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Das Europa vereinigte durch füßball
Deutschland-Lettland 0:0. Über Bahnreisen, Flugreisen, Busreisen, ein
Fußball-Spiel, eine Altstadt im EM-Fieber, die Dringlichkeit, einen guten
Dolmetscher nach Portugal zu exportieren sowie die Lüge vom Lettenplätten. Und
das alles in 24 Stunden.
Es hätte
so ein schönes Spiel werden können. Ein begeisternder Schlagabtausch mit vielen
Toren. Einem deutschen Kantersieg. Sogar die deutschen Stürmer hätten treffen
können. Und alle, alle hätten sich freuen können.
Leider
hatte das ZDF etwas dagegen. Der Sender veranstaltete nämlich vor einigen Wochen
einen Wettbewerb, bei dem man unter anderem Fan-Fotos einsenden konnte. Die
Gewinner erhielten eine Tagescharter zu einem der Vorrunden-Spiele, somit
dasselbe Programm, welches meine Wenigkeit bereits vor Monaten eingefädelt
hatte. Und natürlich gewannen die beiden Mädels von
www.fussball-und-titten.de (im Nachfolgenden nur noch schamhaft mit F & T
bezeichnet, um diesen Beitrag jugendfrei zu kriegen). Es hätte mich auch
gewundert, wenn nicht, schließlich ist die eine der beiden Damen studierte
Fotografin und die andere weiß auch sehr gut mit der Kamera umzugehen,
wahrscheinlich Erbanlagen. Aber mussten sie denn beide ausgerechnet die
Tagescharter zum Lettland-Spiel gewinnen? Denn damit war das Spiel entschieden.
Wir drei sind bisher bei zwei Gelegenheiten gemeinsam im Stadion gewesen: beim
Spiel der deutschen Nationalmannschaft auf Island im letzten September und beim
Spiel Fortuna Düsseldorf-Bayer Leverkusen (A) am 28.04. diesen Jahres, mit dem
Fortuna in die Regionalliga aufstieg. Beide Ergebnisse dürften bekannt sein. Es
ist somit nach menschlichem Ermessen unmöglich, einen Treffer live im Stadion zu
bewundern, wenn wir drei gemeinsam auf Achse sind. Hätte das ZDF dies gewusst,
hätte es die beiden Mädels wohl besser zum Holland-Spiel verfrachtet. Aber das
ZDF kannte wiederum meinen Namen nicht, denn ich stand ja nicht auf der
Gewinnerliste, sondern gehörte zum normalen Pöbel, der für diese Reise auch noch
bezahlt hatte. Somit ist die mangelnde Koordination der großen deutschen
Reisebüros ZDF und DFB verantwortlich für dieses Unentschieden. Ich wasche meine
Hände in Unschuld.
Da somit
das Ergebnis des Spiels bereits seit Wochen feststand – und wer einen Blick auf
das F & T-Tippspiel wirft, wird feststellen, dass ich als Einziger auch genau
dieses Resultat getippt habe -, konnte mehr Wert auf das Drumherum dieses
Tagesausflugs gelegt werden. Und das lohnte sich auch mal wieder, wie ich fand.
Da ein
guter alter DFB-Flug natürlich vom guten alten Frankfurter Flughafen startet,
gilt es zunächst, den Weg nach Mainhattan zu finden. Damit ich nicht ganz so
früh aufstehen muss, entscheide ich mich für diesen Sprinter-ICE, der mich in 38
Minuten von Siegburg nach Frankfurt bringt. Dazu muss man natürlich erst einmal
nach Siegburg. Das ist von Bonn aus kein Problem, die Straßenbahnlinie 66, der
sogenannte „Telekom-Express“ (ein Widerspruch in sich!) bringt einen sicher in
22 Minuten vom Bonner Hauptbahnhof zur Siegburger Großbaustelle. Problematisch
ist da schon eher der Fahrplan, denn die dem Zug „nächste“ Straßenbahn ist um
8.10 Uhr in Siegburg. Der Zug fährt um 8.12 Uhr. Das könnte etwas knapp werden,
da man ja noch zum Bahnsteig wetzen muss. Übrigens fährt dieser ICE stündlich
immer um 12 nach vom Siegburger Bahnhof ab, den ganzen Tag über. Trotzdem hat
sich noch niemand um den Fahrplan dieser Zubringerbahn Gedanken gemacht,
insbesondere, wenn man Koffer dabei hat (und das darf man ja wohl bei einem ICE,
der am Frankfurter Flughafen hält, ab und zu mal annehmen) wird es verdammt eng.
Also nimmt man vorsichtshalber die vorherige Bahn. Und da wir Samstag Morgen
haben, fahren die Bahnen auch mit schöner Regelmäßigkeit, so dass ich in
Siegburg 30 Minuten Aufenthalt habe. Die kann man leider nicht nutzen, da am
Siegburger Bahnhof zwar die Gleise, nicht aber das Bahnhofsgebäude fertig
gestellt sind. Einem Schild zufolge werkeln sie hier seit 2001, und es sieht
nicht wirklich so aus, als ob sie in nächster Zeit fertig werden würden. Rund um
diese Baustelle befindet sich allerdings auch nix, was an diesem Samstag Morgen
schon geöffnet haben könnte. Somit heißt es, eine halbe Stunde am Bahnsteig
ausharren und frieren. Ein erster Misston.
Aber
jetzt bin ich gespannt: wird die große deutsche Bahn das auf sich sitzen lassen?
Für die doch etwas knapp kalkulierte Zubringerbahn kann sie nämlich gar nix,
deren Fahrplanausgestaltung obliegt den Stadtwerken Bonn. Kontrolliertes Chaos,
an dem die Bahn unschuldig ist? Darf das denn sein? Ich weiß, sie werden alles
geben, diese Scharte auszuwetzen, auch wenn es etwas schwierig wird, samstags
morgens um 8, bei nur wenig Betrieb.
Aber sie
enttäuschen mich nicht. Nein, nein, nicht so etwas Albernes wie eine Verspätung.
Ich hab ja keinen dringenden Termin und umsteigen muss ich auch nicht. Also
würde eine Verspätung erst ab 60 Minuten relevant werden, und das ist ein wenig
viel verlangt für einen Samstag Morgen. Deshalb wird die Bahn jetzt kreativ.
Dazu muss
man wissen, dass dieser Sprinter-ICE nach seinem Triebkopf über die nummerierten
Wagen 21 bis 29 verfügt, danach folgt ein weiterer Triebkopf, dann die Wagen mit
den Nummern 31 bis 39, so dass der Zug also auch zur Not auseinander gepflückt
und in zwei unabhängige ICEs verwandelt werden kann. Und genau hier findet die
Bahn den Ansatzpunkt, um den Samstag Morgen doch noch einigermaßen aufregend zu
gestalten.
Eine
Viertelstunde vor Eintreffen des Zuges ertönt nämlich die Durchsage vom Band,
dass bei dem gleich einfahrenden ICE heute (ausnahmsweise?) die Wagennummern
(auf die es bei der Reservierung der Sitzplätze ankommt) vertauscht sind. Und
zwar...und in diesem Moment rauscht auf dem Nachbargleis ein ICE ohne Halt
durch, der Rest der Ansage ist nicht zu verstehen, so dass nun kein Mensch mehr
weiß, wo sich der von ihm reservierte Sitzplatz befindet. Muss ich vom Abschnitt
A des Bahnsteigs nur einen Meter nach links treten und kann in Abschnitt B
einsteigen? Oder muss sich die gesamte Reisegruppe, die mit ca. 50 Koffern neben
mir in A steht, vielleicht nach G begeben, weit draußen, am anderen Ende des
Bahnsteigs, wo sich in der Ferne das Sonnenlicht auf dem schnöden Beton bricht?
Großes Rätselraten auch bei zwei Japanern nehmen mir, die soeben unfallfrei den
Wagenstandsanzeiger auf dem Bahnhof richtig entziffert und mit ihren
Reservierungen verglichen haben. Das können sie nun in die Tonne kloppen, aber
sie wissen es noch nicht, ihrem Geschnatter nach zu urteilen, sind sie sich über
den tieferen Sinn der Ansage noch nicht im Klaren. Da geht es ihnen genau wie
uns Deutschen, ein großer Schub für die Völkerverständigung, ich bin begeistert.
Danke, Bahn!
Die lässt
sich jetzt nicht lumpen. Mit deutscher Gründlichkeit wird diese Durchsage exakt
alle fünf Minuten wiederholt. Bei der ersten Wiederholung tatsächlich dasselbe
Spiel – als die liebliche Stimme erläutern will, wie sich die Wagennummern denn
jetzt verteilen, rauscht wieder auf dem Nebengleis ein ICE durch und lässt ihre
Worte untergehen. Die Stimmung auf dem Bahnsteig wird zunehmend gereizter und
ich möchte in den Staub sinken vor Demut. Da zeigen die Profis von der Bahn mal
den kleinen Lichtern der Bonner Stadtwerke, wie so etwas auszusehen hat!
Kurz vor
dem Eintreffen des Zuges schafft die Bahn dann noch das, was beispielsweise
einem Thomas Brdaric bei dieser EM nicht mehr gelingen wird: einen Hattrick.
Nochmals kommt die Durchsage, pfiffig wurde wohl der Fahrplan studiert und
festgestellt, dass nunmehr nicht mit störenden ICEs zu rechnen ist. Denn der
Kunde ist König bei der Bahn, daher soll die Auflösung noch rechtzeitig vor
Eintreffen des Zuges kommen, allerdings nicht so rechtzeitig, dass man sich noch
in Position stellen könnte, sondern damit man den Bahnsteig entlang wetzen muss,
während der Zug schon anhält.
Es folgt
also die dritte Durchsage, die endlich Licht ins Dunkel bringen wird. Und genau
in dem Moment, als es ans Eingemachte gehen soll und auch kein ICE mit voller
Fahrt heran braust, nehmen drüben am unfertigen Bahnhofsgebäude eine Kreissäge
und ein Presslufthammer den Betrieb auf und die Durchsage ist wieder futsch. Das
muss Absicht sein, anders ist es nicht mehr zu erklären. Ich möchte ein
Jubeltänzchen aufführen. Meine Bahn kann alles! Klarer Punktsieger gegen
die schlappen Stadtwerke! Ich bin jetzt schon gespannt, womit die beim nächsten
Mal nachlegen werden.
Die
anschließende Zugfahrt verläuft ohne weitere Probleme, wenn man mal davon
absieht, dass des Rätsels Lösung einige Leute doch noch verwirrt. Es war nämlich
schlicht so, dass die Wagennummern vor und nach dem zweiten Triebkopf vertauscht
waren, also rückwärts zählten von 29 auf 21 vor dem Triebkopf, und von 39 auf 31
danach. Ein bisschen trug zur Verwirrung allerdings bei, dass sich am Zug kein
zweiter Triebkopf befand, obwohl er auf dem Wagenstandsanzeiger deutlich
angegeben war. Es wird ein magischer Tag, ich fühle es. Wenn nur dieses 0:0
nicht wäre.
Am
Frankfurter Flughafen angekommen, begebe ich mich zum im Begleitschreiben
angegeben Check-in Schalter. Dort checkt gerade Öger Tours nach Antalya ein. Hm,
irgendwie die falsche Richtung. Aber wozu stand auf dem Schreiben denn, dass
sich die Check-in-Schalter noch ändern können! Nur wohin, das steht leider
nirgendwo. Aber egal, man ist ja Fuchs. Also laufe ich einfach einigen
Deutschland-Trikots hinterher und habe somit auch bald die richtigen Schalter
gefunden. Es sind drei nebeneinander, am dritten stehen ZDF-Hostessen und
verteilen Gimmicks für die Gewinner. Die beiden anderen sind zum Einchecken
gedacht.
Hier sehe
ich auch gleich die erste etwas skurriler Gestalt, einen mittelalten Herren mit
Glatze, der sich selbige bemalt hat: auf der Stirn und dem vorderen Teil des
Schädels ist ein großer Fußball gemalt, der Hinterkopf wird verziert durch das
nette Logo der EM, das ich bereits fünftausend Mal bei irgendwelchen Zeitlupen
im Fernsehen gesehen habe, und das wohl rein zufällig so überhaupt nicht an das
Logo eines großen Eiskreme-Herstellers erinnert, mit dessen Werbespots man immer
im Kino belästigt wird. Schön, wenn man als lebende Litfasssäule durch die
Gegend rennen darf. Eine Jacke trägt der einfallsreiche Fan nicht, dafür hat er
einfach in die Mitte einer Deutschland-Fahne ein großes Loch hinein geschnitten
und verwendet sie als Umhang. Genial, aber durchaus unpatriotisch, bei den Amis
wäre er damit gar nicht erst in den Flieger gekommen. Zusätzlich ist vorn auf
der Fahne noch groß das Vereinsemblem des FSV Mainz 05 aufgemalt. Ja, dem
Mutigen gehört die Welt!
Letzterer
Satz trifft dann auch auf die erste Spielszene zu, die ich beobachten darf. Am
ersten Check-in-Schalter hat sich eine lange Schlange gebildet, die bis in die
Halle hinein reicht. Am zweiten ist sie wesentlich kürzer, was damit
zusammenhängt, dass zehn Meter hinter dem zweiten ein Stützpfeiler steht, neben
dem alles abgesperrt ist, so dass dort keine Leute mehr anstehen können und
diese sich tatsächlich in der ersten Schlange einreihen müssen. Dennoch darf man
sich natürlich am zweiten Schalter auch anstellen, es merkt nur keiner.
Bis auf
einen etwas älteren Herren, der entschlossen zum Angriff übergeht und sich mit
weiten, raumgreifenden Schritten durch die Abwehrphalanx der Anstehenden
dribbelt, um dann frohgemut an der wesentlich kürzeren Schlange abzuschließen.
Ein starker Angriff!
Dort
trifft er jedoch auf ein bayrisches Abwehrbollwerk, komplett mit Bierbauch,
Vollbart, Dreiviertelshorts, Sandalen, weißen Socken und schaurigstem
Bazi-Dialekt. Der mannhafte Recke steht in der ersten Schlange in Höhe des Endes
der zweiten. Als der gegnerische Stürmer so plötzlich in seinem Bereich
auftaucht, wähnt er ihn im Abseits, wird zum Terrier und versucht, die
gefährliche Situation mittels verbaler Blutgrätsche zu bereinigen. Lauthals
pöbelt er seinen Gegenüber an, sich gefälligst in der ersten Schlange hinten
anzustellen. Unser Stürmer macht jedoch das, was man in solchen Situationen und
in seinem Alter am besten kann: Recht haben. Das will der Bayer schon gar nicht
auf sich sitzen lassen, schließlich ist so ein prächtiger Naturbursche nicht zum
Diskutieren gemacht. Es erfolgt der erste unsanfte Rempler mit anschließender
Rudelbildung, da er noch Unterstützung von seinem ebenso bayerischen
Zwillingsbruder erhält, zumindest ist die Ähnlichkeit ziemlich verblüffend.
Als der
Schiri in Gestalt eines Männleins vom Schalter eingreift und erklärt, das Tor
zähle, weil der Stürmer zufällig tatsächlich im Recht ist, tritt der Bazi verbal
noch ein bisschen nach – und reiht sich mitsamt Freund in die Schlange hinter
dem Torschützen ein, weil auch er dadurch zwei Meter spart! Erste umstrittene
Situation des Spiels, sauber gelöst, wir applaudieren zwar nicht, schütteln aber
wenigstens den Kopf. Ich weiß, es wird ein magischer Tag werden. Wenn nur dieses
0:0 nicht wäre.
Nach dem
Einchecken werde ich vom Bodenpersonal noch zum ZDF-Schalter gebeten und
empfange eine ZDF-Tasche mit einigen Kleinigkeiten darin. Ich bin zwar keiner
der Gewinner, dazu wurde ich allerdings auch nicht befragt. Und wenn die schon
für ein 0:0 gegen Lettland verantwortlich sind, dürfen sie gerne auch ein wenig
bluten. Das Beste an den Gimmicks ist übrigens ein kleines Taschenbüchlein, der
offizielle UEFA-EM-Guide...in englischer Sprache, dann kann man sich auf dem
Flug länger damit beschäftigen. Clever gedacht!
Danach
wandere ich mit den beiden F & T-Damen und ihren beiden männlichen Begleitern
zum Gate. Etwas Irritation gibt es noch an der Sicherheitsschleuse, als aus
unserer Schlange einige Leute ausbrechen und durch einen Neben-Durchgang gehen,
der deutlich mit zwei Schildern gekennzeichnet ist, wonach dort nur die Crews
und Behinderte Einlass finden. Dies hindert zwei weitere Fans nicht daran, es
auch dort zu versuchen, wobei sie ihrem Unmut Ausdruck geben, als man sie nicht
einlässt. Eine meiner beiden Begleiterinnen sagt noch freundlich zu einem der
beiden, dass sie es auch nicht verstehe, warum er nicht eingelassen wurde, da er
doch dadurch, dass er nicht die Schilder nicht habe lesen können, seine
Behinderung zweifelsfrei nachgewiesen habe. Irgendwie versteht er das jedoch
auch nicht.
Vor das
Boarden hat der liebe Gott jedoch noch die Flugangst gestellt. Eine der beiden F
& T-Damen leidet nämlich unter selbiger und greift nun zum härtesten Mittel, um
ihrer aufkommenden Panik Herr zu werden: schnell in den Duty-Free-Shop, Sixpack
Underberg gekauft und weg damit. Zwar bin ich auch nicht grad ein Fliegerfreund,
aber so weit ist es dann doch noch nicht. Immerhin machen sie damit reichhaltig
Eindruck auf die restlichen Fluggäste, vier Menschen in F & T-T-Shirts, die sich
erst mal einen Underberg reinkloppen, wobei der eine männliche Begleiter dann
noch höchste Noten erzielt, indem er anschließend zur Sonnencreme-Tube greift
und sich prophylaktisch einschmiert. Ein schöner Auftritt! Der letzte Underberg
wird zur Freude unserer Panikerin an einen neben uns sitzenden Fan im
Eintracht-Frankfurt-Trikot verschenkt, ihrer zweiten großen Liebe neben Fortuna
Düsseldorf. Der gemeine Eintrachtler nimmt aber auch wirklich alles.
Kaum
sitzen wir im Flieger, staune ich schon wieder. Ich habe den Sitz 23C, somit am
Gang. Auf 23D, auf der anderen Seite des Ganges, sitzt ein Fortuna-Trikot.
Denjenigen, der darin steckt, habe ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen,
beim Anblick der restlichen Fluggäste stelle ich fest, dass nur wir beide an
Bord dieses Trikot tragen, wir standen auch beim Check-in nicht hinter einander
oder auch nur in der Nähe voneinander – trotzdem hat man beide Fortuna-Trikots
auf die Sitze 23C und 23D gebucht. Das freut mich nicht nur, das gibt mir auch
für den Rest des Fluges etwas zu tun: nämlich mal wieder die Wahrscheinlichkeit
auszurechnen, dass so etwas nicht auf Zufall beruht. Wenn nur die vielen Nullen
nicht wären...
Wir
starten übrigens mit 30 Minuten Verspätung. Grund hierfür ist ein verspätet
erscheinender Fluggast. Der hat allerdings nicht zuhause verschlafen und ist
auch nicht nach dem dritten Frühstücksbier selig auf dem Flughafen-Klo
eingeschlummert, nein, sein Kugelschreiber hat bei der Sicherheitskontrolle
Aufsehen erregt und musste erst fachmännisch untersucht werden! Es hat dann doch
etwas länger gedauert, bis man sich davon überzeugt hatte, dass er den Flieger
damit nicht kapern konnte.
Der Flug
selbst gestaltet sich problemlos, auch das Essen ist genießbar. Nach knapp
zweieinhalb Stunden landen wir auf dem Flughafen von Porto und werden mit Bussen
von der Landebahn zum Terminal gebracht. Beziehungsweise die erste Hälfte wird
mit dem Bus zum Terminal gebracht, die zweite Hälfte, zu der auch ich gehöre,
darf erst einmal zehn Minuten warten, bis ein zweiter Bus organisiert worden
ist. Die hatten wohl mit nicht so vielen Passagieren gerechnet...
Beim
Betreten des Terminals sehe ich dann das Schild, das mich zu der Überzeugung
bringt, dass dieses Land zuallererst mal Dolmetscher benötigt. Ist ja bestimmt
nett gemeint, aber von diesem Übersetzer würde ich nachträglich noch Geld zurück
fordern, wenn ich im Organisationskomitee etwas zu sagen hätte:
Nach der
Passkontrolle werden wir auf die bereit stehenden Busse verteilt: drei für die
„normalen“ Tagescharter-Passagiere, einer für die ZDF-Gewinner und einer für die
kleine Delegation der DFL, die auch an Bord war. Michael Meier von Pleite-Klub
Borussia Dortmund ist übrigens auch mit dabei, aber es spricht ihn niemand an,
aus Angst, er könnte betteln.
Ich
entere Bus Nr. 3 und bin damit, ohne es zu wissen, im Bus der Geknechteten
gelandet, der Verzweifelten, des Aufschreis im GULAG. Der Tag wird es bringen...
Sodann
Transfer vom Stadion in den Stadtteil Boavista, in dem sich das Estàdio do Bessa
befindet. Das Stadion steht wirklich mitten in einem Wohngebiet, umgeben von
diversen Wohnsilos, die alle etwas abgerissen wirken. Kein schöner Anblick,
obwohl „Boavista“ übersetzt nichts anderes als „Schöne Aussicht“ bedeutet. Ich
suche sie vergebens.
Geparkt
wird etwas entfernt vom Stadion, auf einem zu groß geratenen Hinterhof, der nur
aus Sand und Kieselsteinen besteht. Und somit trifft uns beim Aussteigen direkt
eine ordentliche Windböe, die netten, überhaupt nicht störenden Sand mit sich
führt. Willkommen in Portugal!
Sodann
geht es über die Hauptstraße zum Stadion, es ist schon ordentlich was los.
Deutsche Fans sind natürlich in der Überzahl, aber auch einige rotweiße Letten
können gesichtet und deren Schlachtrufe „Latvia, Latvia“ gehört werden. An den
umliegenden Häusern hängt an jedem zweiten Fenster oder Balkon eine
portugiesischen Fahne, die Anwohner selbst bestaunen unseren Anmarsch und einige
rufen ab und zu mal „Deutschland über alles!“ Na klar, was denn sonst? Es wird
ein magischer Tag, auch mit einem 0:0.

Sehen
platte Letten so aus?
Das
Stadion selbst ist von außen ein großer viereckiger Betonklotz, mitten in das
Wohngebiet hinein gesetzt. Hier trägt die zweite Kraft in Porto nach dem
CL-Gewinner FC Porto, der Boavista Futebol Clube, seine Heimspiele aus. Allzu
heimelig sieht es nicht gerade aus, das mag aber auch an der Umgebung liegen.
Jetzt allerdings naht das größte Abenteuer: das Stadion zu betreten.
Dabei
haben sich die Organisatoren etwas einfallen lassen. Jede Eintrittskarte für
jedes Stadion ist nämlich in vier farblich gekennzeichnete Sektoren für die
einzelnen Tribünen aufgeteilt. Auf der Rückseite der Eintrittskarte ist dann
eine Skizze des jeweiligen Stadion abgedruckt, nach der man sich grob richten
kann. Und zwar ganz grob. Ich entnehme meiner Eintrittskarte, dass ich auf der
„blauen“ Tribüne sitze (Hintertortribüne) und den Eingang 16 zu benutzen habe.
So weit, so gut – aber der Eingang 16 ist von der Straße aus nicht zu erreichen!
Das Stadiongelände ist nämlich nur durch die „roten“ und einige „gelbe“ Eingänge
zu betreten, auf der anderen Seite steht man vor einer Mauer, hinter der das
Wohngebiet wieder anfängt. Eingang 16 muss somit innerhalb des Stadiongeländes
liegen. Also wieder zurück zu den „roten“ Eingängen, um das Stadion eigentlich
von der falschen Seite aus zu betreten. Warum nur passiert mir immer so etwas?
An einem
der „roten“ Eingänge werde ich auch tatsächlich eingelassen. Nun gilt es, den
Weg zur „blauen“ Tribüne zu finden. Ausgeschildert ist nichts, dies führt zu
ausführlichen Dialogen mit den Ordnern, die allerdings in reichlicher Anzahl
vorhanden sind, gut Englisch sprechen und wirklich wissen, wo es lang geht. Das
ist auch gut so, ansonsten würde ich jetzt immer noch umherirren. Der Weg zur
Tribüne ist nämlich nur von innen möglich, da es nach dem Eingang keinen
Vorplatz mehr gibt, auf dem man etwa um das Stadion herum zur richtigen Tribüne
laufen könnte. Ich werde in einen langen Tunnel geschickt, der dermaßen einem
Parkhaus ähnelt, dass ich, wäre ich ein Grüner, hier erst mal pauschal einen
Frauenparkplatz fordern würde. Beton, so weit das Auge reicht, ein paar
funzelige Lampen, die etwas Licht spenden, und, da wir noch anderthalb Stunden
bis zum Spiel haben, nur wenig Leute, die sich bereits darin tummeln...nur ab
und zu leuchtet ein grelles neongrüngelbes Leibchen eines Ordners heraus. Hier
befinden sich diverse Abzweigungen und Treppenaufgänge, die dann auch mit
weiteren Eingangsnummern bezeichnet sind. Hier die Nummer 16 finden, und ich bin
durch.
Leider
werde ich nicht fündig, ich muss das gesamte Parkhaus bis zum Ende
durchschreiten, werde dort von einem Ordner ins nächste gewiesen, muss auch
dieses komplett durchqueren, dann geht es eine Treppe hinauf – und zack, bin ich
wieder an der Oberfläche, außerhalb der Tribüne! Das ist Eingang 16. Im
Wendeltreppen-Prinzip geht es jetzt wieder nach innen, noch ein Stück höher und
noch ein eins und noch eins, dann tut sich ein Treppenaufgang mit der
Bezeichnung Sector 02 auf, der auch auf meiner Karte verzeichnet ist. Ich habe
allerdings keine Ahnung, ob ich noch im Bereich der „blauen“ Tribüne bin, bei
all den Richtungs- und Stockwerkwechseln habe ich die Orientierung verloren.
Doch die jugendliche Ordnerin am Aufgang strahlt mich an, ich bin tatsächlich
richtig, ich entere auf und habe meinen Platz gefunden – unterste Reihe im
Oberrang der Hintertortribüne! Für Luftlinie vielleicht fünfzig Meter habe ich
nahezu eine halbe Stunde gebraucht. Jetzt weiß ich auch, warum auf der
Eintrittskarte die Empfehlung steht, möglichst frühzeitig im Stadion zu sein –
wohlgemerkt, im, nicht am Stadion. Wer dieses System ausgeklügelt
hat, muss mit Herrn Dädalus verwandt sein, der einst das Labyrinth des
Minotaurus schuf.
Aber
jetzt sitze ich ja. Die steilen Tribünen erzeugen zunächst doch eine gewisse
Beklemmung. Bei den Ecktürmen des Stadions handelt es sich um diese
Treppenaufgänge, die die Tribünen miteinander verbinden und die ich soeben
durchlaufen habe. Sie springen in diesem Betonkasten ein wenig vor, so dass man
aus der Ecke der einen Tribüne nicht auf die benachbarte blicken kann. Die
Sitzplätze sind farbig gehalten, sodass sich auf den Oberrängen beider
Hintertor-Tribünen der Schriftzug „Boavista“ ergibt, auf den Unterrängen der
Geraden der Schriftzug „B.F.C.“ Die anderen Sitzplätze stellen jeweils ein
kleines Regenbogenmuster oder das klassische Boavista-Schachbrettmuster dar.
Hübsch gemacht. Und dank der steilen Rängen ist man auch hier oben sehr nah am
Spielfeld, es gibt auch keine Laufbahn oder ähnliches, am Spielfeldrand folgen
die Werbebanden und dahinter direkt die Zuschauerränge, ein „englisches“ Stadion
also.
Nachdem
der Innenraum somit begutachtet wurde, mache ich mich auf die Suche nach etwas
Ess- und Trinkbarem. Leider nehme ich den falschen (oberen) Ausgang der Tribüne,
bin durch eine Wand von der Verpflegungsstation abgetrennt und muss erst zwei
Treppen wieder runter und auf der anderen Seite wieder hoch. Dafür stelle ich
dann fest, dass ich den Aufgang zur Tribüne neben dem Imbissstand auch benutzen
kann, um auf meinen Platz zurückzukommen. Und sogar ohne Kompass.
Zu essen
gibt es belegte Baguettes, zu trinken Cola. Der Preis verblüfft – 2 Euro für 0,5
Liter, das ist fair. Nachdem ich einen Schluck genommen habe, weiß ich auch,
warum. Hier wurde mal wieder fröhlich nach EU-Richtlinien gepanscht, schmeckt
etwas merkwürdig, ist aber ansatzweise noch als Cola zu erkennen und wird daher
ausgetrunken.
Hier habe
ich auch die unheimliche Begegnung der dritten Art. Neben mir taucht plötzlich
ein Geißbock mit Chipstüte auf, also jemand mit dem offiziellen Trikot des 1.FC
Köln. Unfassbar, aber wahr: der Mann gratuliert mir zum Aufstieg und fordert
ultimativ den Durchmarsch, damit man endlich mal wieder gegen einander spielen
könne. Dass ich das noch erleben darf: ein netter Kölner! Ja, im Zeichen der
großen Europameisterschaft sind wir alle gleich. Schön.
Wieder am
Platz, wird die restliche Zeit vor Spielbeginn damit verbracht, sämtliche
Transparente und Banner zu bewundern, die kreative Fans sich haben einfallen
lassen. Ganz Deutschland scheint vertreten. Mir fällt vor allem der VfB Lübeck
auf, der direkt mehrfach in einer Kurve vertreten ist. Scheint so, als hätten
dort einige Fan-Clubs ihre Portokasse geplündert, die eigentlich für
Auswärtsfahrten nach Burghausen oder Unterhaching in der nächsten Saison
bestimmt war, durch den überraschenden Abstieg der Lübecker in die Regionalliga
jetzt jedoch brach liegendes Kapital darstellt.
Dann
staune ich bei einem Transparent, auf dem die Raute des SV Waldhof Mannheim zu
sehen ist, nebst altdeutschem Schriftzug „Süd-Eifel“. In der Süd-Eifel wohnt
doch kaum jemand. Und diese zwei Leute sollen jetzt auch noch Fans von Waldhof
Mannheim sein? Was es nicht alles gibt!
Direkt
daneben hängt übrigens ein kleines Transparent in schwarz-rot-gold, auf welchem
„Felazio“ steht. Naja, auch beim Fußball kommt man sich ja zugegebenermaßen
etwas näher, aber ich hoffe doch mal, dass die Schreibweise irgendein Insider
und damit Absicht ist. Denn wenn die deutsche Jugend schon solch entscheidende
Worte nicht mehr korrekt schreiben kann, dann haben RTL2 und VOX ja wohl
irgendetwas falsch gemacht.
Neben all
den Deutschland- und Vereins-Transparenten fällt mir auf der Haupttribüne noch
ein kleines, weißes Bettlaken auf, auf dem mit schwarzer Farbe ganz schlicht
geschrieben steht: „Struppi aus Versmold grüßt die deutsche Nationalelf“. Das
hat teilweise mehr Stil als irgendwelche protzige Banner mit fünf Quadratmeter
großer altdeutscher Schrift.
Dafür
dass es vor dem Spiel in keinster Weise langweilig wird, sorgen zwei
Maskottchen. Das eine hört auf den Namen Kinas und ist das offizielle
Maskottchen der EM. Es turnt vor Spielbeginn die ganze Zeit am Spielfeldrand
herum und benimmt sich ziemlich albern, das ist bei dieser Figur allerdings
anscheinend auch so gewollt. Nett ist immerhin, dass es sich auch an die
Zuschauerränge heran traut und sich bereitwillig Arm in Arm mit den dort
sitzenden Fans fotografieren lässt. Ein schönes Souvenir.
Dann
setzt es sich zum Verschnaufen jedoch auf eine der Journalisten-Bänke, die
hinter den Werbebanden stehen. Gutmütig klopft es dem neben ihm sitzenden
Journalisten auf den Kopf. Der revanchiert sich mit einem kleinen Hieb seiner
Tageszeitung. Kinas packt daraufhin die rechte Klebe aus und unterschätzt wohl
seine übergroßen Stoffhände, auf jeden Fall haut es den Journalisten fast von
der Bank. Großes Kino, und mir ist klar, wer an diesem Samstag Nachmittag in dem
Kostüm stecken muss: es kann nur derjenige sein, der einst in Krefeld den
Grotifanten dermaßen realistisch darzustellen wusste, dass dieser nach einer
Attacke auf den Linienrichter aus dem Stadion gewiesen werden musste. Das ist
Unterhaltung pur!
Das
zweite Maskottchen kommt aus Deutschland und hört auf den Namen Waldemar
Hartmann. Der Waldi taucht nämlich eine halbe Stunde vor Spielbeginn mit
Kameramann vor unserer Tribüne auf, um eine Anmoderation zu drehen. Dazu kommt
er jedoch zunächst nicht. Als die Kurve ihn erblickt, hallt es in lautem
Gedenken an das Island-Spiel im letzten September aus Hunderten von Kehlen:
„Weißbier, Weißbier-Waldemar!“ Und sie geben nicht eher Ruhe, bis der Waldi mit
ihnen eine Là Ola zelebriert hat. Ja, hierzulande kann man noch mit einem
einzigen Satz zum Superstar werden! Beste Unterhaltung vor Spielbeginn.
Achja,
das Spiel. Das wird ja wohl jeder gesehen haben, daher erübrigen sich große
Kommentare. Nur eins: ich hatte im Flieger mangels weiterer Auswahl das Blatt
mit den vier großen Buchstaben in die Hand genommen. War ja klar, was da vor dem
Spiel drin stand. Irgendein Billig-Redakteur hat den großen Kalauer vom „die
Letten plätten“ erfunden und dafür wahrscheinlich als Prämie eine Einladung zum
nächsten CDU-Parteitag gewonnen. Das wird nun bis ins Letzte ausgeschlachtet,
unter anderem fordert die Zeitung einen Sieg mit mindestens zwei Toren Abstand,
da kann der Rudi Völler noch so sehr gegen anstinken, das interessiert da
keinen, schließlich sind wir das große Deutschland, da das kleine Lettland, die
haben noch nie irgend etwas gewonnen, und wir sind dreimaliger Welt- und
Europameister! Was das mit dem Spiel heute zu tun hat, weiß ich zwar nicht, aber
diese Zeitung hat ja immer Recht. Und man kann mir erzählen, was man will, wenn
das Umfeld tagelang nur noch über die Höhe des Sieges schwadroniert, dann färbt
das irgendwann auf die Mannschaft ab, da kann der Trainer noch so sehr warnen.
Jaja, Lettenplätten, kein Problem. Eher ärgerlich für die Zeitung, dass dafür
auch noch Fußball gespielt werden muss. Und wie sieht es nun aus mit den platten
Letten? So: nicht nur die erste Gelbe Karten nach rekordverdächtigen 40 Sekunden
heimsen sie ein, nein, sie haben auch die erste Ecke, den ersten Freistoß in
Strafraumnähe und wenn man ehrlich ist, auch die beste Chance des gesamten
Spiels, als Verpakovskis an der Mittellinie abgeht, mal eben fünf große deutsche
Lettenplätter stehen lässt, im Abschluss aber an Kahn scheitert. Wäre man
neutral, müsste man sagen, diese Einzelleistung hätte ein Tor verdient gehabt.
So sage ich, Glück und einen guten Olli Kahn gehabt. Der muss noch mehrfach
eingreifen und seine Mannschaft vor Schlimmerem bewahren. Unserer Mannschaft
fällt nicht viel ein, obwohl sie überlegen sind, aber es sind zumeist
Fernschüsse, die die Gefahr herauf beschwören, nur ab und zu mal eine schöne
Kombination. Außerdem kommt fast jede Flanke auf den kurzen Pfosten, und da
steht immer die Nr. 4 der Letten und pöhlt die Kugel wieder raus. Nun ist
natürlich nichts gegen Flanken auf den kurzen Pfosten zu sagen, aber es verirrt
sich während des gesamten Spiels kein einziger Deutscher mal dorthin. Die haben
wohl alle verdrängt, aus welcher Position der van Nistelrooy im ersten Spiel das
Tor gegen sie gemacht hat. So wird die lettische Nr. 4 zum Matchwinner, auch
weil von den deutschen Stürmern mal wieder Gewohntes kommt: Kuranyi gut, aber
glücklos, Bobic fällt mir erst bei seiner Auswechselung auf, Klose kriegt keinen
Ball und rächt sich in der 93. Minute dafür, indem er völlig frei stehend den
Ball per Kopf an Tor und Sieg vorbei semmelt, Brdaric fällt zweimal im Strafraum
hin und unterbietet damit immerhin meine Prognose von mindestens vier Stürzen
nach seiner Einwechselung, fällt aber ansonsten auch nicht weiter auf. Das
war’s, 0:0, und sogar noch ein bisschen glücklich, denn bei beiden Szenen, bei
denen Verpakovskis im deutschen Strafraum direkt vor meiner Nase zu Boden geht,
habe ich ein sehr mulmiges Gefühl, allerdings fällt er viel zu schnell und zu
gut, das kauft ihm der Schiri nicht ab, obwohl man in beiden Fällen durchaus
Elfmeter pfeifen könnte.
Das Spiel
ist aus, die Fans enttäuscht, ich natürlich nicht, denn ich wusste ja von Anfang
an, wie es ausgeht, aber um den anderen nicht die Spannung zu nehmen, habe ich
es keinem erzählt.
Apropos
Fans: hinter mir wieder ein beeindruckendes Exemplar deutscher Gattung, mit
Freundin, der sich vor Spielbeginn fürchterlich darüber aufregt, dass im Stadion
so viele Transparente mit Vereinsemblemen hängen. „Sind wir hier, um Deutschland
zu unterstützen, oder die Vereine?“ Mich mag er auch nicht, schließlich zerstöre
ich die Choreographie der ersten drei Reihen, bin ich doch der einzige mit
schwarzem Fortuna-Trikot, während alles andere Deutschland-Trikots oder
wenigstens weiße T-Shirts trägt. Tja, schade, Bübchen, aber aus dem Alter, in
dem ich Uniform getragen habe, bin ich schon etwas länger raus. Aber schön, wenn
man sich über so was noch aufregen kann. Übrigens bleiben die beiden Sitzplätze
dieses DeutschDeutschen und seiner Freundin nach der Pause tatsächlich leer. Er
konnte den Anblick wohl nicht mehr ertragen.
Positiv
überrascht hat mich, dass kein einziger Deutscher bei der lettischen Hymne
gepfiffen hat, im Gegenteil, nach Verklingen der Hymne wird sogar geklatscht.
Das nenn ich fair play, das hab ich auch schon ganz anders erlebt. Noch
überraschter bin ich, als der Unterrang zu Beginn der zweiten Halbzeit mal eben
die deutsche Nationalhymne anstimmt. Die Nationalhmyne als Anfeuerungsruf? Na
ja, wer’s mag...immerhin kommt die dritte Strophe und auch textlich sind alle
sehr sicher, das kann man ja heutzutage auch nicht mehr von jedem Jugendlichen
erwarten.
Nach dem
Spiel soll es noch in die Altstadt von Porto gehen, Freigang bis 22.30 Uhr. Bus
1 und 2 fahren auch los, die ZDF-Gewinner sind ebenfalls schon unterwegs – nur
Bus 3 steht einsam auf dem Parkplatz. Es wird noch auf einen Insassen gewartet.
Der kommt allerdings nicht mehr, er ist wohl in einen der anderen Busse
eingestiegen. Eine halbe Stunde warten wir, dann starten wir, während die
anderen wohl schon ihr erstes Bier in der Altstadt hinter sich haben. Das
Rangieren vom Parkplatz ist schon nicht schlecht, es ist eine Millimeter-Sache,
dem angrenzenden Wohnhaus nicht die Farbe von der Eingangstür zu kratzen, aber
es gelingt. In dieser Tür stehen übrigens drei alte Mütterlein und beobachten
das Geschehen ungerührt. Sie weichen keinen Millimeter, selbst dann nicht, als
sie schon höflich an unseren Außenspiegel klopfen könnten. Das ist
portugiesische Art!
Was sonst
noch so portugiesische Art ist, lernen wir jetzt bei der Fahrt in die Altstadt
kennen. Die Straßen werden immer enger, die Gassen immer verwinkelter, der
Verkehr immer dichter – den Fahrer unseres Ungetüms interessiert das überhaupt
nicht, gleichmütig nimmt er Kurve um Kurve, es geht ständig bergauf und bergab,
am Ende über Kopfsteinpflaster. Dann wird die Fahrt gestoppt von einem Wagen,
der auf dem Bürgersteig vor einer Taverne parkt, mangels Platz jedoch halb auf
der Straße steht. Da kommt beim besten Willen kein Bus mehr durch. Ein wildes
Hupkonzert hebt an, hinter uns wird die Schlange länger und länger, dann kommt
so ein Jüngling aus der Taverne, zuckt mit den Achseln und parkt den Wagen so
um, dass er nun fast in der Taverne steht. Das Ganze hat bestimmt zehn Minuten
gedauert. Niemand hat es hier besonders eilig.
Kurze
Zeit später, bei einer besonders kniffligen Kurve, knackt es mal kurz auf der
rechten Seite, und das neben uns geparkte Auto erzittert. Aha, da ist ein
Außenspiegel auf der Strecke geblieben. Juckt aber keinen, der Busfahrer fährt
einfach weiter. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich eine Minute später auf der
linken Seite. Wieder verliert ein Wagen seinen Außenspiegel, weil man der
Meinung war, mit großen Reisebussen hier schon irgendwie durchzukommen. Aber die
Gelassenheit von Busfahrer und Reiseleiterin ist schon erstaunlich.
Wahrscheinlich haben hier parkende Autobesitzer eh schon einen ganzen Karton
Ersatzspiegel im Keller, so deute ich ihre Reaktion.
Der Bus
entlässt uns an der Börse von Porto, ein schöner alter Bau, der auch für den
Rückweg als Treffpunkt ausgemacht wird. „Oder hier in der Nähe“, wie die
Reiseleiterin vorsichtshalber mal hinzufügt. Sie verpflichtet uns noch zur
Pünktlichkeit für die Abfahrt, dann geht’s los.
Die
Altstadt von Porto liegt direkt am Fluss Duoro und ist, ihrem Namen
entsprechend, ziemlich alt. Verwinkelte Gässchen, teilweise kaum drei Meter
breit, alte Bauten, Kopfsteinpflaster und überall, wo ein Raum größer als ein
handelsübliches Wohnzimmer ist, hat man Tavernen eingerichtet. Natürlich stehen
auch draußen Tische und Stühlen, was das Vorwärtskommen teilweise doch ein wenig
erschwert. Mit dem F & T-Team durchwandere ich dieses Labyrinth, um zur
Promenade am Flussufer zu gelangen. Dabei läuft uns Alexander Schur über den
Weg, seines Zeichens Aufstiegsheld der Frankfurter Eintracht 2003, und als
solcher natürlich very special darling unserer Frankfurt-Fanin, die ihn sofort
erkennt. Ich hätte da etwas mehr Schwierigkeiten gehabt, er trägt eine
Baseball-Mütze verkehrt herum, Brille und ein Trikot seines alten Weggefährten
Bernd Schneider. Außerdem labt er sich gerade an einem Becher Bier. Schnell ein
Foto gemacht und weiter. Leider zu schnell, denn wie wir hinterher erfahren,
verpassen wir dadurch Andy Köpke, der wohl als Nachhut folgte. Tja, man kann
nicht alles haben.

Altstadt
Porto: die Frisur sitzt, das Essen kommt, Holland verliert
An der
Uferpromenade ist mächtig was los, überall Tavernen und Restaurants, überall
Fernseher, auf denen das im nur 70 km entfernt gelegenen Aveiro laufende Spiel
zwischen Holland und Tschechien übertragen wird. Als wir endlich ein Plätzchen
ergattert haben, führt Holland 2:0. Neben uns sitzen Kroaten mit ihren
Schachbrett-Trikots, einige glückliche Letten, Dänen und Schweden, in der
Überzahl Deutsche.
Es wird
ein schöner Abend. Zunächst versuchen wir, etwas zu essen zu bestellen, aber da
war wohl teilweise derselbe „Dolmetscher“ am Werk wie am Flughafen. So weiß ich
nicht so recht, was ich mir unter einem „Rippen Speer Schwein“ vorzustellen
habe, und bei der Ankündigung „Gebraten Steak von Schwein mit Stücke kleine
Blutklümpchen“ flehe ich insgeheim, nicht dem Koch bei der Zubereitung zusehen
zu müssen. Wir finden dann aber doch noch Fisch, der nicht nur korrekt
übersetzt, sondern auch sehr lecker ist. Während wir essen, gewinnt Tschechien
noch mit 3:2, das hebt die Laune doch schlagartig. Von überall aus der Altstadt
sind „Schade, Holland, alles ist vorbei“-Gesänge zu hören, auch die Letten
freuen sich, wir bekommen eine Rechnung für das Essen, die mit 83,20 Euro für
fünf Personen eigentlich nur noch als „geil“ bezeichnet werden kann. Jetzt geht
die Party richtig los, fünf Italiener stehen auf dem Marktplatz und singen
„Europameister werden wir“, ja, meinetwegen auch das, heute Abend ist man gnädig
gestimmt. Die ARD möchte noch einen Stimmungsbericht filmen, kaum schnurrt die
Kamera los, grölen Dutzende von Leuten „Schade, Holland, alles ist vorbei“, die
Reporterin kommt irgendwie nicht zu Wort. Viel zu früh müssen wir uns
verabschieden, eigentlich schade, eine wunderschöne Altstadt und so viel gelöste
Stimmung, obwohl Deutschland nur 0:0 gespielt hat. Das hat richtig Spaß gemacht.
Aber es
ist ja noch nicht vorbei. Denn als wir um Punkt halb elf an der Börse
eintreffen, kommen auch die Busse 1 und 2 sowie der Bus für die ZDF-Schnorrer.
Unser Bus 3 bleibt verschwunden. Ja, wieder der Bus 3! Wir malen uns aus, was da
geschehen sein könnte. Sitzt der Busfahrer im Knast, weil die beiden
außenspiegel-amputierten Fahrer doch hinter uns her gefahren sind? Oder
umgekehrt, befindet sich der Fahrer bei seinem Lieblingsschmied, um zwei neue
Kerben in seinen Edelstahl-Gürtel ritzen lässt, damit seine Abschussquote wieder
auf aktuellem Stand ist? Wir wissen es nicht, wir wissen nur, er kommt nicht,
und selbst unsere Reiseleiterin wird langsam nervös, das scheint nicht mehr
portugiesische Art zu sein.
Übers
Handy treibt sie ihn schließlich doch noch auf, er steht gepflegt im Stau vor
der Altstadt, das kann noch etwas dauern, denn es ist wirklich viel los.
Aber Bus
3 bekommt wenigstens noch ein Trostpflaster für die Strapaze, immer und überall
an diesem Tag Letzter zu sein: während wir nämlich immer noch warten, schleicht
sich in dem Autokorso, der vor unseren Augen vorüber flutet, eine
Stretch-Limousine den abschüssigen Berg zur Börse hinab. Im offenen Schiebedach
des Gefährts stehen zwei hübsche Mädchen, eine blond, eine braungelockt, und
verteilen Handzettel. Ein älterer Insasse von Bus 3 wiederum findet das so
gelungen, dass er quer über die Straße zu den Mädels läuft und ihnen beiden die
Hände küsst. Welch ein Anblick! Ich erhasche schließlich auch einen dieser
Handzettel. Darauf abgebildet ist eine ziemlich leicht bekleidete Dame, die ihre
drei Bälle, einer davon sogar aus Leder, in die Kamera hält. Es handelt sich um
einen Nacht-Club mit Strip-Show, der ultimativ fordert „Come and play this game!“
Beinah schade, dass wir keine Zeit mehr haben. Die Limo biegt nach links ab und
ist da genau richtig, denn aus dieser Richtung sind schon seit mehreren Minuten
St.Pauli-Sprechchöre zu hören. Diese Fans wiederum sehen die Limousine, denken,
sie wären schon wieder zuhause, ohne sich an den Rückflug erinnern zu können und
sind begeistert. Wenn ihr also mal nach Porto kommt, besucht doch einfach mal
den Cantinho do Forró in der Rua do Comércio do Porto 161, allein schon wegen
dieser gelungenen Werbung. Es soll sogar ein Restaurant mit dabei sein. Wundert
euch aber nicht, wenn irgendwo im Club eine St.Pauli-Flagge hängt...
Bus 3
erscheint schließlich doch noch und kutschiert uns zum Flughafen, vorbei an zwei
Altstadtfesten mit Live-Musik und an einem toten Arm des Rio Duoro, an dem
tatsächlich noch gut ein Dutzend Angler sitzen, obwohl der Lärm, der von der
benachbarten Bühne dröhnt, selbst tote Fische vertreiben würde. Gleichmut rockt!
Am
Flughafen müssen wir noch ein wenig warten, halbe Stunde Verspätung ohne
Erklärung, wahrscheinlich portugiesische Pünktlichkeit. Dann geht es jedoch
relativ flott in die Busse, die uns zum Flugzeug bringen. Wir sehen auch, warum,
als wir an den Nachbar-Gates vorbei fahren, sehen wir ein Gate voll mit Oranje.
Das sind wohl die Tages-Charter-Flieger aus Aveiro, frisch eingetroffen von
ihrer denkwürdigen Pleite. Da hätte ich jetzt auch keine große Lust mehr, mich
noch länger aufzuhalten.
Im Bus
spricht mich dann noch jemand von der DFL-Delegation an, der mein Trikot korrekt
identifiziert hat, und fragt mich, wann denn die neue Düsseldorfer Arena
eröffnet wird. Ich antworte, dass im Januar 2005 zunächst zwei Konzerte von
Herbert Grönemeyer dort statt finden werden und anschließend ein
Freundschaftsspiel der Fortuna gegen Bayern München geplant ist. Daraufhin sagt
er lässig zu seinen Begleitern: „Dafür kriegen wir ja eh noch ne Einladung!“
Klar, ihr seid ja auch ganz besonders wichtig für die Arena. Also, Thomas
Berthold, falls Sie das hier zufällig lesen – bloß nicht die Einladung an die
DFL vergessen. Auch Funktionäre wollen sich durchschnorren, ohne an
irgendwelchen ZDF-Wettbewerben teilnehmen zu müssen.
Der
Rückflug verläuft ohne Probleme, außer dass an Schlaf nicht zu denken ist, zum
einen, weil es für jemanden meiner Körpergröße wirklich nicht einfach ist, in
einem Charterflieger eine halbwegs bequeme Schlafhaltung zu finden, zum anderen,
weil hinter mir fröhlich weiter getrunken und Unsinn geschwätzt wird, dass es
nur so eine Pracht ist. Und wieder sind es fast ausschließlich Bazis und Hessen,
die durch teilweise absolute Sinnfreiheit glänzen. Ist wirklich bei jedem Flug
so, ich kanns nicht ändern, es wäre vielleicht mal eine wissenschaftliche Studie
Wert.
Die
Landung in Frankfurt erfolgt Sonntag Morgen, kurz nach vier. Da um diese Uhrzeit
auf diesem kleinen Flughafen selbstverständlich niemals jemand landet, fährt der
erste Zug Richtung Norden dann doch schon um 5.58 Uhr, der Richtung Süden, den
zwei meiner Begleiter nach Nürnberg nehmen müssen, zwar schon um 5.38 Uhr, aber
diesen Fehler bügelt die Bahn undiplomatisch aus, indem sie diesen Zug am so
belebten Sonntag Morgen zehn Minuten Verspätung haben lässt. Na also, geht doch.
Wir schlagen noch anderthalb Stunden an den Tischen eines nicht geöffneten Cafés
tot, dann kommen endlich die Züge. Nach 26 Stunden am Stück bin ich dann auch
wieder zuhause.
Alles in
allem ein prima Tag, ein magischer Tag, wenn da auch mal wieder ein 0:0 war. Die
nächsten Reisen mit der Nationalmannschaft sollte ich wirklich mit F & T
abstimmen, denn nur zu gern würde ich mal wieder ein Tor sehen. Oder sollte es
doch an der Nationalmannschaft liegen? Mittlerweile bezweifle ich es.
Wieder in
die Sommerpause: janus
PS. Einen
Bericht und viele Fotos gibt es auch auf der F & T-Homepage. Die Fotos sind gut
(schließlich hab ich ja nicht umsonst einige für diesen Bericht geklaut), der
Bericht ist sogar wohltuend kurz. Tja, wenn ihr das vorher gewusst hättet, nicht
wahr?

Kopf hoch:
noch ist Deutschland nicht verloren
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