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Reise
in eine andere Welt?
Samstag,
09.10.2004: Iran – Deutschland 0:2
Mein
Spiel des Jahres fand eigentlich letzten Mittwoch statt:
WM-Qualifikations-Gruppe 3, Luxemburg gegen Liechtenstein. So etwas sieht man
wohl nur einmal im Leben, außerdem gut von meinem Wohnort zu erreichen. Leider
nur, was die Hinfahrt betrifft, und da ich den darauf folgenden Donnerstag nicht
frei bekam, hatte sich das erledigt. Aber für diesen Fall hatte ich ja noch
etwas in petto.

Eine
Reise in den Iran. Ins alte Persien. In eine andere Welt, möchte man meinen. Was
weiß man hier schon großartig vom Iran? Höchstens das, was besonders vor ca. 25
Jahren in der Tagesschau zu sehen war. Das Ende der Monarchie, der Sturz des
Schah im Januar 1979. Ayatollah Chomeini, heimgekehrt aus dem Pariser Exil, der
den „totalen Islam“ predigte und gegen die westliche Welt hetzte. Aufgeputschte
Studenten, die die Botschaft der Amerikaner stürmten, die der Engländer
beschossen. Revolutionsgerichte, die ehemalige Regierungsmitglieder zum Tode
verurteilten und hinrichten ließen. Tief verschleierte Frauen auf der Straße,
Rückkehr des „Steinzeit-Islamismus“. Dann 1980-1988 der Iran-Irak-Krieg, als der
irakische Diktator Saddam Hussein, unterstützt von den USA, den Iran angriff.
Ein Krieg, an den die Welt sich nur erinnerte, wenn sie gerade Zeit hatte. Eine
Million tote Iraner. Und danach: lange nix mehr. Bald war der nette Herr Hussein
Gesprächsthema Nummer 1 in der dortigen Region. Der Iran hielt sich bedeckt und
aus allem heraus. Stand eigentlich nur in den Schlagzeilen, wenn man wieder mal
ein besonders schweres Erdbeben zu überstehen hatte. Wie im Dezember 2003, als
die historische Stadt Bam samt ihrer Umgebung im Süden des Iran dem Erdboden
gleich gemacht wurde. Schätzungsweise 30.000 Tote, ebenso viele Verletzte,
ungezählte Obdachlose. Trotz sofortiger internationaler Hilfe – das Gebiet um
Bam herum sieht auch heute noch teilweise aus wie nach einem Bombenangriff.
Tausende Menschen leben dort bis zum heutigen Tage in Zelten und Containern, es
fehlt praktisch an allem, die Strom- und Wasserversorgung ist auch heute nur
zeitweise sicher gestellt.
Aufgrund
dieses Erdbebens in Bam spielte die deutsche Nationalmannschaft am 09.10.2004
ein Benefiz-Spiel gegen den Iran in Teheran. Erstmals trat die
Nationalmannschaft im ehemaligen Persien an. Eine Chance, sich selbst vor Ort zu
überzeugen, wie es in diesem Land wirklich aussieht bzw. zumindest in wenigen
Tagen mal einen Eindruck davon zu gewinnen. Inwieweit Reformen greifen oder ob
immer noch gelebter steinzeitlicher Fundamentalismus an der Tagesordnung ist.
Würde man etwas zu sehen bekommen? Würde man sich frei bewegen können? Und würde
man Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung aufnehmen können? Und darüber
hinaus: würde die deutsche Nationalmannschaft ein gutes Spiel abliefern?
Diese
Gelegenheit (denn ich bin auch geschichtlich durchaus an Persien interessiert)
wollte ich mir nicht entgehen lassen, und fuhr daher mit einer recht
übersichtlichen Reisegruppe von 25 Mann vom 08.-11.10.2004 in die iranische
Hauptstadt, um neue Eindrücke zu sammeln und vielleicht auch guten Fußball zu
sehen. Aber vorab kurz einige Worte zur Thematik: Was ist überhaupt der Iran?
Nichtinteressierte mögen bitte direkt zum nächsten Absatz schreiten.
Der Iran
definiert sich als islamisches Land, der offizielle Name lautet seit 1979
Islamische Republik Iran (Djomhuri-ye Eslami-ye Iran). Seit der Revolution von
1979 ist die islamische Kleiderordnung verbindlich, die vor allem für Frauen
eine Reihe von Vorschriften mit sich bringt, die unbedingt einzuhalten sind. Für
Touristen bedeutet dies im Klartext: Kopftuch ist bei den Frauen Pflicht,
daneben eine Oberbekleidung, die die Hüften nicht betont und die Arme bedeckt.
Keinesfalls wird von Frauen erwartet, dass sie den „Chador“ tragen, dieses
Gewand mit integrierter Kopfbedeckung, bei der nur noch die Augen der Person zu
sehen sind. Dies wird übrigens nicht einmal mehr von den Iranerinnen selbst
erwartet. Für die Herren gilt es, keine kurzen Hosen zu tragen, auch
Muskelshirts sollten vermieden werden, was mir wenigstens den Anblick des
typisch deutschen Mallorca-Urlaubers ersparte. Sehr einverstanden war ich damit,
dass im Iran die Krawatte als „westlich“ verpönt gilt und nicht gern gesehen
wird. Dafür vollste Zustimmung von mir. Die Vorschriften gelten übrigens,
solange man sich in der Öffentlichkeit aufhält. „Öffentlichkeit“ bedeutet auch
Restaurants, Hotels und Hotelflure! In keinem Fall wird der Mann eine fremde
Frau auf der Straße ansprechen oder anfassen. Für die Frau gilt selbiges, nur
umgekehrt.
Ganz
besonders bitter für den deutschen Fußball-Fan ist natürlich, dass im Iran die
Einfuhr und der Genuss von alkoholischen Getränken strengstens verboten ist. Da
weint sogar der Sponsor des DFB, musste er doch an seinen Werbebanden im Stadion
extra den Zusatz „Alkoholfrei“ anbringen. Man bekommt alkoholfreies Bier, zum
Beispiel Efes oder vereinzelt auch gar Jever Fun, oder wie diese Plörre heißt,
aber das ist nun wirklich nicht genießbar.
Das
Hochland von Iran liegt im südwestlichen Teil Asiens und bildet die Landbrücke
zwischen Eurasien und dem afrikanischen Kontinent. Es erstreckt sich zwischen
25° und 40° nördlicher Breite und 44° und 64° östlicher Länge. Die Hauptstadt
Teheran liegt auf dem Breitengrad von Gibraltar. Die angrenzenden Länder sind:
im Norden Armenien, Aserbeidschan und Turkmenistan; im Osten Afghanistan und
Pakistan; im Westen Irak und die Türkei. Wie man schon bei den Namen der
Nachbarländer hört: nette Gegend, in der eigentlich immer was los ist. Allein
diese Lage wirkt schon abschreckend.
Das
Staatsgebiet umfasst eine Fläche von ca.1.600.000 km², damit ist das Land mehr
als viermal so groß wie Deutschland. Nach neuesten Zählungen beträgt die
Bevölkerungszahl annähernd 70 Mio. Menschen, fast ebenso viel wie in
Deutschland. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nach der Revolution
stark erhöht, seitdem wird eine staatliche Geburtenkontrolle durchgeführt. Von
dieser Bevölkerungsexplosion wird später noch kurz die Rede sein, sie ist mit
ein Grund für die derzeitige gesellschaftliche Situation im Iran.
Klingt
eigentlich nicht schlecht, ein Land viermal so groß wie Deutschland, aber mit
annähernd derselben Bevölkerungszahl, oder? Das Ganze relativiert sich
allerdings dadurch, dass 75% des Staatsgebiets des Iran Wüste sind. Da bleibt
wirklich nicht mehr viel Platz.
Offizielle Staats- und Verwaltungssprache ist Persisch (Farsi). Da der Iran
jedoch ein Vielvölkerstaat ist, gibt es jedoch auch eine Reihe weiterer
Sprachen: Turksprachen, Kurdisch, Lurisch, Baluchi, ein wenig Arabisch und
andere. Mir egal, ich spreche und verstehe keine davon.
Die
iranische Währung ist der Rial. Den bringt man recht großzügig unter das Volk:
ein Euro entspricht derzeit ca. 10.330 Rial. Die Preise im Iran sind zumeist
niedrig, enthalten aber eine „Touristenfalle“, an die man sich erst gewöhnen
muss: die Preisauszeichnung erfolgt meist in „Tuman“, ein Tuman sind 10 Rial,
genau wie einst bei uns zehn Pfennig ein Groschen waren. Steht also auf einem
Preisschild die Angaben „3000“, so bedeutet dies zumeist 3.000 Tuman, also
30.000 Rial (also knapp 3 Euro). Beim Bezahlen darf man somit meistens eine Null
mit drauf rechnen. Preise, die von Anfang an in Rial ausgezeichnet sind, sind
zumeist mit einem großen „R“ gekennzeichnet, aber auch nicht immer. Nachfragen
lohnt also stets, zumeist sind es zwar Tuman, aber manchmal kann man doch ein
noch größeres Schnäppchen machen.
Apropos
Geld: Bargeld lacht im Iran. Das liegt nicht an einer irgendwie gearteten
Rückständigkeit des Landes, sondern schlicht daran, dass das iranische
Bankensystem aufgrund der us-amerikanischen Boykottbestimmungen nicht an die
internationalen Kreditkartensysteme angeschlossen ist. Der Euro wird bei allen
Banken und Wechselstuben akzeptiert, manche größeren Hotels verlangen die
Begleichung der Zimmerrechnung tatsächlich in US-Dollar, man weiß halt, wie man
den Feind am besten schädigen kann.
Die
Uhrzeit im Iran ist MEZ plus 2,5 Stunden, diese „Zwischenzone“ wurde extra
geschaffen, um im ganzen Iran eine einheitliche Uhrzeit zu haben. Jedoch endet
die iranische Sommerzeit am 22.09. eines jeden Jahres. Da dies in Deutschland
erst Ende Oktober der Fall ist, gerieten wir mit unserer Reise in diesen
Zwischenraum, weshalb der Zeitunterschied nur 1,5 Stunden betrug.
Nun noch
kurz etwas zum politischen System im Iran. Die Befugnisse des Staatspräsidenten
Chatami, ein Mann, der für den Willen zu umfassenden Reformen steht, sind
beschränkt. Schon der Verfassung nach bilden er und seine Regierung nur eines
von mehreren Machtzentren.
Über ihnen steht Revolutionsführer Ali Chamenei, die oberste politisch-religiöse
Autorität. Ihm – nicht dem gewählten Präsidenten – obliegt die
Richtlinienkompetenz der Politik, er entscheidet über Krieg und Frieden und ist
Oberbefehlshaber der Armee. Als Organe der politischen Willensbildung kommen der
Wächterrat, das Parlament, der Schlichtungsrat und der Expertenrat hinzu. Bis
auf das Parlament sind sie alle fest in den Händen des Establishments und
sträuben sich gegen Veränderungen. Das Parlament wird zwar vom Volk gewählt,
aber über die Auswahl der Kandidaten entscheidet der von Konservativen
dominierte Wächterrat. Bei den Parlamentswahlen vom Februar 2000 hatte dies zur
Folge, dass den führenden Köpfen der iranischen Reformbewegung die Kandidatur
verweigert wurde. Dass die Reformer dennoch haushoch siegten, zeigt bereits, aus
welcher Richtung der Wind in der Bevölkerung weht. Was aber leider nicht heißt,
dass die Reformer ihre Projekte durchsetzen können. Denn jede Gesetzesvorlage
muss vom Wächterrat auf seine Vereinbarkeit mit dem islamischen Charakter der
Verfassung überprüft werden. Ein mehr als dehnbarer Begriff. Auch der
Revolutionsführer selbst greift gerne mal direkt in die Arbeit des Parlaments
ein. Weil er seine Autorität von Gott und nicht vom Volk herleitet, kann der
Iran durchaus als Theokratie bezeichnet werden.
Genug der
Theorie. Immerhin, das klang interessant genug, um sich mal vor Ort umzusehen.
Und interessant war die Reise dann auch auf jeden Fall. Hier der Bericht:
Freitag, 08.10.2004
Ich
verlasse die heimatliche Stube am späten Vormittag mit dem Wissen, eventuell in
ein paar Stunden wieder daheim zu sein. Grund dafür ist das für den Iran
erforderliche Visum. Da dieses erst einige Wochen vor der Reise beantragt werden
konnte, war die Zeit zu knapp, um den Reiseteilnehmern die Pässe nach
Wiedererhalt noch postalisch zustellen zu lassen. Somit versammelt man sich
gemeinsam um Punkt 12 Uhr an einem Schalter im Frankfurter Flughafen, um vom
Organisator der Reise, der die Tour auch mitfährt, die Reisepässe wieder in
Empfang zu nehmen. Hoffentlich mit Visum. Denn unter den Fragen auf dem
Visum-Antrag befand sich, wie ich erwartet hatte, auch die Frage nach dem
Arbeitgeber (übrigens, wen das schon stört, der sollte sich mal die neuen
Anträge auf Visa der USA anschauen – ich hab mir neulich einen angesehen und nur
noch gestaunt, was die alles wissen wollen). Und der meinige könnte den Mullahs
vielleicht nicht ganz so gut passen. Wer holt sich schon gerne das Militär ins
Haus? Und ich glaube auch, dass diese Leute der Unterschied zwischen Soldaten
und zivilen Mitarbeitern nicht wirklich interessiert. Aber der Iran ist daran
interessiert, Touristen ins Land zu holen, auch wenn es nur für ein paar Tage
ist, da muss man ja trotzdem Geld ausgeben. Keine Chance hat man übrigens, wenn
sich im Reisepass ein Visum aus Israel befindet. Auch die Iraner haben für
dieses Land nicht allzu viel übrig. Aber da ich noch nie in Israel war, bestehen
für mich keine Schwierigkeiten. Und was meinen Arbeitgeber anbetrifft,
anscheinend auch nicht, denn als ich meinen Reisepass entgegen nehme, prangt
darin das Visum für den Iran. Vorsichtshalber schon mal auf 15 Tage ausgestellt,
ich will nur hoffen, die dortige Gastfreundschaft nicht so lange in Anspruch zu
nehmen. Das muss wirklich nicht sein.
Der Flug
wird mit der staatlichen iranischen Fluglinie Iran Air durchgeführt. Der Flieger
ist proppenvoll. Zum einen, weil es ein Linienflug ist, zum anderen gibt es noch
eine zweite, sehr viel größere Reisegruppe als die unsere, organisiert von einem
Reisebüro in Ludwigshafen. Die Truppe fliegt zwar mit uns mit, aber schon
Samstag Nacht nach dem Spiel wieder zurück. Schlussendlich haben wir noch eine
Gruppe eines bayerischen Reiseveranstalters an Bord, die nach drei Tagen
Aufenthalt in Teheran noch zwei Wochen mit dem Reisebus durch die Landschaft
gondeln wird.
Zunächst
fallen die Stewardessen auf, die natürlich gemäß muslimischer Kleiderordnung
gekleidet sind. Dies wäre eigentlich auch schon für die Passagiere Pflicht, denn
der Flieger gilt ja als iranisches Hoheitsgebiet, aber es macht niemand, und
niemanden regt es auf.
Etwas
mulmig wird mir allerdings, als die Videoschirme ausgefahren werden, um die
Sicherheitsinstruktionen auszustrahlen. Bevor diese nämlich beginnen, erscheint
ein Satellitenbild der Erde auf dem Bildschirm, von rechts nach links laufen
riesige persische Buchstaben durchs Bild und eine unheilschwangere, tiefe Stimme
spricht aus dem Off beschwörende Worte. Es ist wohl so, dass vor Beginn des
Fluges Allahs Segen für gutes Gelingen erbeten wird. Na, wenn die das schon
nötig haben...
Unter den
Passagieren sind auch einige, die sich noch mal schnell den Rest vor der
unglaublich schwierigen dreitägigen Alkoholabstinenz geben. Auf jeden Fall
kreisen hier und da Multivitamin- und Powerrade-Flaschen. Aber vielleicht
täusche ich mich da auch. Auf jeden Fall hätte ich nie gedacht, dass Glatzen aus
Halle und Cottbus während eines Fluges so viele Vitamine in sich hinein schütten
müssen. Aber anscheinend macht es sie wirklich munter, denn der Geräuschpegel
steigt während des Fluges beträchtlich an. Das Bordpersonal ignoriert alles
tapfer und serviert noch ein schmackhaftes Essen, was jeden, der die
Bordverpflegung kennt, doch in Erstaunen versetzt. Der Flug dauert viereinhalb
Stunden, und die
Maschine
landet pünktlich in Teheran auf dem Flughafen Mehrabad gegen 21.30 Uhr Ortszeit.
Nun wird
es lustig. Nach der Ankunft geht es in eine große Halle, an deren Ende vier
kleine Schalter stehen, an denen jeweils zwei Leute Dienst tun könnten. Diese
Schalter sind zur Halle hin mit kleinen, Gartentor-ähnlichen Toren abgetrennt,
anstelle der acht möglichen tun nur vier Leute Dienst. Das Zauberwort heißt
Passkontrolle.
Sofort
bilden sich ellenlange Schlangen vor den Gartentoren. Jeweils nach Aufforderung
darf eine Person „eintreten“ und artig seinen Pass vorzeigen, der dann einer oft
minutenlangen Kontrolle unterzogen wird. Auch wir stehen tapfer in der Reihe,
bis uns plötzlich auffällt, dass die Mitreisenden Papier in der Hand haben, das
wie kleine Notizzettel aussieht. Nanu, was ist denn das? Einmal einen Blick
riskiert, auf den Zetteln werden die wichtigsten persönlichen Daten nochmals
abgefragt, eine Durchschrift klemmt darunter. Im Flugzeug haben wir die nicht
bekommen, in Frankfurt auf dem Flughafen auch nicht. Was nun?
Des
Rätsels Lösung ist ein kleiner uniformierter Mensch, der ziemlich abseits des
Geschehens steht und gar nichts tut. Er hat diese Zettel, aber er verteilt sie
nicht, er bewegt sich ziemlich wenig. Man muss zu ihm hin und sich so einen
Zettel abholen, auf den natürlich auch mit keinem Wort oder Schild hingewiesen
wird. Ohne diesen Zettel braucht man sich allerdings an der Passkontrolle erst
gar nicht blicken zu lassen. Clever gemacht, so bleibt die Schlange in Bewegung,
denn natürlich müssen wir uns nach dem Ausfüllen wieder hinten anstellen.
Apropos Ausfüllen: lustig, wenn dreißig Leute gleichzeitig einen Kugelschreiber
suchen. Zum Glück verbietet mir mein Beruf, mich ohne dieses Utensil in der
Öffentlichkeit zu bewegen. Also schnell ausgefüllt das Ganze und wieder hinten
angestellt. Nach weiteren knapp zwanzig Minuten bin ich dann auch endlich dran.
Pass und Zettel werden einkassiert, der Computer wird befragt und meldet mich
augenscheinlich als unverdächtig. Der Pass bekommt einen Einreisestempel und ich
kassiere auch die rosa Durchschrift des Zettels, die man gut aufheben sollte.
Sie ist nämlich für die Ausreise bestimmt und auch für sie gilt das, was für das
weiße Original zu beachten ist: ohne das Ding braucht man sich auch beim
Rückflug gar nicht erst an der Passkontrolle blicken zu lassen.
Immerhin
hat das Ganze jetzt so lange gedauert, dass unser Gepäck längst angekommen ist
und sogar das Förderband bereits still steht. Nachdem wir alle unser Gepäck ohne
Verluste wieder erlangt haben, versammelt sich unsere Gruppe um den Organisator
und den hinzu geeilten iranischen Fremdenführer, der uns in den nächsten drei
Tagen begleiten wird. Es bleibt Zeit für einen ersten Rundblick in der Gruppe,
es sind, wie gesagt, 25 Personen insgesamt, darunter zwei Frauen, eine etwas
ältere Dame, die mit ihrem Sohn reist und ein jüngere, die umgekehrt ihren Vater
begleitet. Beide tragen bereits Kopftuch und Mantel, wie es Vorschrift ist, und
auch von uns Herren ist keiner auf die Idee gekommen, in kurzen Hosen
aufzulaufen. Was allerdings, nebenbei bemerkt, noch nicht einmal eine schlechte
Idee wäre, denn in der Halle ist es sehr stickig und bestimmt über 30 Grad warm.
Wir schreiten zum Ausgang und werden neugierig von Iranern begutachtet, die hier
sind, um ihre Familienangehörigen abzuholen. Draußen empfängt uns Teheran mit
stockfinsterer Dunkelheit, um diese Jahreszeit ist es gegen 18 Uhr bereits
dunkel, und mit stickiger Luft bei immerhin noch 25 Grad. Auch der Bus zum Hotel
ist bereits vorgefahren. Nachdem das Gepäck eingeladen ist, geht es in relativ
flotter Fahrt zum Hotel Enghelab in der Innenstadt. Dass das mit der „relativ
flotten Fahrt“ geradezu sensationell ist und durchaus bereits als erstes
Highlight der Reise bezeichnet werden darf, werden wir am nächsten Tag
feststellen.
Da der
Busfahrer anscheinend der Meinung ist, Europäer sind eh Weicheier, was das
Wetter angeht, verbringen wir die Fahrt zum Hotel schlotternd bei 11 Grad
Innentemperatur, denn die Klimaanlage gibt alles, was sie hat. Aber das kenne
ich schon, ich wäre in Ägypten auch schon mal fast bei einer Wüstendurchquerung
im Bus erfroren – mittags um 12.
Bei der
Fahrt durch die Straßen fällt schon auf, wie gewaltig, wie groß die Stadt sein
muss. Dicht gedrängt steht Haus neben Haus, alle in nicht gerade neuem Zustand,
und überall begleitet von den charakteristischen Stahlwürfeln auf den Balkonen
oder Dächern – Klimaanlage ist Pflicht hier. Erstaunt sehe ich die ersten
Leuchtreklamen von Siemens oder Braun, auch von anderen ausländischen Firmen.
Nicht gerade Haus an Haus, aber ziemlich regelmäßig sind sie zu sehen, und auf
den größeren Geschäften steht neben Persisch auch durchaus in Englisch, was es
dort gibt.
Es ist
nur wenig Betrieb auf den Straßen, dies erklärt sich allerdings dadurch, dass
der Freitag dort unserem Sonntag entspricht. Der Samstag und der Sonntag sind
ganz normale Werktage. An diesen Werktagen haben die Geschäfte bis 22 Uhr
geöffnet, teilweise bis 23 Uhr, die Bars, Cafés und Restaurants maximal bis 24
Uhr. Danach ist Teheran wie ausgestorben, denn ein „offizielles“ Nachtleben gibt
es nicht. Und freitags dann halt ein wenig früher.
Wir
erreichen unser Hotel, ein 16stöckiges Gebäude, das vier Sterne sein Eigen
nennt. Bzw. eigentlich nur 15 Etagen, aber es gibt keinen 13. Stock, auch im
Aufzug springt das Lämpchen, das die Stockwerke anzeigt, direkt von 12 auf 14.
Soweit ich weiß, ist dies in allen persischen oder arabischen Gebäuden der Fall,
weil die Zahl 13 als Unglück bringend angesehen wird. Das Hotel beinhaltet im
Erdgeschoss neben der Lobby außerdem noch ein Restaurant, eine Bar und den
Speiseraum.
Wir
checken ein, und ich bekomme ein Zimmer im 14. Stock. Na, wenigstens eine
Steigerung zu meiner Arbeitsstelle, da residiere ich nämlich im 10. Stock. Drei
große Aufzüge bringen uns nach oben, groß, aber wacklig. Ich bin eh schon kein
Freund von Aufzügen, hier allerdings erwische ich den äußeren Aufzug, der nach
dem 4. Stock an der verglasten Außenmauer des Hotels entlang fährt. Da darf ich
nicht zu lange nach unten schauen. Aber solange ich geradeaus schaue, geht es
und ich werde mit einem tollen Ausblick über das nächtliche, beleuchtete Teheran
belohnt.
In meinem
Zimmer bin ich angenehm überrascht. Teppichboden, großes Bett, Fernseher,
Kühlschrank, Bademantel, kleiner Balkon, ja sogar ein Koran und ein
Gebetsteppich in der Nachttischschublade – man hat an alles gedacht. Sieht zwar
schon etwas älter aus, ist aber sehr akzeptabel, das Ganze. Was leider weniger
für das anschließende Badezimmer gilt. Waschbecken und Toilette sind doch
eindeutig in die Jahre gekommen und ziemlich wacklig, der Boden sieht auch nicht
wirklich sauber aus, außerdem sind die Toiletten mit Vorsicht zu benutzen, sie
verstopfen wohl ziemlich schnell. In der Dusche sind etliche Risse in den
Kacheln und ohne Badeschlappen würde ich sie auch nur ungern betreten. Dreht man
die Dusche auf, erklingt zunächst ein gurgelndes Geräusch, der Duschkopf spuckt
zwei Tropfen Wasser aus und bleibt dann stumm. Genau in dem Moment, in dem man
fragend den Kopf zur Dusche hebt, schießt das Wasser mit gefühlt 10 atü aus dem
Duschkopf und versetzt einem den Knockout. Großartiges Erlebnis nach der
stressigen Anreise.
Ich fahre
noch einmal in die Lobby hinunter und treffe einen Bekannten aus Düsseldorf. Er
hat die Tour auf eigene Faust gemacht, ist über Dubai eingereist, wohnt in einem
benachbarten Hotel und ist noch bei uns, um etwas zu trinken. Ursprünglich waren
sie zu zweit, aber seit heute Mittag ist das anders: sein Reisegefährte,
ebenfalls aus Düsseldorf, ist nämlich in der Stadt verhaftet worden. Er hatte
ein Ministerium fotografiert, welches wohl an der Außenmauer deutlich mit „No
Photo“ gekennzeichnet war. Man mag über dieses Verbot den Kopf schütteln, aber
wenn man es dann fotografiert, sollte man es zumindest aus sicherer Deckung tun.
Dies ist anscheinend nicht geschehen. Doppelt dumm, dass der Kollege dann
versuchte, sich der Löschung des Bildes durch Flucht zu entziehen. Jetzt sitzt
er erst mal und ist verschwunden.
Nun,
darauf gönne ich mir noch eine Cola, und zwar eine iranische der Marke Zam Zam,
schmeckt etwas merkwürdig, aber nicht mal schlecht, und verabschiede mich dann
aufs
Zimmer.
Der Tag war anstrengend genug und am nächsten Tag geht es schon um 9 Uhr los.
Außerdem will ich noch schnell zuhause anrufen. Mit dem Handy klappt das nicht,
die zwei Funknetze, die der Iran anbietet, sind nicht kompatibel mit denen
unserer Handys. Aber gut, dass ich es mitgenommen habe, denn es wird mir als
Wecker treue Dienste leisten.
Telefonieren ist interessant, man muss die „9“ wählen und bekommt den Operator
des Hotels an die Strippe. Man diktiert ihm auf Englisch langsam die Nummer und
legt den Hörer auf. Fünf Minuten später ruft er zurück, stellt direkt durch und
ich begrüße freudestrahlend --- einen mir unbekannten Herrn Ruppert aus Bonn,
der etwas angesäuert und ängstlich zugleich klingt. Kein Wunder, ist es doch in
Deutschland halb elf abends an einem Freitag, man geht ans Telefon und hört eine
Stimme in gebrochenem Englisch sagen: „Enghelab Hotel Teheran, I connect you!“
Da würde ich auch etwas nervös werden. Der Operator hat nämlich leider in die
Rufnummer einen kleinen Zahlendreher eingebaut, sodass ich zwar in Bonn lande,
allerdings bei jemandem, mit dem ich noch nie in meinem Leben gesprochen habe.
Dies wird wohl auch in Zukunft so bleiben, denn er denkt an einen dummen Scherz
und ist nicht geneigt, mir Glauben zu schenken. Grußlos legt er auf. Herzlos so
was! Wo mich das Gespräch doch lockere 30.000 Rial für drei Minuten gekostet
hat! Naja, versuche ich es halt morgen Abend noch einmal. Schnell noch durchs
Fernsehprogramm gezappt, ich finde fünf Sender, alle iranisch, überall wird
persisch gesprochen, ich verstehe kein Wort. Aber auf einem Sender läuft eine
iranische Quizsendung, das sieht lustig aus, und man kann prima dabei
einschlafen, was ich dann in Nullkommanichts auch tue. Am nächsten Tag soll ja
schließlich Teheran entdeckt werden.
Samstag, 09.10.2004 – Spieltag –
Geweckt
werde ich um 6.30 Uhr. Und zwar von einer Stimme im Radio. Da hat mein Vorgänger
wohl vergessen, den automatischen Alarm auszustellen. Der Mann im Radio singt
zwar ganz nett, auch wenn ich nix verstehe, aber er stört eindeutig. Mit
gezieltem Hieb auf das in der Kommode eingebaute Radio wird er zum Schweigen
gebracht. Lieber noch ein bisschen pennen.
Neuer
Versuch um 8 Uhr dank des mitgebrachten Handys. Diesmal klappt es, als erstes
riskiere ich einen Blick aus dem Fenster: vor mir liegt ein Teil Teherans, Beton
so weit das Auge reicht, aus der Vogelperspektive. Aber am Horizont, hinter dem
letzten Hochhaus ragen kahlen südlichen Abhänge des Alborz in den Morgenhimmel.
Die Luft ist trocken und etwas drückend, es sind schon locker über 20 Grad
draußen. Dann wollen wir mal!
Vor der
Abfahrt spreche ich noch am „Cashier“ vor, einem Teil der Rezeption, an dem man
seine Rechnungen bezahlen oder Geld tauschen kann. Letzteres tu ich nun und
wechsle 50 € in Rial um. Sagen wir es mal so: ein griffiges Häufchen, das ich da
zurück bekomme. Aber man ist generös, der Mann am Schalter spendiert auch zwei
Gummis, mit denen man die Scheine zusammen halten kann. Dann werden sie lose in
der Hosentasche transportiert, ins Portemonnaie passen sie eh nicht, dafür ist
der Haufen viel zu dick, es sind insgesamt 515.000 Rial. Wenn man etwas bezahlen
muss, wird einfach das Bündel herausgezogen, die entsprechenden Scheine
abgezählt und aus dem Gummiband gezogen. Wie in diesen schlechten amerikanischen
Filmen. Übrigens, wessen Kopf auf jedem der Scheine prangt, dürfte unschwer zu
erraten sein, oder?

Das sind 100 € - Preisfrage: wie viele Scheine verbergen sich
dahinter?
Nachdem
der Umtausch erfolgreich ausgehandelt wurde, geht es auf die Straße. Und hier
gibt es ein Problem: man muss die Straße überqueren, um zum Bus zu kommen.
Dazu ist
Folgendes zu sagen: ich habe noch niemals einen solchen Straßenverkehr gesehen
wie in Teheran. Man muss das wirklich mit eigenen Augen erblicken, um es zu
glauben. London, Paris? Jeder iranische Fahranfänger würde sich totlachen. New
York? Da fährt der Teheran-Kenner mit verbundenen Augen durch, ohne einmal
anzuecken. Kairo? Ja, vielleicht würden Teheraner in Kairo auf der Straße mal
ins Schwitzen kommen. Aber nur im Hochsommer.
„Chaotisch“ ist noch human ausgedrückt für das, was da vor sich geht. Da der
Samstag normaler Werktag im Iran ist, sind die Straßen bereits um 9 Uhr morgens
dicht. Eine Dunstglocke hängt über der Stadt, obwohl der Himmel wolkenlos ist.
Auch riecht es permanent so, als ob man direkt hinter der Tankstelle wohnen
würde. Das hat seinen Grund: zum einen ist der Teheraner ebenso gern
Alleinfahrer wie wir Deutsche auch. Ein findiger Kopf hat mal ausgerechnet, dass
im Durchschnitt in einem Teheraner Auto 1,3 Personen sitzen. Von
Fahrgemeinschaften wird also nicht viel gehalten, entsprechend hoch ist die
Anzahl der Fahrzeuge. Zum anderen kostet Benzin zwar nur circa 10 Cent pro
Liter, aber neue Autos sind für die Normalbevölkerung ziemlich teuer. Also
werden die alten Karren, für die man das Benzin nachgeschmissen bekommt,
wirklich bis zum Exzess ausgefahren. Dass man dort beim Durchschnittsalter der
Wagen noch nie etwas von einem „Katalysator“ gehört hat, dürfte klar sein.
Derselbe findige Kopf von vorhin hat übrigens ausgerechnet, dass in der
Teheraner Innenstadt pro Tag circa 8 Mio. Liter Benzin in die Luft geblasen
werden. Ohne Katalysator natürlich. Dies erklärt auch, warum man das
Alborz-Gebirge an „guten“ Tagen nur verschwommen im Hintergrund erkennen kann,
obwohl es eigentlich nur knapp 8 km hinter Teheran liegt.
Außerdem
liebt der Iraner das Hupen. Gehupt wird eigentlich immer, ob es nötig ist, oder
nicht, alle paar Sekunden ist das Geblöke zu hören, oft noch drei- oder
vierstimmig zur gleichen Zeit. Ich habe den Eindruck, manche hupen einfach mal
so, um zu demonstrieren, dass sie noch eine Hupe haben. Als Gefahrensignal taugt
das Horn nicht im Geringsten.
Okay, es
gibt Fußgängerampeln und sogar Zebrastreifen. Gesehen hab ich sie. Die Auto- und
Mopedfahrer – die gerne mal mit dem Helm am Lenker zu dritt auf so einem
Maschinchen
daher brausen – bestimmt auch, aber niemand scheint ihnen erklärt zu haben,
wofür das gut sein soll. Als Fußgänger in Teheran ist man akut gefährdet, beim
Überqueren einer Straße wahlweise angefahren zu werden oder vor lauter Stress
einen Herzinfarkt zu erleiden. Es ist wirklich unfassbar, was sich auf der
Straße abspielt. Nur rote Ampeln stoppen manchmal für wenige Sekunden den
Verkehrsfluss, ansonsten wird einfach gefahren, bis es nicht mehr weiter geht,
und dann die nächste Lücke gesucht. Dies gilt auch für die Stadtautobahnen. Hier
erlebe ich am Samstag für genau dreißig Sekunden ungeahnte Glücksgefühle: der
Bus fährt mal mit 80 km/h. Ansonsten ist bei 50 Schicht, weil einfach zu viele
Fahrzeuge vor einem rumlungern. Wie gesagt: auf der Autobahn. Die sind im
übrigen meist dreispurig, aber das nimmt der Teheraner nur als groben
Anhaltspunkt. Vier-, fünf-, sechsspurig ist die Regel, auch in der Innenstadt,
wer keinen Platz hat, der schafft sich welchen, und wer auf der Autobahn eine
Ausfahrt verpasst, ist noch lange nicht aus dem Rennen. Ich erlebe es allein mit
unserem Busfahrer zweimal: da wird einfach auf der äußersten rechten Spur
abgebremst und „Warnblink ausgefahren“, bis das Gefährt steht. Hinter uns wird
circa 14mal wild gehupt, aber schon schlängeln sich die Wagen links am Bus
vorbei. „Schritt für Schritt“ wird nun rückwärts zurück gerollt, bis die
gewünschte Ausfahrt erreicht ist. Stoppen, Blinker rechts setzen, sich in den
Verkehrsstrom hineindrängeln (denn freiwillig reinlassen tut einen keiner) –
fertig. So einfach geht das.
An jeder
großen Kreuzung ergießen sich Automassen aus den Seitenstraßen, dass man sich
die Augen reibt. Die fahren alle gemeinsam bis zur Mitte der Kreuzung, dann
stockt es. Zwei- bis dreihundert Mal wird gehupt, wüste Beschimpfungen werden
ausgetauscht, und nach einer Minute hat sich das Knäuel entwirrt und das nächste
kann kommen. Unfassbar.
Interessant auch einige wenige Ampeln an den richtig großen Kreuzungen. Hier ist
zwischen den Ampeln eine Digitalanzeige aufgehängt, die die Sekunden herunter
zählt, bis die Ampel wieder umschaltet. Bei „grün“ wird schon mal ein Kniff
probiert: ich sehe eine, die zählt runter: 20, 19, 18, dann spontan 4, 3, 2, 1,
Ampel rot. Zurecht nimmt der Teheraner an, dies sei Beschiss und fährt einfach
weiter. Auf manchen Kreuzungen stehen auch Podeste mit Verkehrspolizisten, die
sich einen schönen Tag machen. Dieses Chaos zu lenken, haben sie längst
aufgegeben, sie greifen nur noch bei Unfällen ein, oder wenn Fahrzeuge liegen
bleiben. Dies passiert jedoch erstaunlich selten. Die Unfallstatistik des Iran
ist wesentlich besser als die Deutschlands. Okay, so viel kann ja nicht
passieren, Hochgeschwindigkeitsunfälle ab 100 km/h sind hier unbekannt. Aber
trotzdem erstaunlich, denn diese Statistik bietet eine Schlussfolgerung an, die
ich nach dem Gesehenen eigentlich nicht bereit bin, zu akzeptieren: dass die
Leute in den Autos Überblick über das Chaos haben.
Hier über
die Straße zu kommen, ist schon eine große Herausforderung. Wenn der Wagen, der
auf der Spur direkt neben Bürgersteig fährt, ein Stück hinter seinem Vordermann
fährt, nutzt man die Chance, tritt auf die Fahrbahn und hebt gebieterisch die
Hand. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: entweder er verlangsamt die Fahrt, dann
muss man schnell weitergehen, denn anhalten wird er nicht, oder er hupt, dann
muss man noch schneller weiter gehen, denn anhalten wird er nicht. So steht man
dann mitten auf der Straße und rechts und links brausen die Autos auf Armeslänge
vorbei. Man muss schnell die nächste Lücke finden, sie fahren zwar nicht mit
Absicht über einen drüber, aber darauf verlassen würde ich mich nicht. Besonders
adrenalinfördernd ist das bei den Mopeds, deren meist jugendliche Fahrer sich
dann ein Spaß daraus machen, kurz vor dem Vorderreifen/Körperkontakt galant um
einen herumzukurven, und zwar so nah, dass man die Augenfarbe seines Gegenüber
erkennen kann.
Straße
überqueren in Teheran ist wie Schwimmen lernen: man muss sich einmal trauen,
dann schnell lernen, und dann geht’s oder man säuft ab. Ich rätsele seitdem, ob
Fußgänger in Teheran, die eine fünfjährige Straßenüberquerung ohne nennenswerte
Blessuren nachweisen können, eine Medaille verliehen bekommen. Ich würde es
begrüßen.
Übrigens
gilt dies alles nur für den Tag. Wie schon erwähnt, nachts tut sich kaum etwas
auf Teherans Straßen. Da kann man auf der Autobahn zelten, es dauert ziemlich
lange, bis man überfahren wird. Der Unterschied ist schon ziemlich
beeindruckend.
Auf der
anschließen Fahrt zum Golestan-Palast bekommt man einen ersten Eindruck von
Teheran am Tage: neben Auto- und
Menschenmassen
besticht die Stadt, die schlappe 13 Mio. Einwohner hat, größtenteils durch
ziemlich herunter gekommene Betonbauten. Unvermeidlich sind die Plakate oder
Graffiti an den Hauswänden, auch wenn es schon wesentlich weniger geworden sein
sollen. Sehr oft sind „Märtyrer“ abgebildet, vom Staat dazu gemachte „Helden des
Krieges“, oft zusammen mit Chomeini. Auch ein Großteil der Straßennamen (die
übrigens in Persisch und Englisch auf den Schildern stehen) wurde nach der
Revolution geändert, viele tragen die Namen von sogenannten schahid, von
im Krieg Gefallenen. Die Teheraner kennen sich mit beiden Namen aus, dem alten
und dem neuen. Will man eine Adresse angeben, so sagt man meist: Frühere
soundso, heutige xy. Oder aber, die etwas zynischere Variante: Frühere soundso,
vorläufige xy. Auch ein Stückchen Widerstand.
Neben den
Plakaten oder Wandmalereien mit bekannten Revolutionsführern oder „Märtyrern“,
die immer eine natürlich unverständliche Botschaft auf Persisch enthalten, gibt
es auch einige völlig unzweideutige Graffiti. Besonders krass wird dies an der
ehemaligen amerikanischen Botschaft deutlich, die nicht weit von unserem Hotel
entfernt liegt, und die man tunlichst nicht fotografieren sollte. Auf der
Außenmauer prangt, so frisch als ob es gestern nachgepinselt worden wäre, der
Schriftsatz: „Chomeini says, The Americans will face a severe defeat“,
anscheinend liebevoll gepflegtes Schriftgut aus der Zeit der Botschaftsbesetzung
1980. Daneben ist die Freiheitsstatue aufgemalt, ihr Kopf ist ein Totenkopf.
Wiederum daneben befindet sich ein Colt in den amerikanischen Nationalfarben.
Und noch so einiges mehr. Aber wie gesagt: solche Graffiti sind selten geworden
in der Stadt.



Sie
werden mehr und mehr abgelöst durch großflächige Werbeplakate. Völlig baff bin
ich, als ich eine Werbetafel der Firma Braun entdecke. Nun gut, ein Rasierer
oder Barttrimmer in einem Land, in dem 99% der Männer Bart tragen, das ist
durchaus zu verstehen. Geworben wird aber unübersehbar für „Braun silk épil“,
das erstaunt dann doch etwas.
Nachdem es tatsächlich
allen Teilnehmern gelungen ist, ohne Verletzungen die Straße zu überqueren, wird
der Bus an der Vorderfront noch mit der Deutschland-Fahne geschmückt, die ein
Teilnehmer spendiert hat. Dies verschafft uns einen anstrengenden Tag, denn wann
immer Passanten oder Autofahrer den Bus mit der Fahne sehen, winken sie wie wild
und natürlich muss zurück gewunken werden. Man könnte meinen, wir wären die
Nationalmannschaft.
Wir
besichtigen den Golestan-Palast. Schon im 17. Jahrhundert war hier ein Park mit
einem Palastgebäude errichtet worden. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die
Anlage zum Stadtpalast der Qadjaren (Herrschergeschlecht bis 1925) ausgebaut.
Heute umfasst der Komplex mehrere
Museen.
Die Außenfassaden sind mit farbigen Fliesen bedeckt, ein offener Saal mit
Holzsäulen birgt einen kunstvoll gestalten Marmorthron. Das Innere dieses Saales
ist vollständig mit Spiegelelementen und verzierten farbigen Gläsern
ausgestattet. Und noch so einiges mehr, eine beeindruckende Anlage.

Anschließend geht es zum Glas- und Keramikmuseum. Die Exponate sind für mich
eigentlich weniger interessant, wohl aber das Gebäude. Es handelt es sich um
eine schicke Villa mit reichhaltigen Verzierungen an der Außenwand, schön
inmitten eines kleinen Parks mit Springbrunnen gelegen, ein ungewöhnlicher
Anblick, so mitten in der Stadt. Im Inneren auf beiden Stockwerken gepflegtes
Parkett, hohe Räume, eine breite Wendeltreppe, die nach oben führt, auf dem
Treppengeländer und an den Wänden reichlich schönes Schnitzwerk. Da man hat man
dem Museum eine nette Hütte gebaut. Hat man aber gar nicht, denn unser
Reiseführer klärt uns auf, dass das Gebäude einst (1920 erbaut) das schlichte
Wohnhaus eines persischen Politikers gewesen ist. Für ein „stinknormales“
Wohnhaus ist es sehr imposant. Auch früher muss man also wohl schon die ein oder
andere Münze mit politischer Tätigkeit verdient haben.
Bevor es
mit dem Bus weitergeht, versuche ich mich erstmals in alleiniger
Straßenüberquerung, und es gelingt. Stolz wie Oskar entere ich sodann einen
kleinen Laden mit Lebensmitteln und allem möglichen Krimskrams, der mit Waren
dermaßen voll gestopft ist, dass im Mittelgang wirklich nur Platz für zwei
Personen bleibt. Dort werden Getränke nachgekauft, und hier findet ein
Mitreisender auch tatsächlich die bereits erwähnte Flasche Jever Fun.
Deutschland ist wirklich überall. Das müsste allerdings nicht sein, denn es soll
grauenvoll geschmeckt haben. Tja, made in Germany steht halt nicht immer für
Qualität.
Nun
fahren wir zum Essen. Das Restaurant liegt in einem Kellergewölbe, kein Spaß für
Leute über 1,80, denn die Decken sind ziemlich niedrig. Am oberirdischen Eingang
wird man zunächst auf eine
Opiumhöhle vorbereitet, denn der „Türsteher“, ein schon ziemlich alter Mann,
verbrennt in einer Keramikschale andauernd rätselhafte Kräuter, die ziemlich
penetrant riechen. Sie scheinen ihre Wirkung allerdings nicht zu verfehlen, denn
er lächelt die ganze Zeit über selig.
Das Essen selbst ist sehr
schmackhaft, aber vor allem reichhaltig, ich glaube, niemand aus der Gruppe hat
es geschafft, alles wegzuputzen, was da auf den Tisch kam. Man beginnt mit der
Vorspeise, es wird Fladenbrot gereicht, welches in unzähligen Varianten im Iran
verbreitet ist und als Vorspeise sehr geschätzt wird. Dazu gibt es eine
Joghurtsauce, die eigentlich auch immer auf dem Tisch steht, und Grünzeug, das
in einer kleinen Schale gereicht wird und mit den Finger gegessen wird. Außerdem
kommt noch ein Teller mit Gurken, Tomaten, Zwiebeln und Ziegenkäse auf den
Tisch. Wenn irgend eine dieser Speisen vom Tisch verschwunden ist, wird sie
kommentarlos ersetzt, was uns zu dem Schluss gelangen lässt, es handele sich
bereits um das Hauptgericht. Weit gefehlt, das kommt eine halbe Stunde später,
als man schon eine erhebliche Lücke im Magen gestopft hat: große ovale Teller
mit Kebab. Iraner lieben Kebab, wenn man beispielsweise in ein Restaurant geht
und ohne Blick auf die Karte fragt: „Was haben Sie denn?“, dann lautet die
Antwort meistens: „Alles!“ Damit sind nicht obskure Speisenkreationen gemeint,
sondern alle Kebabs! Außer dem Schwein natürlich, wird fast jede essbare Tierart
verhackstückt und am Spieß gegrillt. Dies geschieht übrigens über dem offenen
Feuer und nicht an einem Drehspieß, wie man es in Deutschland in der ein oder
anderen Imbissbude besichtigen kann.
Heute gibt es ein Kebab aus
Hackfleisch (bzw. es werden immer zwei Kebabs serviert), dazu gedünstetes Gemüse
(Broccoli, Zucchini, Pilze) und natürlich Reis. Reis ist Grundnahrungsmittel im
Iran, es gibt über 150 verschiedene Sorten und Arten, ihn zu servieren. In
diesem Falle handelt es sich um eine Portion normalen Reis, eine Portion, in die
Butter eingemengt wird und eine Portion, die dem sogenannten Basmati-Reis
ähnelt.
Warum ich das so ausführlich
beschreibe? Nun, zum einen sitzen an den Nachbartischen auch ganz normale
Iraner, die dasselbe bekommen, auch was die Größe der Portionen angeht. Nicht,
dass es heißt, wir würden bevorzugt behandelt. Zum anderen wollte ich mal
verdeutlichen, was man im Iran für umgerechnet knapp 5 € als Mittagessen
bekommt. Mehr kostet es nämlich nicht.
Von jetzt an beginnt die
aktive Spielvorbereitung. In den Bus zurück gekehrt, zeigt das digitale
Thermometer draußen 32°, drinnen 38°. Letzteres wird aber mit vollem Einsatz der
Klimaanlage schon bald nur noch Geschichte sein, die entsprechende Erkältung
gibts kostenlos oben drauf. Es geht nunmehr zum Azadi Grand Hotel, in dem auch
die deutsche Nationalmannschaft logiert. Die Idee ist, am Nachmittag hinter dem
Mannschaftsbus zum Stadion zu fahren, weil dieser sicherlich eine Eskorte
bekommen wird, um zügig durch den Stau zu gelangen. Das Azadi liegt im Norden
Teherans, da, wo es am Fuße der Berge etwas kühler ist und wo die
Bessergestellten wohnen, unter anderem übrigens auch Rainer Zobel, der derzeit
eine der 15 Mannschaften trainiert, die aus Teheran kommen. Der Weg dorthin
führt über die Autobahn immer schön bergauf. Die Verkehrsdichte ist die bereits
oben beschriebene. Und um wieder mit einem gängigen Vorurteil aufzuräumen:
natürlich dürfen Frauen im Iran auch Auto fahren. Die erste sehe ich auch gleich
hinter dem Steuer eines Unfallwagens, vier Autos sind ineinander gefahren, es
ist allerdings nur wenig Blechschaden zu sehen, dafür halten sie ungerührt die
komplette linke Spur besetzt.
Und während man noch darüber
staunt, dass dies tatsächlich der allererste Unfall ist, den man zu Gesicht
bekommt, kracht es an unserer rechten Seite. Da ist uns tatsächlich einer
reingefahren. Das hat gerade noch gefehlt. Natürlich halten wir auf der
Mittelspur an, der Unfallverursacher parkt direkt daneben, sodass es uns
gelingt, anderthalb Spuren zu blockieren. Der Fahrer wird zunächst einmal
bleich, als er die Deutschlandfahne am Bus sieht, und er entschuldigt sich
wortreich. Plötzlich eilt ein Polizist im Laufschritt den Berg hinab, an der
Leitplanke entlang, wo eigentlich ein Seitenstreifen sein sollte, der aber gerne
mal als vierte Spur genutzt wird. Der Mann ist zu Fuß unterwegs und verdächtig
schnell da. Natürlich beginnt dann das übliche große Palaver, wie man es nach
jedem Verkehrsunfall kennt, aber es geht erstaunlich fix, nach 10 Minuten sind
wir wieder unterwegs. Gerade noch rechtzeitig, um großes Kino zu erleben.
Denn neben uns fährt ein
Wagen heran, in dem fünf ziemlich jugendliche Insassen sitzen. Sie sehen die
Deutschland-Fahne, woraufhin sich ein kleiner Stöpsel auf dem Beifahrersitz,
vielleicht 12 Jahre alt, mit Kopf und komplettem Oberkörper aus dem
Seitenfenster hängt und die iranische Flagge präsentiert. Bald geht uns auf, was
sie vorhaben, sie wollen die Fahne tauschen, was natürlich überhaupt nicht in
Betracht kommt. Aber sie lassen nicht locker und verleiten ihren Fahrer zu
tollkühnen Aktionen, um auf sich aufmerksam zu machen. Mal kreuzt er hinter
unserem Heck von der linken auf die rechte Seite und umgekehrt, mal setzt er
sich einfach vor uns, bremst ab, schaltet die Warnblinkanlage an und sorgt für
eine ellenlange Schlange auf unsere Spur, und sein Meisterstück liefert er ab,
als wir die Autobahn an der Ausfahrt verlassen, die uns zum Hotel bringt: er
befindet sich in diesem Moment unglücklicherweise vor uns, was ihn aber nicht im
mindestens stört. Halsbrecherisch dreht er mitten auf der Autobahn einen U-Turn,
schlängelt sich durch die Reihen bremsender und wütend hupender anderer
Fahrzeuge hindurch, hupt fröhlich zurück und kriegt tatsächlich noch die
Ausfahrt, auch wenn er dabei ein Stück über den Rasen fahren muss. Und während
der ganzen Zeit hängt der Beifahrer aus dem Fenster und wedelt mit der Fahne.
Ich glaub, in Deutschland müsste der Fahrer danach noch nicht einmal anfragen,
ob er jemals seinen Führerschein wieder bekommt.
Am Hotel angekommen
(ebenfalls ein Riesenbau mit circa 20 Stockwerken), begeben wir uns in die
Lobby. Hier ist der Teufel los, die Lobby ist überfüllt mit Journalisten,
Security-Leuten, Hotelgästen und jugendlichen Fans, die hoffen, dass die
Mannschaft sich blicken lassen wird. Erstaunlich vor allem eine stattliche
Anzahl junger Mädchen, die sich mit Michael-Ballack-Postern am Eingang
versammeln. In dieser Lobby sitzen wir nun anderthalb Stunden ab, nur um dann zu
erfahren, dass wir doch nicht dem Mannschaftsbus hinterher fahren können und uns
unseren Weg selbst suchen müssen. Diese anderthalb Stunden sind aber keineswegs
langweilig, man kommt mit den Einheimischen ins Gespräch und muss Unmengen von
Fotos von sich machen lassen. Langsam überlege ich, ob ich nicht doch zur
Mannschaft gehöre und es nur vergessen habe. Diese Begeisterung ist schon
erstaunlich.

Ganz viele
Ballackse
Schließlich machen wir uns
auf den Weg zum Stadion. Die Autobahn ist knüppelvoll, was aber nicht daran
liegt, dass die alle zum Spiel wollen. Im Gegenteil, das sind die Wagen, die
nicht zum Stadion fahren. Wir schleichen uns durch und gelangen schließlich zum
Azadi Sports Complex, einer riesigen Anlage mit weitläufigen Parkflächen und
noch der ein oder anderen Halle auf dem Gelände, was sich dadurch erklärt, dass
dieser Sprto-Komplex als Olympia-Stützpunkt dient, in dem sich die Teilnehmer
von so einigen Sportarten gemeinsam auf die Wettkämpfe vorbereiten.
Nachdem plötzlich ein gutes
Hundert jugendlicher Fans auf uns zugestürmt kommen, wohl weil sie denken, dies
sei der Mannschaftsbus, werden wir durch einen separaten Eingang auf einen
Parkplatz gelotst, der sehr nah am Stadion liegt. Der Eingang ist nach noch
nicht einmal zwei Minuten erreicht. Über ihm prangt ein Schild, das verkündet,
dass es sich hierbei um den Eingang für geladene Gäste und die Presse handelt.
Passend dazu steht auf unseren Eintrittskarten „VIP“, was man aber nicht
überbewerten sollte, es bedeutet nur, dass wir in einem separaten Block
untergebracht werden, der von der Lage zum Spielfeld her als Haupttribüne dient.
Ansonsten unterscheidet er sich in keinster Weise von den übrigen Blöcken.
Nach dem Einlass geht es kurz
durch einen Tunnel und dann rechts einige Stufen hinauf, hier erstreckt sich ein
Gang bis zum Tribüneneingang. An diesem Gang liegen links die Toiletten und
rechts zwei Sprecherkabinen, in der einen befindet sich das iranische Fernsehen,
an der Tür der anderen sagt ein Schild „ZDF“, hier halten die Herren Poschmann
und Beckenbauer Hof. Hinter den Kabinen geht es links auf die Tribüne.Ohne die
geringste Kontrolle (außer, dass die Eintrittskarte eingerissen wird) kommen wir
hindurch und betreten das Stadion um 17.30 Uhr, 2 Stunden vor dem Spiel. Mal
sehen, wie es da aussieht.
Das Stadion ist voll. Sehr
voll. Mehr als voll. Laut offiziellen Angaben passen 90 – 100.000 Menschen
hinein, aber man hat schon gehört, dass man heute „ein paar mehr reinlassen“
werde. Offiziell werden es hinterher 110.000 Zuschauer sein. Mindestens. Circa
105.000 davon sind bereits da, zwei Stunden vor dem Spiel. Unfassbar.
Das hat jedoch seinen guten
Grund, wie wir erfahren. Es gab in Teheran nämlich keinen Vorverkauf für das
Spiel. Erst am Spieltag um 12.00 Uhr öffneten die Kassen. Hinzu kommt,
dass der Sportkomplex ein
wenig außerhalb liegt. Da lohnt es sich gar nicht erst, wieder heimzufahren.
Mein Bekannter aus Ratingen, den ich beim Einchecken traf, war am Freitag beim
Abschlusstraining der Mannschaft im Stadion und berichtete, dass Tausende von
Iranern vor dem Stadion gezeltet haben, um am nächsten Tag auch pünktlich an den
Kassen zu sein.
Das Stadion selbst ist
natürlich riesig, die Zuschauer auf der Gegentribüne sehen winzigklein aus, aber
diese vielen kleinen Punkte da drüben geben einen guten Aufschluss darüber, wie
viele Menschen hier schon vor Ort sind. Besonders stolz ist man auf die
nagelneue Anzeigetafel, die heute Premiere hat. Die Firma, die sie installiert
hat, fertigt normalerweise diese Anzeigetafeln für die Börsenplätze, hat noch
nie etwas mit Fußball am Hut gehabt und ist dementsprechend nervös. Aber es
klappt alles, die Anzeigetafel funktioniert ohne Probleme. Während des Spiels
wird sie übrigens die Bilder der ZDF-Fernsehkamera übernehmen, so dass auch
Zuschauer, die weiter weg vom Geschehen sitzen, alles mitbekommen.
Unübersehbar prangen auf dem
Abschluss der Gegengerade auch wieder die überdimensionalen Porträts der
Revolutionsführer Chomeini und Chamenei, die von eigenen Scheinwerfern
angestrahlt werden. Ohne die beiden kommt man hier wirklich nicht aus.
Und während man sich jetzt
darauf vorbereitet, zwei Stunden lang nix oder höchstens irgendwelche Suren aus
dem Koran zu hören, starten die Iraner eine richtig fette Party. Das Flutlicht
wird gedimmt, damit man die Lasershow auf dem Rasen besser erkennen kann.
Dorthin zaubert die Lichtmaschine alle paar Sekunden ein neues Bild oder einen
Schriftzug. „Herzlich willkommen“ steht dann da, oder auch „Welcome“, die
deutsche Flagge wird gezeigt und immer wieder das Motto, unter dem die
Veranstaltung läuft: „Bam is alive!“ Man trotzt der Trauer und der Zerstörung,
und das ist auch gut so. Untermalt wird das Ganze mit – kaum zu glauben, aber
wahr – Techno-Mucke, dass es nur so kracht. Natürlich können sie sich einen
Seitenhieb auf die USA nicht verkneifen, das erste Lied ist eine knüppelharte
Version von Kim Wildes „In Cambodia“, die anderen Lieder kenne ich nicht. Bei
jedem neuen Lied jubeln 100.000 lautstark auf und auch in unserer Umgebung
wippen die ein oder anderen sich im Takt. Hierzu muss man wissen, dass westliche
Musik in weiten Teilen des Landes immer noch als verpönt gilt, Discotheken gibt
es nicht, getanzt wird höchstens mal auf einer Hochzeit, und ich glaube, noch
nicht mal da. Es ist fast schon revolutionär, was hier abläuft. Und wer nun
sagt, dass das alles schön von oben gesteuert ist, der möge versuchen, sich
vorzustellen, dass irgendwelche greisen Ayatollahs eine
100.000-Mann-Techno-Party organisieren. Das wäre so ziemlich dasselbe, als wenn
der Papst öffentlich zur Massenorgie aufrufen würde. Nein, natürlich ist das
genehmigt, aber die Stimmung, die das Volk macht, wird unter Garantie nicht
gerne gesehen. Das Volk kümmert dies jedoch nicht die Bohne.

Der Rest
von Bam...
Nach einem Moment der Ruhe
betritt die deutsche Nationalmannschaft den Rasen. Nein, nicht, weil das Spiel
in Kürze beginnt. Auch nicht, weil sie zum Warmlaufen kommt, dafür ist es noch
viel zu früh. Nein, die Herren betreten in ihren schicken Anzügen den Rasen, um
selbigen in Augenschein zu nehmen.
Ein infernalischer Lärm
bricht los, Jubel, Gesänge, Tröten, Trompeten, Trommeln, alles auf einmal.
Überall tauchen deutsche Fahnen und Fähnchen auf. Da wird auch großzügig
übersehen, dass auf einer der Fahnen noch Hammer und Zirkel prangt. Da hat wohl
irgend jemand irgend jemanden übers Ohr gehauen. Einige Hundert Fans hängen auf
dem Geländer, dass die Blöcke vom Innenraum trennt, sie winken und rufen. Ein
nicht ungefährliches Unterfangen, denn hinter dem Geländer kommt erst einmal ein
kleiner Betongraben, bevor man auf die Laufbahn kommt, die sich um das Spielfeld
zieht. So wie die ausflippen, besteht akute Gefahr, dass jemand in den Graben
stürzt, aber es geht alles gut. All das nur, weil die deutsche Mannschaft mal
eben kurz auf den Platz kommt. Unglaublich.
Wenn dazu eine Anmerkung
erlaubt ist: ich bin beileibe kein Spießer und bevorzuge auch die lässige
Umgangsform. Aber wenn man als Mannschaft anderthalb Stunden vor dem Spiel auf
den Rasen kommt, dermaßen empfangen wird und vor allem weiß, aus welchem Grund
man hier ist, dann könnte man dem Gastgeber eventuell ein wenig Respekt zeigen.
Vielleicht könnte man es sogar schaffen, in den fünf Minuten, die man sich
draußen aufhält, die Hände aus den Taschen zu nehmen. Die deutsche Mannschaft
schafft es leider nicht und macht daher den Eindruck, soeben lässig auf der
Strandpromenade entlang zu spazieren und Ausschau nach dem nächsten Eimer
Sangria zu halten, anstatt dass sie sich auf ein Spiel vorbereitet, das aufgrund
30.000 Toter ausgetragen wird. Schade. Wie gesagt, nur ein kleiner Randaspekt,
ich wollte es aber nicht unerwähnt lassen.
Besonders bejubelt wird
Jürgen Klinsmann, eigentlich erstaunlich, waren es doch er und der heutige
Teammanager Oliver Bierhoff, die beim bislang einzigen Länderspiel beider
Nationen gegen einander, bei der WM 1998 in Frankreich, mit ihren Toren für den
2:0-Sieg der Deutschen und somit für das Ausscheiden der Iraner in der Vorrunde
sorgten. Vergessen und vorbei, als die Kamera Klinsmann filmt und diese
Aufnahmen auf die Anzeigetafel geworfen werden, wird der Jubel fast noch größer.
Er scheint hier nicht nur einige, sondern einige viele Freunde zu haben.
Besonders beliebt ist er bei
den weiblichen Fans. Jawohl, es sind Frauen und Mädchen in unserem Block. Eine
weitere kleine Revolution, denn Frauen ist das Betreten des Fußballstadions
normalerweise untersagt. Da sie Männern in kurzen Hosen in der Öffentlichkeit
nicht begegnen dürfen (deshalb ist Männer das Tragen von kurzen Hosen ja auch
verboten), dürfen sie sie natürlich erst recht nicht in selbigen spielen sehen.
Aber für heute wird eine Ausnahme gemacht und die meisten Frauen, die sich bei
uns im Block befinden, sind zum ersten Mal in ihrem Leben in einem
Fußballstadion. Und auch wenn im Fernsehen davon die Rede ist, dass es sich nur
um „ausgewähltes Publikum“ handelt, nämlich um weibliche Botschaftsangehörige,
die in den verschiedenen Ländervertretungen arbeiten, so habe ich bei den knapp
12-15jährigen Mädels vor mir da doch so meine Zweifel. Aber natürlich sind auch
einige zugegen, die z.B. in Deutschland studieren oder gar wohnen und nur zu
Besuch in der Heimat sind. Eine z.B. schwenkt immer wieder ein kleines
Transparent, auf dem steht: „Teheran grüßt Kölle & D’dorf“. Da wird sogar noch
ein Beitrag zur Völkerverständigung unter Deutschen geleistet!

Aktuelle
Tagespolitik, stilsicher verarbeitet
Weiter geht es mit
Live-Musik, einigen Einspielungen auf der Anzeigetafel sowie irgendwelchen
Erklärungen, die der Stadionsprecher verliest und die kein Mensch versteht. Dann
kommen bereits die iranischen Spieler zum Warmlaufen auf den Rasen und werden
genauso frenetisch begrüßt. So langsam wird es Ernst. Es könnte also nicht
schaden, vorher nochmal aufs Klo zu gehen.
Die Schlange ist entsprechend
lang, da nur vier Toiletten zur Verfügung stehen. Wie die aussehen, nachdem sie
schon seit Stunden von Hunderten von Menschen benutzt worden sind, kann sich
jeder lebhaft vorstellen, zumal öffentlichen Toiletten im Iran auch in halbwegs
sauberem Zustand nicht gerade vertrauenserwckend wirken. Wer jemals an einer
französischen Landstraße auf einer Raststätten-Toilette war, der weiß, wie er
sich öffentliche Toiletten im Iran vorzustellen hat. Aber mich schockt das
nicht, schließlich sieht es in jedem Oberliga-Stadion nahezu gleich aus.
Inklusive Schlange.
Instinktiv habe ich aber die
falsche Zeit gewählt, denn mit einem Ohr höre ich, wie draußen über Lautsprecher
die Stimme des Imams erklingt. Abendgebet, ich meine sogar, vorverlegt, weil es
ansonsten in die Spielzeit fallen würde. Kurz darauf drängen sich etliche Iraner
an uns vorbei in den Raum. Nicht, weil die Inbesitznahme von Toiletten irgend
etwas mit dem Abendgebet zu tun hätte, sondern weil sie für ihre rituellen
Waschungen eben an die Waschbecken müssen. Der letzte Satz ist extra für
diejenigen typisch deutschen Urlauber bestimmt, die sofort wieder eine
Verschwörung wittern und mit den Worten: „Ey, hinten anstellen!“ gegen den Strom
drängen. Mal wieder clever gemacht. An einem deutschen Bollwerk führt halt
selbst auf dem Klo kein Weg vorbei.
Wobei die Iraner bei diesem
Gebet sowieso schon ihre Probleme haben. Denn normalerweise können sie ja auch
die Waschbecken auf der Frauen-Toilette problemlos mitbenutzen, es sind ja nie
weibliche Zuschauer da. Da dies diesmal anders ist, ergibt sich für kurze Zeit
eine gewisse Konfusion, die sich aber genauso schnell wieder legt wie ich es
tagsüber schon auf der Autobahn bewundert habe. So, nachdem dies alles geklärt
ist, können wir vielleicht langsam zum Fußball übergehen.
Beide Teams betreten das
Feld, die Nationalhymnen sollen gespielt werden. Zuvor trägt jedoch ein Sprecher
über Mikro noch eine Sure aus dem Koran vor. Ich habe keine Ahnung,
worum es dabei geht. Dies gilt
für den Rest des Stadions ebenfalls, denn er liest auf arabisch vor, und das hat
nunmal mit Persisch nicht ganz so viel zu tun. Danach erklingt die deutsche
Nationalhymne.
Und hier
muss ich mal kurz auf die Fernsehbilder eingehen, die ich nach der Reise gesehen
habe. Unübersehbar wird in einem Fan-Block der Iraner nämlich während des Liedes
der linke Arm ausgestreckt in den Himmel gehalten. Diese Geste ist natürlich für
jedermann verständlich, selbst ZDF-Reporter Rethy, ansonsten nicht gerade mit
dem Spitznamen „Blitzmerker“ gesegnet, merkt sofort, was los ist und spricht von
„Perversen Auswüchsen“. Wie wahr. Aber war das wirklich der Hitler-Gruß? Ich bin
da etwas unentschieden.
Zum
einen: ja. Es ist ja nicht das erste Land in Nahost oder Nordafrika, in dem das
auffällt. Wer schon mal in Ägypten, Tunesien oder Marokko war, der weiß, was ich
meine. Und je näher man nach Israel gelangt, desto schlimmer wird es. Das kann
man diesen Leuten auch absolut nicht ausreden, schon gar nicht binnen weniger
Tage, sie reagieren da wirklich mit Unverständnis. Deshalb kann es durchaus
sein, dass mit dieser Geste der Hitler-Gruß gemeint war. Ich möchte aber ganz
klar darauf hinweisen, dass wir während unseres gesamten Aufenthaltes und
zahlreichen Gesprächen mit Einheimischen jeden Alters nicht einmal darauf
angesprochen wurden. Ganz im Gegensatz zu den bereits genannten Ländern.
Aber ich
weiß nicht so recht. Die äußerst zahlreiche vertretene Polizei und Security, die
tatsächlich im Trainingsanzug Dienst schieben, juckt das Ganze nicht die Bohne.
Und die müssten eigentlich einschreiten, denn auch die Führung weiß natürlich,
in wieviele Länder dieses Spiel übertragen wird, und man will eigentlich immer
um jeden Preis vermeiden, im Ausland dumm aufzufallen. Wenn diese Geste also
nicht noch irgend etwas anderes bedeuten könnte, von dem wir wiederum nichts
wissen, wäre es eine höchst riskante Aktion für die Leute im Block gewesen, denn
die Polizeikräfte im Stadion sind nicht gerade zimperlich. Ich bekomme selbst
mit, wie während des Spiels vereinzelt Leute aus dem Nachbarblock gezogen und
abgeführt werden, Vergehen unbekannt, und ich sehe auch einen Zuschauer, der
nicht weit entfernt von mir einem Security-Mann die Fotos zeigen muss, die er
mit dem Handy gemacht hat, und auf Geheiß des Trainingsanzug-Trägers einige
davon wieder löschen muss.
Auch
bietet sich der Gedanke an, dass diese Leute vielleicht tatsächlich meinen, dies
wäre der normale offizielle Gruß in Deutschland. Das klingt jetzt natürlich
richtig behämmert und hinterwäldlerisch, ich komme aber darauf, weil mir diese
Frage tatsächlich schon einmal ernsthaft gestellt worden ist, auch wenn es schon
etwas länger her ist. Das Jahr: 1987. Der Ort: Eine High-School in Ames/Iowa, in
den Vereinigten Staaten. Nur mal so zum Nachdenken.
Also, da
uns niemand in den drei Tagen unseres Aufenthaltes auf diese Art und Weise nahe
getreten ist, dürfen letzte Zweifel erlaubt sein, auch wenn ich geneigt bin, der
Sichtweise des Herrn Rethy zuzustimmen.
Die
nächste Demütigung für Deutschland gibt es dann beim Spielbeginn. Pünktlich mit
dem Anpfiff trollen sich die bestimmt einhundert Journalisten, die die
Mannschaften während der Hymnen fotografiert haben – und wandern geschlossen
hinter das deutsche Tor! Das tut weh, zumal der Iran dann auch schon nach elf
Sekunden die erste Ecke herausholt. Da muss sich Klinsis Truppe wohl erst einmal
wieder eine Menge Vertrauen erspielen, bevor die Journaille freiwillig wieder
hinter das gegnerische Tor wechselt, weil sie vermuten, dort bei einem Treffer
hautnah dabei zu sein.

Der Beweis:
janus vor dem Teheraner Abendhimmel
Oder sollte
es doch Freialdenhoven sein?
Die
deutsche Nationalmannschaft erkennt auch sofort den Ernst der Lage und schießt
in bester Eigenwerbung nach vier Minuten das 1:0 durch Fabian Ernst. Da ist es
auf den Rängen erst mal still. Für circa 20 Sekunden. Dann geht es wieder von
vorne los. Die interessiert das anscheinend überhaupt nicht. Ebenso wenig wie
die iranischen Spieler, die jetzt loslegen wie die Feuerwehr. Da Deutschland
munter dagegen hält, wird es eine abwechslungsreiche erste Halbzeit. Mein Mann
des Spiels: Karimi. Den kannte ich vorher nicht, wie auch, der spielt bei Al
Ahli Dubai, und da komme ich eher selten vorbei. Außerdem ist dieses Emirat auch
trotz des wiederholten unsinnigen Kanal-Killens meines Kabelbetreibers ish
während meines Urlaubs noch immer nicht auf meinem Fernseher präsent. Vielleicht
ein Fehler, wie sich schnell heraus stellt. Vor dem Spiel wurde noch mitleidig
gelächelt, als der Mann als „Asiens Maradona“ betitelt wurde. Nach der ersten
Halbzeit könnte man glatt sagen, es wurde ein wenig untertrieben. Was der mit
dem Ball und seinen Gegenspielern zeitweise macht, treibt dem deutschen Fan
abwechselnd Freuden- oder Wuttränen in die Augen. Mehrere Male lässt er seine
jungen Gegenspieler so richtig alt aussehen, und wir haben Glück, dass auch er
das große Manko aller Fummelkünstler hat: zumeist spielt der sich mit voller
Absicht noch selbst drei Knoten in die Beine, nachdem er drei Gegenspieler
ausgetanzt hat, bevor er freiwillig den Ball abgibt oder einen finalen Pass
schlägt. Aber trotzdem ganz großer Sport, den der Mann da zeitweise zelebriert.
Hüben wie
drüben gibt es gute Chancen, beide Abwehrreihen sind manchmal nicht allzu
sattelfest, die Torhüter müssen eingreifen. Und insbesondere Jens Lehmann zeigt
eine Parade nach der anderen und ist auch als mitspielender Torwart hinter der
Abwehr stets im Bilde. Eine tadellose Leistung, die den Kampf um die Nr. 1 im
deutschen Tor wieder spannend macht. Der gute Sepp Maier lehnt übrigens
Luftlinie zwanzig Meter von mir entfernt an der Seite der Trainerbank und
verfolgt das Ganze regungslos. Er ahnt wohl schon, dass dies sein letzter
Auftritt als Bundestorwarttrainer sein wird. Und das ist auch gut so. Selbiges
würde ich auch schreiben, wenn Maier Liga-Torwarttrainer bei Arsenal wäre und
Olli Kahn regelmäßig verbal bescheinigen würde, eh keine Chance zu haben. So
einer geht gar nicht. Und dass Uli Hoeneß sich beeilen wird, nach Sepps
Demission und der Installierung von Andy Köpke dem Klinsmann „Vetternwirtschaft“
vorzuwerfen, zeigt nur, welch schlechte Verlierer die Bayern sind, wenn jemand
anders ihre Methoden kopiert.
Während
der ersten Halbzeit gibt es übrigens ein wenig Unruhe in unserem und im
Nachbarblock. Es fliegen Gegenstände hin und her. Nanu, bin ich hier doch in der
Oberliga? Aber nachdem so ein Teil in meiner Nähe gelandet ist, klärt sich das:
es sind Tüten mit Bonbons, die jeweils von den Blockseiten mittels ungezielten
Wurfs unters Volk gebracht werden. Na, da brauch ich wenigstens das Snack-Paket
nicht anzugreifen, das wir vor dem Spiel noch bekommen haben. Es besteht aus
einem Beutel Pistazien, einer kleinen Tüte O-Saft sowie einem Gebäckstück. Mutet
alles etwas nach Kino-Vergnügen an, ist allerdings gut gedacht, denn ich habe
auf und vor der Tribüne nicht einen einzigen Verpflegungsstand gesehen. Da muss
man sich anscheinend selbst etwas mitbringen. Leider gilt dies auch für diverse
Fan-Devotionalien, es gibt keine Freundschaftsschals oder Ähnliches zu kaufen.
Schade.
In der
zweiten Halbzeit ist das Spiel schnell entschieden, prima Angriff über rechts,
Görlitz setzt sich durch und flankt in die Mitte und dort steht völlig frei
Thomas Brdaric. Der bekommt den Ball so maßgerecht auf den Kopf serviert, dass
er ausnahmsweise darauf verzichtet, sich erst fallen zu lassen und einen Elfer
zu schinden, sondern die Kugel direkt versenkt. Ja, der Mann ist lernfähig, das
muss Hoffnung machen!
Jetzt
wird es merklich ruhiger im Stadion, zumal beide Trainer, wie angekündigt, durch
zahlreiche Auswechslungen den Spielfluss mal so richtig zerstören. Aber alle
sollen an diesem Erlebnis teilhaben, und das ist auch gut so.
Mit
diesen Einwechslungen beginnt auch die ungewollte Demütigung des
Stadionsprechers. Der hat sich bisher geschickt und auch gut durch die Nennung
der deutschen Spielernamen laviert, selbst „Brdaric“ hat er verständlich
hinbekommen. Jetzt gibt Klinsi ihm den Rest. „Asamoah“ schafft er noch, „Hitzlsperger“
ist schon nur noch zu erkennen, wenn man den Spieler selbst kennt und weiß, was
kommt. Bei „Podolski“ und „Borowski“ bricht seine Stimme, bei „Mertesacker“ und
„Schweinsteiger“ gibt er dann auf. Ein Glück, dass die WM
2006 im eigenen Land statt findet!
Da sich
nach dem 2:0 nicht mehr allzu viel auf dem Rasen tut, wird die einheimische
Fan-Szene begutachtet. Und das lohnt sich. Sie haben auch einen Einpeitscher,
allerdings ohne Megaphon. Der Herr ist kein Jahr jünger als 50 und wechselt
ständig zwischen unserem und dem Nachbarblock. Er stellt sich jeweils auf das
Geländer ganz unten am Block und zieht die Stimmungskanone, sprich eine kleine
Karnevalströte. Damit gibt er kurz die Melodie vor und der ganze Block antwortet
vielstimmig (dem Schalker Fan vielleicht vergleichbar mit ihrem bekannten „Attacke!“-Trompeter).
Der Mann
zeigt vollen Einsatz, und er hat auch jemanden mitgebracht, der die große
Trommel beschlägt, die neben ihm auf dem Geländer auftaucht. Damit das auch
klappt, hat der sich ebenfalls jemanden mitgebracht, nämlich so einen armen
Zwangsverpflichteten, der die Trommel halten muss. Der hat nix zu lachen,
schwankt er doch bei den Hammerschlägen seines Kollegen verzweifelt hin und her,
um die Trommel trotz der Wucht des Anpralls weiter hoch zu halten, was ihm des
öfteren nicht gelingt und ihm regelmäßig einen Anpfiff des Trommlers einbringt.
Der wiederum liegt sich ebenso regelmäßig mit dem Kapo in den Haaren, welcher
Anfeuerungsruf als nächstes eingeläutet werden soll, was immer in wilde
Diskussionen zwischen den beiden ausartet. Aber natürlich werden auch sie sich
stets einig, und so ist der Support aus diesen beiden Blöcken vielleicht nicht
als „durchgängig“, nichtsdestotrotz aber als „gut“ zu bezeichnen.
Auch der
Iraner ist ja ein ganz normaler Fußball-Fan. Deshalb beginnen die Ränge, sich
kurz vor Schluss in atemberaubenden Tempo zu leeren. Den Schlusspfiff erlebt
vielleicht noch die Hälfte des Publikums im Stadion. Aber bezogen auf dieses
Stadion, heißt dies, dass immer noch 55.000 Zuschauer dabei sind und Stimmung
machen.
Abschließend kann man sagen: ein gutes Spiel von beiden Seiten, insbesondere in
der ersten Halbzeit, ein verdienter Sieg für Deutschland, eine fantastische
Stimmung im Stadion. Doch, ich glaube, ich hätte ihnen ein Törchen gegönnt. Aber
mehr nicht. Denn wenn der Iran dieses Spiel gewonnen hätte, ich weiß nicht, was
dann passiert wäre. Massenhysterie mit anschließender Panik lässt sich sehr
leicht auslösen, und es war auf den Zuschauerrängen dermaßen eng, dass man sich
lieber nicht vorstellt, wie es dann ausgesehen hätte. Aber so sind eigentlich
alle zufrieden, denn auch die Iraner können stolz auf die Leistung ihrer
Mannschaft sein, die richtig gut dagegen gehalten hat.
Etwas
gallig bin ich hingegen auf die deutsche
Mannschaft,
die sich direkt nach dem Abpfiff grußlos zurück zieht. Nicht, dass es mir
normalerweise sonderlich wichtig wäre, wenn die Herren mal in den Block winken
würden, aber wer insgesamt fast 8.000 km zurück legt, um die Truppe in einem
Freundschaftsspiel zu unterstützen, dem könnte man schon wenigstens ein Lächeln
gönnen, zumal sich der Kabinengang direkt unterhalb der Haupttribüne befindet.
Aber wahrscheinlich mussten die alle ihren Flieger kriegen. Dann halt nicht.
Würde mich interessieren, ob die überhaupt gewusst haben, dass Leute aus
Deutschland mitgereist sind.
So, nun
zurück zum Bus. Dies ist leichter gesagt als getan. Als wir aus dem Stadion auf
den großen Vorplatz treten, hat die Polizei eine Art Spalier gebildet, durch das
wir hindurch müssen. Man kommt sich vor wie bei den Film-Festspielen in Cannes.
Hinter der Polizei eine ganze Menge Jugendliche, die krakeelen, was das Zeug
hält. Nanu, sollten die das doch nicht so leicht genommen haben?
Aber der
Grund ist ein anderer, wie ich kurz darauf feststelle. Nachdem wir das Ende der
Polizeisperre erreicht haben, müssen wir ein Stück über den Rasen zum Parkplatz
marschieren und dort stehen circa 50 Jugendliche vor unserem Bus und warten auf
uns. Die wollen uns aber nicht umhauen, sondern sind ganz scharf auf
Deutschland-Fahnen, Trikots etc. Alles wollen sie tauschen, das war schon vorher
der Fall, ich hätte an diesem Abend ungefähr zehn iranischen Fahnen mein Eigen
nennen können. Ich ziehe erst mal schnell mein Hemd wieder an, weil ich das
Trikot sonst unter Garantie los bin. Es kommt zu einigen tumultartigen Szenen
vor dem Bus. Aber: niemand hindert uns am Einsteigen, und auch die
Deutschland-Fahne, die immer noch vorn an der Kühlerhaube hängt und leichte
Beute wäre, wird nicht angefasst. Als alle im Bus sitzen und man eigentlich
abfahren könnte, stehen die Jugendlichen noch immer davor und feiern. Der Platz
muss erst von der Polizei frei geräumt werden, damit wir abfahren können. Man
kommt sich vor wie im Film. Kein Wunder, dass der Mannschaftsbus nur unter
Eskorte das Stadion verlassen kann.
Wir
benötigen sodann gepflegte zwei Stunden bis zum Hotel, weil auf der Autobahn nix
mehr geht. Verkehrskollaps wäre der treffende Ausdruck. Überall singende und
winkende Menschen, Fahnen werden geschwenkt, Tröten erklingen. Ich beschließe,
mich im Hotel davon zu vergewissern, dass der Iran nicht zufällig in einer
anderen Sportart heute Weltmeister geworden ist, anders ist das kaum zu
erklären. Die Leute laufen auf der Autobahn herum, kurven um die dahin
schleichenden Autos und feiern, was das Zeug hält. Klar, dass da auf der Straße
nix mehr geht.
Demzufolge sind wir auch erst um Mitternacht im Hotel. Die beste Zeit, um Herrn
Ruppert aus Bonn meine Eindrücke vom Spiel mitzuteilen, aber der Operator ist
diesmal fit und verbindet mich mit der richtigen Nummer. Ich telefoniere 10
Minuten, Kostenpunkt: 140.000 Rial, knapp dreizehn Euro. Billiger als von Färöer
oder Island. Und nachdem man sich noch ein wenig im anscheinend stets geöffneten
Speisesaal des Hotels aufgehalten hat, in dem auch um diese Uhrzeit noch Speisen
und Getränke serviert werden, geht’s dann auch in die Koje. Ich verzichte
darauf, den Fernseher anzuschalten. Es läuft sowieso auf jedem Sender Fußball.
Sonntag, 10.10.2004
Heute
soll noch einmal Teheran erkundet werden. Zunächst aber eine aufregende Nummer
im Programm: der Rückflug muss bestätigt werden. Dies muss man persönlich bei
einer Agentur der Iran Air in der Stadt machen, unter Vorlage aller Pässe und
aller Flugtickets. Schön, dass unserem Reiseleiter das noch rechtzeitig
einfällt. Weniger schön, dass es ihm erst einfällt, als wir bereits heil die
Straße überquert haben und im Bus sitzen. Also alle Mann wieder raus, wieder
über die Straße ins Hotel, Tickets holen und noch mal über die Straße. Es
gelingt tatsächlich ohne Verluste, dauert aber natürlich ein bisschen.
Nachdem
wir in der Agentur den Rückflug bestätigt haben, geht es weiter in den Norden
Teherans ins Alborz-Gebirge. Tapfer quält sich der Bus über Serpentinen hinauf
zum Parkplatz, von dort aus soll uns eine Seilbahn zur Aussichtstation auf über
3.500 Meter Höhe tragen, von wo aus ein überwältigender Blick über Teheran
möglich sein soll.
Allerdings nicht für uns. Kaum angekommen, teilt man uns mit, die Seilbahn sei
gesperrt, da es in der Woche zuvor ein kleines Problem gegeben habe. Dies mutet
merkwürdig an, da das Programm doch schon einige Zeit vorher feststand und man
uns darüber hätte informieren können. Andererseits, bei der Informationspolitik,
die der Staat hier zuweilen an den Tag legt, kann es natürlich auch sein, dass
der „kleine Zwischenfall“ in der Vorwoche 25 Tote waren. Mir persönlich macht
die Absage nicht viel aus, bin eh kein begeisterter Seilbahn-Fahrer und die
Aussicht über Teheran ist auch vom Parkplatz aus beeindruckend, inklusive
Dunstglocke. Im Winter kommen die Teheraner übrigens hier hinauf, um mit der
Seilbahn zum Skilaufen nach oben zu fahren. Merkwürdiges Klima.
Aber
jetzt kommen uns doch langsam Zweifel, ob das Ganze nicht vielleicht doch von
„höchster Stelle“ befohlen wurde. Denn die Fahrt geht weiter zum Niavaran-Park.
Dieser wurde von Nasreddin Shah im 19. Jhd. Errichtet und enthält neben dessen
Palast „Sahebqaraniye“ mit einem kleinen Museum auch einen Pavillon des letzten
Qadjarenherrschers Ahmad Shah (1911-1925). Beide sollen ebenfalls besichtigt
werden, bei beiden ist es ebenfalls nicht möglich, angeblich aufgrund von
Bauarbeiten. Was heißt „angeblich“, die Bauarbeiten sind durch die geöffneten
Türen gut zu erkennen. Ebenfalls gut zu erkennen ist allerdings auch, dass sie
nicht erst seit gestern durchgeführt werden. Wieder keine Information vorab.
Merkwürdig. Immerhin, den neuen Palast, den die Pahlavis dort errichten ließen,
dürfen wir besichtigen, und auch dies lohnt sich, ein Raum neben dem anderen,
sehr viele Zimmer, komplett mit Küche, Bar, Badezimmer, Schlafzimmer und, man
glaubt es kaum. Zahnarzt-Zimmer, direkt neben dem Konferenzsaal. Da gabs früher
für die Minister wirklich keine Ausreden mehr. Auch sehr interessant das
Wartezimmer der Botschafter, ein Raum mit schweren samtüberzogenen Möbeln, in
denen die Diplomaten warten mussten, bis der jeweilige Schah sie nebenan
empfing. Auf den Tischen stehen noch Bilder einiger Herren, die einst in diesem
Zimmer gewartet haben. Ja, auch Hitler und Stalin mussten sich hier schon den
Arsch platt sitzen, ebenso ein Herr Mao tse-tung und vielleicht hat der
Chruschtschow, der etwas grimmig auf dem Foto guckt, hier auch schon vor lauter
Langeweile seinen Schuh ausgezogen und damit auf den Tisch gehauen wie einst in
der UNO.
Da wir
zeitlich etwas in Verzug sind, wird das Programm nun kurzerhand geändert. Wenn
man uns nirgendwo reinlassen will, dann gucken wir uns halt selbst was an. So
wird nach dem wieder äußerst üppigen und wohl schmeckenden Mittagessen in einem
Restaurant, welches von außen sehr schön aufgemacht ist, innen aber mit den
schmucklosen, aneinander gestellten Tischen einen gewissen Kantinen-Charme
verbreitet, einfach der Süden Teherans angesteuert. Der Teheraner Bazar, einer
der größten, des Nahen und Mittleren Ostens, bildete im 19. Jhd. das Zentrum der
Stadt. Noch heute ist er einer der wirtschaftlichen Schwerpunkte der Stadt, wenn
er auch nicht mehr zur Versorgung der 13 Mio. Einwohner ausreicht. Die
überwiegend konservativen Bazaris, die an der Organisierung der Islamischen
Revolution entscheidenden Anteil hatten, bilden noch heute eine wichtige Stütze
der Herrschaft und verfügen über maßgeblichen politischen Einfluss.
Dementsprechend werden hier besonders viele tief verschleierte Frauen gesichtet
und Ausländer werden zumeist erst einmal argwöhnisch angeschaut, zumal es sich
nicht um einen Touristenbazar handelt. In den ausgedehnten Haupt- und
Nebengassen des (überdachten) Bazars findet man alles, was im Iran hergestellt
oder importiert wird. Einmal die Treppe hinunter in die erste Gasse, zweimal
links, einmal rechts abgebogen, und schon habe ich mich verlaufen. Zu verwirrend
sind die ganzen Läden und Handwerksbetriebe rechts und links, die irgendwie alle
gleich aussehen, zu groß ist der Lärm der Menschen. Da bin ich fast froh, dass
eine Gasse am Eingangsportal der heutigen Masdjed-e Imam Chomeini endet,
ursprünglich im 19. Jhd. Von Fath Ali Shah als „Königsmoschee“ erbaut. Über das
mit Fliesen geschmückte Portal erreicht man den im Freien liegenden Innenhof mit
dem Wasserbecken im Zentrum. Vor dem überkuppelten Gebetssaal baut sich unser
Fremdenführer auf und erklärt, was Sache ist. Der ein oder andere macht ein
Foto. Sofort sind zwei junge
Männer
in Zivil da und erklären, dass hier nicht fotografiert werden darf. Da wird es
mir doch ein wenig anders, zumal die Menge der Leute um uns herum in den
nächsten Minuten doch anwächst, was unseren Fremdenführer allerdings nicht aus
der Ruhe bringt. Vielleicht merkt er auch gar nicht, dass sich mittlerweile zehn
bis zwölf Leute um uns versammelt haben, einige Neugierige, aber auch einige,
die nun gar nicht fröhlich schauen. Zum Glück können wir nach knapp fünfzehn
Minuten unbehelligt abziehen. Ob das auch als einzelner Tourist der Fall gewesen
wäre, vermag ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls sollte man als Tourist diesen
Bazar, so faszinierend er auch ist, möglichst nicht ganz alleine aufsuchen.
Am
Ausgang des Bazars stellen wir übrigens noch fest, dass es im Iran wohl einen
geheimen Markt für Stempel geben muss, gleich drei Stände nebeneinander bieten
sie in allen Größen und mit allen Aufschriften feil. Da wiederum fühle ich mich
fast wie zuhause. Am Stand nebenan gibt es dann unfassbarerweise noch Tresore in
ebenso allen Größen und für alle Lebenslagen zu kaufen. Es gibt hier wirklich
nichts, was es nicht gibt. Würde mich nur interessieren, ob im Preis auch eine
Frei-Haus-Lieferung inbegriffen ist, ich wüsste nämlich nicht, wie man die
größten Exemplare von hier überhaupt hinauf auf die Straße, geschweige denn nach
Hause schaffen sollte.

Weiter
geht die Fahrt zum Azadi Monument, dem wohl beeindruckendsten Bau der Stadt.
Inmitten eines großen, begrünten Platzes erhebt sich dieses 45 Meter hohe
Wahrzeichen der Stadt. Erbaut im Jahre 1971 anlässlich der 2.500-Jahr-Feier der
iranischen Monarchie vereint es die Elemente der altpersischen Architektur mit
moderner Stahlbauweise. Das Zentrum des Turms durchbricht ein mehr als 20
Meter hoher Bogen nach
sasanidischem Muster, ausgelegt mit 25.000 farbig glasierten Steinen nach dem
Vorbild der islamischen Moscheen. Im oberen Teil des Monuments befinden sich ein
Restaurant und eine Aussichtsplattform, beides natürlich nicht zu besichtigen,
es wird gerade renoviert. Na klar. Aber das Monument
ist auch von außen bereits beeindruckend genug. Insbesondere, was den Hin- und
Rückweg anbetrifft.
Dazu muss
man wissen, dass das Monument praktisch eine riesige Verkehrsinsel darstellt, um
die ein Kreisverkehr läuft, dem Kenner von Paris durchaus vom Standort des Arc
de Triomphe vertraut. Auch dieser Kreisverkehr rund ums Monument verfügt über
keinerlei Fahrstreifen, sodass die Fahrspuren je nach Lust und Laune sowie
Verkehrsaufkommen zwischen vier und neun variiert. Da muss man rüber, es führt
kein Weg daran vorbei, allerdings auch keine Fußgänger-Ampel zum Monument. Der
Hinweg kann noch dahin gehend gemeistert werden, dass die einzige vorhandene
Unterführung genutzt wird. Als wir jedoch den Rückweg antreten wollen, stellen
wir fest, dass der Bus auf der gegenüber liegenden Seite der Anlage (und
natürlich mitten im Kreisverkehr) parkt. Dort muss man über die Straße, es gibt
keine andere Möglichkeit.
Das
Problem wird atemberaubend gelöst, indem 25
Mann
eine Kette von rechts nach links bilden, ganz rechts außen, und somit erster
Mann an der Front, der Reiseführer. Ganz links außen die Feiglinge, die hoffen,
dass sich die Druckwelle des rechts zu erwartenden Anpralls nicht bis nach
hinten fortpflanzt, sondern das entsprechende Auto bis dahin zum Stillstand
gekommen ist. Sodann hebt der Reiseführer rechts majestätisch die Hand und die
ganze Gruppe läuft gleichzeitig in einer langen Linie los. Und es gelingt! Wir
überqueren die Fahrspuren (zu diesem Zeitpunkt sind es sieben, glaube ich) mit
25 Mann gleichzeitig und unverletzt. Sie wissen also doch, wo die Bremse ist.
Und vielleicht war das ja auch ein neuer Rekord für’s Guinness-Buch.
Und wenn
der Bazar das alte, „traditionelle“ Teheran war, dann nehmen wir zum Abschluss
als Kontrast doch gleich das neue, „moderne“ mit: ein letzter Ritt quer durch
die Stadt zum Golestan Shopping-Center. Mittlerweile ist es dunkel geworden, was
aber die Reize des hell erleuchteten Shopping-Centers so richtig zu Geltung
bringt. Hier ist unter einem Dach auf zwei Stockwerken so ziemlich alles
untergebracht, was auch wir in einem Shopping-Center vermuten: Parfümerien,
Modegeschäfte, Elektronik, Juweliere, Teppichhändler, Schuhgeschäfte, teilweise
mit sehr moderaten Preisen. Die zumeist jungen Besucher des Shopping-Centers
kriegen dann auch gleich etwas geboten, denn kaum sind wir angekommen, sagt
unser Reiseführer: „Wer mal aufs Klo muss, folgt mir“, unter der komplette Tross
setzt sich in Bewegung, da die Fahrt quer durch die Stadt doch wieder etwas
länger gedauert hat. Ein schöner Anblick, möchte ich wetten, eine Glucke, die
ihre 25 Küken aufs Klo führt.
Nachdem
anschließend ein wenig der Kauflust gefrönt wurde, entdecken ein Mitfahrer und
ich neben dem Shopping-Center noch etwas Ungeheuerliches: neben einigen anderen
Imbissen steht hier auch eine Bude, die verdächtig nach einer McDonald’s-Kopie
aussieht, wenn auch mit deutlich geringerem Angebot, dafür aber variabler, es
gibt zum Beispiel auch Pizza. Das will natürlich sofort getestet werden. Die
Verständigung ist zwar etwas schwierig, weil die Bedienung selbst die englische
„Speisekarte“ nicht versteht, aber es gelingt dann doch, einen Hamburger zu
bestellen. Und da es in diesem Land anscheinend immer etwas zu überwachen gibt,
tippt der eine die Bestellung in die Kasse ein und nimmt das Geld, reicht den
Kassenbon dann aber an jemand anderen weiter, der die gewünschten Speisen abholt
und an einem anderen Tresen ausgibt. Dies dauert ein wenig, und damit man sich
nicht langweilt, bekommt man zwei Aufpasser in Latzhosen an die Seite gestellt,
die darauf achten, dass man sich nicht vorzeitig entfernt. Könnte denen doch
egal sein, schließlich haben wir ja schon bezahlt. Merkwürdig.
Die
Hamburger sind schließlich da und äußerst genießbar, sie sind größer als in
Deutschland und auch mit mehr Belag. Vom Preis für umgerechnet einen knappen
Euro wollen wir da gar nicht erst sprechen. Etwas gewöhnungsbedürftig ist
allerdings die Krautauflage, die, wie nahezu jedes Kraut im Iran, zuvor in Essig
sauer eingelegt war, aber das gibt dem Ganzen sogar einen gewissen Pfiff. Hätten
wir also auch das erledigt.
Zurück am
Bus erfahren wir dann noch, dass einer unserer Mitstreiter tatsächlich von einem
Iraner nach dem Weg befragt wurde. Das nenn ich Integration! Anschließend geht
es zurück zum Hotel, Sachen packen. Schließlich ist am nächsten Morgen um 4.45
Uhr Abfahrt zum Flughafen. So setzt man sich nur noch ein wenig in den wieder
mal geöffneten Speisesaal, um den Tag Revue passieren zu lassen.
Aber es
ist noch nicht zu spät für ein abschließendes Highlight! Als ich nämlich später
auf dem Zimmer noch einmal den Fernseher einschalte, sehe ich – „Küstenwache“!
Diese ZDF-Serie läuft dort, auf Persisch synchronisiert. Köstlicher Spaß, im
Iran anscheinend ein Quotenfänger. Die Welt ist ein Dorf.
Montag – 11.10.2004 –
Nachdem
wir mitten in der Nacht zum Flughafen gekarrt werden, stellen wir fest, dass wir
nicht die Ersten sind. Ein Flug nach Istanbul checkt bereits ein. Aber da ist
man flexibel, auch wir dürfen uns in die Schlange stellen und einchecken. Wenn
das mal gut geht...wir sorgen dann noch für ein wenig Verwirrung, als drei
Leute, die nach der Landung in Frankfurt ebenfalls mit dem Flieger nach Berlin
weiter reisen wollen, ihr Gepäck sofort bis zur Bundeshauptstadt durchchecken
wollen. Minutenlange Diskussionen sind die Folge. Beim ersten klappt es noch,
allerdings erscheint ein Aufkleber mit einer falschen Flugnummer von Frankfurt
nach Berlin auf dem Koffer. Bei den beiden anderen streikt dann der Computer.
Vielleicht hat auch der Angestellte hinterm Tresen keine Lust mehr, er wirkt
nämlich etwas angespannt. Leute, die nach Frankfurt fliegen, aber für Istanbul
einchecken und dann noch weiter nach Berlin wollen! Das ist des Guten dann doch
zuviel.
Eine
weitere müßige Dreiviertelstunde verbringen wir vor der Passkontrolle, die
genauso schleppend abläuft wie bei der Einreise. Andererseits wird das Gepäck
nur durchleuchtet, nicht kontrolliert. Ja, hätte man das gewusst...
Im
Wartesaal vor den Abflug-Gates (mit Teppich und Sofa!) befindet sich auch der
Duty-free Shop. Und auch hier wieder dasselbe Spiel: wenn man sich etwas
ausgesucht hat, geht man zur entsprechende Kasse. Dort wird es entgegen
genommen, nach dem Namen gefragt und die Bestellung in den Computer getippt.
Dann darf man circa fünf Meter weiter an den nächsten Schalter. Dort sind die
Daten inzwischen angekommen. Der Verkäufer druckt eine DIN-A4-große Quittung
aus, man bezahlt bei ihm, und geht mit der Quittung wieder zurück zur Kasse, wo
die Verkäuferin den Beleg abzeichnet und die Ware aushändigt. Jaja, warum so
einfach, wenn’s auch kompliziert geht...Immerhin erstehe ich dadurch noch eine
Stange original-amerikanischer Camel-Zigaretten für umgerechnet sechs Euro. Also
die Stange, nicht die Packung, meine ich.
Der
anschließende Flug verläuft dann reibungslos, kein Wunder, wurde doch vor den
Sicherheitshinweisen auf den
Monitoren
wieder die beschwörende Stimme eingesetzt, die um einen guten Flug bittet. In
diesem Fall sogar zu gut, denn um 11.30 Uhr deutscher Zeit erscheint die Skyline
von Frankfurt unter uns, obwohl die Ankunft erst für Punkt 12 Uhr angekündigt
ist. Und was dann passiert, das kennt jeder, der in unserem Land wohnt: der
Flieger muss bis zur pünktlichen Ankunftszeit zwischen Frankfurt und Nürnberg
große Kreise ziehen, landet dann fast pünktlich, leider mit sechs anderen
Maschinen gleichzeitig. Daraufhin stehen wir noch einige Zeit auf dem Rollfeld,
bis man uns endlich eine Parkposition zuweisen kann. Die ist allerdings
lustigerweise an einem Abflug-Gate, sodass wir endlos zur Gepäck-Ausgabe laufen
müssen. Die dauert dann noch einmal so lange, es kommt und kommt nix, wir fragen
uns schon, wie lange es dauert, das Gepäck aus Istanbul wieder zu bekommen. Dann
erscheint das Gepäck doch noch. Des Rätsels Lösung: wir waren natürlich
dummerweise in der Mittagspause gelandet, es standen nur zwei Leute und ein
Gepäckwagen zur Verfügung, der Weg vom Flieger zur Gepäckanlieferung war
entsprechend weit und musste mehrfach bewältigt werden, und da wir die ersten
waren, die in Teheran eingecheckt haben, waren unsere Koffer auch die letzten,
die wieder rauskamen. So kann man dann noch ein launiges Stündchen auf dem
Frankfurter Flughafen verbringen.
Sieben
Leute hatten die anschließende Weiterfahrt mit einem Zug vom Frankfurter
Fernbahnhof unter dem Flughafen gebucht. Einer bekommt ihn auch. Der eine bin
ich. Vorausschauend und mit der gewissen Erfahrung, was deutsche Verkehrsmittel
angeht, habe ich nämlich erst für den Zug um 13.58 Uhr reserviert. Alle anderen
wollten wegen der planmäßigen Landung um 12.00 Uhr frühere Züge nehmen und
verpassten diese aufgrund der Lande- und Gepäckposse. Das ist wie auf dem Platz:
manchmal entscheidet die Routine.
Und somit
endet diese Reise. Sie war sehr beeindruckend, auch wenn man natürlich in
knappen drei Tagen keinen vollständigen Eindruck gewinnt. Es ist dort bei weitem
nicht alles Gold, was glänzt. Aber meiner Meinung nach läuft dem theokratischen
Staatsmodell im Iran die Zeit davon: ihm ist die Gesellschaft abhanden gekommen.
70 % der Bevölkerung des Iran sind unter 25 Jahre, und diese Leute wollen eine
Veränderung. Innerhalb zweier Jahrzehnte waren die Iraner einer wohl
einzigartigen Massierung historischer Ereignisse und Veränderungen ausgesetzt:
einer Revolution, die zur vollkommenen Umkehr der politischen, sozialen und
gesellschaftlichen Verhältnisse und Wertvorstellungen führte; einem Krieg, der
länger dauerte als der Zweite Weltkrieg, mit beinahe einer Million Toten auf
iranischer Seite; Naturkatastrophen nahezu apokalyptischen Ausmaßes wie die
Erdbeben von 1990 und 2003; einer Wirtschaftskrise, die weite Teile der
Bevölkerung in ihrer Existenz bedroht; einem Flüchtlingsstrom ins Ausland, der
den Iran intellektuell beinahe ruinierte und nicht zu vergessen der umgekehrte
Flüchtlingsstrom von Afghanen nach dem Iran, der das Land zu einem der Staaten
mit den meisten Flüchtlingen der Welt gemacht hat. Irgendwann ist es mal gut.
Praktisch jede Familie hat Märtyrer zu beklagen, Märtyrer des Krieges, Märtyrer
des Widerstands gegen das revolutionäre Regime, Märtyrer des Kampfes gegen die
Konterrevolution. Und wofür das alles? Die wenigsten können es heute noch
beantworten. Aber wer sich die geschminkten Mädels im Shopping-Center anschaut,
bei denen das Kopftuch ziemlich weit hinten sitzt, und ihre Freunde mit den
Trendfrisuren, die die neueste
Mode spazieren tragen, der weiß, wohin die
Reise geht. Auch wenn es noch einige Zeit dauern wird, und auf dem Land
sicherlich noch länger als in der Großstadt, die Veränderungen werden kommen. Man
kann einem Volk nicht auf Dauer etwas aufzwingen, wenn es wirklich nicht mehr
will (im Gegensatz zu den 80er Jahren, als Chomeini und „sein“ Staat einen sehr
großen Rückhalt in der Bevölkerung genossen).
Abschließend möchte ich noch Bela Rethy zitieren. Das mache ich normalerweise
nicht, denn der Mann sagt wirklich viel, wenn der Tag lang ist, und es ist
selten etwas Erinnerungswürdiges dabei. Aber dass er so viel erzählen kann,
liegt natürlich auch darin begründet, dass er für das ZDF wirklich überall dabei
ist. Und der sagte über sein Gastspiel im Iran: „In den 24 Jahren meiner
Tätigkeit habe ich noch niemals eine solche Gastfreundschaft erlebt.“ Dem möchte
ich mich anschließen, auch wenn der Staats-Apparat doch manchmal noch dazwischen
funkt.
Apropos:
dazu hätte ich natürlich noch die gute Nachricht, dass der eingangs des Artikels
erwähnte festgenommene Fan nach vierzig Stunden Haft wieder entlassen und nach
Hause geflogen wurde. Seiner Aussage nach wurde er sehr gut behandelt. Seine
Geschichte erschien sodann im örtlichen Boulevardblättchen. Und auch, wenn er
bei der Darstellung seiner Erlebnisse ein winziges, aber nicht uninteressantes
Detail „vergaß“ – nämlich die Flucht vor der Polizei, als sie wegen des Fotos
angesprochen wurden –, darüber kann man wohl hinweg sehen. Jeder möchte
schließlich in der Öffentlichkeit gut dastehen. Deutsche wie Iraner.
Hat jetzt
auch lang genug dauert: janus
PS. Da
sich meine Kamera – wie es sich für Touri-Kameras an Orten, die man
wahrscheinlich nie wieder betreten wird, gehört – im Stadion verabschiedete, bin
ich sehr dankbar, dass mein Mitfahrer Uwe Szidat aus Berlin mit seinen Bildern
aushalf. Lob und Dank an ihn, Ruhm und Ehre für den SC Einheit Pankow!
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