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Der EM Rückblick
Ja, es
ist Zeit. Zeit, um Zeit haben, Zeit, um in Ruhe zurück zu schauen und nach
vorne. Zeit, den Ball mal ein wenig flach zu halten. Aber Letzteres wäre ja
langweilig. Und wenn alle Welt schon seinen Senf zur EM dazu gibt, auch so
ausgewiesene Fußballexperten wie Otto Schily oder Angela Merkel, dann darf ich
ja wohl auch mal.
Es war
eine schöne EM. Sie hat Spaß gemacht. Also mir zumindest. Etwas anderes hatte
ich eigentlich auch nicht erwartet. Oder hat hier ernsthaft jemand mit einem
Erfolg der deutschen Nationalmannschaft gerechnet? Wie gesagt: ernsthaft? Dessen
Hirn kann dann eigentlich nur von der allgegenwärtigen Propaganda-Maschinerie
der Medien vor dem Turnier vernebelt worden sein. Mit dieser Mannschaft war nix
zu holen. Was eigentlich schade ist, denn die anderen waren ja teilweise auch
nicht besser. Aber der Reihe nach:
Bulgarien: die Prügelknaben. Das beste 0:5 aller Zeiten in einem EM-Turnier.
Aber das war sicherlich nicht die Art von Lob, die man in Sofia und Umgebung
erwartet hatte. Es bleibt dabei: bei großen Turnieren reißen diese Schönspieler
nie etwas. Ausnahme: 1994, als wir aus lauter Mitleid Häßler gegen Letchkov zum
Kopfball stellten.
Russland:
unter Wert geschlagen. Wunderbar, wie Aleinitchev im ersten Spiel die komplette
Abwehr von Real Madrid, sicherlich eine dreistellige Millionen-Ablösesumme wert,
aussehen ließ wie dumme Schuljungs. Hätte ein Tor verdient gehabt, und wer weiß,
wie es dann gelaufen wäre. Nur schade, dass die den Mostowoj dabei hatten. Der
hatte wohl vergessen, dass Fußball ein Laufspiel sein kann. Woraufhin ihm doch
schon nach dem ersten Spiel auffiel, dass die Vorbereitung Schuld sei. Woraufhin
seinem Trainer auffiel, dass man dem Rentner doch schon mal vorzeitigen
Sommer-Urlaub gewähren könnte. Recht so. So schlappe Ausreden verdienen bei uns
noch nicht mal das fragende Hochziehen einer Augenbraue. Wenn ich da allein an
Berti Vogts 1998 denke, der das WM-Aus gegen Kroatien auf eine Anweisung der
FIFA zurück führte...
Gegen
Portugal wurden sie vom Schiri verschaukelt, gegen Griechenland drehten sie noch
mal ordentlich auf, hätten auch 5:1 gewinnen können. Dann wären uns aber noch
einige lustige Spiele der Ottokraten entgangen. Deshalb: raus mit Applaus!
Lettland:
eine tapfere Truppe mit sehr sympathischen Fans, die ich ja live vor Ort erleben
durfte. Nur: ein Klasse-Spieler mit Maris Verpakovskis reicht eben noch nicht.
Außer gegen Deutschland natürlich.
Schweiz:
wenigstens sehr unterhaltsam. Zwei Platzverweise und eine Sperre wegen Rotzens,
das Ganze in drei Spielen – rekordverdächtig. Dazu noch die gelungenen Einlagen
von Torhüter Stiel, die jedem, der sich nur für solche Turniere und nicht für
die Bundesliga interessiert, schlagartig klar machten, warum Borussia
Mönchengladbach zuletzt immer schön gegen den Abstieg spielte. In der Bundesliga
werde ich ihn wirklich vermissen, die Schweizer auf internationalem Parkett
hingegen nicht so sehr.
Kroatien:
mal wieder voll auf die Socken. Also auf die der anderen. Man war aber unfair
den Kroaten gegenüber, da schon im ersten Spiel ihre gesamte Turniertaktik über
den Haufen geworfen wurde: da dachten sie, sie könnten sich wie immer durchs
Turnier schwalben, wenn vorne wie immer nicht so viel ging – aber der Schiri im
Spiel Schweiz-Kroatien zeigte gleich zwei Spielern Gelb dafür, und damit waren
sie erledigt. Immerhin: Trainer Otto Baric schloss sich nicht dem bei der EM
weit verbreiteten Usus des Spuckens an, obwohl man das bei ihm als Trainer von
Austria Salzburg noch ganz anders in Erinnerung hatte. Ein netter Charakterzug,
der die Kroaten aber auch nicht vor dem verdienten Ausscheiden in der Vorrunde
bewahren konnte.
Spanien:
ja, was soll man über die noch sagen? Wieder mal in der Vorrunde raus. Nachdem
man bei den letzten Weltmeisterschaften noch an so namhaften Gegnern wie
Südkorea oder Paraguay gescheitert war, waren es diesmal die nicht minder
namhaften Griechen, das Unentschieden gegen Ottos Mannen brach ihnen das Genick.
Dafür, dass die immer noch eine der teuersten Ligen der Welt haben (in der ja
auch alle spanischen Nationalspieler spielen), immer wieder aufs Neue ein
Armutszeugnis. Die können froh sein, dass
Gott-hab-ihn-selig-und-rücke-ihn-nie-wieder-raus Jesus Gil y Gil zu Lebzeiten
nicht mal Präsident des spanischen Fußballverbandes war. Sonst hätte sich der
ein oder andere spanische Nationalspieler mal was durch den Kopf gehen lassen –
so in etwa Kaliber 9mm. Bitte nicht mich für diese Geschmacklosigkeit
verantwortlich machen, Gil wollte noch in der letzten Saison nach einem
verlorenen Spiel die Spieler seiner Vereins-Mannschaft in Reih und Glied
aufstellen und mit dem MG ummähen – und was so seriöse Menschen wie Präsidenten
eines Fußballvereins sagen, sollte man doch Ernst nehmen, oder? Dafür tragen sie
doch schließlich immer so hübsche Krawatten.
Aber Herr
Gil ist ja nicht mehr und der spanische Fußball international immer noch nichts.
Und beides wird sich auch auf absehbare Zeit nicht ändern.
Italien:
ich hoffe immer noch. Nämlich, dass sie endlich mal so beleidigt sind, dass sie
aus Protest beim nächsten Turnier nicht mehr antreten. Die Schönen im Team
rotzen, was das Zeug hält, die Hässlichen knüppeln (der Cattuso gehört doch in
eine Klinik, aber unter Aufsicht), die ganze Mannschaft versucht gegen Schweden,
wie einst gegen Südkorea, ein 1:0 über die ellenlange Zeit zu retten – und
hinterher waren es wie üblich die anderen. Das ist nicht nur eklig, sondern wird
auch langsam langweilig. Da nutzte auch der bestgekleidete Trainer aller Zeiten
nix mehr. Und bitte: wer sich schon so ein Tor wie das vom Ibrahimovic
einschenken lässt, der hat es auch nicht anders verdient. Für mich die größte
Lachnummer bei diesem Turnier. Neben uns vielleicht noch.
Frankreich: haha. Geblendet vom ersten Spiel gegen England dachten die, es geht
jetzt immer so weiter: wenn’s mal nicht läuft, wird der Schiri schon in der 89.
Minute Freistoß geben. Und in der 90. Elfmeter. Ausgebrannt. Wenn schon der
Torwart bester Mann während eines Turniers ist, sagt das doch wohl alles. Das
Traurige an der französischen Nationalmannschaft dieser Tage lässt sich in einem
Satz zusammenfassen: die Niederlage gegen Ottos Beton-Anrührer war verdient.
Schweden:
schade. Die hatte wie immer kaum jemand auf der Rechnung, und wie immer konnten
sie überzeugen. Mit ein bisschen Glück hätte es auch für die Holländer gereicht,
Pfosten und Latte verhinderten dies. Und ein Nationalspieler, der mittels
Unterschriftenaktion wieder ins Team zurück geholt wird – das nenn ich mal „Wir
sind das Volk“! Denn wie das aussieht, wenn Offizielle mit ihrem untrüglichen
Gespür für gute Spieler, dieselben zum Rücktritt vom Rücktritt überreden, das
wissen wir ja in Deutschland: Effenberg und Matthäus lassen grüßen...
Dänemark:
Bela Rethys Lieblings-Betrüger. Mehr dazu weiter unten. Was soll man sonst
sagen? Solide Truppe, die wahrscheinlich heute noch rätselt, warum sie gegen
Tschechien zwanzig Minuten einschlief. Aber vielleicht war das ja die Hommage
von Trainer Olsen an einen seiner alten Vereine? Auch der 1.FC Köln hat es ja in
der abgelaufenen Saison nicht geschafft, vier ordentliche Spiele am Stück
abzuliefern.
England:
ich sage danke, England! Ihr habt mir viel gegeben während dieser EM! Danke für
das beste Spiel der EM überhaupt, das gegen Portugal. Danke auch für den
Nachweis einer konzentrierten Vorbereitung, behauptete doch euer Torwart James
neulich, Freistöße von Zidane wären im Vorfeld der Partie nicht auf Video
studiert worden. Das macht sie selbstverständlich unhaltbar, selbst wenn sie
dahin fliegen, wo zwei Sekunden zuvor der Torwart höchst selbst noch stand.
Danke auch für die – zugegeben bittere – Erkenntnis, dass man in eurem Land
schon mit 18 nicht nur ab und zu prima Fußball spielen, sondern selbst in diesen
jungen Jahren schon völlig ohne Verstand durch die Weltgeschichte laufen kann.
Wer den Guillotinierungs-Versuch des Herrn Rooney am lebenden Objekt mit Namen
Stiel verfolgt hat, sowie das anschließende Meckern des Stürmers, als er dafür
nur Gelb bekam, wird wissen, was ich meine. Der wird ja in der Heimat nicht
umsonst bereits mit Gascoigne verglichen. Naja, immer besoffen ist auch ein
geregeltes Leben. Und da solchen Gestalten sowieso immer alles verziehen wird,
solange sie ab und zu etwas Rundes in etwas Eckiges befördern, bin ich sicher,
wir werden noch viel von ihm hören. Ich persönlich war ganz froh, dass er weg
war. Außer, wenn er noch gegen Herrn Cattuso hätte spielen müssen. Das wäre
wirklich hoch interessant geworden.
Danke
auch für die standfeste Überzeugung eurer Hooligans. Die sahen es wohl als
Beleidigung an, dass Zehntausende Fans anderer Nationen friedlich feierten, und
wollten das nicht auf sich sitzen lassen. Es bleibt die Erkenntnis, dass man den
gemeinen Engländer weiterhin nicht in Rudeln auf den Kontinent loslassen sollte.
Von der dortigen Presse mal ganz zu schweigen. Komisch, kein einziger englischer
Spieler verlor auch nur ein Wort über das (zu Recht) nicht gegebene Tor von
Campbell im Spiel gegen Portugal. Bis die Presse mal wieder los schlug, und sich
Schiri Meyer seitdem vor ulkigen Morddrohungen per EMail und Telefon nicht mehr
retten kann. Aber selbst wenn man diesen Wortverbrechern auch endlich mal
schriftlich geben würde, dass sie kein Empire mehr haben, es würde nix nützen.
Was die englische Boulevardpresse angeht, so bleibt nur die Gewissheit, dass
dieses Ausscheiden in dem Moment vergessen ist, in dem Camilla Parker-Bowles in
China über einen Sack Reis stolpert. Dann können diese Schmierfinken ihre
Dreckkübel endlich wieder in gewohnten Gefilden ausleeren.
Holland:
die haben sich selbst geschlagen! Mehr schlecht als recht durch das Turnier
gestolpert, bis ihnen bzw. ihrer Presse vor dem Portugal-Spiel die Erleuchtung
kam: „Jetzt sind wir die Deutschen“, schrieben sie. Genau: Scheiße spielen und
trotzdem weiter kommen, so war das früher mal bei uns, heutzutage Gottseidank
nicht mehr. Und als Strafe für diese Lästerung stellte der Fußballgott dann auch
bei den Holländern flugs den aktuellen Leistungsstand der deutschen
Nationalmannschaft ein – schwupps, weg waren sie! Ja, es darf sich halt nicht
jeder alles anmaßen.
Es gab
übrigens gerade im Internet einige nette Diskussionen, woher denn diese
gegenseitige Abneigung zwischen Deutschen und Holländern kommt. Eine Erklärung
fand ich besonders putzig: das ziehe sich durch seit 1988, dem Sieg der
Holländer im EM-Halbfinale gegen Deutschland in Hamburg, als sich Ronald Koeman
nach dem Spiel mit dem Trikot des Herrn Thon demonstrativ den Hintern abgewischt
habe. Seitdem sei das halt so.
Also ich
fürchte, wenn man einen Holländer mal fragt, woher diese herzliche Abneigung
kommt, wird der wohl ein paar andere Zahlen zur Hand haben. Ich glaube sogar,
ein gewisses Zeitintervall zwischen 1940 und 1944 würde des öfteren genannt
werden. Nur mal so zum Nachdenken. Und wenn wir schon bei 1988 sind, vielleicht
das noch: es war mitnichten das Trikot von Olaf Thon, dass Herr Koeman
demonstrativ zweckentfremdete (und was – hm, mal höflich gesagt, genauso eine
Sauerei war wie die Spuckeinlage von Rijkaard gegen Völler zwei Jahre später),
sondern das von Lothar Matthäus. Genau, jener Lothar Matthäus, der einst auf dem
Oktoberfest einem Holländer mit den Worten „Dich haben sie wohl beim Adolf
vergessen“ die deutsche Gastfreundschaft nahe brachte. Also: keiner hat Schuld,
alle sind Schweine, hüben wie drüben. Und dafür fand ich das Spiel in Porto
doch erstaunlich fair und vor allem gut. Tja, und wenn die Holländer sich nicht
mit uns verglichen hätten, wer weiß, wo sie jetzt stehen würden?
Tschechien: ein Alptraum! Die ganz klar beste Mannschaft des Turniers scheitert
am ganz klar schwächsten Teilnehmer der K.o.-Spiele. Warum, dürfte ebenso klar
sein: es war die Verletzung von Pavel Nedved, wie uns Herr Kerner bereits
während des Spiels an die hundert Mal glaubhaft versicherte. Der Rest konnte
anscheinend keinen Fußball spielen. Vier Siege in Folge – und alles nur wegen
Nedved. Dann brauch ich die ja nicht mehr zu beachten, wenn der Pavel seine
internationale Karriere mal beenden sollte. Nein, nein und nochmals nein: das
war die Mannschaft, der ich den Titel am meisten gegönnt hätte. Kein Halten,
kein Mauern, immer nach vorne, auch nach drei Rückständen in den ersten drei
Spielen – Herr Trapattoni wäre ohnmächtig geworden, wenn seine Spieler solch
einen Zirkus veranstaltet hätten. Das war beste Werbung für den Fußball!
Folgerichtig mussten sie im Halbfinale ausscheiden, weil jedes Turnier seinen
Meister der Herzen braucht.
Portugal:
Figo liegt im Entmüdungsbecken und betet mit der Madonna von Fatima, Scolari
hatte vor dem Turnier anscheinend einen Werbevertrag mit einer Firma
unterschrieben, die brasilianische Flaggen herstellt, und Pauleta verballert
derartige Großchancen, dass man schon fast Absicht wittern könnte – was wollten
die eigentlich im Finale? Gefallen haben sie mir nicht besonders, außer im Spiel
gegen England. Aber auch da brauchten sie eine Halbzeit, um auf Touren zu kommen
– auch ein bisschen wenig für eine sogenannte Spitzenmannschaft. Und dann
kassieren sie im Finale gegen Griechenland den Gegentreffer exakt auf dieselbe
Art wie die Tschechen im Halbfinale. Da hatten wohl einige Herren mental schon
vor der Spiel gefeiert...
Griechenland: neun kleine Maurermeister ziehen in jedem Spiel die Akropolis neu
hoch, hinten lässt der Clooney-Schorsch jeden Ball prallen und kein gegnerischer
Stürmer bringt es übers Herz, dem einen reinzumachen, weil dann die Ehefrau
streiken könnte, vorne hilft Charisteas oder der liebe Gott. Eine Mannschaft und
ein Trainer, die dermaßen voll in die augenblickliche Retro-Welle passen, dass
es mich wundert, dass das noch niemandem aufgefallen ist. Man zahlt absurde
Preise für „echt“ alte Klamotten (ich persönlich habe zwanzig Jahre lang gar
keine gekauft und freue mich, wieder „in“ zu sein), irgendwelche
One-Hit-Retorten-Bands können nur noch mit Cover-Versionen alter Hits glänzen,
da passt es doch gut zum Zeitgeist, wenn Otto und seine Griechen mit
„Steinzeit-Fußball“ (nicht meine Worte!) Europameister werden. Da können sich
die greisen Herren bei der UEFA heimlich auf die Schultern klopfen: endlich mal
ein Turnier abgeliefert, das voll im Trend lag! Ich persönlich zweifle jedoch
nach den Nachrichten aus Athen, als am Tag nach dem Halbfinale verkündet
wurde, die Innenstadt sei noch immer durch Autokorsi verstopft, ernsthaft daran,
dass bis zu den Olympischen Spielen dort in einigen Wochen sämtliche
Sportstätten hergerichtet sind. Freuen wir uns also auf den Anblick griechischer
Maurer, die andachtsvoll die Kelle sinken lassen, wenn es die weltbesten
Weitspringer beim Versuch, olympisches Gold zu holen, demnächst nicht in ihre
Sandkiste, sondern schwungvoll in die nächste Baugrube wirft. Obwohl: ob es in
Athen jemand bemerken wird? Ich schätze mal, die werden dann immer noch
feiern...
Deutschland all inclusive: ach je. Wie schon gesagt, sportlich konnte nicht viel
erwartet werden. In schweren Zeiten ist man dankbar für alles. Das Kölner
Boulevard-Blättchen Express, die kleine Schwester der großen vier
Buchstaben hier im Rheinland, nutzte daher die Chance, als sie sich bot: nach
dem 1:1 gegen Holland wurde ein Kommentar auf Seite 2 geschaltet, dass sich
aufgrund des guten Spiels der Mannschaft eine „Aufwärts-Stimmung“ im Land
verbreiten würde. Nochmal: nach einem Unentschieden gegen Holland! Ein
Land, das zudem viel kleiner ist als unser großes Deutschland, weshalb es nach
BILD-Logik eigentlich sowieso chancenlos wäre, so wie Lettland zum Beispiel. Wie
gesagt, in solchen Zeiten ist man dankbar für alles. Aber selbst der Boulevard
konnte die deutsche Leistung nicht mehr schön reden.
Und wenn
wir schon am Boden sind, dann sucht man sich halt andere Lieblinge. Unerreicht
in dieser Kategorie sind die Herren Rethy und Beckmann. Was die sich bei der
Kommentierung der Spiele Italien-Bulgarien bzw. Portugal-Holland so leisteten,
ging für mich schon auf keine Kuhhaut mehr. Herr Rethy stimmte eine
neunzigminütige Trauerode über die arme betrogene italienische Nation an. Als
Höhepunkt verglich er unmittelbar nach Spielende die Partie Schweden-Dänemark
spontan mit Deutschland-Österreich 1982, ohne auch nur eine einzige Minute des
Spiels gesehen zu haben. Allein für diesen Vergleich würde ich dem lebenslang
das Mikro wegnehmen. Aber er konnte das auch wissenschaftlich untermauern: in
Spielen zwischen Schweden und Dänemark gab es zuletzt vor 25 Jahren ein solch
torreiches Unentschieden! Dann ist die Sache ja klar: der dänische Torwart, der
zuvor drei Tage Zeit hatte, sich auszurechnen, dass der Gruppen-2. auf jeden
Fall im Viertelfinale gegen die gaaaanz schwachen Tschechen würde antreten
müssen, hatte so viel skandinavische Nachbarschaftsliebe im Blut, dass er mal
kurz absichtlich etwas unglücklich aussah, und den Schweden zu Tor und
Gruppensieg verhalf. Ja nee, is klar, Herr Rethy. Der schaffte es tatsächlich,
dass mir der Mund offen stehen blieb. Vielleicht war er aber auch von der RAI
gekauft, für den Fall der Fälle, der dann auch tatsächlich eintrat? Man weiß es
nicht, ich weiß seitdem jedoch, dass Bela „Milan“ Rethy zukünftig ein gern
gesehener Gast auf jedem italienischen Sportlerball sein wird. Sich dermaßen
anzubiedern, ist schon peinlich. Gut, dass es das Erste gibt, denn wer dem Namen
nach die Nummer eins ist, gibt alles, um an der Spitze zu bleiben. Selbst in
puncto Peinlichkeit. Denn genau dafür wurde ja Herr Beckmann verpflichtet.
Der hatte
nach einigen flauen Aufwärm-Reportagen den Durchbruch beim Spiel
Deutschland-Tschechien. Mitte erster Halbzeit, Nowotny senst völlig unmotiviert
Heinz von hinten um, der Ball war nicht mal in der Nähe. Kommentar Beckmann:
„Jetzt nicht provozieren lassen. Die Aufstellung der Tschechen ist schon
Provokation genug.“ Da wusste ich, jetzt ist er warm, das ist noch
steigerungsfähig.
Dann
kommentierte Reinhold „Benfica“ Beckmann das Halbfinale Portugal-Holland, und
zwar derart, dass ich zwischendurch spontan beschloss, mir nie wieder ein Spiel
anzutun, welches von ihm live besprochen wird. Der neutralste aller Journalisten
bei den Öffentlich-Rechtlichen (ja, das ist er tatsächlich! Ich meine,
Journalist! Man glaubt es nicht, aber es ist so) schluchzte beim Eigentor von
Andrade „Neeeeein“, dermaßen laut und in einem hohen Tonfall, dass man meinen
konnte, ihm wäre grad was abgefallen. Er beeilte sich dann, zehn Sekunden später
zu versichern, dass der Andrade ja zusammen mit dem Carvalho bislang eine
hervorragende EM gespielt habe. Stimmt, mir fällt da spontan das Eröffnungsspiel
ein, da waren sie wirklich gut. Und gegen England standen sie auch sehr sicher,
war schließlich ein echter Langeweiler ohne große Torchancen. Er feuerte die
Portugiesen über die gesamte Spielzeit an („Da kämpft jeder für jeden“),
beleidigte mehrfach mal kurz die Holländer („Die stehen nur dumm rum“), übersah
völlig, dass seine Lieblinge nach dem 2:0 die Arbeit einstellten und nur noch
die Bälle nach vorn droschen, und zitterte mit dem Hanswurst der Portugiesen an
der Seitenlinie: „Scolari ist da unten nicht mehr zu halten...es gilt, noch
wenige Minuten zu überstehen, dann kann gejubelt werden...und ich gönne es
ihnen“. Sein Glanzstück leistete er sich dann kurz vor dem Schlusspfiff, als van
Hooijdonk von einem seiner überragenden Gegenspieler vor dem Sechzehner zu Boden
gedrückt wurde. „Der kriegt den Freistoß!!!“ schrie er dermaßen empört, dass man
meinen konnte, er habe soeben einen Dopingskandal aufgedeckt. Bei der Zeitlupe
sagte er dann „Naja, der drückt ihn ein wenig runter...aber alles im fairen
Bereich.“ Was kümmert es Herrn Beckmann, dass ein Wegdrücken mit den Händen auch
im fairen Bereich immer noch ein Foul ist? Zumal er zuvor die dreimalige
Schauspieleinlage von Portugals Torwart Ricardo mit einem verschmitzten Lächeln
und der Ankündigung „Das werden jetzt wohl noch öfter sehen“ abgetan hatte? Und
ich hoffe inständig, dass ich den Mann nie wieder hören oder sehen muss.
Emotionen bei einer Reportage, schön und gut, aber eine gewisse Neutralität darf
man sich gerne dabei bewahren. Ansonsten soll er das direkt vor dem Anpfiff kund
tun: „Ich darf Ihnen heute das Spiel meiner Lieblingsmannschaft übertragen und
werde alles tun, um sie zum Sieg zu schreien.“ Dann weiß man, was kommt, und
kann entsprechend reagieren.
Apropos
„kommt“: wer kommt denn jetzt? Also ich meine, als neuer Bundestrainer? Hitzfeld
hat ja abgesagt, was ich einerseits schade finde, andererseits sehr erleichtert
schreibe, denn Hitzfeld hätte automatisch auch Henke bedeutet, und was dieser
Seitenlinien-Proll an deutschem Rest-Image im Ausland geschändet hätte, wäre auf
Jahrzehnte nicht mehr gut zu machen gewesen. Also wer nun? Daum? Nein, nein,
dagegen sprechen schon die alten Herren im DFB und bei den Bayern. Der ist doch
untragbar für den Verband nach seiner Koks-Affäre. In der Tat: Christoph Daum
ist untragbar für einen Verband, der sich das Motto „Keine Macht den Drogen“ auf
die Fahne geschrieben hat und gleichzeitig von diversen Alkoholika-Firmen
gesponsert wird. Denn legale Drogen sind okay, solange die Kasse stimmt. Und der
Daum hat ja mal ein Drogenproblem zugegeben, damit ist er wirklich für diesen
Verband und besonders für seinen Präsidenten untragbar. Auch wenn der ihn
vielleicht gerne gehabt hätte, um vom Kampf seiner Leber gegen die vielen,
vielen Termine abzulenken, die so ein DFB-Präsident hat.
Otto Rehhagel?
Otto, der Schöngeist, und MV, der
Kräutergeist? Also bitte.
Ich gönne ihm ja
seinen Erfolg, aber mit dem holt man sich doch genau das ins Boot, was man
angeblich schon seit 2000 nicht mehr haben wollte: dieses sture Festhalten an
althergebrachten Prinzipien, safety first, dozierenden Besserwissern. Wollen wir
wirklich, dass der deutsche Fußball aussieht wie der griechische? Auch wenn die
Erfolge da sind? Wenn die Kasse stimmt? Ganz, ganz ehrlich? Nun, warum nicht?
Die Parallelen sind unverkennbar: bei der WM 2002 brachten drei 1:0-Siege die
deutsche Mannschaft bis ins Endspiel. Den Griechen brachte dreimal dasselbe
Ergebnis nun die Europameisterschaft. Vielleicht sollten wir diesen Weg nicht
aus den Augen verlieren und schon mal mit dem Naheliegendsten anfangen: den
deutschen Schäferhund in der Ahnenreihe von Charisteas suchen. Dann klappt’s
vielleicht auch mit dem Otto. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass ich das
wirklich will.
Lothar
Matthäus wurde von irgendeinem Komiker ins Rennen geworfen. Da es bei der
Nationalmannschaft aber nix zu lachen gibt, haben das alle Ernst genommen,
inklusive Lothar. Der Mann, dessen Reputation als Trainer darauf beruht, dass
seine dritte Garnitur an einem lauen Frühlingsabend eine Halbzeit lang mal Lust
auf Fußball hatte, im Gegensatz zu ihren Gegenspielern. Ich hoffe, das bleibt
ein schlechter Scherz. Obwohl die Interviews viel Spaß machen würden, zugegeben.
Oder
vielleicht doch mal ein Ausländer? Siehe Scolari in Portugal, siehe Eriksson in
England, die kommen doch auch gut zurecht. Und siehe Deutschland 1998 nach dem
Abgang des Terriers, als Arsène Wenger mal kurzfristig im Gespräch war. Da
brauchte die BILD noch nicht mal Leserbriefe erfinden, so sehr wurde sie damit
zugeworfen. Die deutsche Nationalmannschaft hat einen deutschen Trainer zu
haben! Punkt, aus! Begründung: keine. Also keine logische. Aber wann waren wir
schon mal logisch, wenn es um die Nationalmannschaft ging?
Hat sich
sowieso erledigt: unser DFB-Chef Mayer-Vorfelder hat dazu ja schon aus Portugal
eine Aussage getätigt. Ich hätte da übrigens mal ne Frage: was machten der und
sein Funktionärsstab eigentlich noch bis zum Endspiel in Portugal? Die deutsche
Mannschaft ist doch schon vor geraumer Zeit ausgeschieden? Mit welcher
Berechtigung treibt sich ein DFB-Chef dann noch in den VIP-Räumen der Stadien
rum und lässt sich bedienen, alles garantiert ohne zu bezahlen? Würde mich mal
interessieren.
Egal,
Mayer-Amselfelder hat’s gesagt: der neue Trainer muss fließend Deutsch sprechen
können. Was für ein Anforderungsprofil an einen Nationaltrainer! Fließend
Deutsch! Was ist das denn? Wo wird das denn gesprochen, war da schon mal jemand?
Die meisten Kölner können doch schon in der Eifel nicht mehr nach dem Weg
fragen, so sieht’s doch aus. Von wegen, fließend Deutsch. Aber durch diese
rhetorische Glanzleistung hat er natürlich schon alle Ausländer von der Liste
imaginärer Kandidaten gestrichen. Bei so viel Weitsicht sag ich nur: Prost!
Und das
bringt mich auf den naheliegendsten Kandidaten: natürlich muss es Udo Lattek
machen! Der gilt ja nicht nur im Hartschwätzen als großes Vorbild, der hilft
auch sparen. Denn wenn erst mal der Mayer-Vorfelder den Lattek unter den
Tisch gesoffen verpflichtet hat, dann ist der bestimmt bereit, den Job für
eine Kiste Bier am Tag zu machen. Und zwar praktischerweise mit dem Gesöff eines
Hauptsponsors. Dann klingelt’s weiter in der Kasse, und wir können nach der WM
2006 auch wieder jammern. Weil man sich beim Fußball in diesem Land noch nie
getraut hat, einen wirklichen Umbruch zu vollziehen. Hauptsache, wir sind bei
jedem Turnier mit dabei, Ergebnis egal. Ich finde, dafür wäre der Lattek bestens
geeignet.
Abschließend muss ich leider sagen, dass ich auf die deutsche Nationalmannschaft
doch noch ein bisschen sauer bin. Nicht aufgrund ihres frühen Ausscheidens,
nein, das hatte ich erwartet (wenn auch nicht erhofft). Nein, aufgrund des 0:0
gegen Lettland. „Der Schlüssel in der Gruppe ist Lettland“, sagte jemand vor dem
Turnier, und er behielt Recht, Holland und Tschechien gewannen ihre Spiele und
kamen weiter, Deutschland schied aus, weil man nur 0:0 spielte.
Dieser
Jemand war Franz Beckenbauer, und dass ausgerechnet dieser Hohlschwätzer
tatsächlich Recht hatte und mal wieder als großer Analyst gefeiert wurde – das
werde ich der Nationalmannschaft noch lange nicht verzeihen!
Noch ein
bisschen die Sommerpause genießen: janus
PS.
31.07.2004, 15.00 Uhr, Regionalliga Nord: Preußen Münster – Fortuna Düsseldorf.
Endlich wieder Fußball!
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