofahren nicht durch die Landschaft ablenken lassen will,
unterbrochen von einigen Häusern am Horizont zeigt der Blick aus dem
Beifahrerfenster immer dasselbe Bild: die Eifel...endlose Weiten. Nur Hügel,
Felder, Bäume. Im Sommer als Ausflugsziel sicherlich lohnend. Aber im
Winter...und dann vielleicht auch noch hier wohnen? Diese Aussicht lässt mich
schaudern. Ich komme selbst aus einem kleinen Kaff im Bergischen Land, aber im
Gegensatz zu dem Anblick, der sich mir hier bietet, umweht meine Heimatstadt ja
fast schon ein Hauch von Großstadt-Flair.
Etwas
störend wirken in diesem Idyll lediglich die Fahrzeuge auf der Straße,
insbesondere Unmengen von Lkw, die den Weg zur Autobahn suchen. Die kann man
auch in aller Ruhe studieren, meistens zuckelt man nämlich geduldig hinterher.
Alle paar Kilometer wird die Straße (immer schön abwechselnd für beide
Fahrtrichtungen) für einige hundert Meter zweispurig, dann kann man auch mal
überholen, einen Großteil der Zeit verbringen wir jedoch damit, die
Werbeaufschriften auf den Ladeklappen der vor uns fahrenden Lkw zu studieren.
Und hier und da werden auch schon Aachener Fahrzeuge gesichtet, bei denen
gelbschwarze Schals aus den Fenstern hängen, deren Fahrer sich eine frühzeitige
Anreise vorgenommen haben. Ein weiser Entschluss, wie wir später sehen werden.
Irgendwann dürfen wir dann auch mal Autobahn fahren, und als wir das „Gelobte
Land“ erreichen, wie mein Kollege es vorsichtig euphorisch ausdrückt, reicht die
Zeit tatsächlich noch für einen kleinen Abstecher nach Luxemburg. Als wir eine
Groß-Tankstelle links liegen lassen und nach rechts abbiegen, haben wir die
Grenze überquert, denn diese Groß-Tankstelle war früher die Grenzkontrolle, da
hat man also nicht einfach die Gebäude abgerissen, sondern direkt einer anderen
Nutzung zugeführt, sehr clever. Dann geht es steil bergab ins Tal, in dem das
Örtchen mit dem schönen luxemburgischen Namen Wasserbillig liegt.
Wasserbillig besticht durch eine Hauptstraße, deren Anblick gewisse Präsidenten
in gewissen Ländern dazu animieren könnte, Luxemburg auf die Liste der
Schurkenstaaten zu setzen, weil sie bei diesem Anblick meinen könnten, nicht in
Westeuropa, sondern im Nahen oder Mittleren Osten gelandet zu sein: Tankstelle
reiht sich an Tankstelle, Zapfsäulen, so weit das Auge reicht. An jeder
Zapfsäule zumeist 6 Schläuche, damit komme ich allein an der Tankstelle, die wir
anfahren, auf circa 100 Möglichkeiten, sich Sprit in den Tank zu füllen. Es ist
auch überall sehr voll, klar, halb Trier und Umgebung tanken hier, beim Anblick
einiger Nummernschilder wird auch klar, warum einige Aachener so früh los
gefahren sind, und auch der gemeine Luxemburger muss ja ab und zu mal
nachfüllen. Also warten wir geduldig, bis wir an der Reihe sind und füllen dann
den Tank mit Diesel zum gepflegten Preis von 64 Cents pro Liter. Anschließend
wird noch der Shop der Tanke konsumtechnisch beglückt und sodann, mit einigen
Stangen Zigaretten für circa 25 € je Stange und Schokolade sowie dem
bedrückenden Gefühl, den einheimischen Aufschwung wieder einmal boykottiert zu
haben, die Heimreise nach Deutschland angetreten.
Da die
Hauptstraße vor allem durch tankfreudige deutsche „Touristen“ verstopft ist,
wählt der Kollege einen Schleichweg an der Mosel entlang, wir passieren das
„luxemburgische Eck“, wo Sauer und Mosel zusammen fließen. Die Gegend ist
wirklich reizvoll, und das Wetter spielt auch noch mit, es ist zwar ein wenig
bewölkt, aber die Sonne kommt durch, es ist relativ warm. Ein netter Ausflug.
Nach
unserer Rückkehr in die Heimat gibt es noch touristische Sehenswürdigkeiten für
lau, denn die Strecke nach Trier und dort zum Stadion führt an der Igeler Säule,
UNESCO-Weltkulturerbe, und der Porta Nigra, dito, vorbei. Ja, die alten Römer.
Was die vor zweitausend Jahren bauten, das steht heute noch. Hingegen haben sie
aktuell wohl mehr Schwierigkeiten, mal ein Spitzenspiel ihrer Liga friedlich zu
Ende zu bringen. So ändern sich die Zeiten.
In Trier
parken wir dort, wo mein Kollege seine Jugendjahre verbracht hat, sprich vor
seinem Elternhaus, und gehen zu Fuß zum Stadion, etwa eine Viertelstunde
Fußmarsch.
Das Spiel
Als wir
das Moselstadion erreichen, stelle ich zunächst einmal fest, dass der Name
Beschiss ist: von der Mosel ist nämlich weit und breit nix zu sehen. Die
verläuft ungefähr 150 Meter vom Stadion entfernt, ist aber nicht zu sehen, da
sie von diversen Wohnblocks gegen die Sicht geschützt ist. Und das ist nicht
übertrieben, denn irgendein Witzbold hat das Stadion mitten in eine Wohngegend
gesetzt. Aber gut, da haben die Anwohner wenigstens auch etwas vom Spiel. Vor
dem Stadion befindet sich (zumindest auf der Seite der Gegengeraden) eigentlich
nur rote Asche, auf die jemand mit erfinderischem Geist und Kreidemarkierungen
Parkplätze abgesteckt hat. Entsprechend parken die Wagen auch, da die ein oder
andere Linie schon das Schicksal der Markierungen auf einem guten alten
Ascheplatz ereilt hat, nachdem die Spieler hundert Mal drüber gelaufen sind.
Immerhin sind hier draußen auch die Toiletten zu finden, das erstaunt dann doch.
Man tut jedoch gut daran, sie benutzen, im Stadion selbst findet man nämlich
keine. Daher sind auf der Außenseite der Gegengeraden auch noch ein paar Dixies
provisorisch aufgestellt. Tja, das kommt davon, wenn man in die Zweite Liga
aufsteigt und dann erst merkt, dass das Stadion ein wenig hinterher hinkt. Das
verdeutlicht auch das Pressezelt, das direkt neben den Toiletten und somit
ebenfalls außerhalb des Stadions aufgestellt ist.
Schwierigkeiten gibt es auch beim Eingang. Da die Haupttribüne schon seit Tagen
ausverkauft ist, habe ich mir eine Karte für einen Stehplatz zugelegt. Der
Kollege sitzt natürlich auf der Tribüne, somit gilt es, sich von hier aus allein
durchzuschlagen. Den Stehplatz kann man sich aussuchen, es gibt keine
Blockaufteilung auf der Karte. An der Rückseite der Gegengerade sind drei
Eingangstore, an denen man zum Stehplatz seines Vertrauens gelangen kann. Als
ich ankomme sind sie allerdings alle geschlossen. Noch oder schon? ist hier die
große Frage. Ich verzichte darauf, dies näher zu eruieren, kehre um und benutze
den Eingang an der Kurve. Den einzigen Eingang, um auf die Stehplätze zu
gelangen (abgesehen vom Eingang auf der anderen Seite des Stadions, durch den
die Gästefans ins Stadion kommen). Dementsprechend sieht es dort auch aus. Es
geht allerdings relativ zügig, da keine Personenkontrolle ansteht. Ich betrete
somit das Stadion in der Kurve und stelle fest, dass es halb sieben ist. Eine
halbe Stunde noch bis zum Spielbeginn. Gerade noch rechtzeitig also.
Viel zu
spät. Dazu muss man wissen, dass im Vorfeld dieser Partie eine Menge Werbung
gemacht worden ist. Die einheimische Zeitung, die ich aufgrund ihres Namens
liebe, der „Trierische Volksfreund“, hat schon vor Wochen die Aktion „10000+“
ins Leben gerufen, um die Hütte endlich mal voll zu kriegen. Zudem hat Trier die
letzten vier Heimspiele in Serie gewonnen. Und Aachen ist ein Aufstiegsaspirant,
der selbst auch 2.000 Fans mitbringt. Das Wetter passt auch noch. Grund genug
also für die Leute, das Stadion zu stürmen.
Rechts
neben dem Eingang ein Imbissstand, der „Wurst, weiß und rot“ für 2 € anbietet.
Durchaus zweitligareif, dieses Würstchen. Auf den ebenfalls offerierten
Fleischkäse verzichte ich, irgendwie ist mir dieses Gericht suspekt Absolut
erstligareif im übrigen die Eintrittspreise in Trier: 9 Euro für meine
Stehplatzkarte, 25 Euro für die Haupttribüne, das ist richtig stark. Begründet
werden diese Eintrittspreise (kein Top-Zuschlag!) damit, dass die Eintracht vor
noch nicht allzu langer Zeit so eben noch dem Insolvenztod von der Schippe
gesprungen ist und durchaus noch über das ein oder andere finanzielle Loch in
der Bilanz verfügt. Das kommt mir irgendwie bekannt vor, wenn auch eher aus
Oberliga-Kreisen.
Aber
egal, nun möchte ich einen Platz haben, von dem aus ich etwas sehen kann. Da
brauch ich mich in der Kurve gar nicht länger aufzuhalten, hier ist die Sicht
jetzt schon gleich Null, außerdem auch ziemlich schlecht, weil eine Laufbahn ums
Spielfeld die Sicht auf selbiges doch etwas in die Ferne rücken lässt.
Auf der
knüppelvollen Gegengerade dringe ich etwa noch bis zur Hälfte vor, dann ist
Feierabend, es geht weder vor noch zurück. Immerhin habe ich gute Sicht aufs
Spielfeld, ich stehe ganz oben auf der überdachten Gerade, hinter mir nur noch
der hintere Zaun und der Aschen-Parkplatz. Dafür bin ich mitten im Pulk der
Trierer Ultras gelandet. Wenn schon „Auswärtsspiel“, dann auch da, wo’s richtig
weh tut.
Ein
kurzer Rundblick im Stadion bestätigt den ersten Eindruck: voll. Richtig voll.
Ich habe allerdings den Eindruck, dass das Stadion dafür nicht besonders
gewappnet ist. Ein nettes kleines Stadion, das circa 12.000 Zuschauer fasst,
aber dringend mal renoviert werden dürfte, zumindest auf den Stehplätzen.
Immerhin haben sie eine elektronische Anzeigetafel, in der Gästeblock-Kurve.
Nett allerdings, dass auf der Haupttribüne auch noch die Anzeige aus der nicht
so guten alten Zeit hängt, diese Schilder mit der Aufschrift „Eintracht“ bzw.
„Gäste“ und den Täfelchen mit den einzelnen Zahlen darunter, die auch weiterhin
tapfer per Hand bedient wird.
Über das
Gedöhns, das vor dem Spiel abgeht, verkneife ich mir mal alles weitere, auch die
2. Liga bleibt halt nicht stehen in ihrer Entwicklung, später werde ich das
Stadion mit ungefähr drei Dutzend neuer Produktanregungen verlassen. Eins fand
ich allerdings sehr gut: bevor die Mannschaftsaufstellung der Einheimischen
verlesen wird, zu diesem Zweck bedient man sich gleich zweier Animateure, die
vor dem Stehblock aufkreuzen und die Stimmung anheizen sollen, werden die Namen
der Trierer Fan-Clubs auf der Anzeigetafel dargestellt und sogar ein neuer
Fan-Club begrüßt. Nette Idee, wie ich finde. Ebenso wie die Tatsache, dass zum
Ende der Mannschaftsaufstellung auch der Name des Mannschaftsbus-Fahrers auf der
Anzeigetafel erscheint und enthusiastisch gefeiert wird. Der Mannschaftsbus
trägt Bitburger Kennzeichen, und da erscheint es nur recht und billig, so einen
Eifeler Teufelsfahrer zu ehren. Schließlich weiß ich ja jetzt, wie die Straßen
da aussehen...
Während
irgendein Vereinslied erklingt, schwenken auch zwei wahrscheinlich extra
ausgebildete Choreographen vor den Stehblöcken riesige Vereinsfahnen. Die eine
flattert genau vor meiner Nase und gibt mir Anlass, zu fragen, aus welchem
Schrank sie das Ding wieder rausgeholt haben, da es auf diese kurze Entfernung
unübersehbar große Löcher beinhaltet. Die Motten? Der Zahn der Zeit? Wer weiß es
schon...die Fahne passt jedenfalls zum Stadion: leicht angegraut, liebenswürdig,
aber dringend restaurationsbedürftig.
Als die
Spieler dann das Feld betreten, ertönt die Einlaufmusik. „Thunderstruck“ von AC/DC...ganz
was Neues...gähn.
Das Spiel
beginnt und meine Laune sinkt schlagartig gegen Null: direkt vor mir auf dem
Zaun hat sich so ein Knabe mit Megaphon aufgebaut und brüllt seine
Schlachtgesänge unentwegt in die Massen, um zu einstimmigem Support aufzurufen.
Bei ihm handelt es sich, wenn ich die Schlachtrufe richtig verstanden habe, um
„Christoph auf dem Zaun“, eine Art lebendes Maskottchen der Trierer, der
wahrscheinlich schon seit Jahren kein Spiel mehr gesehen hat, da er
logischerweise mit dem Rücken zum Spielfeld auf seinem Zaun steht. Ist bestimmt
gut gemeint, die Sangeskräfte der Fans zu bündeln und zu einer stimmgewaltigen
Einheit zusammen zu fassen, mich persönlich nervt er jedoch nicht nur, er
versperrt mir auch den Platz auf einen Teil des (zunächst) Aachener Gehäuses, da
er genau in der Sichtlinie steht und eine Ausweichbewegung meinerseits absolut
unmöglich ist. Naja, selbst Schuld, ich hätte mich ja nicht dorthin stellen
müssen, wer mit der Kartenbestellung zu spät kommt, der muss halt nehmen, was
übrig bleibt. Und wenn’s den anderen Freude macht...
Das Spiel
beginnt, und zehn Minuten später ist man dankbar, nicht zu spät gekommen zu
sein. Nach 10 Minuten steht es nämlich 2:1 für Aachen, ein Spiel, wie es den
„Neutralen“ freut, da beide Abwehrreihen anscheinend schon mal prophylaktisch in
Warnstreik getreten sind, weil sie in der Zeitung irgendwas von einer
42-Stunden-Woche gelesen haben und befürchten, es könne auch auf sie zutreffen.
Zunächst macht es Aachens Brinkmann nach einem Freistoß mit dem Kopf circa 10
Zentimeter über der Grasnarbe, im Gegenzug spielen die Trierer am Aachener
Fünfmeterraum Doppelpass, ohne dass es irgendeinen der Möchtegern-Aufsteiger in
der Abwehr zu interessieren scheint, und Keller trifft, wiederum im Gegenzug
probieren die Trierer mal so eine lustige Abseitsfalle, die gnadenlos in die
Hose geht, und Gomez vollendet, nachdem zunächst der große alte Mann, Harry
Koch, den Schuss von Grlic noch von der Torlinie kratzen konnte. Beste
Unterhaltung also im Moselstadion. Schade nur, dass die neben mir stehenden
Ultras die ersten beiden Tore komplett verpasst haben, da sie in diesen beiden
Momenten gerade eher auf den Herrn mit Megaphon auf dem Zaun geachtet hatten.
Ja, organisierter Support und gleichzeitig Fußball gucken ist nicht leicht.
Es ist
ein flottes Spielchen, das nur hin und wieder durch den Schiri unterbrochen
wird, der die Trierer in meinen Augen klar benachteiligt und wirklich jeden
kleinen Unsinn abpfeift. Allerdings muss man auch dankbar sein: wenn der auch
bei den Aachenern alles so konsequent abpfeifen würde, würde überhaupt kein
Spielfluss zustande kommen.
In der
Halbzeitpause gibt es eine Art Torwandschießen, das wirklich und wahrhaftig als
„Trierer Halbzeitshow“ angekündigt wird, Kommentar überflüssig. Ebenso nett wie
die Aufforderung des Stadionsprechers zu Beginn des Spiels, man möge bitte von
den hinteren Zäunen in der Kurve hinunter steigen, auf die sich einige Leute
geflüchtet haben, um überhaupt noch etwas zu sehen. Als Begründung gibt der
Sprecher an, zum einen sei dies sehr gefährlich, dies leuchtet auch sofort ein,
zum anderen möchten die Werbepartner auch ihre dort angebrachten Banden sehen,
die von den baumelnden Beinen der Zaungäste verdeckt werden. Wie gesagt: die
Zeiten ändern sich...
Anfang
der zweiten Halbzeit ist der Kasper vom Zaun verschwunden. Na prima! Ich hoffe
mal, der ist am Getränkestand versackt, genug Durst müsste er nach der Brüllerei
in der ersten Halbzeit wohl haben. Oder sollte es sich tatsächlich nur um eine
Halbtags-Stelle handeln? Schließlich ist ja Wirtschaftskrise...Auf jeden Fall
genieße ich die freie Sicht aufs Spielfeld und anfeuern können die anderen ohne
ihn anscheinend auch ganz ordentlich.
Als Trier
allerdings die zweite Halbzeit genau so beginnt wie die erste und bereits nach 5
Minuten wiederum durch Keller den Ausgleich erzielt, ist er wieder da. Zu früh
gefreut! Aber die Stimmung kocht auch ohne ihn, zehn Minuten später macht
Publikumsliebling Patschinski das 3:2, Spiel gedreht, noch nicht einmal
unverdient. Aber wie das in diesem Spiel so ist, fünf Minuten später heißt es
3:3, ein Zuckertor von Grlic, ein Lupfer aus halbrechter Position, etwas
peinlich für Trier, weil es tatsächlich ein Konter war.
Mitte der
zweiten Halbzeit dann noch eine Durchsage des Stadionsprechers, die Mut macht:
die offizielle Zuschauerzahl wird mit 9.600 angeben. Ach wie schön! Auch in der
Zweiten Liga kann man also noch das Finanzamt bescheißen! Denn wo die noch
fehlenden 3.000 Zuschauer hin passen sollen, bleibt sein Geheimnis. Ich
persönlich glaube, dass man keine 300 mehr unterbringen könnte. Ein schlechter
Witz, diese Durchsage.
Danach
passiert allerdings nichts mehr, abgesehen von Danny Winkler, der eine Minute
vor Schluss den Ball aus kurzer Distanz ins Aachener Gehäuse schieben will, die
Kugel aber nicht richtig trifft, so dass Zweitliga-Fossil Willi Landgraf noch
auf der Linie retten kann. Ein gerechtes Remis in einem netten kleinen Stadion
mit begeisterungsfähigen Fans. Vielleicht etwas zu begeisterungsfähig, denn wenn
ich zwei Tore verpasse, weil ich lieber auf irgendeinen Vorsänger achte als aufs
Spiel, dann sollte ich mich mal fragen, warum ich ins Stadion komme. Draußen vor
den Toren kann man doch auch hübsch singen und merkt am Torjubel, wenn drinnen
ein Treffer erzielt wurde. Aber bitte, die Geschmäcker sind halt verschieden.
Jeder so, wie er will!
Rückfahrt
Die
Rückfahrt verläuft zunächst völlig undramatisch, abgesehen davon, dass es in der
Eifel natürlich zu regnen beginnt. Mit der Bahn geht es erst ab Blankenheim
(Wald) weiter. Und hiermit ernenne ich Blankenheim (Wald) feierlich zu meinem
neuen Lieblingsbahnhof, da kommt noch nicht mal Rommerskirchen mit. Zunächst
gilt es, überhaupt die Einfahrt zum Bahnhof zu finden, das Schild auf der
stockdunklen Straße taucht nämlich erst im letzten Moment auf, ich als Fremder
in dieser Gegend wäre locker daran vorbei gefahren. Der Bahnhof besteht dann
auch aus einer Unterführung aus dem vorletzten Jahrhundert, die in einen
Bahnsteig mit je einem Gleis rechts und links mündet. Der Zug soll um 22.37 Uhr
fahren. Allerdings nicht laut Internet-Auskunft der Bahn. Die weigert sich auch
hier, zuzugeben, dass um diese Uhrzeit ein Zug verkehren soll. Was es besonders
prickelnd macht, ist die Tatsache, dass die nächste Bahn genau um 5.16 Uhr
wieder fährt. Da könnte man der Ansicht sein, so ein Hinweis auf diesen Zug
könne nicht ganz unwichtig sein. Im Fahrplan steht er auch. Dazu muss man
allerdings vor Ort sein, und nicht zuhause vor dem PC hängen. Aber wer kommt
schon freiwillig hier raus? Rund um den Bahnsteig nur Bäume, es ist windig,
beginnt zu regnen. Weit und breit keine Menschenseele in Sicht. Toter geht’s
kaum. Immerhin kommt die Bahn.
Leider
ergibt sich aus dieser unüblichen Nachtverbindung auch die Notwendigkeit, diese
Heimfahrt ein wenig auszudehnen. Denn in Euskirchen kann nicht mehr umgestiegen
werden, es fährt von dort kein Zug mehr nach Bonn, die Bürgersteige sind bereits
alle hochgeklappt. Ich muss somit einen kleinen Schlenker über Großbüllesheim,
Derkum, Weilerswist, Erftstadt und Kierberg machen, um dann in Hürth-Kalscheuren
auf die Regionalbahn aus Köln nach Bonn zu warten. Ein kleiner Umweg, der die
Reisezeit zwar annähernd verdoppelt, aber wer hat schon mal die Gelegenheit,
Städte wie Großbüllesheim zu sehen? Ich leider nicht, denn die gesamte Strecke
ist stockdunkel, was auch für die Bahnhöfe gilt. Tja, wieder nichts für
Allgemeinbildung getan.
Allerdings habe ich noch knapp zwanzig Minuten Aufenthalt in Hürth-Kalscheuren.
Absolut sehenswerter Stadtteil. Hier residiert die große weite Welt des
Fernsehen mit diversen Studios und Büros. Also tagsüber. Nachts gegen
Mitternacht ist wirklich nix los. Früher gab es in Hürth-Kalscheuren auch nur
einen Bahnsteig mit zwei Gleisen. In dem Rahmen, in dem sich immer mehr Firmen
hier ansiedelten, wurde der Bahnhof erweitert. Und wie! Nagelneue Rampen führen
zu den Bahnsteigen, leider etwas verwirrend angelegt, man kann sich im Dunkeln
leicht verlaufen. Sensationell und unerreicht die Gleisbelegung. Das mittlere
Gleis trägt die Bezeichnung „Gleis 1“. Der Bahnsteig rechts davon logischerweise
die Bezeichnung „Gleis 2/3“. Dummerweise ist der Bahnhof an dieser Stelle zu
Ende, aber links vom Gleis 1 befindet sich noch ein Bahnsteig. Da in der
logischen Reihenfolge „Gleis 0/-1“ wohl ziemlich albern aussehen würde, hat man
diese Gleise genialerweise einfach Gleis 51/53“ genannt. Und ich hoffe, niemand
kommt ernsthaft auf die Idee, nach Gleis 52 zu fragen. Ein Bahnhof mit der
Gleis-Reihenfolge 3/2/1/51/53 hat doch was. Das ist auch das Einzige, was er
hat, ansonsten rührt sich auch dort nichts. Mit Ausnahme eines Windsacks, den
irgendein Komiker an einem Fahnenmast auf Gleis 1 montiert hat und der sich im
aufkommenden Wind auch lustig bläht, und dessen Verankerung bei jedem Windstoß
ein metallisches Quietschen von sich gibt. Ansonsten ist es totenstill. Diese
ganze Szenerie erinnert unwillkürlich an diverse Italo-Western, allen voran
natürlich „Spiel mir das Lied vom Tod“. Ich hoffe, aus dem Zug steigt gleich
nicht Henry Fonda aus, dann hätte ich ein Problem.
Die Bahn
kommt dann schließlich natürlich verspätet, vielleicht hat der Tower ja die
Erlaubnis zur Einfahrt verweigert, weil Gegenwind herrschte, dann würde dieser
Luftsack auf dem Bahnsteig auch Sinn machen. Und um halb eins bin ich auch
wieder in Bonn.
Fazit:
ein schöner Ausflug, ein nettes, aber altes Stadion, ein flottes Spiel zweier
guter Teams und endlich mal wieder der Nachweis, dass es bei der Deutschen Bahn
doch am Schönsten ist. Was will man mehr? Gerne mal wieder.
Aber ich
hoffe doch, dass jemand dem Herrn auf dem Zaun mal eine Sitzplatzkarte schenkt.
Schließlich kann es nicht verkehrt sein, auch mal die Spieler kennen zu lernen,
die man monatelang angefeuert hat.
Janus |