Janus goes WM
Was
ist nicht alles geschrieben worden über diese
Fußball-WM! Und was wird nicht noch alles
geschrieben werden! Nur gerecht, dass auch ich
meinen Senf dazu gebe. Schließlich hatte ich
mich im Vorfeld auch um Tickets bemüht. Es war
mir auch so ziemlich egal, welche Spiele ich bei
glücklichem Los-Ausgang erhalten würde, daher
hatte ich mich bewusst für sogenannte
„Exoten-Spiele“ entschieden. Dem lag eine
einfache Logik zugrunde: Niederlande, Brasilien,
Argentinien – klar, wäre alles toll, aber über
kurz oder lang werden die alle mal wieder zu
Spielen in diesem Land aufschlagen. Wann aber
kann man noch einmal in den Genuss kommen, Teams
wie Südkorea oder Costa Rica in diesem unserem
Land live im Stadion erleben zu können? Ob das
nun für jeden ein „Genuss“ wäre, lass ich
mal dahin gestellt, für mich auf jeden Fall
schon. Und deshalb war ich über meine
Ticket-Zuteilungen in der ersten WM-Woche auch
hocherfreut. Und das zu Recht, denn es lohnte
sich für mich. Ob das für andere auch der Fall
gewesen wäre, mag jeder für sich entscheiden.
Dienstag,
13.06.2006: Südkorea – Togo
Dieses
Spiel steht zunächst unter dem Motto: endlich
mal auch bei einer WM ein 0:0 gesehen. Denn kurz
nach der Ticket-Zuteilung erhalte ich die
Nachricht, dass die beiden Mädels von
www.fussball-und-titten.de zu diesem Spiel auch
im Stadion sein werden. Die sind nämlich
Volunteers im Bereich der Presse für die Spiele
im Frankfurter Stadion. Und wer schon mal den
ein oder anderen älteren Bericht von mir
gelesen hat (Island – Deutschland aus 2003
oder Deutschland – Lettland aus 2004), der weiß,
dass Spiele, bei denen wir zu dritt vor Ort
sind, grundsätzlich torlos enden. Egal,
Hauptsache Spaß dabei, also mache ich mich am
Dienstag Morgen frohgemut von meiner Wohnung
auf, um zunächst zum Bonner Hbf zu gelangen.
Hier wird bereits der erste aufregende Akzent
gesetzt, der Tagesausflüge so unvergesslich
macht: die Buslinie 638, die mich zum Zentralen
Omnibusbahnhof bringen soll, der dem Hbf gegenüber
liegt, hält nämlich plötzlich am
Hinterausgang des Bahnhofs, ohne dass dies im
Fahrplan vorgesehen wäre. Kleine Abweichung von
der geplanten Route, da der Fahrer,
wahrscheinlich auch schon im WM-Fieber, die
Fahrstrecken verwechselt hat. Ich schicke ein
Stoßgebet zum Himmel, dass er nicht
normalerweise die Straßenbahnlinie 66 steuert,
dann wären wir nämlich in Königswinter
gelandet, und steige flugs aus. Ich weiß wieder
einmal genau, was so anfängt, kann nur ein
magischer Tag werden.
Mein
Zug fährt um 10.13 Uhr ab, er ist sogar
pünktlich, und ich steige frohgemut mit einem
„Weltmeister-Ticket“ zu. Ich sage es ungern,
aber da hat die Bahn mal eine gute Idee gehabt.
Fahrten in die Städte mit WM-Stadien gibt es in
Verbindung mit einer Eintrittskarte nämlich zum
Pauschalpreis von 54, 74 oder 90 Euro, je nach
Entfernung. Und über Bonn-Frankfurt-Bonn mit
freier Zugwahl, also auch ICE und IC, für 54
Euro kann man wirklich nicht meckern. Das kommt
erst später.
Die
Fahrt nach Frankfurt Hbf verläuft dann ohne
weitere Zwischenfälle. Nachdem ich schon am
Bonner Hauptbahnhof über einige Fans im
Togo-Trikot gestaunt habe, gestaunt deswegen,
weil sie definitiv Deutsche sind, gibt es in
meinem Abteil dann noch jemanden zu bewundern,
der sich zum Südkorea-Trikot einen Fanschal
von...RW Essen modisch um die Hüften
geschlungen hat. Als der dann auch noch eine
Station vorher, nämlich am Frankfurter
Flughafen, aussteigt, bin ich versucht, ihm
nachzurufen, dass die WM tatsächlich in
Deutschland stattfindet, und er deshalb jetzt
nicht nach Südkorea fliegen müsse. Aber natürlich
bin ich WM-Neuling, wie ich bei einem Blick in
den Fahrplan feststelle, denn man kann auch vom
Flughafen mit einer S-Bahn zum Stadion gelangen.
Na, wenn er will...we do it harder!
12.30
Uhr, Ankunft Frankfurt Hbf. Es ist knallheiß.
Dass die Frisur sitzt, wage ich zu bezweifeln,
schließlich habe ich mir sofort ein Fortuna-Käppi
aufgesetzt. Die Luft steht, es sind an die 30
Grad. Der Bahnhof ist proppenvoll und laut. Eine
Lautsprecher-Durchsage kämpft dagegen an.
Hierzu muss man wissen, dass die vier Seiten
eines Stadions auf der Eintrittskarte in
farbliche Sektoren aufgeteilt sind, rot, grün,
gelb, blau. Um eine möglichst verzugslose
Heranführung der Fans an die ihnen zugewiesenen
Plätze zu ermöglichen, hat man sich auch in
Frankfurt etwas ausgedacht: per Durchsage werden
die Fans, die Tickets für den roten oder blauen
Sektor haben, aufgefordert, die Straßenbahn vor
dem Hauptbahnhof zu benutzen, Besucher mit
gelben oder grünen Sektoren können direkt im
Hauptbahnhof mit einer S-Bahn weiterfahren. Ich
muss demnach meine Weiterreise mit der Straßenbahn
antreten.
Auf
dem Bahnhofsvorplatz ist auch schon mächtig
etwas los. Hier wird schon klar, dass die
koreanischen Fans auch im Stadion wohl in der Überzahl
sein werden. Kein Wunder, allein in Frankfurt
leben 9.000 Koreaner. Aber auch aus der Heimat
sind so einige eingeflogen. Überall sieht man
nur rote Shirts mit der weißen Aufschrift
„Go, Reds!“ „Reds“, das ist der Name der
koreanischen Nationalmannschaft, die vor vier
Jahren so überraschend bis ins Halbfinale
vorstieß und dort erst an Deutschland
scheiterte. Hier höre ich auch zum ersten Mal
den Schlachtruf der Koreaner, der mich den Rest
des Tages begleiten soll, den ich aber leider
nicht mehr zusammenbekomme, „Tae-An Minh-Gook“
oder so ähnlich, sorry für diese
Kulturschande, aber irgendjemand wird mich schon
korrigieren können. Da auch ein paar gelbe
Shirts von Togo gesichtet werden können, sowie
noch einige andere Nationalitäten, ist es ein
farbenfroher Anblick. Dann wollen wir mal. Straßenbahnlinie
20 zum Stadion wartet.
Hiermit
hat es eine Besonderheit, wie ich sofort
feststelle. Zwar erklingt andauernd die
Durchsage, man möge doch bitte die
„Sonderbahnen zum Stadion“ benutzen. Es
kommen auch wirklich alle 5 Minuten neue Straßenbahnen,
um die Leute aufzunehmen. „Sonderbahnen“ heißt
jedoch nicht, dass diese zusätzlichen Gefährte
auch nonstop zum Stadion durchfahren. Nein, weit
gefehlt! An jeder Haltestelle wird brav
angehalten, um noch ein paar Versprengte
aufzunehmen. Aussteigen kann eh niemand mehr,
dazu ist es viel zu voll. Aber Platz ist noch in
der kleinsten Hütte. So nimmt der Fahrer an
einer roten Ampel kurzerhand noch einen Trupp
versprengter Koreaner auf, der es nicht mehr
rechtzeitig zur Haltestelle geschafft hat.
Unsere Sardinenbüchse erreicht Höchstwerte bei
der Temperatur, aber leider nur kriechend das
Ziel, weil sie alle zwei Minuten an der nächsten
Milchkanne hält. Nach über 20 Minuten
erreichen wir unser Ziel – mit der S-Bahn hätte
es übrigens laut Fahrplan sechs Minuten
gedauert. Schweißgebadet steigt man aus und
steht direkt vor einem Wunder, man sieht nämlich
etwas, das es laut FIFA gar nicht geben dürfte
– den Schwarzmarkt. Noch am Bahnsteig stehen
die ersten Leute mit Papptafeln: „Need
Ticket“. Darunter sind auch einige Engländer,
zwei von ihnen haben ihr Täfelchen etwas ausführlicher
gestaltet, um gleich klarzumachen, wo es
langgehen soll: „Need Tickets, want to support
Korea!“ Klare Ansage. Zehn Meter dahinter
stehen die ersten Leute, die das haben, was die
davor wollen, aber jetzt, zweieinhalb Stunden
vor dem Spiel, wohl noch zu teuer ist. Natürlich
tragen sie keine Pappschilder, raunen aber immer
das entscheidende Wort: „Tickets?“ Einer
zeigt kurz, dass er hier wirklich nicht umsonst
steht, fünf Tickets werden mit flinker Hand als
Fächer präsentiert und verschwinden ebenso
schnell wieder. Preis (noch) 80 Euro für
Kategorie 4, danach nur noch gnadenlos aufwärts.
Vollends verschlägt es mir die Sprache, als ein
pfiffiges Chamäleon – erkennbar Deutscher,
aber mit Togo-Shirt und Korea-Schal, das
erschwert die Identifizierung, wird er
wahrscheinlich denken – auch
Hospitality-Tickets feil bietet, diese
VIP-Karten mit all inclusive, wahrscheinlich
sogar mit eigenem Volunteer, der einem während
des Spiels Luft zufächelt. Hier auf diesem
kleinen Bahnsteig ist alles zu haben. Ich beglückwünsche
mich innerlich, bereits über ein Ticket zu verfügen,
ansonsten hätte ich jetzt zwei Stunden mit den
Jungs in der prallen Sonne verbringen müssen,
bis die Preise auf ein halbwegs erträgliches Maß
fallen würden. So aber kann ich die freie
Marktwirtschaft ignorieren und locker
voranschreiten.
Es
geht durch eine Unterführung auf einen kleinen
Vorplatz vor dem Zugang zum Stadion. In der
Unterführung werden mehrere Flyer verteilt, ein
Typ mit Eintracht-Frankfurt-Trikot schaut nur
kurz auf mein Käppi und grölt fachmännisch:
„Fortuna!“, obwohl dort nur das Logo mit dem
„F“ zu sehen ist. Man kommt kurz ins Gespräch,
er wünscht uns alles Gute, und dass wir bald
wieder da sind, wo wir hingehören. Erstaunlich
und erfreulich, dass man sich in höheren
Kreisen noch an uns erinnert, man darf nicht
vergessen, dass wir vor neun Jahren aus der
Ersten und vor sieben Jahren aus der Zweiten
Bundesliga abgestiegen sind. Beschwingt von
diesem fruchtbaren Meinungsaustausch gehe ich
weiter auf den Vorplatz, auf dem sich auch schon
erste Würstchen- und Getränkestände breit
machen. Hier ist die Hitze nahezu unerträglich,
die Sonne knallt voll auf den Platz, hinzu kommt
der aufgewirbelte Staub, da es sich um normalen,
festgestampften Boden mit kleinen Steinchen
handelt. Es ist wirklich drückend.
Das
heißt aber noch lange nicht, dass auf diesem
Vorplatz nichts los wäre. Im Gegenteil, hier
fliegt grad richtig die Kuh, und zwar die
koreanische. Neugierig trete ich an den Kreis
heran, der sich um den infernalischen Lärm
gebildet hat und sehe, was abgeht: ein gutes
Dutzend Koreaner, zum Teil in traditionelle Gewänder
gehüllt, zum Teil einfach in diese weißen
Karate-Anzüge geschlüpft, veranstaltet ein
Riesen-Tamtam mit Trommeln, Zimbeln, etwas, das
sich nach einer rostigen Klarinette anhört
sowie einigen Instrumenten, die ich noch nie
gesehen habe, geschweige denn benennen könnte.
Ein anderes Dutzend wagt unverdrossen ein Tänzchen
und läutet jetzt sogar eine Polonäse ein! Ich
weiß natürlich nicht, was die Umstehenden da
singen, aber sie tun es laut und voller
Begeisterung. Als das Lied zu Ende ist, wird auf
dem Platz gejubelt, als ob sie soeben
Weltmeister geworden wären, gefolgt von
minutenlangen Sprechchören „Tae-An Minh-Gook“.
Hier ist richtig Party. Und jetzt, unglaublich
aber wahr, spielen sie mit ihren Instrumenten
das Lied sämtlicher Tribünen, „Go West“,
und man kann sogar die Melodie erkennen. Die
ganze Bagage macht sich auf den Weg zum Eingang,
sodass man mit Fug und Recht behaupten kann, die
ziehen mit klingendem Spiel ein. Also, die
Temperaturen sind vielleicht noch nicht ganz am
Siedepunkt, die Stimmung schon längst. Zeit,
ins Stadion zu gehen.
Jetzt
wird es natürlich interessant, die allseits gefürchteten
Einlasskontrollen stehen an. Vielleicht liegt es
an der frühen Uhrzeit, zu der noch verhältnismäßig
wenig los war, vielleicht ist dem Personal
genauso warm wie mir, auf jeden Fall bin ich in
dreißig Sekunden auf dem Stadiongelände. Mein
Rucksack wird zwar in Augenschein genommen, es
wird allerdings nur geschaut, ob ich etwas
Trinkbares dabei habe, das dürfte ich nämlich
jetzt sofort austrinken oder gleich wegwerfen,
Getränkeverpackungen werden rigoros
einkassiert. Da ich Selbiges nicht vorweisen
kann, werde ich durchgelassen, am elektronischen
Drehkreuz brauche ich auch keinen Finger krumm
machen, einer der Ordner nimmt mir das Ticket ab
und steckt es in den Leseschlitz, die Lampe
zeigt grün, ich gehe durch und erhalte das
Ticket zurück. Das war’s. Nix anderes als bei
jedem Bundesliga-Spiel und sehr viel weniger als
bei jedem Regionalliga-Kick, das darf ich aus
vielfacher Erfahrung sagen. Ich bin drin!
Zunächst
geht es ein ganzes Stück geradeaus, bald schon
tauchen rechts und links große weiße Zelte
auf, die mit Bauzäunen zum Weg hin abgesichert
sind, an jeder Stelle, an der so ein Gitter
endet und ein neues anfängt, steht ein Ordner.
Das sind wohl die Zelte der Fernsehanstalten,
die großen Satellitenschüsseln vor dem Eingang
lassen mich dies vermuten Dann folgen Stände
der Hauptsponsoren, die ich nicht weiter
begutachte, da bin ich aber fast der Einzige,
die Stände sind dicht umlagert. Auf einer
kleinen Bühne wird grad mit Fans ein Fußballquiz
durchgeführt, als ich vorbei schlendere, kommt
grad die Frage: „Welches Team hat bei der WM
1974 kein einziges Spiel verloren?“
Donnerwetter, das ist mal was anderes als die
Intelligenzfragen beim DSF à la „Wie heißt
der Verein: a) Dynamo Dresden oder b) 1.FC
Dresden?“ (Richtige Lösung übrigens: falsche
Frage, der Verein heißt offiziell 1.FC Dynamo
Dresden, beim DSF benötigten sie zehn Minuten,
um das zu merken und die Frage auszutauschen).
Ich gebe zu, die Frage von der Bühne hat es in
sich, aber ich als alter WM-Hase, und bei der WM
1974 schon volle fünf Jahre alt, weiß es nach
einigem Überlegen ebenso wie der Herr auf der Bühne:
Schottland. Die blieben damals tatsächlich in
ihren Gruppenspielen ungeschlagen, schieden aber
aufgrund der schlechteren Tordifferenz aus.
Als
letztes Zelt vor der Haupttribüne glänzt
jedoch ein Traum in weiß mit eingelassenen
Fenstern und einem Mädel vor dem Eingang, das
so schick gekleidet ist, dass ich es niemals für
die Kabelhilfe der ARD halten würde. Dürfte
wohl ein VIP-Zelt sein. Die Vermutung liegt umso
näher, als dass sich in unmittelbarer Nähe des
Zeltes, nur ca. 20 Meter vom Zelt entfernt, der
VIP-Eingang der Haupttribüne befindet, als
solcher deutlichst über dem Eingang
ausgeschildert. Davor residiert eine etwas
kompaktere Frau, die uns ordinäre Normalos mit
dem bösen Blick verscheuchen will. Ich riskiere
trotzdem einen Blick und staune nicht schlecht:
hinter der Eingangstür befindet sich etwas, das
verdammt nach diesem Durchgang auf dem Flughafen
aussieht, den man durchschreiten muss, wenn das
Handgepäck durchleuchtet wird. Donnerwetter,
wenn man hier als VIP ankommt, darf man sich
erst mal prüfen lassen, ob man auch unbewaffnet
ist! Nun ja, da quasi in letzter Sekunde vor dem
Turnier die Hospitality-Tickets auch noch
personalisiert werden mussten, wer weiß, was
die festgestellt haben, wer da heute anrücken
wird, vielleicht das halbe Bahnhofsviertel?
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Die
ganz wichtigen Leute erkennt man übrigens
daran, dass sie ihre entsprechenden
Akkreditierungen bzw. die Angabe zu ihren
Funktionen um den Hals hängen haben, kein ungewöhnlicher
Vorgang, aber die Dinger sind so groß, es
wirkt, mit Verlaub, etwas lächerlich.
Ich
wende mich nunmehr nach links, denn meine Karte
ist für den Block, der bei regulären
Heimspielen der Eintracht als Gästeblock
genutzt wird, deshalb muss ich noch eine
Viertelrunde um Stadion drehen. So weit komme
ich aber erst mal nicht.
Genau
an dieser Ecke der Tribüne hat sich nämlich
ein Menschenauflauf eingefunden, vornehmlich von
Koreanern, die alle eine Gasse freihalten, das
Kopfende der Gasse wird von Polizei und Ordnern
mit Funkgeräten freigehalten. Das sieht nach
der Zufahrt für die Mannschaftsbusse aus.
Sollten die etwa jetzt gleich ankommen? In der
Tat, so ist es. Flankiert von Motorradpolizei
rollt kurz darauf der togolesische Bus heran,
begrüßt mit freundlichem Applaus, einige
Togo-Fahnen werden geschwenkt, die „Sperber
von Afrika“, wie man das Team nennt, können
sich über einen herzlichen Empfang freuen.
Das
ist aber nichts gegen die beiden Busse der Südkoreaner,
die fünf Minuten später ankommen. Dazu muss
man wissen, dass in Südkorea (wie auch in
Japan) die Spieler verehrt werden wie Popstars,
auch deshalb, weil sich dort ungewöhnlich viele
junge Mädchen für Fußball interessieren, was
hier und jetzt auch deutlich zu sehen ist. Eine
Anekdote hierzu: von Mittelfeldspieler Kim Nam
Il wird berichtet, dass 1.000 weibliche Fans zum
Spiel seines früheren Klubs, der Cheonam
Dragons, einen Sonderzug organisierten. Das Verrückte
daran: Kim spielte gar nicht, er war verletzt,
sondern schrieb das ganze Spiel über
Autogramme. Ja, solche Fans sind das! Und
deshalb hebt jetzt, als die Busse kommen, auch
ein infernalischer Jubel inklusive sehr helltönigem
Gekreisch an. Wer grad nicht kreischt, hat
zumindest Videokamera, Fotoapparat oder
Kamera-Handy in Betrieb und filmt die Ankunft.
Durch die getönten Scheiben des ersten Busses
kann man sehen, dass einige Spieler gnadenlos
zurückfilmen. Die Ordner haben hier und da
wirklich Mühe, die Teenies im Zaum zu halten!
Es herrscht ein Rummel wie sonst nur bei „The
Dome“, und ich schaue vorsichtshalber noch
einmal auf meine Eintrittskarte: doch, doch, da
steht „Korea Republic-Togo“ drauf, nicht
„Tokio Hotel“. Für einen Moment dachte ich,
bei der falschen Veranstaltung gelandet zu sein.
Anschließend
muss ich auf der Treppe noch einer Raupe den
Vortritt lassen, bestehend aus ca. zehn
Koreanern, die ein zusammengerolltes riesiges
Blockbanner die Stufen hochwuchten, mit militärischer
Präzision schreiten sie voran. Dann erst kann
ich meinen Block suchen. Er befindet sich natürlich
ziemlich weit oben, dafür aber schön hinter
einem Tor. Die Sicht ist gut, die Temperatur
auch: auf Bitten der FIFA wurde für dieses
Spiel nämlich das Dach geschlossen, weil es bei
der ersten Übertragung eines Spiels aus dem
Stadion, England-Paraguay, Klagen gegeben hatte,
da die TV-Übertragung durch den
Licht-Schatten-Kontrast auf dem Rasen beeinträchtigt
wurde. Das geht natürlich nicht, deshalb wird
einfach mal bei über 30 Grad am frühen
Nachmittag das Dach zugemacht. Naja, Hauptsache,
am Fernseher sieht man etwas, da ist der ein
oder andere Kreislaufkollaps im Stadion wirklich
zu verkraften. Wie sagte der
Gichtgestalt-Scherge Wolfgang Niersbach noch im
letzten Jahr kopfschüttelnd, als Kritik an der
Ticket-Vergabe laut wurde: „Wir haben doch
niemanden gezwungen, ein Ticket zu bestellen!“
Recht hat er, und ich bin ein Jammerlappen!
Der
seine Schweißausbrüche jetzt erst einmal mit
einem Getränk ausgleichen will. Im Obergeschoss
der Tribüne sind die Schlangen an den Ständen
auch noch annehmbar kurz. Zum Glück ist der
Hersteller meines Stadion-Getränks gleichzeitig
Hauptsponsor, damit habe ich also kein Problem.
Es kostet 3,50 Euro plus einen Euro Pfand, den
ich eh nie wieder sehe, denn der Becher ist natürlich
Souvenir. Sodann wird zum Diner geschritten, das
Angebot ist reichhaltig, ich gönne mir eine
Rindswurst zu drei Euro, die durchaus okay ist.
Pizza habe ich noch gesichtet, sowie Schnitzel,
Bratwürste und etwas, das verdammt nach einer
5-Minuten-Terrine aussieht, so ein
Nudelsuppen-Becher. Stark, dass man so etwas
jetzt auch schon im Stadion bekommt. Oder ist
das ein Extra-Snack
für die koreanischen Gäste?
Langsam
füllt sich die Tribüne, und ich komme mit
meinem Sitznachbarn ins Gespräch. Bei ihm kann
man sehen, dass das Motto „Die Welt zu Gast
bei Freunden“ wirklich von jedem umgesetzt
wird, er ist nämlich in einem Stadion, das er
ansonsten nicht einmal von weitem anschauen würde.
Klar, als Fan der Offenbacher Kickers...aber was
tut man nicht alles, wenn WM ist! Er ist übrigens
beim Einlass zuvor kontrolliert worden. Da
hatten sie auch gleich den Richtigen erwischt,
es war nämlich das Ticket seines Kumpels, das
er dabei hatte, der war „leider kurzfristig
krank“ geworden. Aber er erzählt, dass auch
dies kein Problem war, er musste nur zum
Ticket-Center, welches sich am Haupteingang
befindet, und nach Erläuterung des Sachverhalts
bekam er ein neues Ticket. Etwas verwirrend
allerdings, dass dieses per Hand ausgefüllt
wurde, was ihm bei jedem Ordner erheblichen Erklärungsbedarf
einbringt. Vielleicht hätte man denen bei der
Einweisung auch mal erklären sollen, dass es so
etwas gibt. So gerät jeder Weg aufs Klo zum
Spießrutenlauf, aber wie gesagt: was tut man
nicht alles, wenn WM ist.
Die
Zeit bis zum Anpfiff vergeht wie im Fluge, die
Koreaner sorgen für ordentlich Stimmung. Es
sind bestimmt 15 bis 20.000 im Stadion, überall
komplette Blöcke, die in Rot gehüllt sind. Sie
veranstalten weiter ein Mordsspektakel,
insbesondere erfreut sich wohl der deutsche
Klassiker „Freude schöner Götterfunken“
unfassbarer Beliebtheit, alle paar Minuten wird
er neu angestimmt, natürlich mit koreanischem
Text. Die Kolonie Togolesen ist erheblich
kleiner, mir direkt gegenüber, am anderen Ende
des Stadions, können einige im Unter- und noch
mal welche im Oberrang gesichtet werden,
insgesamt keine 1.000. Vielleicht auch deshalb
haben sich viele Deutsche im Stadion Togo-Shirts
oder entsprechende Fähnchen gekauft und unterstützen
die Afrikaner. Auch ich bin geneigt, ein Herz für
den Underdog zu haben. Schließlich ist Südkorea
haushoher Favorit. Togo ist erstmalig bei einer
WM dabei, das Team war neben Angola die
Sensation bei der Afrika-Qualifikation. Von
den Spielern kenne ich nur Adebayor vom AS
Monaco, der Rest ist größtenteils unbekannt.
Natürlich kennen wir alle noch Bachirou Salou,
der für Mönchengladbach, Duisburg, Rostock und
Aachen in der Ersten und Zweiten Liga am Ball
war und in der letzten Saison beim SC Kapellen/Erft
in der Verbandsliga Niederrhein kickte, mehr so
zum Spaß, da er in der Nähe wohnt. Der ist
tatsächlich auch da, allerdings nur als
Betreuer. Außerdem gab sich Togo neben seiner
„natürlichen“ Außenseiterrolle vor dem
ersten Spiel auch Mühe, sämtliche Klischees
vom chaotischen Fußball in Afrika zu bestätigen.
Der Trainer, der die sensationelle Qualifikation
schaffte, ist ja schon längst nicht mehr im
Amt, den Job übernahm Otto Pfister, ein Kölner
Weltenbummler, der schon über 20 Jahre
Trainer-Tätigkeit in Afrika auf dem Buckel hat.
In der Woche vor dem Spiel trat Pfister zurück,
wegen eines Streits um die Prämien. Ich dachte
auch erst, jetzt wären sie größenwahnsinnig
geworden, aber hierbei handelte es sich um die
Prämien für die Qualifikation, die
anscheinend bis heute nicht ausbezahlt worden
sind, und das, obwohl die FIFA dem togolesischen
Verband für die erfolgreiche Quali bereits 7,3
Mio. Euro überwiesen hatte. Tja, wo das Geld
wohl hin ist...? Dann wollte ein Teil der
Funktionäre Winnie Schäfer als Nachfolger, ein
anderer Teil wiederum nicht, die Mannschaft
wollte ihren Otto wieder zurück, und weil die
Herren Krawattenträger sich nicht einigen
konnten, nahm Pfister einen Tag vor dem Spiel
tatsächlich wieder auf der Trainerbank Platz.
Wobei der Verbandschef Togos ihn auch weiter
behalten, der Generalsekretär ihn aber möglichst
verzugslos in die Wüste schicken will.
Fortsetzung garantiert. Eine ziemlich traurige
Posse, die zeigt, dass die bekannten Klischees
bei einigen Verbänden wohl tatsächlich
zutreffen. Eine gezielte Vorbereitung war unter
diesen Umständen ziemlich ausgeschlossen, zumal
es heißt, dass die Spieler das ein oder andere
Training auch bestreikt haben sollen. Da darf
man gespannt sein, ob für sie Fußballspielen
überhaupt noch im Vordergrund steht. Ich als
Oberliga-Kenner darf daher sagen: wenn die
koreanischen Fans sich so benehmen, als sei Südkorea
„nur ein Karnevalsverein“, dann ist Togo das
Yurdumspor Köln des Weltfußballs.
Beide
Teams werden zum Aufwärmen mit Jubelstürmen
begrüßt. Das ist allerdings gar nichts gegen
das Verlesen der Mannschaftsaufstellung. Star
der koreanischen Mannschaft ist Park Ji Sung von
Manchester United. Als dessen Name verlesen und
sein Konterfei
auf dem großen Videowürfel gezeigt wird, gibt
es besonders bei den weiblichen Korea-Fans kein
Halten mehr, es wird gekreischt, was die Lunge
hergibt. Ich fange an, mir zu wünschen, dass
nicht ausgerechnet Park nach dem Spiel auf die
Idee kommen könnte, sein durchschwitztes Trikot
in die Menge zu werfen, das würde wohl in eine
Massenschlägerei ausarten. Aber anders als ich
ist der das wahrscheinlich gewohnt und weiß
schon, was er lieber lassen sollte...
Dieser
Videowürfel ist übrigens ein schmuckes Ding,
auf dem man sehr gut sehen kann. Hoch oben über
dem Spielfeld hängt er, was Englands Torwart
Robinson im Spiel gegen Paraguay allerdings
nicht daran hinderte, einen Abschlag dagegen zu
donnern, sodass die Partie mit einem
Schiedsrichterball fortgesetzt werden musste.
Die Tommies haben aber auch immer Typen
dabei...kann keine Flanke fangen, aber ca. dreißig
Meter hoch abschlagen, Respekt!
So,
nun kommen beide Teams mit den kleinen Kindern
an der Hand aufs Feld, und für mich gibt’s
richtig was zu lachen, nämlich über die
Fotografen. Die werden auf zwei eigens
herangeschleppte Podeste rechts und links vom
Spielertunnel geführt, und dürfen von dort aus
die Mannschaften fotografieren. Vor den
Podesten, auf der Seitenlinie des Spielfeldes,
stehen jeweils zwei Volunteers an jedem Ende und
spannen ein Seil zwischen sich, damit keiner der
Herrschaften auf die Idee kommt, zufällig den
Heiligen Rasen zu betreten! Großartig!
Vielleicht kann die FIFA für das nächste
Turnier noch reglementieren, dass die Damen und
Herren in Zweierreihen Aufstellung nehmen und
sich am Händchen halten müssen. Da schimpf
noch einer über unseren Bürokratenstaat!
Dann
ist diese Posse auch erledigt, jetzt nur noch
die Nationalhymnen, und es kann endlich
losgehen! Zunächst die koreanische Hymne,
textsicher aus ca. 20.000 Kehlen vorgetragen.
Jetzt noch die von Togo und...halt, was ist das?
Die Töne kommen mir sehr bekannt vor. Und nicht
nur mir. Nach einigen Sekunden wird klar: die
Organisatoren, die alles so wunderbar im Griff
haben, die bis auf den letzten Zentimeter
festlegen, wer sich wo wann und warum bewegen
darf, die den Spielern verbieten, während des
Spiels Wasser zu sich zu nehmen, es dürfen nur
Trinkflaschen mit einem Elektrolytgetränk eines
Hauptsponsors gereicht werden, diese Fußball-Bürokraten
bringen es fertig, die koreanische Hymne ein
zweites Mal abzuspielen! Das ist schon ein
Hammer. Man stelle sich vor, man steht ganz
klein da unten auf dem Rasen, es ist das
allererste WM-Spiel eines winzigkleinen Landes,
6 Mio. Einwohner nur, man ist stolz wie Oskar,
zu den Auserwählten zu gehören – und dann
kriegt man die Hymne des Gegners um die Ohren
gehauen. Unglaublich. Ich persönlich bin ja
kein Freund dieser albernen Nationalhymnen, aber
wenn man es macht, dann bitte auch richtig.
Diese Nummer ist auf jeden Fall noch peinlicher
als Sarah Connor. Zumal es ja noch weitergeht.
Nach anderthalb Minuten durchdringendem
Pfeifkonzert von den Rängen bemerkt auch der
Obermotz am CD-Spieler seinen Irrtum und lässt
die koreanische Hymne langsam ausklingen. Dann
dauert es allerdings ein wenig, bis er die aus
Togo zur Hand hat. Die Volunteers, die die
Landesfahnen auf dem Spielfeld präsentieren,
und die kleinen Jungs an den Händen der großen
Spieler denken folgerichtig, das war’s und
hauen ab. Dann erst erklingt die richtige Hymne,
die die Spieler aus Togo somit quasi ganz allein
entgegen nehmen müssen. Was für eine Farce!
Aber
egal, jetzt kann es losgehen. Und es gibt
Hoffnung, just während dieser Hymnen-Lachnummer
erreicht mich eine SMS des einen F&T-Mädels,
das zuvor unter anderen dafür zuständig war,
dass die Fotografen ordentlich aufgereiht
wurden. Und diese SMS besagt, dass ihre
Schwester, die ja eigentlich auch im Stadion wäre,
für dieses Spiel zum Dienst in der
Medienzentrale abkommandiert wurde. Die ist zwar
auch im Stadion, aber ohne direkten Blick aufs
Spielfeld, das Spiel kann dort nur vor dem
Fernseher verfolgt werden. So gesehen sind wir
nicht alle drei gleichzeitig im Stadion. Die
Chance ist da! Es können Tore fallen! Der
Schiri hat die Tragweite des Geschehens
anscheinend ebenfalls erfasst, blickt noch
einmal kurz auf die Uhr und – Anpfiff! Mein
erstes WM-Spiel hat begonnen!
Nun
muss man ehrlich sagen, dass das Spiel nicht
besonders gut ist. Hinter mir murmelt jemand
etwas von „Regionalliga-Niveau“, das ist
sicherlich etwas übertrieben, aber auch nur
etwas. Togo ist spielerisch ein wenig limitiert,
außerdem scheinen sie nervös zu sein. Südkorea
fällt allerdings auch nicht viel ein.
Vielleicht sind sie ja doch ein wenig abgelenkt,
dass bei jeder Balleroberung gekreischt wird,
was das Zeug hält. Wahrscheinlich suchen sie
dann immer unwillkürlich nach dem Stift in der
Hosentasche, um Autogramme zu schreiben, das
hemmt natürlich den Spielfluss ein wenig.
Allerdings verstecken sich beide Teams auch
nicht, deshalb geht es munter hin und her, nur
am gegnerischen Sechzehner ist meistens Schluss.
Das Publikum hat übrigens schon vor dem Spiel
entschieden, dass das völlig schnuppe ist, und
kurzerhand die La Olà gestartet. Sie schafft
erstaunlich viele Runden, alle machen mit, auch
wenn es bei den VIPs zunächst naturgemäß ein
wenig hakt, aber nach dem dritten Versuch haben
die es auch raus. Die Stimmung ist also
uneingeschränkt prima, egal, was unten auf dem
Rasen gerade zelebriert wird. Und die Ränge
sind auch voll, das erstaunt bei dieser Partie
und dieser Anstoßzeit doch ein wenig. Als das
Spiel angepfiffen wurde, konnten zwar sehr wohl
noch einige freie Plätze gesichtet werden, die
dann aber mit bemerkenswerter Schnelligkeit
besetzt werden. Also entweder sind die Besucher
in verschiedenen Bereichen des Stadions absolut
gleichzeitig zu spät gekommen, oder aber die
FIFA hat schnell noch ein paar Volunteers
abkommandiert, um das Gesamtbild zu vervollständigen.
Dafür sollten ja erst Bundeswehrsoldaten
herhalten, den offiziellen Antrag gab es ja,
aber als das Verteidigungsministerium mitteilte,
dies sei kein Problem, allerdings nur in
Uniform, da es sich für die Soldaten schließlich
um Dienst handele, hat man sich doch überlegt,
dass das wohl ein wenig komisch aussehen würde.
Wie dem auch sei, der Videowürfel meldet
„Sold out“, und im Großen und Ganzen stimmt
es auch.
Gegen
Ende der ersten Halbzeit wird Togo ein bisschen
mutiger, und schon schlägt es ein. Einen langen
Pass aus dem Mittelfeld verschläft die
koreanische Abwehr total, der Togolese Kader
eilt rechts im Strafraum auf und davon und hat
endlich mal Zeit, genau zu zielen, wohin die bei
ihren ersten Schussversuchen die Bälle
gedroschen haben, war teilweise schon nicht schön
anzusehen. Diesmal macht er alles richtig und
setzt den Ball flach ins lange Eck, vom
Innenpfosten prallt die Kugel ins Netz, 1:0 –
das erste WM-Tor für Togo! Nun ist die Hölle
los, die „Sperber“ zelebrieren ein Tänzchen
rund um den Torschützen an der Seitenauslinie,
was allerdings vom Schiri-Assistenten sofort gerügt
wird, wahrscheinlich weil die Spieler 5 cm außerhalb
des Spielfeldes hüpfen. Auch das eher neutrale
Publikum freut sich mit, während die Koreaner
endlich mal still sind. Auf der Trainerbank
gestattet sich Otto Pfister – Hemd halboffen,
Goldkettchen – ein triumphierendes Lächeln,
so als wolle er sagen, ich habs doch schon immer
gewusst. Die Führung ist nicht unverdient, denn
den Koreanern fällt nichts ein, um das
Abwehrbollwerk der „Sperber“ ernsthaft in
Gefahr zu bringen. Und das ist auch gut so für
Togo, denn die haben einen echt afrikanischen
Fliegenfänger zwischen den Pfosten, bei dem
Genie und Wahnsinn eine sehr schmale
Gratwanderung eingehen, man kennt das ja. Aber
bis zur Pause geht es gut, Togo führt 1:0, und
im Stadion schaut man sich verdutzt an, denn
damit haben nicht viele gerechnet. Einigen
Togolesen reicht dies schon, um eine zünftige
Polonäse durch den Block zu starten, der
Frontmann wird mit Fahne und Tröte ausgerüstet,
und los geht’s. Ein schöner Anblick.
In
der Pause zünde ich mir vor dem Block eine
Zigarette an. Im Stadion ist das Rauchen nicht
erwünscht. Es ist nicht ausdrücklich verboten,
das sei hier gesagt, die Schilder, die man überall
sieht, sagen denn auch nur „No smoking please“.
Aber ich habe absolut keine Lust auf
Diskussionen mit irgendwelchen militanten
Nichtrauchern, die ich mittlerweile zum Übelsten
zähle, was dieser Planet imstande ist,
hervorzubringen. Allein schon im dichten Verkehr
vor dem Hauptbahnhof beim Warten auf die Straßenbahn
das Zehnfache von dem einatmen, was ich ihnen
zufügen könnte, wenn ich auf Kettenrauchen
umsteigen würde, aber dann die große Welle
starten, wenn nebenan geraucht wird. Ist wohl
einmalig, dass eine Gruppe eine andere dermaßen
in eine Ecke stellen darf, nur weil sie sich vom
Geruch gestört fühlt. Das ist gelebte
Demokratie! Und da ich eben keine Lust habe, mir
von diesen Herrschaften etwas predigen zu
lassen, beherrsche ich mich denn auch auf der
Tribüne. Ist eh nur für die WM. Bei normalen
Bundesligaspielen sieht man diese Herrschaften
sowieso nicht, geschweige denn, dass sie ihren
Mund aufbekommen würden.
Die
zweite Halbzeit ist grad mal fünf Minuten alt,
da geht es rund. Zunächst wird ein Togolese des
Feldes verwiesen, gelb/rot nach wiederholtem
Foulspiel, völlig zu Recht. Den anschließenden
Freistoß hauen die Koreaner aus ca. 18 Meter
zum Ausgleich in die Maschen, klarer
Torwartfehler, der Ball kommt hoch, aber
ziemlich genau auf Mann, der Keeper reißt zu früh
die Arme hoch und nimmt sie daher grad wieder
runter, als der Ball über ihm im Netz einschlägt.
Ca. zwei Minuten lang habe ich den Eindruck,
dass nunmehr das Stadion akustisch abgerissen
wird, Jubel, Kreischen, Trommelschläge, Gesänge,
und alles geht von vorn los, sobald auf dem
Videowürfel drei Wiederholungen des Treffers
gezeigt werden. Korea kocht!
Zunächst
haben sie Zeit, sich wieder abzukühlen, denn
ihrer Mannschaft fällt weiterhin nichts ein,
Togo kontert mit zehn Mann gar nicht mal
unflott, aber die Abschlussschwäche lässt
nicht nur den Otto auf der Bank verzweifelt den
Kopf schütteln. Überall schießen sie hin, nur
nicht aufs Tor. Und so kommt es, wie es kommen
muss, ein einziger Gedankenblitz entscheidet das
Spiel, ein schnelles Anspiel auf Jung Hwan Ahn
am Strafraum, und der Spieler, der noch beim MSV
Duisburg unter Vertrag steht, handelt endlich
mal fix, zieht ab, drin. Sah ähnlich aus wie
das erste Tor, auch ähnlich haltbar. Dies ist
aber auch die Entscheidung, denn Togo ist
erkennbar platt, da läuft nichts mehr. Die
Koreaner ziehen sich dann noch den Unmut der
eher neutralen Zuschauer zu, weil sie den Sieg
in den letzten zehn Minuten mit Ballgeschiebe
und Rückpässen über die Zeit schaukeln, was
sie auch deshalb machen können, weil niemand
mehr angreift, Togo kann nicht mehr. Okay, sieht
nicht schön aus, aber man muss Verständnis für
Südkorea haben, es war schwerer als erwartet,
und wenn man jetzt noch losstürmt und sich
gegen zehn Mann einen Konter zum 2:2 einfängt,
sind sie die Deppen der Nation. Also gähnen sie
den Sieg nach Hause, was ihren Fans nach dem
Schlusspfiff natürlich herzlich egal ist.
Für
den Rückweg beschließe ich, die S-Bahn
auszuprobieren. Dies beinhaltet zunächst einen
etwas längeren Fußmarsch zur Station,
zwischendurch kommen wir an einem Trainingsplatz
vorbei, auf dem ein Hubschrauber steht,
flankiert von massig Bundespolizei. An den Zäunen
drücken sich Zuschauer die Nasen platt. Aha,
des Kaisers Gefährt, der muss ja gleich weiter
zum nächsten Spiel. Der Mann, der 48 WM-Spiele
besuchen will, und im Gegensatz zu uns dafür
sogar noch bezahlt wird, hat sich ein schweißtreibendes
Programm vorgenommen. Und alles ohne Ticket!
Schließlich bügelte er im letzten Jahr noch
die Klagen, es stünden zu wenig Tickets für
Fans zur Verfügung, locker mit den Worten ab:
„Ich habe auch keine Tickets, ich werde mich
auch irgendwo dazwischen quetschen müssen!“
Jo mei, dafür hat er uns schließlich auch die
WM gebracht, hat alle Teilnehmerstaaten bereist
und wahrscheinlich jedem erzählt, wie toll es
sei, dass ausgerechnet sie dabei wären, und überhaupt,
der Franz ist der Allergrößte, da kann doch
mal ein paar Fans verarschen! Wer angeblich
etwas leistet, darf sich auch etwas leisten. Ist
halt so in diesem Land.
Vorbei
an Franzls Hubschrauber geht es weiter durch
eine Wohnsiedlung, nachdem übrigens der Anfang
einer Straße passiert wird, die
„Otto-Fleck-Schneise“ heißt. Meines Wissens
hat hier der DFB seine Zentrale, also wenn ihr
den Herren mal persönlich etwas sagen wollt –
vom Stadion zu Fuß zur S-Bahn, und dann links.
In der Wohnsiedlung ist niemand von den
Bewohnern zu sehen, mit Ausnahme der beiden, die
hinter ihren Fenstern stehen und den Aufmarsch
der Fans mit einer Videokamera filmen.
Wahrscheinlich damit man direkt Beweismaterial
hat, sollte einer in den Vorgarten pinkeln.
Schließlich wird die S-Bahn erreicht, auf Gleis
6 soll die Bahn zum Hauptbahnhof einlaufen. Kaum
angekommen, stelle ich verblüfft fest, dass man
von liebgewonnen Gewohnheiten auch nicht lassen
kann, wenn die Welt zu Gast ist: auf der
elektronischen Anzeige wird der Zug zwar angekündigt,
darüber läuft jedoch eine Schrift, die besagt,
dass die Bahn heute ausnahmsweise auf Gleis 5
ankommen wird. Keine Durchsage! Ich verzichte
darauf, dies jetzt den Hunderten Koreanern zu
erklären, die sich am Gleis versammelt haben,
sondern wende mich flink um und wechsle den
Bahnsteig. Und deshalb bekomme ich die Bahn auch
noch, zusammen mit nur ca. 300 anderen. Also in
meinem Waggon, meine ich. Die Bahn ist gerammelt
voll, man könnte die Leute auch noch in der Gepäckablage
unterbringen. Es ist übrigens wieder keine
„Sonderbahn“, man fährt halt nur nach Plan.
Die S-Bahn hält in Niederrad und rollt dann
langsam, ganz langsam weiter – kurz vor dem
Frankfurter Hbf ist Feierabend. Wir stehen. Und
stehen. Und stehen. In der prallen Sonne, mit
rappelvollen Waggons. Den ersten wird schon
schlecht, da ertönt die Durchsage. Aha, die
weltberühmte „Störung im Betriebsablauf“.
Auch der böse Spruch „Wir bitten um ein wenig
Geduld.“ fällt. Dieses „ein wenig“ wird
jetzt gnadenlos ausgereizt. Zwischendurch blökt
die Lautsprecherstimme immer mal wieder in äußerst
unfreundlichem Ton, man solle gefälligst die Türen
geschlossen halten, ansonsten könne es nicht
weitergehen. Da ist etwas dran, aber es geht ja
auch mit geschlossenen Türen nicht weiter. Und
die Fenster in der Bahn lassen sich nicht öffnen.
Die Temperatur steigt immer weiter, zwei
englische Fans fragen verblüfft, ob man hier
immer so behandelt wird, es kann nur noch eine
Frage der Zeit sein, wann die erste Person umfällt,
und für diesen Fall haben einige Mitleidende
schon lautstark angekündigt, die Scheiben
einzuschlagen, um wenigstens etwas Frischluft
hereinzulassen, kurzum: die Welt zu Gast bei der
Bahn (denn die hat die Zufahrt zum Hbf gesperrt)
– business as usual. Als es langsam wirklich
kritisch zu werden droht, dürfen wir endlich
einrollen. Wir haben 55 Minuten anstelle der im
Fahrplan versprochenen sechs benötigt. Macht ja
nix, schließlich kann ich auf dem übervollen
Bahnsteig (denn auf dem Nachbargleis läuft
gleichzeitig auch eine Bahn mit zufriedenen
Kunden ein) mein Repertoire an internationalen
Schimpfworten beträchtlich erweitern.
Auch
die weitere Organisation lässt mich, gelinde
gesagt, die Stirn runzeln. Ich möchte nunmehr
zum Fan-Fest ans Main-Ufer gelangen. Also gehe
ich ein Stockwerk tiefer zu den U-Bahn-Gleisen.
Dort hängt auch ein Schild, das verspricht:
„Zur MainArea alle Linien der Gleise 101 und
102!“ Das ist doch mal eine Auskunft. Ich
bekomme auf einem der Gleise auch sofort die nächste
Bahn – leider ist nirgendwo vermerkt, wo man
denn bitte aussteigen müsste. Auch gibt es
keine dementsprechenden Durchsagen. Also laufe
ich einfach mal ein paar Trikots hinterher, die
an der Hauptwache aussteigen, in der Hoffnung,
dass die es wohl wissen werden. Tun sie aber
nicht. Fast glücklich bin ich, als ich an der
Hauptstraße einen Orientierungsplan sehe. Aber
nur fast. Der Plan ist wohl von besonders rachsüchtigen
Frankfurtern ersonnen worden, die es den ganzen
Touristen mal ordentlich zeigen wollen. Zwar ist
der eigene Standort schön mit einem roten Punkt
markiert, das nützt aber nichts, weil man nicht
erkennen kann, in welche Richtung man gehen
muss, zumal rund um den Plan die Straßenschilder
zur Orientierung, ähm, rar gesät sind. Endgültig
gebe ich auf, als ich bemerke, dass die
Hauptstraße vor dem Plan auf selbigem gar nicht
eingezeichnet ist. Na gut, bin ich halt zu blöd
dafür. Immerhin weiß ich, dass der Eingang zur
Fan-Meile in der Nähe des Römers zu finden
ist. Und den wiederum anzusteuern, ist kein
Problem. Einfach rot-weiß folgen.
Ja,
der Platz am Römer, auf dem die Deutschen am
10.07. nur zu gerne Klinsis Kameraden als neue
Weltmeister begrüßen wollen, ist fest in
koreanischer Hand. Dasselbe Bild wie mittags vor
dem Eingang zum Stadion: eine koreanische
Trachtengruppe trommelt und trötet, was die
Instrumente hergeben, und alle rocken mit.
Frankfurt ist rot-weiß! Ein tolles Bild.
Durch
eine Gasse am Römer gelangt man dann auch zum
Main-Ufer und zum Eingang der Fan-Meile. Hier
ist die Großbild-Leinwand der Star, man hat die
Apparatur einfach auf dem Main verankert, das
sieht klasse aus, und hat den Vorteil, dass man
die Fan-Meile an beiden Ufern gestalten kann.
Dies ist auch dringend nötig, weil der Platz zu
beiden Seiten des Ufers natürlich in der Breite
begrenzt ist, da unmittelbar ans Ufer Straßen
anschließen. Man hat das Fan-Fest hier also
beiderseits des Mains in die Länge gezogen und
zwischen zwei Brücken verteilt. Am Eingang gibt
es zunächst keine Kontrollen, jedoch bilden
sich im Bereich des Zugangs zum Public Viewing
lange Schlangen, da auch hier Taschen- und
Personenkontrollen durchgeführt werden. Die
Tribünen sind schon gut gefüllt, ich suche mir
ein Plätzchen im Schatten und schaue ein wenig
Frankreich-Schweiz. Dies entpuppt sich jedoch
als etwas langweilig mit der Zeit. Auch
vermeldet die F&T-Volontärin per SMS, dass
sie das Spiel Brasilien-Kroatien in einer
Eintracht-Fan-Kneipe in Bornheim zu schauen
gedenkt. Also wieder zurück über den Römer
zur Straßenbahnhaltestelle. Hier bekommt man
auch gleich Kultur geboten, die Straßenbahnlinie
12, die vom Hbf nach Bornheim führen soll, fällt
nämlich ohne Angabe von Gründen aus, sodass
ich 30 Minuten Zeit habe, nicht nur den Römer
zu bestaunen, sondern auch die Paulskirche auf
der anderen Straßenseite, immerhin der Ort, an
dem die erste deutsche Verfassung 1848 das Licht
der Welt erblickte. Auch wenn dies eher einen
Totgeburt war, historisch bleibt historisch.
Zwischendurch erscheint immer mal wieder die
Linie 11 und spuckt noch mehr Koreaner aus, die
auf den Römer eilen, keine Ahnung, wo die alle
herkommen. Es können auch immer mehr
Schachbrett-Trikots der Kroaten gesichtet
werden, aber das macht farblich keinen
Unterschied, die sind ja auch rot-weiß.
Nachdem
sich dann doch irgendwann die Linie 12 erbarmt,
zu erscheinen, fahre ich bis Rothschildallee und
verbringe noch einige nette Stunden in
angenehmer Begleitung in einem Frankfurter
Biergarten. Als sich Brasilien endlich zum 1:0
gegen Kroatien gemogelt hat, ist es Zeit
aufzubrechen. Die Straßenbahn bringt mich pünktlich
zum Hbf, was nicht selbstverständlich ist, denn
rund um den Römer ist auf den Straßen die Hölle
los, überall Kroaten, die die gute Leistung
ihres Teams feiern und ganze Autos mit riesigen
Schachbrett-Bannern eindecken, dazwischen immer
noch Koreaner, von denen wohl keiner heute nach
Hause gehen wird. Zum Glück verfügt die Straßenbahn
hier über ein eigenes Gleisbett und muss nicht
auf derselben Straße wie die Autos fahren, das
könnte dann wirklich noch knapp werden. Aber
alles geht gut, und ich bin pünktlich am
Bahnhof.
Mein
Zug fährt um 0.03 Uhr gen Heimat. Er kommt
schon um zwanzig vor zwölf an, denn der Kenner
weiß, Frankfurt Hbf ist ein Sackbahnhof, da
muss die Lok vorn ab- und hinten eine neue
wieder angekoppelt werden. Anscheinend beeilen
sich die Jungs mit dieser Arbeit nicht
sonderlich, denn wir fahren mit zehn Minuten
Verspätung los. Begründung logischerweise:
keine. Um kurz vor eins laufen wir in Mainz ein.
Hier ist mal wirklich der Bär los, ca. 3 Leute
auf dem Bahnsteig. Das ist der Bahn wohl zu
langweilig, sie möchte auch die Rückfahrt zu
einem bleibenden Erlebnis machen. Prompt wird
verkündet, dass der Zug hier einige Minuten
stehen bleiben wird, da man noch auf einen ICE
aus Stuttgart wartet, der Fußball-Fans vom
Spiel Frankreich-Schweiz an Bord hat. Na großartig!
Wir warten 20 Minuten, bis der ICE auf dem
Nachbargleis eintrudelt. Da ich einen
hervorragenden Ausblick habe, zähle ich mal
mit: es sind genau sieben Leute, die aus dem ICE
in unseren IC wechseln. Toll. Und fünf davon
sind noch nicht mal Fans, sondern haben wieder
diese riesigen Akkreditierungen um den Hals hängen,
also entweder Presse oder ganz wichtige Persönlichkeiten.
Für die lohnt es sich schon mal, einen ganzen
Zug anzuhalten! Und nachdem der ICE aus
Stuttgart natürlich vor uns den Bahnhof wieder
verlassen darf, geht es tatsächlich weiter. Die
Fahrt nach Bonn verläuft störungsfrei, um halb
drei nachts läuft der Zug ein – mit über 30
Minuten Verspätung. Die Bahn bringt einen halt
auch nachts, wenn überhaupt nichts los ist, auf
die Palme. Aber okay: ich hab bezahlt, ich will
was sehen – hier gilt es noch. Vielleicht
sollte ich dankbarer sein.
Alles
in allem jedoch ein toller Tag mit überwältigenden
Eindrücken. Die Stimmung war top, alles war
friedlich, es wurde eigentlich überall nur
gefeiert. Das Wetter hat auch mitgespielt, wenn
auch teilweise etwas zu gut, und sogar Tore gab
es zu sehen. Was will man mehr? Ein
funktionierendes Beförderungssystem? Aber
bitte, wir sind doch hier in Deutschland. Das
genügt als Erklärung, man kann sich zwar noch aufregen, wie es gerne tue, aber wundern
bestimmt nicht mehr.
Somit
durfte ich gespannt sein, wie es beim nächsten
Spiel werden würde. Denn da stand die Anreise
mit dem Auto auf dem Programm. Und dass man auch
hier keine Gnade erwarten kann, zeigte mir dann
der
Donnerstag,
15.06.2006: Ecuador – Costa Rica
Ein
Bekannter von mir hat sich in der Woche zuvor
eine Karte für dieses Spiel bei eBay
geschossen, für einen dreistelligen Betrag. Für
mich birgt dies den Vorteil, dass wir mit seinem
Wagen nach Hamburg reisen können. Der Nachteil
ist, dass dieser Spontankauf ein wenig spät
kommt, um meine Unterkunft noch kostengünstig
zu gestalten. Da ich meine Ticketzuteilung
bereits im März erhielt, hatte ich mich zu
diesem Zeitpunkt auch direkt um eine
Hotelunterkunft bemüht. Viel gab es eh nicht
mehr für den entsprechenden Zeitraum, ich fand
noch eine kleine Klitsche direkt am Bahnhof
Hamburg-Altona, natürlich zu
„Messepreisen“, die wären ja schön doof,
wenn nicht. Ich hätte auch ein kostenlose
Unterkunft bei meinem Dienstherrn antesten können,
allerdings befindet sich diese außerhalb
Hamburgs in Appen, was verkehrstechnisch etwas
ungünstig liegt, wenn man auf Bus und Bahn
angewiesen ist, daher sah ich von einer Anfrage
ab. Nun hätte der Wagen zur Verfügung
gestanden, und der Kollege hat sich natürlich
auch sofort in Appen einquartiert. Zu spät für
mich. Aber was soll’s – ist ja WM! Da tut
man so einiges.
Zum
Beispiel um 6.45 Uhr in Bonn loszufahren, mit
einem Wagen, auf dessen Heckscheibe unübersehbar
ein Geißbock prangt. Naja, ich muss ja nicht
die ganze Zeit draufgucken, und immerhin, es ist
die perfekte Tarnung, sollte ich unterwegs mal
Lust haben, die Sau rauszulassen. Also, ab
geht’s!
Es
haben mich verschiedentlich Leute sehr merkwürdig
angesehen, als ich die Abfahrtszeit ansprach.
Der Donnerstag ist in NRW ein Feiertag
(Fronleichnam), das Spiel ist erst um 15.00 Uhr,
warum dann in aller Herrgottsfrühe losfahren?
Nun, nach einiger Zeit wird uns eindrucksvoll
klar, dass das eher zu spät war. In NRW
Feiertag heißt – die Leute haben sich den
Freitag als Brückentag freigenommen und fahren
nunmehr mit ihren Wohnmobilen an die Nordsee.
Ja, es sind Deutsche, das schöne Klischee vom
autobahnverstopfenden Holländer mit Wohnwagen
ist an diesem Tag leider nicht haltbar. Und wage
noch einer, zu behaupten, der deutsche
Wohnmobilfahrer würde sich in irgendeiner Weise
von seinen holländischen Kollegen
unterscheiden, zum Beispiel, was das Fahren auf
gewissen Spuren betrifft. Hinzu kommt, dass
dieser Tag in Niedersachsen und Umgebung leider
kein Feiertag ist. Zur Karawane der Caravans auf
der linken Spur gesellt sich somit ein nicht
enden wollender Strom Lkw auf der rechten Seite
der Bahn. Das kann nicht lange gut gehen, und
nachdem wir erst durch permanenten Regen über
die A 3 und A 1 hochfahren, ist vor Bremen dann
auch Schluss: ein lustiger Stau, schlappe 12 km
lang. Tapfer fahren wir in Wildeshausen von der
Bahn und genießen die Landschaft. Nach einigen
Orientierungsschwierigkeiten erreichen wir
Harpstedt, von dort geht es über Land weiter,
bis wir in Bremen/Brinkum wieder auf die Bahn
fahren. Den Stau haben wir erfolgreich umgangen,
sind daher rechtzeitig für den nächsten wieder
an Deck. Nochmals mehrere Kilometer zwischen
Bremen und Hamburg. Vor dem Elbtunnel sollen es
dann „8 km stockend“ sein, aber wir haben so
lange im Stau gestanden, dass wir Hamburg erst
zur Mittagszeit erreichen, und da geht es
relativ flott weiter. Gegen ein Uhr parken wir
vor dem Bahnhof in Pinneberg, weil dies für den
Kollegen günstiger ist, um nach dem Spiel in
Appen einzuchecken. Wir entern die S 3 Richtung
Neugraben und stellen sofort fest, dass es sich
hierbei um die „S-Bahn der Herzen“ handelt.
Sie fährt tatsächlich sämtliche Stationen an,
die wir heute brauchen – Stellingen, für die
Arena, Altona, um zu meinem Hotel zu gelangen,
die Reeperbahn für das anschließende Fan-Fest,
ja sogar der Hauptbahnhof wäre noch mit auf dem
Plan , falls wir ihn brauchen würden. Fußballherz,
was willst du mehr?
Zunächst
rauschen wir an Stellingen vorbei, wo sich schon
eine stattliche Menschenmenge versammelt hat. In
Altona steigen wir aus und suchen das Hotel,
welches sich angeblich direkt am Bahnhof
befinden soll. Tut es auch, allerdings an der
falschen Seite, was uns einen kompletten
Rundgang um den Bahnhof einbringt. Schnell
checke ich ein und bringe meine Sachen aufs
Zimmer, natürlich Dachgeschoss, 5. Stock und
kein Aufzug, selbstverständlich steht die Luft
im Zimmer, es ist zwar bewölkt in Hamburg, aber
es regnet nicht, sondern ist eher drückend schwül.
Egal, wieder die fünf Stockwerke runter, und
schweißgebadet geht es zur S-Bahn der Herzen
zurück, Richtung Stellingen.
Als
wir dort ankommen, ist auch nicht weniger los
als zuvor. Der Vorplatz ist gerammelt voll mit
Leuten. Von hier aus kann man entweder mit dem
Bus Shuttle zur Arena fahren, oder zu Fuß
gehen. Wir entscheiden uns für den Spaziergang
durch den Volkspark, obwohl man hier auch noch
veräppelt wird: der Wegweiser am Bahnhof sagt
eindeutig „1300 Meter“, zwischendurch
erscheinen auf dem Weg jedoch Schilder, die zum
einen in Richtung Arena deuten, Angabe „1000
Meter“ als auch zurück zum S-Bahnhof, Angabe
„600 Meter“, was meines Wissens 1600 Meter
insgesamt ergibt. Naja, Deutschland, einig
PISA-Land, es ist ja auch nicht schlimm, es fällt
bloß auf.
Wir
erreichen die Arena nach Passieren des angeblich
nicht vorhandenen Schwarzmarktes um 14.00 Uhr.
Der Kollege hat eine Karte für die Haupttribüne,
ich für die Nordtribüne, beim HSV immer
Nordtribüne, selbst wenn Ecuador gegen Costa
Rica spielt. Die beiden Sektoren verfügen über
einen gemeinsamen Zugang noch vor dem Zugang zur
Arena, und hier staut sich alles. Gnadenlos
werden die Leute auf relativ engem Raum
zusammengepresst und je nach den Sektoren in
verschiedene Laufgitterwege zu den Ordner
geschleust. Das Tolle daran ist, wenn man die
Kontrollen passiert hat, hinter den Ordnern,
gehen alle auf demselben Weg weiter zum Eingang.
Hier wird eindeutig übertrieben. Die Ordner
konfiszieren alles, was größer ist als ein
Knirps-Regenschirm, die Durchsuchungen dauern
lange. Besonders freundlich sind sie auch nicht.
Mein Ordner weist mich beim Anblick meiner
Zigarettenpackung darauf hin, dass das Rauchen
im Stadion verboten ist. Nein, ist es nicht,
aber ich verzichte darauf, dies mit ihm
auszudiskutieren und gehe durch. In Frankfurt
habe ich zwei Minuten gebraucht, um
reinzukommen, hier waren es dreißig. Der
Kollege, der dem roten Sektor zugeteilt ist,
braucht noch mal eine Viertelstunde länger, in
seiner Schlange waren die Ordner wohl noch etwas
gründlicher. Nun schnell zum eigentlichen
Eingang geschritten und mit dem Ticket durchs
Drehkreuz gegangen – um halb drei bin ich in
der Arena. Das war leider alles etwas stressig,
es blieb keine Zeit zum Gucken. Zumal ich ja
wieder in den Oberrang muss. Hier wartet das nun
schon bekannte Verpflegungsangebot, mit einer
Erweiterung: da wir hier in Hamburg sind, gibt
es zum Glück auch Fischbrötchen. Da dies
einigen ausländischen Besuchern wohl nicht ganz
geheuer ist, erhasche ich tatsächlich noch ein
Krabbenbrötchen, was bei normalen Spieltagen um
diese Uhrzeit schon eher ein Kunststück ist.
Ich esse es am Eingang zum Block, um ein wenig
Sicht aufs Spielfeld zu haben. Das geht natürlich
nicht, weshalb mich eine Ordnerin anspricht, ich
möge mich doch bitte auf meinen Platz begeben.
Das ist allerdings hanebüchener Unsinn, da ich
noch eine gewisse Örtlichkeit aufsuchen muss.
Das würde bedeuten, ich soll erst meinen Platz
im Oberrang erklimmen, dort zu Ende essen, und
dann wieder runter steigen. Und zwar gleich zwei
Stockwerke. Denn eigentlich liebe ich die
AOL-Arena ja, mit einer Ausnahme: warum man es
bis heute nicht geschafft hat, auch im Oberrang
Toiletten einzubauen, werde ich nie verstehen.
Dafür muss man immer ein Stockwerk hinab
steigen. Also, dies alles nur, weil die Dame der
Meinung ist, mein Herumstehen gefährde die öffentliche
Ordnung im Stadion? Auch hier sei gesagt: man
kann es auch übertreiben.
Nachdem
ich alles getan habe, was man so vor dem Spiel
erledigt, und endlich auf meinem Platz sitze,
werden bereits die Nationalhymnen gespielt. Und
diesmal sogar die richtigen, Respekt! Das
Stadion ist sehr gut gefüllt, Ecuador ist
eindeutig in der Überzahl, sehr viel Gelb ist
zu sehen, ca. 12.000 Ecuadorianer sind im
Stadion. Costa Rica hat aber auch ungefähr
3.000 Leute dabei, die eine rote Kurve bilden.
Die Stimmung ist prächtig, die „Ticos“ aus
Costa Rica singen andauernd etwas, das sich
verdammt nach „Bielefeld, Bielefeld“ anhört,
aber das kann es nun wirklich nicht sein, zumal
der Kenner weiß: Bielefeld gibt’s ja gar
nicht. Die Südamerikaner hingegen singen ein
Lied, dessen Melodie mir aus finsteren
Kindertagen bekannt vorkommt: unzweifelhaft die
spanische Version von „Ich glaub, es geht
schon wieder los“, damals dargeboten von
Roland Kaiser. Ich hoffe nur, dass das ein
Zufall ist. Und wenn nicht, dann ist hoffentlich
der spanische Text intelligenter als das
deutsche Pendant.
Das
Spiel beginnt. Eigentlich bin ich für Costa
Rica. Die haben mir vor vier Jahren sehr gut
gefallen, als sie in ihrer Gruppe nur aufgrund
des schlechteren Torverhältnisses gegenüber
dem späteren WM-Dritten Türkei ausscheiden
mussten. Leider scheinen sie diesen Teilerfolg
in den vergangenen vier Jahren ausschließlich
gefeiert zu haben, ohne mal etwas Arbeit in Fußball
zu investieren, sie sind nämlich
grottenschlecht. Das ist teilweise wieder so
harmlos, dass die mich, auch wegen der roten
Farbe ihrer Fans, irgendwie an Fortuna erinnern.
Nicht, was das Spiel an sich betrifft, Fortuna
hat ja beileibe keine schlechte Saison gespielt,
sondern was die Spielklasse angeht. Ecuador ist
auch nicht besonders gut, gewinnt aber locker
mit 3:0, ein deutlicher Hinweis darauf, wie
schlecht Costa Rica sein muss. Wobei das erste
und dritte Tor der „Tri“, wie die
Nationalmannschaft Ecuadors genannt wird (nach
der dreifarbigen Landesflagge), schön
herausgespielt sind. Das zweite schenkt ihnen
der Torwart der „Ticos“, der sich einen Ball
aus sehr spitzem Winkel ins kurze Eck
einschenken lässt. Die Fans aus Costa Rica
haben denn auch die Nase voll und verweigern
beharrlich die Welle, die von deutschen Fans in
der Kurve neben mir immer wieder angezählt
wird. Die reagieren daraufhin mit „Ihr könnt
nach Hause fahr’n!“-Gesängen. Und in der
Tat, als der Schiri abpfeift, ist Costa Rica
ausgeschieden, und Ecuador steht im
Achtelfinale. Da Gelb die eindeutig dominierende
Farbe im Stadion ist, wird der Sieg entsprechend
lautstark gefeiert.
Beim
Abmarsch entscheide ich mich spontan, es doch
mal mit dem Bus Shuttle zu versuchen. Es geht
auch alles glatt, in noch nicht mal zehn Minuten
kommt man zum S-Bahnhof Stellingen zurück. Hier
muss ich leider etwas länger auf eine S-Bahn
warten, die auch in Altona hält, aber insgesamt
geht es wesentlich schneller als in Frankfurt.
Im
Hotelzimmer schaue ich mir dann in aller Ruhe
an, wie die Engländer mit viel Glück gegen
Trinidad & Tobago gewinnen, denn wenn der
Schiri das Zopfziehen von Crouch beim 1:0 sieht,
gibt er das Tor nicht, und ich glaube irgendwie
nicht, dass die Engländer noch ein reguläres
Tor erzielt hätten, dafür waren sie viel zu
schwach. Das erste Spiel nur durch ein Eigentor
gewonnen, beim zweiten durch einen regelwidrigen
Treffer auf die Siegerstraße gelangt, beide
Male schlecht gekickt – ja, zum Kuckuck, so
spielen Weltmeister! Wer aus solchen Partien mit
sechs Punkten wieder rauskommt, der hat das Zeug
für mehr. Effektivität ist Trumpf!
Nach
dem Spiel wird wieder die S 3 bestiegen, das
Fan-Fest an der Reeperbahn wartet. Auf dem
Heiligengeistfeld, unmittelbar vor dem Stadion
Millerntor des FC St. Pauli, dort, wo sonst der
Hamburger Dom stattfindet, hat man sich
eingerichtet. Und im Gegensatz zu Frankfurt hat
man hier auch richtig viel Platz, um sich zu präsentieren.
Und der wird gut genutzt. Eine tolle Idee ist
der „Boulevard der Nationen“, an dem sich
alle 32 teilnehmenden Länder mit einem eigenen
Stand präsentieren. Das macht richtig Spaß,
sich mal durch landestypische Getränke oder
Speisen zu probieren. Da nimmt man die kleinen
Skurrilitäten auch gerne hin. So werden am
Stand des Iran ausgerechnet Caipirinha und
Smirnoff Wodka offeriert – wenn das der Präsident
wüsste. Und auch der Gastgeberstand präsentiert
sich landestypisch – es gibt Bier, Bratwurst,
Brezeln und einen Schwarzafrikaner als Bedienung
hinterm Tresen. Typisch deutsch halt.
Einen
Public Viewing-Bereich mit Tribünen gibt es natürlich
auch, neben der Großbildleinwand ist noch eine
Bühne aufgebaut, dort gibt es musikalische
Auftritte oder einfach nur einen DJ, der die
Meile rockt. All das lädt zum Verweilen ein,
und deshalb schauen wir uns noch die Partie
Schweden-Paraguay an. Es sind einige Schweden
auf der Tribüne, die unverdrossen alle paar
Minuten zur La Olà aufrufen. Schlussendlich
behalten sie mit ihrer Feierlaune Recht, denn
Freddie Ljungberg erzielt in der 89. Minute den
Siegtreffer für sein Land. Nun ist natürlich
schwedische Party auf der Meile angesagt, die
harmonieren farbtechnisch auch gut mit den
Hunderten von Ecuadorianern, die immer noch
feiern. Zusammenfassend kann man sagen, dass
auch die Fan-Meile in Hamburg unbedingt einen
Besuch wert ist. Man hat sich wirklich etwas
einfallen lassen, die Stimmung ist toll und
absolut friedlich. Halt einfach eine große
Party. Es ist eigentlich schade, dass wir schon
wieder gehen müssen.
Zum
Schluss kaufe ich doch noch ein Souvenir am
offiziellen FIFA-Merchandise-Stand. Nämlich ein
Costa Rica-Shirt. Die Jungs waren so schlecht,
die haben Unterstützung verdient. Ihre Fans
zeigten zumindest am Abend, wie man trotz des
Ausscheidens aus dem Wettbewerb noch ordentlich
feiern kann.
Die
Nacht im Hotel wird, wie nicht anders zu
erwarten, etwas wärmer, ganz oben unter dem
Dach. Am nächsten Morgen geht es mit der S-Bahn
wieder nach Pinneberg und von dort mit dem Auto
heimwärts. Wir schaffen es auf der A 1 bis
Hagen, dann ist Schicht. Kleiner Unfall auf der
Strecke, die Polizei sperrt die Bahn komplett,
um ordentlich aufräumen zu können. Immerhin
bringt mich das in den Genuss, mich mitten auf
der Autobahn im Freien sonnen zu können, es
bewegt sich ja nichts mehr. Das Ganze dauert gut
anderthalb Stunden, dann geht es weiter. Und
nachmittags um vier bin ich auch wieder in Bonn.
Zusammenfassend
kann man sagen: ein tolles Erlebnis, egal, ob in
Frankfurt oder in Hamburg. Wenn man denn erst
mal da ist. Die Welt zu Gast bei Freunden –
wenn man irgendwann mal ankommt. Und berichten
kann man auch erst, wenn man es wieder nach
Hause schafft. Beides scheint in diesem Land
nicht so einfach zu sein, egal, welchen Weg man
wählt.
Ich
persönlich finde die WM bislang prima
(Stand:18.06.06). Man sollte sie vielleicht
nicht ganz so Ernst nehmen, dann wäre vieles
leichter. Wenn man sieht, wie die Leute aus
anderen Staaten feiern, auch wenn ihr Team grad
ausgeschieden ist, dann relativiert sich vieles.
Was wird bei uns los sein, wenn wir mal 0:3
verlieren sollten? Man wagt es sich ja gar nicht
vorzustellen...Hier wird soviel geschwätzt und
diskutiert, über Dinge, die eigentlich
niemanden interessieren, es ist lächerlich. Zum
Beispiel die Frage nach den Fahnen. Ich persönlich
find’s ja reichlich albern, sich jetzt Fahnen
auf den Balkon zu hängen oder ans Auto zu
stecken. Ich
kann darüber prima lachen. Da man in
diesem Land aber nichts unbeobachtet und
unkommentiert machen kann, gelte ich damit
wahrscheinlich schon wieder als schlechter
Patriot. Als jemand, der sich nicht traut, zu
seinem Vaterland zu halten, jemand, der zum
„Deutschland, Deutschland!“ rufen in den
Keller geht, um nicht dumm aufzufallen. Das ist
dermaßen lächerlich, dass es fast schon wieder
gut ist. Andererseits: wer sich die Fähnchen
ans Auto stecken will, der soll’s doch machen.
Kann er aber auch nicht ungestraft tun, denn so
etwas hat hierzulande eine riesige Diskussion
zur Folge, ob Deutschland endlich wieder
patriotischer wird. Mit so was sind ja gerade
Politiker schnell an der Hand, besonders, wenn
es ein Sommerloch zu füllen gibt. Da kann man
sich endlich mal wieder richtig profilieren. Und
so stammt auch einer meiner Lieblingssätze
bisher tatsächlich aus der Tagesschau:
„Experten sprechen in diesem Zusammenhang von
einem ‚positiven Patriotismus’!“ Aha? Wer
sagt das denn? Wer sind denn diese
„Experten“? Namentlich genannt wird keiner.
Aber Hauptsache, ich befinde mich anscheinend in
einem Land, das für alles hochqualifiziertes
Personal hat, sogar „Experten für positiven
Patriotismus“. Ganz toll. Falls wir jetzt zufällig
noch Weltmeister werden, sind wir dann auch
wieder wer? Bestimmt.
Schön
ist, wenn Deutschland dann wenigstens
demonstriert, wie toll es doch ist. Franzl schwärmte
schon im Interview, Deutschland sei wunderschön
– vom Hubschrauber aus gesehen. Der weiß wohl
schon, warum. Auch nicht zu verachten unsere
Ballgötter. PISA-Weltmeister werden wir mit
dieser Truppe auch nicht mehr. Die verfügen nur
noch über rhetorische Standardfloskeln, die zu
jeder Tages- und Nachtzeit abgespult werden können,
auch wenn es mal haarscharf an der Realität
vorbei geht. So sagte Bastian Schweinsteiger
nach dem 1:0 gegen Polen auf die Frage, woher
die deutsche Mannschaft diese Kraft und diese
Konzentration auch in den letzten Minuten
genommen habe: „Wir wissen halt, dass ein
Spiel 90 Minuten dauert!“ In dem Spiel, das
soeben zu Ende gegangen war, war das einzige Tor
zwar in der 92. Minute gefallen, aber egal, es hört
eh niemand hin. Denn wenn ich „dieser
Truppe“ unterstes PISA-Niveau attestiere, dann
meine ich damit genauso die sogenannten Reporter
und Berufs-Fragesteller. Was die manchmal zum
Besten geben, ist auch nicht auszuhalten. So
fragte ein Reporter nach dem Polen-Spiel Lukas
Podolski, welcher Gegner ihm für das
Achtelfinale lieber wäre. Die Antwort ist natürlich
auch nur eine Phrase, aber eine, die
ausnahmsweise am richtigen Platz war: „Ist uns
egal, wir nehmen’s, wie es kommt!“ Damit wäre
eigentlich alles gesagt, aber der Reporter hatte
wohl noch zehn Sekunden Sendezeit und fragte
tatsächlich nach: „Warum?“ Zu so etwas fällt
mir auch nicht mehr viel ein. Da spielt man
gegen Polen, und sämtliche Medien haben nix
anderes zu tun, als tagelang herauszukramen,
dass die deutschen Stürmer Klose und Podolski
in Polen geboren sind. Na und – interessiert
das irgendjemanden? Die spielen für Deutschland
und wollen auch für Deutschland ihre Tore schießen,
fertig, aus! Das durften sie dann aber tagelang
wirklich jedem Reporter auch noch des letzten Käseblatts
erklären, es hätte wirklich nur noch die
Eidesstattliche Versicherung gefehlt. Wozu? Weil
die Schlagzeilen kommen müssen, seien sie auch
noch so unwichtig, weil die Sendezeit voll
gepackt werden muss, egal, mit was für einem
Schrott. Dann sagt der Beckmann noch im Spiel
Brasilien-Kroatien einen echten Hammersatz, nämlich
„Da, haben Sie das gesehen? – ach, nein, das
konnten Sie ja gar nicht sehen!“, und die ARD
hat extra für das Polen-Spiel noch die Hebamme
von Michael Ballack in seinem Geburtsort Görlitz
ausgegraben. Da weiß ich dann endgültig, was
ich von der Berichterstattung zur WM zu halten
habe. Alles aufgeblasene Wichtigtuer, die auch
mal im Rampenlicht stehen wollen, obwohl es doch
eigentlich nur um Fußball geht.
Ich
werde die WM weiter genießen, werde mir auch
nicht zu schade sein, zu irgendwelchen Teams zu
halten, die mir einfach nur sympathisch sind,
warum auch nicht, mein Verein spielt ja schließlich
nicht mit. Und wenn mein Land Weltmeister wird?
Dann freue ich mich auch. Wenn nicht...nun, ich
nehme an, auch am Tag danach wird die Sonne
wieder aufgehen, und das Leben ist auch nicht
automatisch vorbei. Und wenn man dann noch drei
Wochen jeder Zeitung und jeder
Nachberichterstattung im Fernsehen aus dem Weg
geht, dann ist auch bald alles wieder normal.
Zum Glück. Die ausgelassene Stimmung an den
Spielorten werde ich vermissen, aber sonst auch
nichts.
Ich
schätze mal, dann wird sich auch das
megawichtige Thema mit den Fähnchen erledigt
haben. Wenn das Turnier für Deutschland beendet
ist, egal wann, werden 90% davon wieder
verschwunden sein. Und ihre Besitzer werden dann
immer noch so ‚positive Patrioten’ sein wie
vorher. Es war halt nur mal vier Wochen
Karneval.
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